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John Bellairs – Das Gesicht im Eis: So schön können Bücher sein (Buchrezension)

04 Mai

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The Face in the Frost

Fantasy // Small Press – Literatur in aufwendig gestalteten Liebhaberausgaben mit kleinen Auflagen, vom Autor und/oder Illustrator signiert, das ist ein hierzulande nicht allzu verbreitetes Sammelgebiet. Die Edition Phantasia von Joachim Körber existiert seit 1984 und hat einige herausragende Veröffentlichungen im Portfolio, darunter die längst vergriffenen und zu horrenden Preisen gesuchten sechs „Bücher des Blutes“ von Clive Barker und „Spiel des Verderbens“ vom selben Autor. Für Körbers Ausgaben von Stephen Kings „Es“, „Angst“ und „Nebel“ kann auf dem Sammlermarkt schon mal der Jahresurlaub draufgehen.

Ein Buch als Kunstwerk

Aber es sind nicht nur die großen Namen, die bei der Edition Phantasia faszinieren. Weniger bekannte Autoren haben den Vorteil, dass sie trotz der Kleinauflagen von 250 oder 300 Exemplaren noch zum Normalpreis lieferbar sind. Der liegt bei derlei Editionen zwar deutlich über den Preisen herkömmlicher gebundener Bücher ohne Limitierung, aber wer als Bibliophiler einmal eins der liebevoll gestalteten Werke der Edition Phantasia in den Händen gehalten und haptisch wahrgenommen hat, wird sich ihrem Reiz kaum entziehen können. Diese Bücher sind Kunstwerke.

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Das gilt ganz besonders für „Das Gesicht im Eis“ des 1991 verstorbenen US-Schriftstellers John Bellairs. Joachim Körber hat uns den Fantasy-Roman bereits 2009 in deutscher Erstausgabe im schönen Schuber zugänglich gemacht, daher war ich froh, erst kürzlich noch eins der 250 Exemplare erwerben zu können. Wer weiß schon, wann die letzten Bände das Lager der Edition Phantasia verlassen werden?

Zwei minderbegabte Magier als Helden

Bellairs’ Gesamtwerk ist geprägt von Schauerromanen um den Waisenjungen Lewis Barnavelt, die sich in erster Linie an Jugendliche richten. „Das Gesicht im Eis“ hingegen ist ein „erwachsenes“ Buch. Als Helden der Geschichte lernen wir schnell die beiden Zauberer Prospero und Roger Bacon kennen, die in England leben und deren Fähigkeiten bisweilen nicht ganz auf der Höhe der Zeit zu sein scheinen. Anders gesagt: Sie sind nicht die größten Leuchten auf ihrem Gebiet. Auf der Suchen nach einem mysteriösen Buch ziehen die beiden die Aufmerksamkeit des bösen, vermeintlich toten Magiers Melichus auf sich. Für Prospero und Roger beginnt ein gefährliches Abenteuer, in dessen Verlauf ihre Heimat von einem ewigen Winter bedroht wird. Prospero verschlägt es gar in eine völlig andere Welt.

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Fantasy hat Hochkonjunktur, nicht zuletzt dank der Erfolge von Peter Jacksons gigantomanischen „Der Herr der Ringe“- und „Der Hobbit“-Filmprojekten und des grandiosen „Das Lied von Eis und Feuer“ bzw. „Game of Thrones“, das als Romanreihe wie als TV-Serie Maßstäbe setzt. „Das Gesicht im Eis“ ist nicht ganz so episch angelegt wie die beiden genannten Werke, obendrein leichtfüßiger und verspielter, was ich nicht als Herabwürdigung verstanden wissen möchte. Düstere Elemente und humorige Einlagen halten sich auf angenehme Weise die Waage.

John Bellairs – bei uns nicht allzu bekannt

Der Roman hat über die Jahre im angelsächsischen Sprachraum seine verdiente Anhängerschaft erhalten, auch in der Gilde der Autoren: Zu seinen Fans zählen die Schriftsteller Lin Carter und Ursula K. Le Guin. In Deutschland ist Bellairs kaum bekannt, auch wenn einige seiner Lewis-Barnavelt-Romane um die Jahrtausendwende herum bei uns erschienen sind (mittlerweile vergriffen). Jedenfalls ist es sowohl der Edition Phantasia als auch dem Vermächtnis von John Bellairs durchaus zu wünschen, dass „Das Gesicht im Eis“ auch in deutscher Übersetzung mehr Aufmerksamkeit erhält.

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Bellairs hatte durchaus Ambitionen mit der Welt von Prospero und Roger Bacon. Ein Prequel, das das Kennenlernen der beiden thematisieren sollte, war für eine Anthologie vorgesehen, die leider nie veröffentlicht wurde. Die Geschichte gilt als verloren. Ein fragmentarisch erhaltenes Sequel mit dem Titel „The Dolphin Cross“ hingegen erschien 2009 in den USA in einer John-Bellairs-Anthologie mit dem Titel „Magic Mirrors“, die auch „The Face in the Frost“ enthält.

Ein Buch mit verschiedenen Sinnen erfahren

Seiner Leserschaft als Rezensent den Reiz eines Romans zu beschreiben, ist eine Sache. Ungleich schwieriger erscheint es mir – trotz Fotos –, den Reiz einer bibliophilen Sammlerausgabe zu vermitteln. An sich muss man ein solches Buch einmal in den Händen halten, darin blättern, es fühlen, daran riechen. Sollte ich mit dieser Rezension auch nur einen Leser auf das Sammelgebiet der limitierten literarischen Liebhaberausgaben geführt haben, so bitte ich schon jetzt um Vergebung für kommende Geldausgaben. Ich übernehme dafür keine Verantwortung!

Die wunderbare Vorzugsausgabe von „Das Gesicht im Eis“ kann hier direkt bestellt werden.

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Autor: John Bellairs
Originaltitel (1969): The Face in the Frost
Deutsche Erstveröffentlichung: 2009
312 Seiten
Übersetzung: Joachim Körber
Verlag: Edition Phantasia, Joachim Körber Verlag, Bellheim
Preis: 75 Euro

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 

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