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Ridley Scott (III): Blade Runner – Ohne Voice-over ein Meisterwerk

04 Mai

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Blade Runner

Von Simon Kyprianou

If only you could see what I see. (Roy Batty)

Science-Fiction // Rick Deckard (Harrison Ford) ist ein Blade Runner, ein Spezialpolizist, der auf fünf entflohene Replikanten unter der Führung von Roy Batty (Rutger Hauer) angesetzt wurde. Replikanten sind künstlich erschaffene, menschenähnliche Wesen mit geringer Lebenserwartung, die einen fremden Planeten bewohnbar machen sollen.

Replikantenjäger liebt Replikantin

Die fünf flüchtigen Replikanten wollen auf der Erde ihren Schöpfer aufsuchen, die Tyrell Corporation, um sich die Lebenserwartung erhöhen zu lassen. Während Deckard Jagd auf die Replikanten macht, verliebt er sich in Rachel (Sean Young). Sie entpuppt sich aber selbst als Replikantin. Auf seiner existentialistischen Reise durch die Stadt sieht sich Deckard gezwungen, alles zu überdenken, was er über Menschlichkeit zu wissen glaubte.

Blade_Runner-Koffer-Inhalt

Der Inhalt des Koffers (gekauft in den USA)

Aus der Vielzahl an Themen, die teilweise nur beiläufig, ganz unscheinbar behandelt werden, kristallisiert sich das Thema des Menschseins, der Humanität heraus. „Menschlicher als der Mensch“ ist das Werbeversprechen der Tyrell Corporation. Zum Thema der Menschlichkeit, beziehungsweise dem Verschwinden der Menschlichkeit in einer dahinvegetierenden, leidenden Stadtwelt passt zweifellos auch Scotts formale Herangehensweise, die Verbindung von Film noir und Science-Fiction.

Film noir im Gewand der Science-Fiction

Der Film noir ist ein Genre des Scheiterns, des Pessimismus, der Hoffnungslosigkeit, ein desillusioniertes Nachkriegs-Genre. Wenn Scott eben jenes Genre in einem Science-Fiction-Film bedient, dann sagt er, dass sich die Welt im Innern nicht verändert, dass wir die Probleme und das Leid mit uns in die Zukunft verschleppen.

Überall kocht und brodelt es in dieser Welt, überall sind Menschen, überall wird Rauch in die Luft geblasen, Dampf steigt aus Gullideckeln empor, Lichter blinken überall, alles steht im Dreck. Das wundervolle Setdesign von Syd Mead lässt die Zukunft lebendig werden, eine Zukunft von Massenarmut, Überbevölkerung, fehlendem Mittelstand und einer Diktatur der Konzerne. Aber Scott suhlt sich nicht in all diesen Problemen, er behandelt sie wie beiläufig, wie selbstverständlich und verleiht ihnen gerade dadurch ihren kalten Schrecken.

Der künstliche Mensch als Jesus-Verkörperung

Reflektieren tut er aber über das Thema der Menschlichkeit, die den Menschen abhandengekommen zu sein scheint. Ironischerweise findet der Werbespruch „Menschlicher als der Mensch“ zu seiner bitteren Wahrheit, denn die Replikanten mit ihren überschäumenden Gefühlen scheinen tatsächlich die Menschen zu übertreffen. Und so ist es auch einer der Replikanten, der die größte Geste der Menschlichkeit ausüben darf und den Menschen damit überhaupt wieder beibringt wie es ist, ein Mensch zu sein. Roy opfert sich am Ende, für einen Menschen und für die Menschlichkeit. Das ist der Höhepunkt von Scotts Jesus-Symbolik und Erlöser-Symbolik die dem Roy-Charakter innewohnt.

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Ridley Scott empfiehlt den Final Cut

Scotts Inszenierung ist dabei von schmerzhafter Schönheit. Gleich schon am Anfang, im Auge, das die ganze Leinwand füllt, das auf die sterbende Industriestadt blickt, spiegelt sich eine zerstörerische Feuersbrunst wider und verwandelt das kalte, schöne Blau des Auges in ein Inferno. Alle Sets sind in diffuses Licht, besser gesagt in diffuse Düsternis getaucht. Es sind keine klaren Bilder, sondern Bilder voll Chaos und Schmutz – Bilder des Verfalls untermalt von Vangelis’ ebenso diffuser und unwirklicher Sehnsuchtsmusik (so heißt eines der Stücke „Memories of Green“).

Von der Kinofassung zum Final Cut

Den Film gibt es mittlerweile in drei verschiedenen Fassungen (an sich sogar vier – von der 1982er-Kinoversion gibt es zwei Varianten). Mit der Kinofassung von 1982 war Scott unzufrieden – das Studio hatte ihm Voice-over-Erzählungen aufgedrängt. Harrison Ford hasst sie, was er bis heute gern kundtut. Sie war auch nicht besonders erfolgreich in den Kinos. Erst über die Jahre und mit den veränderten Fassungen bekam „Blade Runner“ sein heutiges Ansehen.

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Der Koffer

Der Director’s Cut kommt immerhin schon ohne das Voice-over aus und hat ein etwas anderes, offeneres, pessimistischeres Ende, das Deckard als Replikanten andeutet. Der Director’s Cut war aber immer noch nicht Scotts präferierte Fassung, sondern kam ihr lediglich näher als die Kinoversion. Die dynamischste und ausgegorenste Fassung ist der Final Cut, der die Gewichtung der Geschichte nochmals leicht verändert hat und von Ridley Scott als seine Vision empfohlen wird. Heute ist der Final Cut die gängige Fassung des Films, er wird im Fernsehen ausgestrahlt und ist auf den meisten DVD-/Blu-ray-Fassungen enthalten. Es gibt mittlerweile aber auch exzellente DVD-/Blu-ray-Editionen auf denen alle Fassungen enthalten sind, die also zum Vergleich einladen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Ridley Scott sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Harrison Ford und/oder Rutger Hauer in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 117 Min. (Blu-ray), 113 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: Blade Runner
USA/HK/GB 1982
Regie: Ridley Scott
Drehbuch: Hampton Fancher, David Webb Peoples, nach dem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ von Philip K. Dick
Besetzung: Harrison Ford, Rutger Hauer, John Lithgow, Sean Young, Edward James Olmos, M. Emmet Walsh, Daryl Hannah, William Sanderson, Brion James, James Hong
Zusatzmaterial: k. Ang.
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Packshot: © 2015 Warner Home Video

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3 Antworten zu “Ridley Scott (III): Blade Runner – Ohne Voice-over ein Meisterwerk

  1. City

    2015/08/10 at 14:49

    Deckard ein Replikant?
    … niemals.
    Das wird im Film nicht angedeutet. Im Gegenteil. Die mentale und physische Unterlegenheit gegenüber Roy macht ihn menschlich und somit zur Identifikationsfigur für den Zuschauer.
    Außerdem ist es den Replikanten unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich auf der Erde aufzuhalten.

     
  2. belmonte

    2015/05/04 at 20:56

    War nicht irgendwie immer klar, dass Deckard ebenfalls ein Replikant ist?

     
    • Christian Weis

      2015/05/06 at 11:14

      Es ließ sich zumindest immer erahnen, dass Deckard Replikant ist. Das Filmstudio wollte das bei der Kinoveröffentlichung wohl möglichst vage lassen, weil ein Replikant fürs Publikum zu wenig Identifikationsfigur sein könnte, wenn ich mich recht erinnere. Zu dem Film hab ich schon so viel gesehen und gelesen, dass ich gar nicht mehr weiß, wer wann was dazu gesagt hat und was nur ein Gerücht ist/war … 😀

      Wie oft ich den Film selbst bereits gesehen habe, da könnte ich nur spekulieren. Der Soundtrack läuft bei mir zeitweise rauf und runter, rauf und runter … Da ich auch SF mit Cyberpunkanleihen schreibe, bietet er die ideale Hintergrundberieselung.

       

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