RSS

Edward Lee: Das Schwein (Buchrezension)

26 Apr

Lee-Edward-Das_Schwein

The Pig

Horror // Der erste Satz – oft entscheidet er über Wohl und Wehe, im Einzelfall gar über Weiterlesen oder Weglegen. Schauen wir uns den ersten Satz von Edwards Lees „Das Schwein“ an:

Sissy schaute auf das Schnapsglas voller Schweinesperma und kippte es auf ex.

Wuärkx! Will man da weiterlesen? Hier trennt sich sofort die Spreu vom Weizen. Aber Verleger Frank Festa will mit seiner Reihe Festa Extrem ohnehin nur Leser in Versuchung führen, die auf der Suche nach – nun ja – extremen Leseerfahrungen sind; Leser, die bei Stephen King und Dean Koontz womöglich nur noch milde lächeln.

Es wird schmutzig

Wagen wir uns weiter hinein ins Buch. Eine Warnung vorweg: Es wird hässlich, es wird grausam, es wird schmutzig – extrem schmutzig. Wer bei einem Schnapsglas voller Schweinesperma schon schlucken muss, sollte sich zweimal überlegen, ob er oder sie sich auf den Höllentrip in die Sex-und-Gewalt-Gedankenwelt eines Edward Lee begeben will. Aber das war es vielleicht auch, was der US-Autor mit seinem ersten Satz bezweckt hat. Insofern: Danke für die Warnung, Mr. Lee.

Die Sau wird hier nicht durchs Dorf getrieben

Besagte – und bedauernswerte, wie wir schnell erfahren werden – Sissy muss sich unmittelbar im Anschluss an ihren animalischen Shot erst einmal übergeben. Leonard war angewidert … Sissy war angewidert … Sogar das Schwein war angewidert … Mit Leonard lernen wir nun also auch schnell den Protagonisten des Romans kennen. Wir erfahren, dass er 20 Jahre zuvor in Maryland aufgewachsen ist und seinem Vater nacheiferte – der Schweinefarmer hatte eine besondere Vorliebe für seine Sau Lacie. Richtig gelesen, genau das ist gemeint.

Im Knast geht’s rund

Weiter im Text? Edward Lee hatte uns gewarnt! Der junge Leonard entwickelt eine Leidenschaft fürs Filmemachen. Er schreibt die Kurzgeschichte „Der Beichtvater“ – die wir zu lesen bekommen –, will sie verfilmen und beim Sundance einreichen. Der Versuch, sich das nötige Equipment auf illegale Weise zu beschaffen, bringt ihn in den Knast, wo er seinem Zellengenossen als Lustknabe dient, der ihn obendrein an alle anderen Insassen vermietet. Die Details von Leonards Zeit als Zellenschlampe erspare ich euch, Lee erspart sie uns nicht.

In den Fängen der Mafia – Tierpornos statt Arthaus für Sundance

Kaum entlassen, klaut Leonard die Ausrüstung erneut. Diesmal kommt er davon, aber dann gerät er in die Fänge eines Kredithais der Mafia. Doch es ist nicht die ehrenwerte Gesellschaft, die wir aus „Der Pate“ und anderen Mafia-Epen kennen. Diese Mafioso sind Rocco und Knuckles, zwei schmierige – das Wort ist an sich zu schwach – Sadisten, die im Pornogeschäft tätig sind. Im Tierpornogeschäft.

Der Wert eines Junkielebens

Fortan muss Leonard in einer schäbigen Bruchbude fernab jeder Ortschaft und Hoffnung fürs organisierte Verbrechen Tierpornos drehen. Seine Darsteller sind Hunde, Pferde, Schweine – was das Herz der perversen Kunden begehrt. Seine Darstellerinnen sind die beiden abgewrackten heroinsüchtigen Prostituierten Sissy und Snowdrop, die nur noch die Sucht nach dem nächsten Schuss auf den Beinen hält. Rocco und Knuckles haben die Frauen auf diese Weise versklavt, weil sie beim Anschaffen auf dem Straßenstrich nicht mehr genug Kohle bringen. Ihre Leben sind nichts mehr wert, an Nachschub für die Dreharbeiten in Gestalt anderer Junkie-Huren herrscht kein Mangel.

Kameramann der Hölle

Ich bin der Kameramann der Hölle, denkt sich Leonard eines Tages, und das kommt der Realität wohl ziemlich nah. Einen Snuff-Film muss er da drehen – zum Glück seinen einzigen in den zehn Monaten seines Daseins als Mafia-Pornofilmer. Rocco und Knuckles nehmen sich die Tochter eines missliebigen Richters vor. Wenn Rocco der jungen Frau zu Beginn erst einmal mit einem Bolzenschneider die Zehen kappt, ahnt man nur vage, was sie und den Leser erwartet. Wenn die Bedauernswerte es fünf Seiten später endlich hinter sich hat, ist erst einmal Durchatmen angesagt. Das Zimmer sollte allerdings noch wochenlang unsäglich stinken. Viel Härteres habe ich in meinem Leben noch nicht gelesen – vielleicht bei Bret Easton Ellis’ „American Psycho“. Nekrophil geht’s zum Glück nur einmal zu.

Haltet das Buch von Minderjährigen fern!

Wenige Seiten später kommt Leonard während eines besonders bizarren Erlebnisses die Erkenntnis, dass das womöglich die absurdesten Worte waren, die jemals in der Geschichte der Zivilisation laut ausgesprochen worden waren. Dass Rocoo und Knuckles ihm bald darauf auch noch bedeuten, sein Daddy wäre stolz auf ihn, setzt dem Fass die Krone auf. Worum es in dieser Sequenz geht, soll an dieser Stelle nicht verraten werden – es könnten Kinder mitlesen. Apropos Kinder: Legt dieses Buch ganz weit weg außerhalb der Reichweite eurer Kinder!

Auftritt der sexsüchtigen Sektenbraut

Später wird Leonard von einer sexsüchtigen Sektenbraut verführt, die sich gern fisten lässt, und der Roman bekommt gar einen dämonischen Einschlag. Immerhin lässt sich konstatieren: No animals were harmed during the making of this novel. Wir nehmen einfach mal zugunsten von Edward Lee an, dass „Das Schwein“ kein Erfahrungsbericht ist.

Extreme Horror und Splatterpunk

Es geht drastisch zur Sache in „Das Schwein“, so drastisch, dass es kaum auszudrücken ist. Lee „gilt als obszöner Provokateur und führender Autor des Extreme Horror“, schreibt Frank Festa in der Kurzbiografie am Ende des Romans. Das kann man so stehen lassen, zudem das Wort Splatterpunk in den Raum werfen, obwohl diese Subgattung des Horrorgenres an sich nicht ganz mit derartigen Perversionen von Sex und Gewalt konnotiert wird. Edward Lee bewegt sich jedenfalls in diesen Gefilden.

Wer kann so etwas lesen?

Wem kann man den Roman ans Herz legen, wem muss man abraten? Ein versierter Schreiber ist Lee, keine Frage. Einstieg mitten in die Handlung, dann zügig Rückschau zum Kennenlernen von Leonard, danach alsbald ans Eingemachte – strukturell lädt „Das Schwein“ jedenfalls zur Lektüre ein. Wer sich vom Schweinesperma-Prolog nicht abschrecken lässt, weiß spätestens mit der ersten Schäferhund-und-Frau-Szene ab Seite 11 und Leonards Knastaufenthalt ab Seite 25, was Sache ist. Die Sex-und-Gewalt-Schraube steigert sich zwar immens, aber Lee schreibt so flüssig, dass man den Roman beendet hat, bevor man begreifen konnte, worauf man sich da eingelassen hat. Es fällt auch im Anschluss schwer zu begreifen.

Auf der Suche nach Grenzerfahrungen?

Seid Ihr als Horror-Aficionado auf der Suche nach Lesestoff jenseits der Hölle? Habt Ihr keine Berührungsängste, was menschliche und tierische Körperflüssigkeiten angeht? Oder erigierte menschliche und animalische Genitalien? Sucht Ihr neue Grenzerfahrungen in Richtung Torture Porn? Dann greift zu, bedenkt aber Friedrich Nietzsche: Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

Festa Extrem

Zur Bestellmöglichkeit des Buchs beim Festa Verlag geht’s hier. Für die Mutigen geht’s hier zur Übersichtsseite von Festa Extrem. Man kann die Reihe auch abonnieren – mit Preisvorteil. Ich trau’ mich aber nicht recht. Der Festa Verlag legt die Bücher der Reihe ohne ISBN auf. Sie können somit nur beim Verlag bezogen werden.

Autor: Edward Lee
Originaltitel (1997): The Pig
Deutsche Erstveröffentlichung: 4. Februar 2013
160 Seiten
Übersetzung: Markus Mäurer
Verlag: Festa Verlag
Preis: 12,80 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Logo: © Festa Verlag

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2015/04/26 in Literatur, Rezensionen

 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

2 Antworten zu “Edward Lee: Das Schwein (Buchrezension)

  1. Barbara

    2015/04/28 at 09:29

    „Sogar das Schwein war angewidert.“
    Klingt herzergreifend!

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: