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Apocalypse Now – Die wahnwitzige Mutter aller Kriegsfilme

18 Feb

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Apocalypse Now

I love the smell of napalm in the morning. Lieutenant Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall)

Kriegsdrama // Zuerst sehen wir einen Dschungel, der in einem Flammenmeer untergeht, während Jim Morrison „The End“ anstimmt. Dann sehen wir Captain Benjamin L. Willard (Martin Sheen) in einem versifften Hotelzimmer in Saigon im Alkoholrausch auf dem Bett liegen. Die Kamera verharrt über ihm, Überblendungen lassen das Bild diffus und ungenau werden, Regisseur Francis Ford Coppola legt Bilder übereinander, montiert den Vietnamkrieg und den Menschen zu einer schrecklichen Einheit zusammen. Willard zerschlägt einen Spiegel, lässt seiner Wut und Ohnmacht freien Lauf. Schon am Anfang des Films ist er gebrochen.

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Offensive am Strand

Als Ein-Mann-Killerkommando in den Dschungel

Willard bekommt den Auftrag, den außer Kontrolle geratenen Colonel Walter E. Kurtz (Marlon Brando) auszuschalten, der sich tief im Dschungel ein mysteriöses kleines Regime errichtet hat – in Kambodscha, fern der vietnamesischen Kampfschauplätze. Es ist kein Krieg mehr gegen einen Feind, es ist nur noch der Krieg gegen sich selbst, gegen die eigenen seelischen Wunden, den Coppola hier bebildert.

Francis Ford Coppola erzählt seinen Film in Fragmenten. Kohärenz gesteht er dem Krieg nicht zu, jede Einstellung, jeder Abschnitt und jede Szene stehen für sich – ganz im Sinne von Bertolt Brechts epischem Theater. Zusammengehalten werden diese Momentaufnahmen des Schreckens von dem Fluss, also dem Motiv der Reise, das den Film einklammert. Jede Station auf der Reise ist eine Geschichte ganz für sich allein, jede Station ist eine Facette, die zusammengesetzt das Mosaik des Krieges ergeben, das Mosaik eines Albtraums.

Kurtz als Personifizierung des Krieges

In „True Detective“ sagt Matthew McConaughey: „At the end of every nightmare, there is a monster“. Das Monster am Ende des „Apocalypse Now“-Albtraums ist Colonel Kurtz. Er verkörpert die Schrecken des Krieges, er ist ein abstraktes Objekt – eigentlich völlig entmenschlicht –, auf das Coppola all den Wahnsinn und all das Grauen projiziert. Daher ist Kurtz für den Zuschauer auch beinahe den gesamten Film über abstrakt, er wird nur passiv charakterisiert, er wird zu einer Vorstellung in den Köpfen der Soldaten und auch in den Köpfen der Zuschauer, zu einer Vorstellung des Krieges an sich.

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Kilgore (M.) kann nichts etwas anhaben

Von Station zu Station wird die Reise immer wahnsinniger. Gegen Ende finden wir uns in einem Schützengraben wieder, bei Soldaten, die nicht wissen, wo ihr Befehlshaber ist, ob er lebt oder bereits tot ist, die nicht einmal mehr auf den Gegner schießen, die aufgegeben haben. In der Dauerkonfrontation vegetieren sie nur noch vor sich hin, ohne Ziel, ohne Hoffnung, ohne Grund.

Herz der Finsternis

Das Ende in Kurtz’ Dschungelkönigreich ist dann die Explosion des Wahnsinns, ein Ort im Herzen des Krieges, an dem nichts mehr Sinn ergibt – in der Tat im „Herz der Finsternis“, wie es der Titel von Joseph Conrads Romanvorlage schon sagt, auch wenn die auf dem Kongo spielt. So psychedelisch, hypnotisch und unsinnig die Momente in der Festung auch sein mögen, es sind Momente höchster Klarheit und Wahrheit. Das Bild vom Trip ins Herz der Finsternis ist zum geflügelten Wort geworden, gern verwendet, auch schon bei „Die Nacht der lebenden Texte“. „Apocalypse Now“ jedoch ist die wahre Reise ins Herz der Finsternis, nicht nur wegen der Vorlage.

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Die Playmates kommen!

Satte 46 Minuten länger ist die sogenannte Redux-Schnittfassung, die am 11. Mai 2001 beim Filmfestival von Cannes Premiere feierte. Es ist der von Francis Ford Coppola abgesegnete Director’s Cut. Zu den exakten Unterschieden zwischen der ursprünglichen Kinofassung und dem Redux-Schnitt sei auf die Kollegen von Schnittberichte verwiesen.

Sogar Colonel Kilgore zeigt menschliche Züge

Francis Ford Coppola hat die neue Schnittfassung nicht nur genutzt, um bislang nicht verwendetes Material einzufügen, sein Augenmerk galt auch der Korrektur von Anschlussfehlern und Stimmungsbrüchen. Die auffälligsten Neuerungen der Redux-Fassung sind rund um die Person von Lieutenant Colonel Bill Kilgore (Robert Duvall) zu bemerken, dessen Einheit Willards Boot durch einen heftig umkämpften Engpass schleusen soll. In Kilgore manifestiert sich der ganze Irrwitz des Vietnamkrieges, was die Redux-Fassung noch verstärkt, indem dort auch humanistisches Verhalten Kilgores betont wird. Auch der Surf-Aspekt wird verstärkt, allein schon durch den Diebstahl von Kilgores Surfboard durch Willard, was Kilgore veranlasst, Willard per Helikopter zu verfolgen und übers Megaphon um die Herausgabe anzuflehen.

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Apocalypse Now

Vom Schicksal der Playmates

Eine vollständig neue Sequenz handelt vom Los der bedauernswerten Playboy-Playmates, die nur einige Zeit zuvor vor einer Horde notgeiler US-Soldaten getanzt hatten. Willard und sein Team treffen die jungen Frauen flussaufwärts in einem völlig verschlammten Zeltlager. Es ist keine kriegerische Szene, aber sie drückt den ganzen Wahnsinn des Krieges in schmutzigen, bisweilen surreal wirkenden Bildern aus.

Das Herrenhaus der Franzosen

In der ursprünglichen Kinofassung ebenfalls nicht enthalten ist der bald darauf folgende Besuch auf dem Anwesen der Franzosen. Es geht friedlich zu: Willard wird zu Tisch gebeten, erlebt gar ein sexuelles Abenteuer mit einer jungen Witwe (Aurore Clément), Tochter des Hauses. Stellt schon die Playmates-Szene eine Unterbrechung der Reise und damit einen Bruch des Tempos dar, so gilt das für diese Sequenz erst recht. Das kann man kritikwürdig finden, doch „Apocalypse Now“ ist schon in der ursprünglichen Kinofassung dermaßen lang, dass ein Moment des Innehaltens gut zu verkraften ist. Den Krieg für einen Moment zu vergessen, muss ohnehin misslingen, dafür sorgt schon die hitzige Diskussion der Franzosen am Esstisch. Willards Aufenthalt dort ist quasi ein Durchatmen, wenn auch ein bizarres, das sich unmittelbar auf den Zuschauer überträgt – umso mehr, als es wenig später endlich ins Herz der Finsternis geht: das Reich von Colonel Kurtz.

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Kurtz’ Chronist: der Fotoreporter

Angemessene Editionen in Deutschland

Es mag anmaßend sein, dennoch verkünden wir hier: Wer einmal die Redux-Fassung geschaut hat, wird kein Bedürfnis mehr nach der älteren Version haben. Für hiesige Filmfreunde besteht bei „Apocalypse Now“ glücklicherweise keine Notwendigkeit, sich in Großbritannien oder den USA nach einer Referenz-Edition umsehen zu müssen: Die Full Disclosure Blu-ray-Edition mit drei Discs im Schuber lässt keine Ausstattungswünsche offen (siehe unten). Wer auf das physische Bonusmaterial verzichten kann und noch keinen Blu-ray-Player hat, ist mit dem Full-Disclosure-DVD-Steelbook ebenfalls sehr gut bedient. Deutlich spartanischer ausgestattet ist die neue Blu-ray-Version der Kinofassung, die Studiocanal im Rahmen der Edition „Award Winning Collection“ am 19. Februar parallel mit anderen preisgekrönten Filmen herausbringt.

Prämiertes Meisterwerk

Apropos Award: Für Kamera und Ton erhielt „Apocalypse Now“ Oscars, Golden Globes gab’s für Nebendarsteller Robert Duvall, Regisseur Francis Ford Coppola und die Musik von Francis Ford Coppola und seinem Vater Carmine. Nicht zu vergessen die Goldene Palme (zusammen mit Volker Schlöndorffs „Die Blechtrommel“) sowie den FIPRESCI Prize in Cannes.

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Willard (2. v. l.) gelangt ins Herz der Finsternis

Zusammen mit Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ ist „Apocalypse Now“ der wohl beste Film über den Vietnamkrieg – mit gigantischem Abstand zu jedem anderen Film, der sich damit beschäftigt. Ist er ein zynisches Actiondrama? Ein irrsinniges Statement gegen den Krieg? So oder so: ein Meisterwerk.

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Ist Colonel Kurtz wahnsinnig? Oder hat er lediglich das Wesen des Kriegs verstanden?

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Harrison Ford sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 19. Februar 2015 als Blu-ray und DVD (Award Winning Collection), 9. Juni 2011 als Full Disclosure 3-Disc Blu-ray im Schuber, 5. Januar 2012 als Blu-ray (Kinofassung und Redux), 22. September 2011 als Full Disclosure 4-Disc Limited Steelbook Edition DVD

Länge: 202 Min. (Blu-ray Redux-Version), 153 Min. (Blu-ray Kinofassung), 194 Min. (DVD Redux-Version), 147 Min. (DVD Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch
Originaltitel: Apocalypse Now
USA 1979
Regie: Francis Ford Coppola
Drehbuch: John Milius, Francis Ford Coppola, Michael Herr (Voice-over-Texte), nach Motiven von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“
Besetzung: Marlon Brando, Martin Sheen, Dennis Hopper, Robert Duvall, Laurence Fishburne, Harrison Ford, Sam Bottoms, Frederic Forrest, Scott Glenn
Zusatzmaterial Full Disclosure: „Hearts of Darkness: A Filmmaker’s Apocalypse – Reise ins Herz der Finsternis“ (96 Min.), Martin Sheen im Gespräch mit Francis Ford Coppola, Interview mit John Milius und Francis Ford Coppola, Freed Roos: „Casting Apocalypse“ mit nie zuvor gesehenen Probeaufnahmen, zusätzliche und geschnittene Szenen, das komplette Interview mit Roger Ebert und Francis Ford Coppola beim Cannes Film Festival 2001, Featurettes zu Schnitt, Musik und Sound Design von „Apocalypse Now“, Audiokommentar von Francis Ford Coppola, Original-Radiosendung des „Mercury Theatre on the Air“ mit Orson Welles, Auszüge aus dem Drehbuch von John Milius mit Anmerkungen von Francis Ford Coppola, Storyboard-Galerie mit über 200 Zeichnungen, Fotoarchiv, Marketingarchiv, exklusive Sammlerstücke: Booklet „In the Heart of the Movie“, das die Geschichte des Films aus Sicht von Francis Ford Coppola erzählt, Nachdruck des Original-Kinoprogramms von 1979, das den ersten Besuchern des Films zur Verfügung gestellt wurde, 5 exklusive Postkarten von Fotografin Mary Ellen Mark
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

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Copyright 2015 by Simon Kyprianou / Volker Schönenberger
Fotos & Packshots: © 2015 Studiocanal Home Entertainment

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3 Antworten zu “Apocalypse Now – Die wahnwitzige Mutter aller Kriegsfilme

  1. Matthias

    2015/02/18 at 13:29

    „Zusammen mit Michael Ciminos ,Die durch die Hölle gehen’ ist ,Apocalypse Now’ der wohl beste Film über den Vietnamkrieg – mit gigantischem Abstand zu jedem anderen Film, der sich damit beschäftigt.“

    *hust hust* „Full Metal Jacket“ *hust hust* Der kann da ruhig in einem Atemzug genannt werden, wie ich finde. 😉

     
  2. Loretta Cosgrove

    2015/02/18 at 12:31

    Klasse Besprechung, der eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist! Einem Punkt möchte ich aber doch entschieden widersprechen: Die Redux-Fassung ist mitnichten das Nonplusultra für jeden Fan dieses Films. Nach zweimaliger Sichtung des Director’s Cut steht für mich jedenfalls fest, dass der ursprünglichen Fassung exakt gar nichts fehlt, und dass das hinzugefügte Material unnötiger Sand im erhitzten Getriebe ist, der mich schlimmstenfalls komplett aus dem Film reißt. Bei mir steht auch weiterhin das Original auf dem Programm, und dem kann wahrlich kein anderer Film des Genres an die Füße packen.

     
    • V. Beautifulmountain

      2015/02/18 at 12:44

      Gerade mal gelesen, was ich da eigentlich geschrieben habe (der Teil über die Redux-Fassung stammt von mir). Ich hab‘ in der Tat eingeräumt, dass mein Urteil über Kinofassung vs. Redux anmaßend sein mag, haha. Natürlich gilt das nicht automatisch für jeden Filmgucker. Allerdings: Die erweiterte Charakterzeichnung von Kilgore ist hervorragend gelungen und passt perfekt. Die Sequenz mit den Playmates ist ebenfalls sehr gut inszeniert und in ihrem geradezu surrealen Nihilistismus als Aussage über den Krieg ganz wunderbar.

      Bleibt die Szene auf dem französischen Anwesen. Ich verstehe auf jeden Fall, dass man sich daran stören kann, und sie kostet natürlich Tempo. Als Ruhe vor dem Sturm – sprich: dem Ziel Colonel Kurtz – hat sie aber in meinen Augen auch in der Länge ihre Daseinsberechtigung.

      Freundlicher Gruß,
      Volker

       

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