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A Most Wanted Man – „Wir wollen die Welt sicherer machen”

06 Mrz

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A Most Wanted Man

Gastrezension von Anja Rohde

Thriller // Schöne Bilder zeigt er, der Anton Corbijn. Ein Stück Elbwasser zum Einstieg, dann Hamburgs Architektur, die Hochbahn, eine Hafenbarkasse. Die Stadt ist eine der kühlen Darstellerinnen in Corbijns neuer Regiearbeit „A Most Wanted Man“. Seine künstlerische Karriere begann als Fotograf, später drehte er Musikclips für zahlreiche Lieblingsmusiker (Nirvana! Depeche Mode! At the Drive-In! Johnny Cash! Henry Rollins!). 2007 folgte der erste große filmische Wurf „Control“ über die tragische Lebensgeschichte des Joy-Division-Sängers Ian Curtis.

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Issa Karpov: neues Zuhause in Hamburg?

In der Verfilmung des Spionagethrillers „Marionetten“ von John le Carré gerät der von Folter gezeichnete russisch-tschetschenische Flüchtling Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) ins Visier der deutschen und US-amerikanischen Geheimdienste. In Hamburg möchte er an das Geld seines verstorbenen Vaters kommen, er sucht Kontakt zur islamischen Gemeinde, zu einer Flüchtlingsanwältin (Rachel MacAdams) und einem Banker (Willem Dafoe). Das macht ihn zusehends suspekter, zumal er perfekt in das klassische Feindbild der westlichen Welt seit den Anschlägen vom 11. September 2001 passt. Der deutsche Topspion Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) hat zusammen mit seiner Mitarbeiterin Erna Frey (Nina Hoss) allerdings ganz andere Ideen, das Problem zu bearbeiten, als die Mitarbeiter des Hamburger Verfassungsschutzes und seine CIA-Kollegin Martha Sullivan (Robin Wright).

Obwohl ich gern Filme im Original sehe, empfehle ich hier die deutsche Synchronisation. Man spart sich die Irritation darüber, dass deutsche Schauspieler durch eine deutsche Stadt laufen und dabei Englisch sprechen und außerdem auch die schlechte Aussprache deutscher Namen durch englischsprachige Mimen. Apropos deutsche Schauspieler: In Nebenrollen sind Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Rainer Bock und Martin Wuttke zu sehen.

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Kippen, Kaffee, Alkohol: Günther Bachmann bei der Arbeit

Ansonsten ist an den Schauspielern nichts auszusetzen. Das Ensemble ist großartig zusammengestellt, die Figuren funktionieren perfekt mit- beziehungsweise gegeneinander. Es ist ein Film über Beziehungen und über Einsamkeit, über Menschen auf der Suche. Ruhig und klar, fast nüchtern, mit langen Takes zeigt uns Corbijn, wie die einzelnen Personen in ihrem Lebensentwurf aufgehen oder zweifeln oder scheitern.

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So hilfsbereit wie hilflos: Anwältin Annabel Richter

Philip Seymour Hoffman spielt so grandios und überzeugend, so feinfühlig und melancholisch, dass es in jeder Sekunde schmerzt, dass dieser großartige Schauspieler nicht mehr da ist. Das Making-of ist besonders traurig, denn es entstand, als Hoffman noch lebte. Nina Hoss outet sich als Hoffman-Fan und schwärmt von der Zusammenarbeit mit ihm, Corbijn sagt, Hoffman habe seine Erwartungen weit übertroffen. Und auch Hoffman selbst zeigt sich hochzufrieden mit dem Produkt.

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Undurchsichtiger Banker: Thomas Brue (l.)

Über John le Carrés Roman sagt Corbijn, dass er uns zeigt, wie wir andere Menschen sehen, wie wir sie verdächtigen, wie dadurch unser tägliches Leben beeinflusst wird. Die filmische Umsetzung dieser Problematik gelingt. Statt in einer Person einfach nur einen Menschen zu sehen, spekuliert man, ob der eine Spion dem anderen Spion trauen kann, ob der eine Verdächtige dem anderen Verdächtigen etwas antut, ob noch irgendetwas Unvorhersehbares zwischen den Menschen passiert. So ist die Welt, in der wir aktuell leben: ungewiss, pessimistisch, paranoid, voller Geheimnisse, Misstrauen, Verdächtigungen und Verrat.

Vielleicht hat man aber auch nur schon zu viele schlechte Krimis gesehen. Apropos: Denen verzeihe ich mit einem milden Lächeln und einem Achselzucken klassische „Person fährt eine Straße entlang, um die Kurve und landet plötzlich in einer völlig anderen Ecke der Stadt“-Anschlussfehler. Aber Herrn Corbijn darf das doch nicht passieren! Die Protagonisten steigen bei einer Verfolgungsjagd an der Haltestelle „Landungsbrücken“ in eine U-Bahn Richtung Innenstadt, fahren eine Station und kommen dann an der entgegengesetzt gelegenen und obendrein nur von S-Bahnen angefahrenen Station „Reeperbahn“ an (später laufen sie dann durch die Speicherstadt, die sie mit der korrekten Haltestelle „Baumwall“ erreicht hätten). Nur, damit sie durch eine volle Kiez-Diskothek flüchten können? Immerhin versöhnt die Musik, die dort läuft: der gute alte „Mussolini“ von DAF. Danke an Herbert Grönemeyer, der die Filmmusik ausgesucht und geschrieben hat. Trotz des Ärgernisses mit der falschen Haltestelle habe ich mich entschlossen, diesen Film uneingeschränkt zu empfehlen. Ein feines Stück Filmkunst.

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Karpov und Richter auf der Flucht

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Willem Dafoe sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 27. Februar 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 122 Min. (Blu-ray), 117 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: A Most Wanted Man
GB/USA/D 2014
Regie: Anton Corbijn
Drehbuch: Andrew Bovell, nach einem Roman von John le Carré
Besetzung: Philip Seymour Hoffman, Rachel McAdams, Willem Dafoe, Grigoriy Dobrygin, Robin Wright, Nina Hoss, Homayoun Ershadi, Daniel Brühl, Kostja Ullmann, Martin Wuttke, Rainer Bock, Herbert Grönemeyer
Zusatzmaterial: Making-of, Featurette: Spy Master: John le Carré in Hamburg, Wendecover
Vertrieb: Universum Film

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Danke, Philip Seymour Hoffman!

Copyright 2015 by Anja Rohde
Fotos & Packshot: © 2015 Universum Film

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