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David Fincher (III): Sieben – Vom Heldenmythos zum Heilungsmythos

13 Mrz

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Anmerkung des Bloggers: Zu diesem Gastbeitrag kam ich wie die Jungfrau zum Kinde – aus heiterem Himmel. Kurzes Überfliegen machte bereits deutlich, dass es sich um eine hervorragende Analyse von Finchers düsterem Thriller handelt, die sehr in die Tiefe geht. Das führt zwangsläufig dazu, dass der eine oder andere Spoiler enthalten ist. All jenen, die „Sieben“ noch nie gesehen haben, gilt somit die Empfehlung: Erst den Film schauen (es lohnt sich), dann diesen Text lesen (es lohnt sich).

Se7en

Gastrezension von Lutz R. Bierend

Thriller // Als David Fincher 1992 sein Spielfilmdebüt „Alien 3“ vorlegte, spotteten einige Kritiker. Der ehemalige Musikvideo-Regisseur sei mit einer Spielfilmproduktion hoffnunglos überfordert gewesen – das Alien sei halt kein Popstar. Diese Einschätzung änderte sich schlagartig, als Fincher mit „Sieben“ einen der verstörendsten und stilprägendsten Hollywoodfilme der 90er-Jahre vorlegte.

Die sieben Todsünden als mörderische Schablone

In einer namenlosen amerikanischen Großstadt tritt Detective David Mills (Brad Pitt) seinen ersten Arbeitstag an, um den alternden, desillusionierten Kollegen William Somerset (Morgan Freeman) abzulösen. Ihr erster gemeinsamer Fall konfrontiert sie mit einem Serienkiller, der auf grausame Art und Weise nach den Motiven der biblischen sieben Todsünden mordet. John Doe, wie er sich selbst nennt, ist methodisch, präzise und geduldig. Fast tatenlos muss die Polizei mit ansehen, wie der Mörder seinen grausigen Plan in die Tat umsetzt. Umso größer ist die Verwunderung der Detectives, als sich John Doe (Kevin Spacey) nach dem fünften Mord freiwillig stellt. Er bietet ihnen an, ein vollständiges Schuldbekenntnis zu unterschreiben, wenn Mills und Somerset ihn zu den letzten beiden Opfern begleiten. Die Detectives stimmen zu – und werden so zu Auftragsgehilfen des Serienmörders. Als die Polizisten das Ausmaß und die Perfidie des Plans durchschauen, ist es zu spät: John Does Rechnung geht auf.

Mythologische Archetypen und neue Sichtweisen

Was „Sieben“ derart verstörend macht, ist seine moralische Grundhaltung, die für den normal sozialisierten Menschen schwer zu akzeptieren ist. Geschickt spielt David Fincher mit den klassischen Archetypen und lockt so den Zuschauer auf falsche Fährten.

Heldenmythos

Der Film beginnt wie ein klassischer Heldenmythos. Es scheint die Initiationsgeschichte des jungen, hitzköpfigen Detectives David Mills zu sein, der zwar nicht mehr ganz unerfahren ist, der aber keine Vorstellung hat, was ihm in der verkommenen Welt bevorsteht. Am Ende seiner Heldenreise soll er sich als adäquater Nachfolger von Detektive William Somerset bewiesen haben. Dieser ist ein lebenserfahrener Routinier, der kurz vor dem Ruhestand steht. Er übernimmt die Rolle des Mentors, des alten, weisen Mannes, dem es auferlegt ist, Mills auf diese Reise vorzubereiten. Der Gegenspieler ist John Doe – der selbstgerechte psychopathische Killer, dessen Plan gestoppt werden muss, um Mills’ Heldenreise zu vollenden.

In dieser Konstellation ist dem Film wirklich ein böses Ende zu bescheinigen. Nicht nur, dass Mills bei seiner Heldenreise in allen Punkten versagt. John Doe integriert den Detective auch in seinen Mordplan, sodass Mills zum Schluss eine lange Gefängnisstrafe, wenn nicht sogar die Todesstrafe, erwartet. Folgt man dieser Interpretation, so ist „Se7en“ nicht mehr als ein weiterer – wenngleich stilistisch bemerkenswerter – Serienkillerfilm in der Art von Jonathan Demmes 1991er-Geniestreich „Das Schweigen der Lämmer“. Mit der Unterscheidung, dass das Ende einer düsteren Weltsicht angepasst wurde, in der das Böse triumphiert. Diese Erkenntnis beschert dem Zuschauer wahrscheinlich einen depressiven Abend. Moralisch jedoch folgt der Film immerhin konventionellen Wertvorstellungen: John Doe ist das personifizierte Böse, dessen Handeln verurteilt werden kann.

Heilungsmythos

Drehbuch und Film sind aber glücklicherweise innovativ: Fincher inszeniert keinen Heldenmythos, sondern einen Heilungsmythos. Detective Somerset ist der von Zweifeln und Verzweiflung geplagte Held, der an der krankhaften Apathie leidet, die ihn umgibt. In den Jahren als Polizist hat ihn diese apathische Umgebung schleichend an sich angepasst. Seine Kraft, dagegen anzukämpfen, ist aufgebraucht. Bevor er selbst endgültig der Krankheit verfällt, will er den Dienst quittieren und fortziehen, um vor ihr zu fliehen.

Der Schatten der Geschichte ist die namenlose Stadt mit ihren abgestumpften Bewohnern. Wie dem Fetischwarenhersteller, der die Anfertigung der bizarren Mordwaffe für John Doe damit rechtfertigt, er habe vermutet, Doe sei ein Performance-Künstler. Oder wie Somersets Kollegen, die sich einreden, die Welt sei schon immer so gewesen. Und die es nicht mehr ertragen, dass sich Somerset nicht mit der Oberfläche zufrieden geben, sondern dahinter schauen will.

Der Mentor in diesem Heilungsmythos ist David Mills und das Medikament ist: John Doe. Ein Beispiel aus der Filmgeschichte stützt diese Deutung. In Frank Capras „Hier ist John Doe“ (1941) schreibt eine von Arbeitslosigkeit bedrohte Reporterin (Barbara Stanwyck) unter dem Pseudonym John Doe einen Brief, in dem dieser John Doe ankündigt er würde sich aus Protest gegen eine unmenschliche Gesellschaft das Leben nehmen. Als dieser die Nation ins Herz trifft, engagiert sie einen Niemand (Gary Cooper), der die Rolle des John Doe spielen soll. Sie will die Story so weiter ausschlachten. Doch es entsteht eine wahre Bewegung der Menschlichkeit, und schließlich nimmt John Doe seine Rolle ernster als gewünscht, was in ein klassisches Happy End mündet, wie wir es von Frank Capra kennen: Der idealistische Einzelkämpfer setzt sich gegen das Establishment durch.

Dramaturgie und Mythos

Auch ein Blick auf das dramaturgische Gerüst von „Sieben“ stützt diese Interpretation: Folgt man den Regeln von Drehbuch-Guru Syd Field und wendet dessen Dramaturgieschema mit Plotpoint 1 und 2 auf „Sieben“ an, funktioniert die Geschichte nicht, wenn man sie als Heldenmythos begreifen will: David Mills erfährt keine Plotpoints, durch die sich die Geschichte für ihn wandeln würde. Zwar scheint es zeitweilig, als würde Mills einen Lernprozess durchlaufen, indem er Somersets Stil nacheifert. Doch Mills tut dies nicht aus Überzeugung, er will es lediglich vermeiden, sich vor seinem älteren Kollegen eine Blöße zu geben. Offenkundig wird dies, als Mills Sekundärliteratur zu den von Somerset empfohlenen Büchern liest, was mit einem Fluchanfall endet: Fuckin’ Dante… poetry-writing faggot! Piece of shit, motherfucker! Mills übernimmt kein Charaktermerkmal seines Mentors, und es gibt im ganzen Film lediglich eine Situation, in der die beiden einer Meinung sind.

Folgt man hingegen der Idee vom Heilungsmythos, so eröffnen sich einem durchaus zwei Plotpoints: Der erste ist die Szene, in der Somerset seinen Vorgesetzten bittet, ihn von dem Fall abzuziehen. Sein Blick für Details sagt ihm bereits nach dem ersten Mord, dass dies nicht sein letzter Fall werden würde. Der zweite Plotpoint ist jene Szene, in der sich Somerset nach einem Streitgespräch mit Mills doch dazu entscheidet, den Fall abzuschließen, bevor er in den Ruhestand tritt.

Moralisches Dilemma

In der Heilungsmythos-Variante bekommt auch Somersets Schlusssatz eine neue Dimension: Ernest Hemingway once wrote: “The world is a fine place and worth fighting for.” I agree with the second part. Der optimistische Tenor ist nun nicht mehr als ein Zugeständnis an das schockierte Publikum zu verstehen. Vielmehr bestätigt er die Prophezeiung von John Doe: We see a deadly sin on every street corner, in every home, and we tolerate it. We tolerate it because it’s common, it’s trival. We tolerate it morning, noon, and night. Well, not anymore. I’m setting the example. And what I’ve done is going to be puzzled over, and studied, and followed… forever.

John Doe hat nicht nur sein Werk vollendet. Das Werk erfüllt auch noch einen Zweck. Doe wird somit zum Antihelden: Er handelt zwar nicht in einer Weise, die vom Publikum als moralisch korrekt empfunden wird. Doch er nimmt ohne Rücksicht auf die persönlichen Konsequenzen den Kampf gegen die Verkommenheit der Welt auf. Dies ist nicht zu verwechseln mit jenen selbstgerechten Schatten, für die der Zweck die Mittel heiligt. Im Gegensatz dazu ist John Doe moralisch integer: Er kehrt auch seine eigenen Sünden gegen sich und opfert sein Leben, um den Leuten die Augen zu öffnen.

Optimismus trotz brutaler Morde

Hier liegt das moralische Problem: Wie kann ein Film durch die Vollendung einer Serie brutaler Morde an – zumindestens im juristischen Sinn – unschuldigen Menschen zu einem Happy End führen? Genau das drückt Somerset mit seinem Hemmingway-Zitat aus, dass er geheilt ist. Er hat seine Lethargie überwunden, wird sich nicht mehr per Selbsthypnose in den Schlaf schaukeln. Auch wenn er die Welt noch immer nicht schön findet, hat er erkannt, dass sie es wert ist, um sie zu kämpfen. Wie er schon beim ersten Mordopfer erkannt hat, wird dies nicht sein letzter Fall sein. Denn, so brachte es der Kulturanarchist John Cage einst auf den Punkt: There is no reason for anything but optimism. Auch wenn John Doe mit seiner ersten Botschaft Recht hat: Long is the way and hard, that out of Hell leads up to light.

David Fincher zeigt sehr schön, das Optimismus nichts mit einer rosaroten Brille oder Naivität zu tun hat. Optimismus ist die Grundlage, um den Kampf für eine bessere Welt aufzunehmen – egal, wie düster und deprimierend Finchers Filme auf den ersten Blick auch wirken mögen. Sie gehen davon aus, dass der Einzelne die Welt durchaus verändern kann. Fincher hegt dabei Sympathien für die radikalen Außenseiter, die bereit sind, rückhaltlos für eine bessere Welt zu kämpfen. Sei es Sean Penn, der als Conrad Van Orton das Leben seines Bruders Nicholas „Michael Douglas in „The Game – Das Geschenk seines Leben“ (1997) auf den Kopf stellt, um ihn vor dem Schicksal seines Vaters zu bewahren; sei es Tyler Durden, der in „Fight Club“ (1999) seine durch einen zynischen Job produzierte Schlafloskeit nicht mehr durch Selbstbetrug beseitigt, sondern durch einen Kampf für eine bessere Welt, und damit Finchers bisherigen Höhepunkt gefunden hat. Auch wenn die unmoralischen Antihelden wie John Doe und Tyler Durden letztlich sterben – sie vollenden Ihr Werk, und die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Fincher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Brad Pitt und/oder Kevin Spacey in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 30. November 2012 als Blu-ray-Steelbook, 21. Januar 2011 als Blu-ray, 1. Oktober 2010 als Premium Collection Blu-ray, 14. Juli 2006 als DVD

Länge: 127 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch u. a.
Originaltitel: Se7en
USA 1995
Regie: David Fincher
Drehbuch: Andrew Kevin Walker
Besetzung: Brad Pitt, Morgan Freeman, Kevin Spacey, Gwyneth Paltrow, Daniel Zacapa, John Cassini, R. Lee Ermey, George Christy
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2015 by Lutz R. Bierend
Packshots: © 2011/2012 Warner Home Video

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