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Big Eyes – Einer der größten Betrugsfälle der Kunstgeschichte

20 Apr

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Big Eyes

Kinostart: 23. April 2015

Von Anja Rohde

Drama // Als Margaret (Amy Adams) zusammen mit ihrer kleinen Tochter ihren Ehemann verlässt und nach San Francisco zieht, lernt sie Walter Keane (Christoph Waltz) kennen. Beide malen, sie Kinder und Tiere mit übergroßen Augen, er französische Gassen. Sie verlieben sich und heiraten, und da in den 50er-Jahren die Ehefrau den Nachnamen des Mannes annimmt, unterzeichnet sie fortan ihre Bilder mit „Keane“. Walter ist ein umtriebiger Geschäftsmann, der keine Gelegenheit auslässt, die Bilder von sich und seiner Frau an die Öffentlichkeit zu bringen. Moderne Kunstgalerien lehnen den Kitsch aber ab, und so findet die erste Ausstellung in einem Nachtclub statt – und dort auch nur im Flur zur Toilette.

Große Augen treffen ins Herz

Bald finden sich aber Interessierte an dieser Art Kunst, vor allem an den Bildern mit den großen Augen. Mehr zufällig, aber auch, weil er weiß, dass einer weiblichen Künstlerin weniger Erfolg beschieden ist als einem Mann, behauptet er, die Bilder seien von ihm. Margaret bekommt das zwar mit, lässt sich aber von ihm anfangs überzeugen, später einschüchtern, weitere Bilder zu produzieren, die er als die seinen ausgibt.

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Margaret Keane malt …

Walters Geschäftstüchtigkeit lässt nicht nach: Als er bemerkt, dass kaum jemand die Originalbilder kauft, ihm die Ausstellungsplakate aber aus der Hand gerissen werden, beginnt er mit der Massenproduktion: Plakate und Postkarten mit großen Augen werden bald sogar im Supermarkt verkauft. So gelangt Familie Keane zu einem ansehnlichen Vermögen. Sie ziehen in ein großes Haus mit Pool, Berühmtheiten kommen zu Besuch.

Viel Arbeit, viel Geld – kein Ruhm, keine Ehre

Für Margaret ist das keine schöne Zeit: Ihre Bilder sind zwar berühmt, aber nicht unter ihrem Namen. Sie sitzt zu Hause im Atelier und malt stundenlang, Kontakte zur Außenwelt verbietet ihr der Ehemann. Der lässt sich währenddessen feiern und konstruiert immer größere Lügengebilde rund um seine Kunst.

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… Walter Keane tut nur so

Eine wilde Geschichte – vor allem, da sie wahr ist. Margaret Keane lebt, sie malt immer noch große Augen, auf ihrer Website kann man Originale und Drucke kaufen. Tim Burton gilt als großer Fan von ihr, er besitzt zahlreiche Originale, und sie hat in seinem Auftrag Helena Bonham Carter und Burtons Chihuahua porträtiert.

Ist die Geschichte wahr oder falsch?

Diese Freundschaft wird ihm in manchen Internetdiskussionen vorgeworfen: Burtons Story sei einseitig, sie erzähle die Geschichte nur aus der Perspektive des angeblichen Opfers Margaret. Da Walter nicht mehr lebt, kann er seine Version nicht beisteuern – dies übernimmt eine Tochter aus früherer Ehe, die ihren Vater als fähigen Maler und Ideenlieferanten beschreibt. Der Journalist Jon Ronson erzählt zwar im Oktober 2014 in einem Text für „The Guardian“ und im Januar 2015 für „Der Freitag“ anhand eines Interviews mit Margaret Keane eine ähnliche Geschichte wie der Film, aber die heftige Online-Diskussion unter einem Uproxx-Text, in dem Vince Mancini die Gegendarstellung der Keane-Tochter zitiert, zeigt, dass es in der Große-Augen-Fangemeinde sehr geteilte Meinungen darüber gibt, ob Margaret nun wirklich nur Opfer und Walter nur manischer Soziopath war.

Der etwas andere Tim-Burton-Film

Dieser Film ist anders als andere Tim-Burton-Filme. Nicht nur, dass Johnny Depp oder Helena Bonham Carter nicht mitspielen (was man vielleicht auch mal verschmerzen kann), es fehlen auch die kleinen Verrücktheiten, die absurden Ideen, die phantastischen Ausreißer, die den klassischen Burton so liebenswert machen. Wer „Edward mit den Scherenhänden“, „Mars Attacks!“ und „Sleepy Hollow“ verehrt, mag „Big Eyes“ fast langweilig finden.

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Gleich wird Margaret den Heiratsantrag annehmen – ein Fehler?

Andererseits: Der Wahnsinn liegt hier ja schon in der Geschichte an sich und den doch sehr sonderbaren Bildern, die man sich selbst wohl eher nicht an die Wand hängen würde. Insofern können sich der Regisseur und die Crew darauf konzentrieren, eine glaubwürdige 50er- und 60er-Jahre-Umgebung darzustellen, was hervorragend gelingt – die Ausstattung ist perfekt. Obendrein ist Margaret Keane natürlich trotzdem eine klassische Burton-Hauptfigur: Verkannte Außenseiter, die von der Welt isoliert vor sich hin leben, haben wir ja doch schon in einigen seiner Filme gesehen.

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Ist das Bild von Walter oder von Margaret?

Ein paar schöne Details gibt es dann doch noch: Nach vielen Jahren des Malens riesiger Augen starren Margaret plötzlich im realen Leben ähnlich große Augen an. Und dass sie eine Campbell’s-Dose in den Einkaufswagen legt, bevor sie im Supermarkt den großen Stand mit ihrer Massenware entdeckt, ist eine kleine, feine Anspielung auf den Kunstbetrieb der 60er-Jahre.

Was bleibt? Solide Filmunterhaltung mit schöner Ausstattung und selbstverständlich perfekten Schauspielern, aber kein Muss für Burtonaniacs.

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Nicht jeder hält die großen Augen für Kunst

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Amy Adams sind in unserer Rubrik Schauspielerinnen aufgelistet, Filme mit Christoph Waltz in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 106 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Big Eyes
USA/KAN 2014
Regie: Tim Burton
Drehbuch: Scott Alexander, Larry Karaszewski
Besetzung: Amy Adams, Christoph Waltz, Danny Huston, Krysten Ritter, Jason Schwartzman, Terence Stamp, Jon Polito, Delaney Raye, Madeleine Arthur, Farryn VanHumbeck
Verleih: Studiocanal Filmverleih

Copyright 2015 by Anja Rohde

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2015 Studiocanal Filmverleih

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2 Kommentare

Verfasst von - 2015/04/20 in Film, Kino, Rezensionen

 

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2 Antworten zu “Big Eyes – Einer der größten Betrugsfälle der Kunstgeschichte

  1. olivesunshine91

    2015/04/20 at 18:06

    Ohgottohgottohgott – ich hab das Ganze nur hastig überflogen und mir dabei gespoilert, glaube ich o_O Der Film steht nämlich ganz oben auf meiner Liste 🙂

     
    • V. Beautifulmountain

      2015/04/21 at 06:29

      Das tut mir leid. Ich hatte überlegt, ob ich mit meiner Gastautorin diskutiere, inwiefern sie meint, zu tief in den Inhalt eingestiegen zu sein, mich dann aber dagegen entschieden, weil der Fall bekannt ist bzw. sich jemand, der den Film schauen will, ohnehin über die wahre Begebenheit informiert.

       

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