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Interstellar – Nolan lernt dazu

30 Mrz

Interstellar-Cover

Interstellar

Gastrezension von Simon Kyprianou

Science-Fiction // Auch wenn Christopher Nolan freilich nicht der brillante Regisseur ist, den viele aus ihm machen, so ist er zumindest mal ein interessanter Filmemacher.

Interstellar-01-Vater-Tochter

Cooper wird seine kleine Murph zurücklassen

Angefangen hat es mit Kurzfilmen, und Nolans früher Gehversuch „Doodlebug“ könnte ebenso gut vom jungen Roman Polanski stammen. Dann twistete er mit „Memento“ einen Blödsinnsfilm daher, dessen Struktur wohl nur darum achronologisch ist, weil man sonst gemerkt hätte, dass es kaum mehr als ein langweiliger TV-Krimi ist. „Inception“ zeigt eines von Nolans Problemen schön auf: die Verwechlsung von komplex und kompliziert. „Inception“ mag kompliziert sein, komplex ist er nicht, eine Reflexion über Träume und Bewusstsein schon gar nicht.

Über den Mangel an emotionaler Fallhöhe

Ein guter Actionfilm ist es auch nicht, dafür ist Nolans Action-Regie zu schwerfällig, sein alle Register der Actionfilm-Locations durchdeklinierender Duktus zu nervtötend. Seine emotionale Fallhöhe ist lächerlich beziehungsweise gar nicht vorhanden. In „Inception“ sind Emotionen nur Mittel zum Zweck: Die Beziehung von Cobb (Leonardo DiCaprio) und seinen Kindern wird niemals ausbuchstabiert, Nolan sucht keine Bilder für das Vermissen. Es ist nur der Motor, den Nolan dazu verwendet, die Handlung in Gang zu bringen, der den Grundstein für die Ereigniskette legen soll.

Auch Cobbs’ Beziehung zu seiner Frau Mal (Marion Cotillard) dient nur der Verkomplizierung. Anders da James Cameron beispielsweise. Man kann Nolan und Cameron, die beiden maßlosen Regie-Wunderkinder, gut miteinander vergleichen. Cameron erhob in „Terminator 2“ die Beziehung vom Terminator und dem jungen John Connor zum Kernthema seines Films und zeichnete seine Figuren feinsinnig und empathisch.

Spiele mit der Lüge

Die interessantesten Werke von Nolan bisher, waren – von „Doodlebug“ einmal abgesehen – die „Dark Knight“-Filme: drei hervorragende, brachiale und kluge Filme; Filme die Ideologien durchdenken, „The Dark Knight“ Anarchie, „The Dark Knight Rises“ (eine Form des) Kommunismus, inklusive Gulags auf dem Hudson River. Auch um Lüge und Wahrheit geht es bei Nolan immer und speziell in den „Dark Knight“-Filmen, die mit der politische Lüge spielen. „Memento“ und „Prestige“ sind auch Spielereien mit Lüge und Wahrheit.

Interstellar-03-Raumschiff

Wohin führt die Reise?

„Interstellar“ ist nun ein sehr interessanter Nolan-Film, ambitioniert, teuer, maßlos. Wer mehr über die Handlung wissen möchte, schaut sich am besten Volkers Text zum Kinostart an. Er betrachtet den Film zudem aus einem anderen Blickwinkel und bewertet ihn etwas besser als ich.

Kompliziert, nicht komplex

Wieder verwechselt Nolan komplex und kompliziert: viele Planeten, verschiedene Zeitrechnungen, unpassender Surrealismus. Das hilft dem Film überhaupt nicht, nimmt ihm aber lange nicht so viel, wie dem vollends auf jener behaupteten Komplexität aufbauenden „Inception“, der sich ja einzig und allein als Spiel mit dieser Komplexität versteht.

Aber erneut ist es ein politisches Werk, ein ideologischer Film. Viele Filme in jüngster Zeit scheinen die Menschheit abschaffen zu wollen, wie die „Transformers“-Filme. Oder jüngst „Chappie“, der meint, menschliches Bewusstsein einfach auf einem USB Stick speichern zu können (sic!) und dann fröhlich eine Mensch-Roboter-Patchworkfamilie gründet. Aber das ist Nolans Ideologie nicht. Mehrfach wird in diesem Film die Idee angesprochen einfach anderswo eine neue Menschheit zu „züchten“ und die alte aufzugeben. Doch Nolan lehnt das ab, das behandelt er wie etwas Obszönes.

Interstellar-02-McConaughey

Astronaut Cooper in seinem Element

Humanismus mit dem Holzhammer

Er versucht einen humanistischen Film zu drehen. Da gibt es eine Vater-Kinder-Geschichte und einen herzzerreißend pathetischen Monolog über die Liebe. Kitschig, peinlich, aber dann doch, ja, schön. Interessant ist lediglich die Übertreibung und das Pathos – alles andere ist langweilig, leider, sagte Christian Kracht. Der einst so emotionslose Nolan hat doch dazugelernt, wenn er auch mit dem Holzhammer vorgeht.

Abgesehen davon liefert Nolan mit „Interstellar“ ein durch und durch dramatisches, dynamisches, wunderbar inszeniertes Weltraumepos, dessen Bilder einen bisweilen staunen lassen. Auch Nolans Schauspielführung ist hier wesentlich gelungener als früher, durchweg einwandfrei. Apropos Bilder: Nolan ist ja auch ein Verfechter des analogen Films, nur leider konnte man den Film beinahe nirgends mehr analog abgespielt im Kino sehen.

Interstellar-04-Raumschiff

Der Weltraum – unendliche Weiten

Musik wie aus „2001 – Odyssee im Weltraum“

Hans Zimmers Soundtrack ist längst nicht mehr so unsägliches Gedröhne, Gehämmer und Gekrache wie man es von ihm gewohnt ist, sondern ein beinahe schon feinsinniger Score, der dafür aber äußerst aufdringlich an die Musik von „2001 – Odyssee im Weltraum“ angelehnt ist. Alles in allem ist „Interstellar“ ein guter Science-Fiction-Film – nicht das Meisterwerk, dass viele darin sehen, aber ohne Frage ein gelungener Film.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Jessica Chastain, Michael Caine, Matt Damon und/oder Matthew McConaughey sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen bzw. Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 31. März 2015 als 2-Disc-Steelbook-Edition Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 168 Min. (Blu-ray), 163 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde: Englisch
Untertitel: Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte, Spanisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Isländisch
Originaltitel: Interstellar
USA/GB 2014
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Besetzung: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Wes Bentley, Michael Caine, John Lithgow, Topher Grace, Casey Affleck, Ellen Burstyn, Matt Damon
Zusatzmaterial: Interstellar: Eine Reise – Ursprünge, Einflüsse und Erzählstrukturen, Der Dreh auf Island: Millers Planet / Manns Planet – So entstehen zwei völlig unterschiedliche Welten in ein und demselben Land, Astronomische Orientierungshilfen – Wie gefilmte Spezialeffekte die Illusion einer echten Weltraumreise vermitteln, Miniaturen im All – Eine Erkundung der in großem Maßstab gebauten Modelle, die im Film verwendet werden, u. v. m.
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Warner Home Video

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9 Antworten zu “Interstellar – Nolan lernt dazu

  1. Fatherleft

    2015/04/01 at 08:47

    Da ist kein Schaum vor dem Mund, wozu auch? Denn Argumente gibt es nicht, nur Behauptungen, wie das dünne Eis, dass kompliziert nicht mit komplex gleichzusetzen ist. Natürlich ist das eine ziemlich profane Tautologie, aber die entscheidende Frage ist, ob sie hier passt, und auch dafür gibt es nur Behauptungen, die nicht unbedingt überzeugen. Vielmehr legt die Kritik die Vermutung nahe, dass es vielleicht einfach zu kompliziert für den Rezensenten war, um es zu verstehen. Das Argument „Das Agressive Rezeptionsdiktat, jeden neuen Nolan-Film als Meisterwerk lobpreisen zu müssen, ist doch mittlerweile auch ziemlich uncool“ erinnert mich zu mindestens an mein liebstes Watzlawick-Zitat: „Reif sein heißt, das richtig Erscheinende zu tun, selbst wenn einem die Eltern dazu geräten hätten.“ und sich dabei nicht von der Frage abhängig zu machen ob es „cool“ ist.

    Natürlich gibt es absolut gesehen und je nachdem auf welchen Aspekt der Filme man seinen Schwerpunkt legt, bessere Filmemacher als Nolan. Weil Film mit seinen vielen technischen Ebenen, die der Regisseur unter einen Hut bringen muss, die komplexeste Kunstform ist, gilt das aber leider für jeden Filmemacher. Gegenwärtig ist die Luft um Herrn Nolan jedenfalls sehr dünn. Und hier ist das größte Manko deiner Kritik: Spätestens wenn Du versuchst, Nolan mit dem Blender James Cameron unter einen Hut zu bekommen (bei dem die Pluspunkte auf der Regiewunderkind-Skala, problemlos von den Minuespunkten geschlagen werden) zeigt sich, dass die „Argumente“ nicht wirklich ernst zu nehmen sind. Cameron könnte von Nolan durchaus lernen, wie man Trickeffekte und Action Story-unterstützend einsetzt und nicht als Storyersatz. Wenn man alleine an das absurde Konzept des Flussigmetallroboters aus T2 denkt, und die existenzphilosophische Profanie der Geschichte, bekomme ich Schüttelfrost. Da sehnt man sich nach einer Tiefe, die Nolan in Filmen wie Prestige, The Dark Knight und auch Inception an den Tag legt.

    Und selbst die Profanität die Du ja richtig in der der Geschichte von „Memento“ erkannt hast (die er ja auf der DVD selber offenbart, indem er den Film vorwärt abspielbar macht), hat ihren Sinn, denn mit seiner Struktur zeigt uns Nolan, wie schnell unser Personenbegriff ohne kontinuiertliches Gedächtnis bröckelt. Ein ganz profaner Tag kann da zu einer komplexen (von mir aus auch komplizierten) Geschichte mutieren, wenn man in 5-Minuten-Abschnitten lebt. Und auch das Auftreten von Cobbs‘ Frau in Inception macht psychologisch durchaus Sinn. Aber worüber diskutieren wir, wenn dass „Lobpreisungsdiktat für Nolan-Filme“ Grund für einen Verriß sein soll. Da ist es wohl müßig, sich darüber zu unterhalten.

    In „This is Orson Welles“ sagte der Filmemacher den schönen Satz: „Filmemacher ist der einzige Beruf, bei dem man 40 Jahre erfolgreich sein kann, ohne das jemand merkt, dass Du unfähig bist. Alles was du brauchst, ist ein gutes Drehbuch, gute Schauspieler, ein guter Kameranmann und ein guter Cutter, dann geht der Rest fast von alleine (bei James Cameron reicht schon fast das Special-Effects-Team aus, könnte man bösartig sagen). Die Qualität eines Filmemachers zeigt sich, wenn er auch die Drehbücher schreibt.“ Und da hat Herr Nolan schon eine beeindruckende Qualität hingelegt (und zeigt vor allem am deutlichsten seine Überlegenheit zu Herrn Cameron, den seine eigenen Prämissen aus T1 in T2 schon nicht mehr kümmern), und man mag es schon fast für Ironie halten, dass der einzige Film seit Memento, für den er kein Drehbuch geschrieben hat (Insomnia), auch der einzige ist, der nicht in den Top 250 der IMDB gelandet ist.

     
    • Simon Kyprianou

      2015/04/01 at 10:39

      Also wenn James Cameron ein „Blender“ ist, was ist denn dann bitte Nolan? Cameron hat, das sei zugegeben, sicher gerade in den letzten Jahren seinen Zenit überschritten (trotz des Erfolgs war Avatar ein doof-esoterischer „Zurück zur Natur“-Film, in dem die gesamte Natur verlogenerweise vom Rechner kam), aber von Filmen wie Terminator 2, Titanic, Terminator und Alien 2 kann Nolan nicht einmal zu träumen wagen. Von der brillanten, dynamischen Narration, die dem emotionalen Kollektiv seiner Figuren trotzdem immer elegant Raum lässt, sie sogar zum Kern des Films erhebt. Von seiner Inszenierung, die seine Filme nie zum leeren CGI-Spektakel, nie zu Sklaven oder zu bloßen Erfüllungsgehilfen seiner pfiffigen Ideen machte (wie bei Nolan). Oder Titanic, diese formale und inhaltliche Anlehnung an das klassische Hollywood-Melodram. Von einer solchen Grandezza, einem solchen Verständnis für Mainstreamkino, für den großen Hollywood-Film, ist Nolan weit entfernt.

      Aber was du zu Memento schreibst, offenbart gut das Problem, das ich mit Nolan habe. Er will uns durch die Struktur die Tiefe seiner Idee, seiner Geschichte erfahren lassen. Aber die Idee selbst ist nicht KOMPLEX, lediglich steckt sie in einer KOMPLIZIERTEN Struktur fest. Es ist das Äußere, die Form, die Oberfläche, die Nolans Filme tief erscheinen lässt und darüber hinwegtäuscht, dass sie es nicht sind (oder besser: manche von ihnen nicht sind). Nolan hat als einen seiner Lieblingsfilme mal Roegs „Bad Timing“ genannt, der sich ähnlichen Zeitspielereien Bedient wie „Memento“. Aber selbst wenn man „Bad Timing“ formal entschlüsseln würde, also chronologisch scheiden würde, wäre er immer noch KOMPLEX, wäre er immer noch schockierend, weil seine KOMPLEXITÄT formal und inhaltlich ist. Er wäre keinesfalls so profan, das gibst du ja selber zu, wie „Memento“. Ich glaube also nicht, dass ich Inception nicht begriffen habe, ich glaube, dass Inception für jeden Zuschauer begreifbar ist, er ist keine sinnliche, fühlbare, intelligente, abgründige Aufarbeitung von Träumen, sondern verpackt seine Traumstory als Minimalkonsens-Actionfilm – hat ja funktioniert.

      Drehbücher schreibt Nolan außerdem nie alleine, das ist nicht ganz richtig, sondern mit seinem Bruder zusammen, aber darauf kommt es natürlich nicht an, die Argumentation läuft ins Leere.

      Zu dem „cool“: Bitte ein bisschen Verständnis für Polemik, das tut doch nicht weh.

       
      • Fatherleft

        2015/04/01 at 15:14

        Ich glaube, mit der Unterstellung, Nolan würde träumen, sowas wie T2 auf die Beine stellen zu können, da erübrigt sich ja fast jeder weitere Kommentar, denn allein The Dark Knight ist in jeder Hinsicht besser als alles, was der ehemalige Roger-Corman-Art-Director je auf die Beine gestellt hat. Aber ich glaube die Diskussion ist müßig, Man kann ja gern aus Prinzip gegen etwas sein, aber dann sollte man vielleicht nicht versuchen, dafür Gründe anzuführen, die auf etwas anderes, was man als besser verkaufen möchte, wesentlich eklatanter zutreffen.

        Und so leid es mir tut, aber T2 Ist nun leider wirklich das übelste Effekt-Blendwerk. Habe den damals in der Presseborführung gesehen und hielt ihn für nettes Popcorn-Kino, bin dann noch in die zweite Vorführung ein paar Wochen später gegangen und habe eine Stunde vor Schluss abgebrochen, weil spätestens beim zweiten Mal doch zu deutlich auffällt, dass er Effekte und Explosionen über eine plausible Geschichte stellt. Das Konzept des T1000 ist vollkommen absurd und widerspricht seiner im ersten Teil gemachten Zeitreise-Prämisse (die nötig war, damit der Kampf gegen Arnold im ersten Teil überhaupt spannend war). Hier zeigt sich schon der größte Unterschied zwischen beiden. Nolans Filme werden beim wiederholten Sehen eher interessanter, weil man feststellt, dass sie trotz der Schauwerte auch noch eine interessante und plausible Geschichte haben.

        Mich über das restliche Oeuvre von Herrn Cameron auszulassen, erspare ich mir mal, obwohl es Spaß macht, weil es förmlich nach einem Verriss schreit.

        Und nochmal nebenbei bemerkt: Dass Nolan nur Co-Autor ist, widersprich Welles‘ Aussage nicht im Geringsten. Seinen einzigen Oscar hat der auch nur als Co-Autor bekommen.

         
      • Simon Kyprianou

        2015/04/01 at 22:44

        Ach komm schon, mir zu unterstellen, „aus Prinzip“ gegen etwas zu sein, ist doch wirklich billig, gerade weil ich einige Filme von Nolan schätze.
        Genau wie die Argumentation, gute Regisseure hätten ihre Drehbücher selbst zu schreiben und könnten so „bessere Kunst“ herstellen. Das ist doch Unsinn. Wir wissen beide, dass es großartige Regisseure gibt, die nie Hand an ein Drehbuch gelegt haben.

        Zu deinem Vorwurf, Terminator 2 würde eine absurde (unlogische), nicht plausible Geschichte erzählen: „Die Wahrscheinlichkeit interessiert mich nicht. Ein Kritiker, der mir etwas von Wahrscheinlichkeit erzählt, hat keine Phantasie.“ Hitchcock (der übrigens auch oft nicht an seinen Drehbüchern mitgewirkt hat).

        Hollywood Gigantismus ist doch Happening, ist Dynamik, ist Inszenierung. Die Forderung nach Plausibilität, Logik ist da kunstfeindlich und bieder. Cameron mal eben so locker zerreißen ist auch fragwürdig, da hab ich mir selbst bei Nolan mehr Mühe gegeben.

         
      • Fatherleft

        2015/04/02 at 08:45

        Da hast du entweder meine Aussage zu Terminator 2 oder Hitchcock falsch verstanden. Natürlich können Filmemacher die Realitäten nach Lust und Laune verändern, aber sie müssen innerhalb ihres Regelwerks trotzdem plausibel sein. Und dafür ist Nolan ein sehr gutes Beispiel. Für Prestige muss man erst mal akzeptieren, dass Nicola Tesla ein so brillanter Erfinder war, dass er zur vorletzten Jahrhundertwende schon mit Elektrizität Dinge anstellen konnte, die heutzutage noch keiner kann. Von da an erzählt eine eine brilliante Reflektion über den Preis von Hingabe für eine Kunst.

        Für Inception musst du akzeptieren, dass man sich in Träume „hacken“ kann und dein „wenn Herr Nolan so klug wie ich wäre, wäre das alles viel klüger tiefsinniger und besser“-Habitus in der Kritik erinnert leider an das Rumgejammer von 80 Millionen Fussball-Experten bei jeder Fussball-WM, die klagen „Wenn Jogi Löw so klug wie ich wäre, dann hätten Sportfreunde Stiller ihren WM-Song 2006 nicht umschreiben müssen“.

        Die entscheidende Frage für die Plausibilität einer Geschichte ist „Bewegt sich der Filmemacher in den selbst aufgestellten Regeln auf plausiblen Grund?“ Matrix ist hierfür ein großartiges Beispiel oder z. B. Blade Runner. Ridley Scott liegt natürlich mit seiner Vision von 2019 und den gentechnischen Möglichkeiten weit neben dem, was die Realität ist, aber von seiner Grundprämisse, welche sich in drei Sätzen zusammenfassen läst („2019 ist die Erde ökologisch ruiniert und wir werden mit künstlich erzeugten Menschen das Weltall kolonialisieren. Da diese Replikanten psychisch instabil sind, haben sie ein automatisiertes Verfallsdatum und dürfen bei Todesstrafe nicht auf die Erde zurückkehren. Wie finden wir sie, wenn sie sich nicht an die letzte Regel halten?“) ist dieser Film extrem schlüssig durchkonstruiert und bietet uns eine Reflektionsmöglichkeit darüber, was es heißt, ein Mensch zu sein (23 Chromosomenpärchen und Rationalitätsvermögen sind es nicht).

        Das unterscheidet Menschen wie Scott und Nolan deutlich von den „Visionen“ eines James Cameron und das einzige, was das Publikum davon abhält, DAS bei Cameron zu bemängeln, sind ein paar explodierende Laster und die Arbeit von Digital Domain. Und der Flüssigmetall-Roboter ist ein wunderbares Beispiel dafür: Abgesehen davon, dass er leider jeglicher Grundlogik wiederspricht, denn jeder Tropfen dieses Roboters müsste eine Eigenintelligenz und Motorik haben, hätte der T1000 die Geschichte bereits im Krankenhaus, vermutlich sogar schon im Einkaufszentrum beendet, wenn Cameron mit seinen Konzept des T1000 konsequent gewesen wäre. Außerdem war das Konzept der Zeitreise (um wie gesagt dem ersten Teil seine Spannung zu geben), dass nur organisches Material durch die Zeit gehen kann. Und plötzlich geht ein ganzer Metallroboter durch? Auch durch die Möglichkeit zur Verflüssigung wird er ja nicht organischer. Wenn der Zeitreisemechanismus mittlerweile so aufgebohrt worden wäre, dass auch Metall mit durchgehen könnte hätte sich Arnold eine entsprechende Waffe mitnehmen können, um den T1000 zu stoppen, was die Spannung leider wieder in nichts aufgelöst und die Geschichte ebenfalls im Einkaufszentrum beendet hätte.

        Morphen sah in „Willow“ schon cool aus (Selbst DAS hat Cameron nicht erfunden). Es bot die Möglichkeit für einige visuelle Boah-Effekte und dafür hat man auf ein einigermaßen plausibles Storykonzept verzichtet. Und es gibt leider keinen Cameron-Film, auf den das nicht zutrifft (wobei ich „Piranha II – Fliegende Killer“ noch nicht gesehen habe und es bei „Titanic“ natürlich aufgrund der historischen Vorlage eingeschränkt war.) Tut mir leid, aber ich glaube, DAS kann man als Definition von Blenderei stehen lassen und das unterscheidet Herrn Cameron leider am deutlichsten von Herrn Nolan, bei dem haben die Effekte und die Strukturverschachtelung noch einen anderen Zweck als über eine fehlende Geschichte hinwegzutäuschen. Sie haben ihren Sinn in der Dramaturgie und in der Aussage des Films und ersetzen diese nicht.

        Und dass es keine guten Regisseure gibt, die nie ein Drehbuch geschrieben haben bestreitet auch Orson Welles nicht. Das Zitat besagt eher: „Nur weil jemand erfolgreiche Filme dreht heißt nicht, dass er ein guter Regisseur ist. Sicher sein kann man sich da nur einigermaßen sicher, wenn sie auch an der Geschichte mitgearbeitet haben und dadurch zeigen, dass sie eine künstlerische Vision haben.“

        Um dass nochmal klar zu stellen: Ich will mich nicht einmal prinzipiell über James Cameron beklagen. Immerhin spielt er seine Gelder ja wieder ein, und er unterhält viele Leute (weil er ein gutes Gespür für Archetypen hat), auch das kann man ja schon als Leistung sehen, Damit spielt er sicherlich in der Bundesliga der Filmemacher.

        Es ist eher das Problem, womit er hier verglichen wird. Cameron und Nolan sind nicht dieselbe Liga. Es fällt ja schon schwer, sie als dasselbe Spiel zu akzeptieren. Wenn Cameron in der Bundesliga spielt, dann hat Nolan einen Dauerplatz in der Champions League. Natürlich nur, wenn man Film als Kunstform sieht, dem es neben der Unterhaltung auch um eine Aussage geht, die etwas komplexer ist als „The future’s not set. There’s no fate but what we make for ourselves.“ (T2), „This time it’s war“ (Aliens die Rückkehr) oder „he saved me… in every way that a person can be saved.“ (Titanic).

        Natürlich nicht wenn man Film als gewinnträchtiges Blockbuster-Kino begreift, da hat Cameron möglicherweise die Nase vorn, aber das ist nun wirklich ein anderes Spiel, und da greift deine herablassende Kritik über mangelnde intellektuelle Tiefe noch viel weniger.

         
      • Simon Kyprianou

        2015/04/02 at 10:09

        Also gerade deine Gedanken über den Flüssigkeitsroboter sind das was ich mit bieder meinte. Das sind Gedanken von fantasielosen Nerds, die Tyrannei der Logik. Gott sei Dank ist im Kino alles möglich. Selbst eine „innere Logik“, gerade bei solchen pedantischen Details wie Gedanken über den Flüssigkeitsroboter, braucht ein Film, Fiktion natürlich nicht, genausowenig wie eine äußere Logik. Dieser Logik-Fetischismus ist eine Unart der Rezeption sondergleichen. „Mit Spürnasen-Gestus der vermeintlichen Unlogik einer Fiktion auf den Grund zu gehen, was kann es nur Langweiligeres geben“, schrieb neulich ein Kollege auf Moviepilot und er hat Recht. Das ist ein Korsett aus dem sich das Kino befreien sollte. Mindestens mal die großen Hollywoodfilme, das Gigantismus-Kino, aber eigentlich ja jedes Kino. Einen „logischen“ Film drehen und einen „intelligenten/klugen“ Film drehen hat ja auch selten miteinander zu tun. Wenn in „Stirb Langsam“ der bereits getötete Schurke, plötzlich mit schussbereitem Geweher, genau an der richtigen Stelle auftaucht, ist das auch unlogisch, wider der „inneren Logik“ des Films, und ein herrlicher Gag.

        Zu den Veränderungen zwischen T1 und T2: Cameron hat durch den „Seitenwechsel“ des Terminators die Möglichkeit einer ganz anderen Fortsetzung geebnet, die Möglichkeit von Abwechslung. Die Art, wie er es erzählt ist natürlich ziemlich weit hergeholt, sie ist frivol, frech, komisch, vor allem aber pragmatisch. Es ist bewundernswert. Eine solche Frivolität würde sich der beider ernste Nolan niemals trauen (obwohl er sich manchmal an Humor versucht, in der Batman-Trilogie gibt’s nette Witze, in Interstellar gab es auch komische Szenen). Inception war eben sehr ernst vorgetragen, was dieser platten Story nicht gerade geholfen hat.

        Seien wir mal ehrlich: Träume als Action-Orgien ist nicht besonders klug. Inception war keine anspruchsvolle Reise in unser Unterbewusstsein, hat keine Bilder für unser inneres Selbst gesucht. Keine Bilder für die Surrealität unserer Träume. Keine Bilder für die Sehnsucht, die in unseren Träumen steckt. Keine Bilder für den Schmerz der ihnen innewohnt. Es war ein durchgestylter Hochganz-Actionfilm.

         
      • Fatherleft

        2015/04/03 at 21:32

        Das erklärt jetzt natürlich einiges: Mit wäre nie der Gedanke gekommen, dass es etwas mit Fantasie zu tun hat, sich für so was wie den Flüssigmetall-Roboter zu begeistern. Vielleicht habe ich dafür seit meiner Kindheit zu viele ILM- und Harryhausen-Filme gesehen, um dabei ein feuchtes Höschen zu bekommen. Keine Bange, man braucht nicht mit einem gespitzten Bleistift im Kino sitzen und Fehler suchen. Man muss bei Herrn Cameron das Gehirn nur nicht komplett beim Zusehen ausschalten, dann merkt man eigentlich sehr schnell, dass mit ein paar Explosionen und ein paar digitalen Bildeffekten über eine erschreckend belanglose Geschichte hinweggetäuscht werden soll. Das ist nicht schlimm. Camerons Filme sind nettes Unterhaltungskino. Das ist okay und gar nicht böse gemeint, aber wenn man so etwas mit Nolan zu vergleicht, sollte man sich vielleicht zumindest den überheblichen Gestus sparen, denn das passt so ganz und gar nicht zusammen und verstärkt nur den schon zu Beginn zum Ausdruck gebrachten Eindruck, wie substanzlos die Kritik ist. „Inception war keine anspruchsvolle Reise in unser Unterbewusstsein“ bestätigt das letztendlich. War es nicht? Nein, sollte es auch nicht sein. Vielleicht schaust du ihn dir einfach noch mal an. Ist vielleicht nicht Nolans Bester, aber immer noch interessanter, als alles was Herr Cameron je auf die Beine gestellt hat.

         
  2. Fatherleft

    2015/03/31 at 10:34

    Diese Kritik ist ein gutes Beispiel dafür, warum es schwerer ist, eine gute Kritik zu schreiben als einen Verriss. Zumindestens oberflächlich betrachtet.
    Für eine gute Kritik bräuchte man Gründe, für einen Veriss reicht einigen Leuten offenbar so substanzloses „Es ginge ja viel besser, wenn Nolan nur so klug wie ich wäre“-Geschreibe.

    Ich vermute, Herr Nolan wird es verkraften können, wenn hier versucht wird, Inkompetenz mit Überheblichkeit zu kaschieren.

     
    • Simon Kyprianou

      2015/03/31 at 14:10

      Also bitte, so viel Schaum vorm Mund, obwohl mein Text doch noch sehr handzahm ist. Gegen Nolans Kino hätte man noch weit galliger anschreiben können (und wahrscheinlich auch sollen). Das aggressive Rezeptionsdiktat, jeden neuen Nolan-Film als Meisterwerk lobpreisen zu müssen, ist mittlerweile doch auch ziemlich uncool. Natürlich sind im Text mehr als genug gute Gründe angegeben, warum „Inception“ ein Doof-Film ist, der nur aus Küchenpsychologie besteht (Ein Aufzug als Symbol fürs Unterbewusstsein, platter gehts nicht mehr) und auch genügend Argumente dafür, warum Interstellar keine Science-Fiction-Großtat ist. Man muss nur gut genug lesen.

       

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