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Archiv für den Monat März 2015

Interstellar – Nolan lernt dazu

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Interstellar

Von Simon Kyprianou

Science-Fiction // Auch wenn Christopher Nolan freilich nicht der brillante Regisseur ist, den viele aus ihm machen, so ist er zumindest mal ein interessanter Filmemacher.

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Cooper wird seine kleine Murph zurücklassen

Angefangen hat es mit Kurzfilmen, und Nolans früher Gehversuch „Doodlebug“ könnte ebenso gut vom jungen Roman Polanski stammen. Dann twistete er mit „Memento“ einen Blödsinnsfilm daher, dessen Struktur wohl nur darum achronologisch ist, weil man sonst gemerkt hätte, dass es kaum mehr als ein langweiliger TV-Krimi ist. „Inception“ zeigt eines von Nolans Problemen schön auf: die Verwechlsung von komplex und kompliziert. „Inception“ mag kompliziert sein, komplex ist er nicht, eine Reflexion über Träume und Bewusstsein schon gar nicht.

Über den Mangel an emotionaler Fallhöhe

Ein guter Actionfilm ist es auch nicht, dafür ist Nolans Action-Regie zu schwerfällig, sein alle Register der Actionfilm-Locations durchdeklinierender Duktus zu nervtötend. Seine emotionale Fallhöhe ist lächerlich beziehungsweise gar nicht vorhanden. In „Inception“ sind Emotionen nur Mittel zum Zweck: Die Beziehung von Cobb (Leonardo DiCaprio) und seinen Kindern wird niemals ausbuchstabiert, Nolan sucht keine Bilder für das Vermissen. Es ist nur der Motor, den Nolan dazu verwendet, die Handlung in Gang zu bringen, der den Grundstein für die Ereigniskette legen soll.

Auch Cobbs’ Beziehung zu seiner Frau Mal (Marion Cotillard) dient nur der Verkomplizierung. Anders da James Cameron beispielsweise. Man kann Nolan und Cameron, die beiden maßlosen Regie-Wunderkinder, gut miteinander vergleichen. Cameron erhob in „Terminator 2“ die Beziehung vom Terminator und dem jungen John Connor zum Kernthema seines Films und zeichnete seine Figuren feinsinnig und empathisch.

Spiele mit der Lüge

Die interessantesten Werke von Nolan bisher, waren – von „Doodlebug“ einmal abgesehen – die „Dark Knight“-Filme: drei hervorragende, brachiale und kluge Filme; Filme die Ideologien durchdenken, „The Dark Knight“ Anarchie, „The Dark Knight Rises“ (eine Form des) Kommunismus, inklusive Gulags auf dem Hudson River. Auch um Lüge und Wahrheit geht es bei Nolan immer und speziell in den „Dark Knight“-Filmen, die mit der politische Lüge spielen. „Memento“ und „Prestige“ sind auch Spielereien mit Lüge und Wahrheit.

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Wohin führt die Reise?

„Interstellar“ ist nun ein sehr interessanter Nolan-Film, ambitioniert, teuer, maßlos. Wer mehr über die Handlung wissen möchte, schaut sich am besten Volkers Text zum Kinostart an. Er betrachtet den Film zudem aus einem anderen Blickwinkel und bewertet ihn etwas besser als ich.

Kompliziert, nicht komplex

Wieder verwechselt Nolan komplex und kompliziert: viele Planeten, verschiedene Zeitrechnungen, unpassender Surrealismus. Das hilft dem Film überhaupt nicht, nimmt ihm aber lange nicht so viel, wie dem vollends auf jener behaupteten Komplexität aufbauenden „Inception“, der sich ja einzig und allein als Spiel mit dieser Komplexität versteht.

Aber erneut ist es ein politisches Werk, ein ideologischer Film. Viele Filme in jüngster Zeit scheinen die Menschheit abschaffen zu wollen, wie die „Transformers“-Filme. Oder jüngst „Chappie“, der meint, menschliches Bewusstsein einfach auf einem USB Stick speichern zu können (sic!) und dann fröhlich eine Mensch-Roboter-Patchworkfamilie gründet. Aber das ist Nolans Ideologie nicht. Mehrfach wird in diesem Film die Idee angesprochen einfach anderswo eine neue Menschheit zu „züchten“ und die alte aufzugeben. Doch Nolan lehnt das ab, das behandelt er wie etwas Obszönes.

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Astronaut Cooper in seinem Element

Humanismus mit dem Holzhammer

Er versucht einen humanistischen Film zu drehen. Da gibt es eine Vater-Kinder-Geschichte und einen herzzerreißend pathetischen Monolog über die Liebe. Kitschig, peinlich, aber dann doch, ja, schön. Interessant ist lediglich die Übertreibung und das Pathos – alles andere ist langweilig, leider, sagte Christian Kracht. Der einst so emotionslose Nolan hat doch dazugelernt, wenn er auch mit dem Holzhammer vorgeht.

Abgesehen davon liefert Nolan mit „Interstellar“ ein durch und durch dramatisches, dynamisches, wunderbar inszeniertes Weltraumepos, dessen Bilder einen bisweilen staunen lassen. Auch Nolans Schauspielführung ist hier wesentlich gelungener als früher, durchweg einwandfrei. Apropos Bilder: Nolan ist ja auch ein Verfechter des analogen Films, nur leider konnte man den Film beinahe nirgends mehr analog abgespielt im Kino sehen.

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Der Weltraum – unendliche Weiten

Musik wie aus „2001 – Odyssee im Weltraum“

Hans Zimmers Soundtrack ist längst nicht mehr so unsägliches Gedröhne, Gehämmer und Gekrache wie man es von ihm gewohnt ist, sondern ein beinahe schon feinsinniger Score, der dafür aber äußerst aufdringlich an die Musik von „2001 – Odyssee im Weltraum“ angelehnt ist. Alles in allem ist „Interstellar“ ein guter Science-Fiction-Film – nicht das Meisterwerk, dass viele darin sehen, aber ohne Frage ein gelungener Film.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Christopher Nolan sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Jessica Chastain, Casey Affleck, Michael Caine, Matt Damon, John Lithgow und Matthew McConaughey unter Schauspielerinnen bzw. Schauspieler.

Veröffentlichung: 31. März 2015 als 2-Disc-Steelbook-Edition Blu-ray, Blu-ray und DVD

Länge: 168 Min. (Blu-ray), 163 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch, Audiodeskription für Blinde: Englisch
Untertitel: Deutsch und Englisch für Hörgeschädigte, Spanisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Isländisch
Originaltitel: Interstellar
USA/GB 2014
Regie: Christopher Nolan
Drehbuch: Jonathan Nolan, Christopher Nolan
Besetzung: Matthew McConaughey, Anne Hathaway, Jessica Chastain, Wes Bentley, Michael Caine, John Lithgow, Topher Grace, Casey Affleck, Ellen Burstyn, Matt Damon
Zusatzmaterial: Interstellar: Eine Reise – Ursprünge, Einflüsse und Erzählstrukturen, Der Dreh auf Island: Millers Planet / Manns Planet – So entstehen zwei völlig unterschiedliche Welten in ein und demselben Land, Astronomische Orientierungshilfen – Wie gefilmte Spezialeffekte die Illusion einer echten Weltraumreise vermitteln, Miniaturen im All – Eine Erkundung der in großem Maßstab gebauten Modelle, die im Film verwendet werden, u. v. m.
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Warner Home Video

 
 

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David Fincher (IV): House of Cards – Die komplette erste Season: Macht ist alles

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House of Cards – Season One

Weshalb wird eine Serien-Rezension Teil dieser Reihe? David Fincher hat die beiden ersten Episoden inszeniert.

Von Simon Kyprianou

Drama-Serie // Ein neuer US-Präsident wird gewählt. Demokrat Francis Underwood (Kevin Spacey) freut sich auf den Posten des Außenministers, den das neue Staatsoberhaupt Garrett Walker (Michael Gill) ihm versprochen hat. Doch er bekommt ihn nicht – Underwood soll weiterhin Abgeordnete auf Kurs halten. So beschließt Frank, von nun an mit seiner Frau Claire (Robin Wright) alles dafür zu tun um zu sabotieren, zu tricksen und Macht zu erlangen.

TV-Serien als Gegenpol zum einfallslosen Hollywood-Kino

Was die seit Jahren neu aufkeimende Serienkultur so anziehend und interessant gemacht hat, war, dass sie der Stagnation des Kinos angenehm entgegengewirkt hat. Das Kino – speziell das aus Hollywood – scheint sich in den vergangenen Jahren etwas verloren zu haben, in Prequels, Sequels, Reboots, Remakes. Mit den omnipräsenten Superheldenfilmen ist obendrein eine unangenehme Infantilisierung des Kinos zu beobachten.

Großartige Serien wie „Breaking Bad“, „The Wire“ und jüngst „True Detective“ wirkten dem entgegen, waren frische, eigenständige Stoffe, die das in sich vereint haben, was man am Kino zuletzt so vermisst hat: Komplexität, Ästhetik, hervorragend geschriebene Figuren, hervorragendes Schauspiel.

Von der Leinwand ins Serienuniversum

Mittlerweile kann man jedoch auch in der Serienkultur Remake- und Reboot-Erscheinungen beobachten. Aus Kinofilmen wie „Fargo“ und „From Dusk Till Dawn“ werden Serien gemacht, Miniserien aus den 90ern wie „Ein Kartenhaus“ werden größer angelegte Serien. Ob das positiv oder eher negativ ist, bleibt abzuwarten. „House of Cards“ jedenfalls erzählt in seiner ersten Staffel relativ genau die Geschichte des BBC-Originals nach, umgemünzt auf US-Politik. Die Figurenkonstellation ist nahezu identisch.

Ausführliche Darstellung des politischen Alltags

„House of Cards“ nutzt seine Länge, sich mehr auf die Figuren zu konzentrieren, den zermürbenden politischen Alltag nachzuzeichnen und tiefer in Details zu gehen. Das führt nur selten zu Stillstand, oder narrativer Lähmung, meist ist es ganz wunderbar. So ist Folge drei ein schönes Beispiel für zermürbendes politisches Klein-Klein. In Folge acht wird die Narration vollständig fallen gelassen. In einem virtuos geschlagenen erzählerischen Haken wird der Fokus auf Franks Charakter gelegt.

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Machtgeil: die Eheleute Underwood

Auch werden Figuren ausgebaut, die im Original kaum Raum hatten. Francis’ Ehefrau Claire wird so zu einer zentralen Figur, sogar zu einer der am besten geschriebenen Figuren, die wunderbar an ihrem ambivalenten Charakter zerbricht. Sie schwankt zwischen den Extremen, schwankt zwischen den Männern und zwischen den Städten.

Ein Königsdrama wie von Shakespeare

Geschrieben, gespielt und inszeniert ist die erste Staffel durchgehend einwandfrei. In den ersten beiden Episoden verleiht David Fincher als Regisseur der Serie dabei die kühle, präzise Eleganz, die sie sich durchweg bewahrt. Bewusst angelehnt an Königsdramen à la Shakespeare, ist „House of Cards“ in der GB- wie in der US-Version gleichermaßen ein beeindruckendes politisches Melodram.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von David Fincher sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Mahershala Ali und Kevin Spacey in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 17. Dezember 2013 als 4-fach-Blu-ray, 9. Januar 2015 als 4-fach-DVD

Länge: 674 Min. (Blu-ray), 647 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Türkisch, Hindi
Originaltitel: House of Cards – Season One
USA 2013
Regie: David Fincher, James Foley, Joel Schumacher, Charles McDougall, Carl Franklin, Allen Coulter
Drehbuch: diverse
Besetzung: Kevin Spacey, Michael Gill, Robin Wright, Michael Kelly, Nathan Darrow, Mahershala Ali, Michael Gill, Kate Mara
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Sony Pictures Home Entertainment

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Sony Pictures Home Entertainment

 

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Wie der Wind sich hebt – Laues Lüftchen

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Kaze tachinu – The Wind Rises

Gastrezension von Matthias Holm

Anime-Drama // Ja, ich war etwas enttäuscht von Hayao Miyazakis angeblich letztem Film „Wie der Wind sich hebt“. Das sollte also der Abschied des Mannes sein, der mit „Prinzessin Mononoke“ mein Leben als Filmfan derart geprägt hat? Immerhin gibt es inzwischen mal wieder Gerüchte, dass er sein Wirken fortsetzt. Und so schlecht kann der Film ja gar nicht sein, bei einer Durchschnittswertung von 7,8 in der IMDb und 89 Prozent bei Rotten Tomatoes (Stand März 2015).

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Bereits als Junge …

Doch leider konnte mich der Film auch bei der Zweitsichtung nicht überzeugen. Er ist in seiner Erzählung zu zerfasert, weiß einfach nicht, worauf genau er sich konzentrieren soll. So spricht er viele Punkte an, bleibt dabei aber an der Oberfläche. Wer wissen möchte, was ich genau an dem Film auszusetzen hatte, dem sei meine Kinorezension ans Herz gelegt.

Bild und Ton über jeden Zweifel erhaben

Nun also die Blu-ray. Und wenn der Film auf inhaltlicher Ebene nicht überzeugen konnte, macht er dafür optisch und akustisch alles richtig. Im Heimkino sehen die Bilder fantastisch aus – Farbe, Konturen, es passt einfach alles. Und erst die Geräusche. Bereits im Kino fiel auf, dass alle Sounds per Mund „eingesprochen“ worden sind. Allein für diesen Film überlege ich, mir eine tolle Surround-Anlage zu besorgen.

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… träumt Jiro vom Fliegen

Hier hätten die Extras perfekt einhaken können – machen sie aber nicht. Stattdessen gibt es neben den obligatorischen Trailern lediglich den gesamten Film als Skizzenzeichnungen und eine 90-minütige Pressekonferenz zum Start des Films. Das ist beides zwar nett anzuschauen, aber verzichtbar. Gerade hier, bei Miyazakis letztem Film, hätte ich gern mehr Einblicke in die Produktion gehabt.

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Nahoko erholt sich im Wald

Aber was rede ich lange? Komplettisten haben den Film eh schon im Regal stehen – und sei es nur, um das Werk dieses großartigen Mannes zu würdigen.

Zu meiner Rezension anlässlich des Kinostarts geht’s auch hier.

Veröffentlichung: 12. Dezember 2014 als Blu-ray, Special Edition DVD und DVD

Länge: 127 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Japanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Kaze tachinu
Internationaler Titel: The Wind Rises
JAP 2013
Regie: Hayao Miyazaki
Drehbuch: Hayao Miyazaki
Zusatzmaterial: Studio Ghibli Trailershow, nur Special Edition und Blu-ray: Postkarten (nur in Erstauflage), deutscher Kinotrailer, japanische Original-Trailer & TV-Spots, Storyboards zum kompletten Film, nur Blu-ray: Pressekonferenz zur Fertigstellung des Films
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2015 by Matthias Holm
Szenenbilder & Packshots: © 2014 Universum Film / Wild Bunch Germany

 
 

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