RSS

Die letzten Glühwürmchen – Eindringliches Antikriegs-Plädoyer

16 Feb

Gluehwuermchen-Cover

Hotaru no haka

Gastrezension von Matthias Holm

Anime-Kriegsdrama // Ein Absatz über mein Schulleben: Als ich mit 16 in die Oberstufe kam, gab es den Filmclub. Dort zeigte ein Lehrer Filme, die nicht unbedingt im Free-TV laufen. Diesen Lehrer fragte ich, ob er für mich ein paar Anime-Empfehlungen hätte. So kam ich zu „Jin-Roh“, „Ghost in the Shell“ und – „Die letzten Glühwürmchen“.

Gluehwuermchen-25

Seita (l.) muss Setsuko in Sicherheit bringen

Der Film fängt im Grunde mit seinem Ende an: Der 14-jährige Seita erzählt, dass er am 21. September 1945 gestorben ist. Im Augenblick seines Todes erlebt sein Geist noch einmal die Ereignisse nach, die zum Tode führten.

Zwei Kinder allein in den Kriegswirren

Bei einem Brandbombenanschlag auf sein japanisches Heimatdorf schafft es Seita nur knapp, mit seiner vier Jahre alten Schwester Setsuko den Flammen zu entkommen. Doch die beiden verlieren bei dem Angriff ihre Mutter und müssen zu ihrer Tante ziehen. Diese ist nicht glücklich darüber, dass Seita keinen Beitrag zum Krieg leistet und sich lieber um seine Schwester kümmert. Nach einem Streit ziehen die beiden Kinder in eine Höhle – und müssen fortan gegen Krankheit und Hunger kämpfen.

Jeder, der sich „Die letzten Glühwürmchen“ angeschaut hat, erinnert sich vermutlich an die berühmte letzte Viertelstunde. In seinem Schlussakt mindestens so herzzerreißend wie Darren Aronofskys „Requiem for a Dream“, war dies der erste Film, bei dem ich tatsächlich geweint habe – selbst bei der Zweitsichtung hatte ich wieder Tränen in den Augen.

Krieg kennt kein Happy End

Bereits vom Anfang an weiß der Zuschauer, dass die Geschichte um Seita und Setsuko kein gutes Ende nehmen kann. Trotzdem ist es Isao Takahata hoch anzurechnen, dass der Film nie langweilig wird. Sein Drehbuch lässt die beiden Kinder den Schrecken des Krieges am eigenen Leib erfahren, ohne auch nur eine Schlachtenszene zu zeigen. Dabei passiert nicht viel, man sieht die beiden häufig bei alltäglichen Dingen wie einem Ausflug zum Strand. Doch der Tod lauert hinter jeder Ecke – und verhindert, dass Seita und Setsuko eine unbeschwerte Kindheit haben. Umso erstaunlicher, dass dieser Film in seinem Erscheinungsjahr als Double Feature in den japanischen Kinos lief – zusammen mit Hayao Miyazakis „Mein Nachbar Totoro“, einem der wohl besten Kinderfilme.

Gluehwuermchen-18

Bonbons gibt es keine mehr

Während der kurzen Laufzeit von ungefähr 88 Minuten brennen sich viele Bilder in das Gedächtnis des Zuschauers: Seita, wie er vor seiner komplett verbundenen und verstümmelten Mutter steht; der kurze Schnitt von sterbenden Glühwürmchen zu Leichenverbrennungen; oder auch die bereits angesprochenen letzten 15 Minuten, die hier natürlich nicht gespoilert werden sollen. Der Film ist mit seinem Zeichenstil sogar etwas für Leute, die mit dem herkömmlichen Anime-Stil nichts anfangen können, denn Takahata benutzt eine sehr natürliche Zeichentechnik.

Viel mehr möchte ich auch nicht sagen, denn „Die letzten Glühwürmchen“ ist für mich ein perfekter Antikriegsfilm. Ohne den Krieg selbst zu zeigen, bekommt der Zuschauer hautnah zu spüren, welche Folgen solche Konflikte für Zivilisten haben. Wer also fernab von Hexen in Badehäusern („Chihiros Reise ins Zauberland“) oder futuristischen Motorrad-Gangs („Akira“) einen realistischen, erwachsenen Anime sucht, dem sei „Die letzten Glühwürmchen“ wärmstens empfohlen. Der Film ist bereits seit langer Zeit als DVD erhältlich, seit September 2013 auch als Blu-ray. Eine Blu-ray Deluxe Edition ist geplant, ihr Erscheinen verzögert sich leider etwas.

Veröffentlichung: 27. September 2013 als Blu-ray, 26. November 2007 als Doppel-DVD Deluxe Edition, 27. August 2002 als DVD

Länge: 88 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Hotaru no haka
JAP 1988
Regie: Isao Takahata
Drehbuch: Isao Takahata, nach einem Roman von Akiyuki Nosaka
Zusatzmaterial: Interview mit Isao Takahata, Making-of, Gespräch mit dem Filmstab
Vertrieb: AV Visionen GmbH / KAZÉ

Copyright 2014 by Matthias Holm
Szenenbilder & Packshot: © 2014 AV Visionen GmbH / KAZÉ

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: