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Domino – Live Fast Die Young: Das Vermächtnis des Tony Scott

07 Mai

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Domino

Von Simon Kyprianou

Action // Tony Scott ist ein schmerzlich unterschätzter Regisseur, ja mehr noch: ein missverstandener Regisseur. Vielfach werden seine Filme als geistesarme Zerstreuung abgetan, zu selten werden sie begriffen, zu selten wird Tony Scott Anerkennung als radikaler Action-Auteur zuteil. Seit seinem ersten Film „Begierde“, dem Vampirdrama mit David Bowie, Catherine Deneuve und Susan Sarandon, hat er einen konsequenten künstlerischen Ansatz verfolgt, ihn verändert, angepasst, und modifiziert – bis er ihn seit etwa 2004 mit „Mann unter Feuer“ zu seiner Essenz geführt hat.

Kino der Bilder und Momente

„Mann unter Feuer“, „Domino“, „Deja Vu“ und sein letzter Film „Unstoppable“ von 2010, das sind die vier großen Tony-Scott-Filme – Kino radikal reduziert, bis nur noch das Notwenigste übrig bleibt, nichts mehr überflüssig ist. Tony Scotts Kino besteht nur noch aus Licht, Farbe, Dynamik, Kraft und Emotionen. Er erzählt in diesen vier Filmen keine großen Geschichten – eigentlich erzählt er gar keine Geschichten mehr. Hier ein entführtes Mädchen, da ein verwirrtes Leben, dort ein Anschlag und in „Unstoppable“ gilt es einen rasenden Zug aufzuhalten. Das sind lediglich Aufhänger, Vorwände, keine Geschichten.

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Das Leben als Kopfgeldjägerin ist gefährlich …

Geschichten haben Tony Scott nie interessiert, Dialoge auch nicht. Bei Tony Scott geht es um Bilder und Momente. Die Bilder sind für ihn die besseren Worte, mit ihnen erzählt er alles – wie sich die Menschen fühlen, wie zerrissen sie sind, wir kaputt sie sind. Alle erforderlichen Informationen stecken bei Tony Scott in den Bildern. Es sind Momente, die ihn umtreiben, Momente der Angst, der Wut, der Gewalt.

Denzel Washington als Jedermann

Sieht man eine Actionszene bei Tony Scott, dann ist sie losgelöst von allem anderen, ein Moment für sich allein. Die Actionszenen transzendieren in Tony Scotts Filmen zu unerbittlichen, von allem Kontext gelösten, von allem narrativen Ballast befreiten Überlebenskämpfen. Besonders radikal ist das in „Mann unter Feuer“. Der von Denzel Washington verkörperte Protagonist ist ein Wrack, kaputt und gebrochen – und so sind auch die Bilder: epileptisch, wild, wahnsinnig, zerrissen, unklar. Nichts trennt mehr die Bilder und die Gefühle der Figuren. Ein unfassbar purer Actionfilm.

Seine Figuren sind stets einfache Männer, ohne große Ambition außer der, das Richtige zu tun. Es sind Zugarbeiter, Polizisten, Angestellte. Es ist jedermann, es sind Filme fürs Proletariat. Seine „Jedermänner“ kochen vor Emotionen, denn er bringt sie immer in Situationen, denen sie nicht gewachsen sind, sie müssen über sich hinauswachsen. Denzel Washington war oft seine Wahl für derartige „Jedermänner“.

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… und wild

Doch auch vor 2004 ist Tony Scotts Weg sehr interessant. Der ironisch, leicht homoerotische U-Boot-Thriller „Crimson Tide“ ist eine durchaus subtile Satire auf amerikanischen Militarismus. „Last Boy Scout“ kann die Strukturen des Actiongenres in den 90ern nach unzähligen Wiederholungen nur noch satirisch aufgreifen, bedient sie gleichzeitig aber mit reichlich Verve. „Spy Game“ ist ein eher durchschnittlicher Thriller, eigentlich kaum der Rede wert, aber Tony Scott erzählt ihn gewitzt und lässt Robert Redford seinen Film tragen.

Erotischer Beginn mit Vampirdrama „Begierde“

„Begierde“, sein Kino-Regiedebüt, ist der erotischste Vampirfilm, den ich kenne. Scott hat damit einen klugen Film über den Eros und seine schmerzhafte Bindung an die Vergänglichkeit gedreht. Die Vergänglichkeit, das ist für Scott die große Bedrohung für die Liebe, aber die Liebe ist nichts wert, ohne die Vergänglichkeit. Kaum ein Regisseur hat Catherine Deneuves Gesicht so studiert und präzise beobachtet wie Tony Scott, kaum ein Regisseur hat David Bowies kühle Sexualität so brillant auf die Leinwand übertragen.

„Domiono“ nach „Mann unter Feuer“ entstanden, ist vielleicht der radikalste von Scotts Filmen. Domino Harvey (Keira Kneightley) war Model, Schauspielertochter und Kopfgeldjägerin. Zusammen mit ihrem Kopfgeldjägerteam Ed Mosbey (Micky Rourke) und Choco (Édgar Ramírez) ist sie ziemlich erfolgreich. Ein solch wildes Leben birgt natürlich Gefahren.

War so wirklich das Leben der Domino Harvey?

Ein Biopic ist „Domino“ nur oberflächlich. Am Ende sagt uns der Film, dass wir die „Wahrheit“ niemals erfahren werden. Es gibt keine schönen, sauberen, klaren Bilder, die ein Leben nachzeichnen, wie es nur vielleicht „wirklich“ gewesen ist. Es gibt Chaos, Rausch und Anarchie. Ein Leben zieht an uns vorbei, entstellt, verfremdet und diffus, lauter wirre Rückblenden. Die „Wahrheiten“ über Domino Hearvey sind irgendwo tief in den Bildern verborgen, finden müssen wir sie selber. Hier zeigt es sich wieder: Tony Scott überwindet das Erzählen. „Domino“ erzählt nicht von einem chaotischen Leben, „Domino“ ist wie das chaotische Leben und damit wohl doch ein radikal ehrliches Biopic.

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Domino fühlt sich dem gewachsen

Scotts letzter Film „Unstoppable“ ist vielleicht sein bester, sicher aber sein konsequentester. Ein Zug ist außer Kontrolle, zwei Arbeiter die zufällig da hineingeraten sind, wollen ihn stoppen. Nicht mehr und nicht weniger, keine Narration. Scotts brachiale Kamera fängt Kraft und Geschwindigkeit des Zugs ein. Immer wieder springen wir von normalen Bildern zu Nachrichtenaufnahmen, der Regisseur versucht die Überblickslosigkeit und die Hektik einer solchen Ausnahmesituation begreifbar und erfahrbar zu machen.

Erfahrbar machen, das ist es, was Tony Scott immer versucht hat und was ihm oft gelungen ist. Er ist ein eigenständiger Künstler, mit einem durchdachten, eigenständigen Stil. Ein großer Action-Auteur, der mehr Verständnis verdient, als ihm entgegengebracht wird.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Christopher Walken sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Mai 2015 als Blu-ray 22. Juni 2006 als DVD

Länge: 128 Min. (Blu-ray), 122 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Originaltitel: Domino
F/USA/GB 2005
Regie: Tony Scott
Drehbuch: Richard Kelly
Besetzung: Keira Knightley, Mickey Rourke, Édgar Ramírez, Delroy Lindo, Mo’Nique, Mena Suvari, Macy Gray, Jacqueline Bisset, Lucy Liu, Christopher Walken
Zusatzmaterial: Domino Harveys Leben (ca. 20 Min.), Blick hinter die Kulissen (ca. 6 Min.), Interviews (ca. 12 Min.), Trailer (ca. 3 Min.)
Vertrieb: Highlight Communications

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshot: © 2015 Highlight Communications

 

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