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John Carpenter (VII): Das Ding aus einer anderen Welt – Das Grauen im ewigen Eis

30 Mai

Das_Ding-Cover

The Thing

Gastrezension von Dirk Ottelübbert

SF-Horror-Action // Die Antarktis. Schroffe Felsmassive, eisige Weiten. Auf einer schneebedeckten Ebene läuft ein Husky, über ihm dröhnt ein Hubschrauber. Der Mann neben dem Piloten schießt auf das Haken schlagende Tier.

Beunruhigender Einstieg

Der Einstieg von John Carpenters sechstem Kinofilm – eine absurde und sogleich beunruhigende Szenerie. Was soll das hektische Geballer, warum landen die Männer nicht? Oft habe ich mir gewünscht, „Das Ding aus einer anderen Welt“ immer wie beim ersten Mal sehen zu können, allein wegen der Anfangssequenz. Oft? Ja, oft. Denn keinen anderen Carpenter-Film habe ich häufiger gesehen. Dabei ist es nicht einmal sein gelungenster Film – der Regisseur hat ja auch „Assault – Anschlag bei Nacht“ (1976) und „Halloween – Die Nacht des Grauens“ (1978) inszeniert, die in puncto Spannungsaufbau und erzählerischer Ökonomie für mich unerreicht sind. Ich komme trotzdem nicht los von diesem „Ding“.

Aber erst einmal weiter im Text: Der Hund erreicht eine US-Forschungsstation, die norwegischen Verfolger landen, brüllen den konsternierten Amerikanern unverständliche Worte zu und schießen weiter. Einer der Norweger wird von seiner eigenen Handgranate zerrissen, den anderen tötet Stationsleiter Garry (Donald Moffat) in Notwehr. Der Hund bleibt.

Grauenhafte Entdeckung

Als Helikopterpilot R. J. MacReady (Kurt Russell) mit Dr. Copper (Richard Dysart) zum norwegischen Camp fliegt, bietet sich ein furchtbares Bild: Die Station ist niedergebrannt, in einer zersplitterten Wand steckt eine blutige Axt, in einem Stuhl sitzt die gefrorene Leiche eines Mannes. Und im Schuppen thront ein riesiger Eisblock, aus dem die Norweger offenbar etwas herausgeschnitten, etwas befreit haben. Draußen im Schnee finden Copper und MacReady dann eine weitere Leiche, verbrannt und monströs deformiert. Der grausige Fund landet in der Station – nach der Aufnahme des Hundes ein zweiter fataler Fehler, den die zwölf ahnungslosen Männer begehen.

Gestaltwandler aus dem All

Denn sie haben einen außerirdischen Feind in die Station eingeschleppt, ein parasitäres, gesichtsloses Monstrum, das die äußere Form jedes Lebewesens anzunehmen vermag und bei Bedrohung in seiner ursprünglichen Gestalt aus ihm hervorbricht. Während sich in der antarktischen Nacht draußen ein Sturm zusammenbraut, zeigt der Husky im Hundepferch buchstäblich, was in ihm steckt: etwas, das ihn von innen heraus zerreißt und wurmartige Tentakel unter dem Fell hervorschießen lässt, eine, nun ja, tumorartige blutige Masse auf langen Insektenbeinen. Zwar kann die Crew das Wesen mit einem Flammenwerfer verbrennen, aber aus dem Albtraum gibt es längst kein Entrinnen mehr. Wie Biologe Blair (Wilford Brimley) erklärt, hat der Hund, der kein Hund war, einen oder mehrere Männer bereits infiziert. Wer ist also Mensch, wer schon ein „Ding“? Keiner darf dem anderen mehr trauen …

Einigen Nachlässigkeiten und logischen Aussetzern zum Trotz brennt sich „Das Ding aus einer anderen Welt“ tief ins Gedächtnis. In der Kombination von Atmosphäre und krassen Schocks brachten es John Carpenter und sein Team zu bis dato unerreichter Meisterschaft. Die Paranoia-Stimmung auf der von aller Welt und aller Hoffnung abgeschnittenen Station ist mit Händen zu greifen. Der düstere Score von Ennio Morricone – und John Carpenter selbst – transportiert ein Gefühl von Ausweglosigkeit und Vergeblichkeit. Wir wissen: Der Kampf gegen das außerirdische Wesen ist ein ungleicher, von Anfang an.

Und die Spezialeffekte lassen wahrlich den Atem stocken – oder sollten wir sagen: gefrieren? Das zerstörte Camp, die Transformationen des Hundes und der menschlichen Opfer, der schon legendäre Bluttest, den MacReady vornimmt – Bilder, die den Kopf nicht mehr verlassen. Grandios auch das Tableau, in dem die Männer schweigend auf das vor ihnen liegende Mischwesen aus Mensch und Monstrum starren. Dean Cundeys Kamera umkreist eine groteske „Landschaft“ aus verkohlten, verformten Extremitäten und einem zerlaufenen, in Agonie verzerrten Gesicht. Ein unauslöschliches Horrorbild, wie es Hieronymus Bosch, Goya und H. P. Lovecraft nicht grausiger hätten ausmalen können.

Wenn ein Alien aus dem menschlichen Körper herausplatzt

Deutlich zu erkennen sind die Anleihen bei Ridley Scotts „Alien“ (1979). Die Schockwirkung der Szene, in der das Alien aus John Hurts Brustkorb herausplatzt, wird bei Carpenter allerdings um ein mehrfaches potenziert. Die Creature-Effekte von Rob Bottin („The Howling“, 1981) dürften die vielleicht besten handgemachten Tricks der (Horror-)Filmgeschichte sein. Kein CGI weit und breit: Die Albträume dieses Films entstanden komplett aus Schaum, Gummi, Lehm und Farbe. Angeblich werkelten Bottin und sein Team ein Jahr lang sieben Tage die Woche an ihren Kunststoff-Monströsitäten, ernährten sich dabei von Schokoriegeln und Cola. „Das Ding aus einer anderen Welt“ gehört neben „American Werewolf“ von John Landis, Joe Dantes „The Howling“, Wes Cravens erstem „Nightmare“ sowie „Fright Night“ in die herrlichen Jahre der plastisch-drastischen, noch nicht computergenerierten Schauer- und Splattereffekte. Die 80er waren doch in mancherlei Hinsicht gar nicht so schlecht.

Nicht die erste Verfilmung des Romans von John W. Campbell

Wie der gleichnamige klassische SF-Reißer von 1951 basiert „Das Ding aus einer anderen Welt“ auf der SF-Novelle „Who Goes There?“ (1938) von John W. Campbell jr. John Carpenter und sein Drehbuchautor Bill Lancaster halten sich interessanterweise deutlich enger an die Vorlage, als Christian Nybys (von Howard Hawks produzierter) Film dies tat. „Who Goes There?“ inspirierte später auch „Invasion of the Body Snatchers“ („Die Dämonischen“, 1956) und dessen Remakes sowie den bereits erwähnten „Alien“.

Die grassierende Angst vor AIDS, die „heißen“ Jahre des Kalten Krieges, die Paranoia der Reagan-Ära – all das bildete einen guten Nährboden fürs Exploitation-Kino, das in jener Zeit wilde Blüten trieb und zu dem auch dieser (freilich üppig budgetierte) pessimistische Terrorfilm zu zählen ist. An der Kasse war „Das Ding …“ gleichwohl kein großes Ding, ein Flop sogar. Die Kritiker und auch das Publikum zeigten sich großteils angeekelt vom Grauen aus dem Eis. Genau zwei Wochen früher, am 11. Juni 1982, war Steven Spielbergs „E.T.“ in den US-Kinos gestartet. Und der niedliche, weitaus liebenswertere Außerirdische lief Carpenters Albtraum-Kreaturen den Rang ab.

2009 endlich runter vom Index

Im Kino ungeschnitten mit einer FSK-Freigabe ab 16 Jahren gezeigt, landete John Carpenters Film später, 1984, auf dem Index. 2009 wurde er von der „Liste der jugendgefährdenden Medien“ gestrichen und bald darauf mit FSK-16-Freigabe auf Blu-ray und DVD veröffentlicht. Empfohlen sei hier auch der als Prequel konzipierte „The Thing“ (2011). Der Schocker mit Mary Elizabeth Winstead, Joel Edgerton und Ulrich Thomsen erzählt die Geschichte der norwegischen Antarktis-Station, die das „Ding“ aus dem Eis befreit.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von John Carpenter sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Kurt Russell in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 4. März 2010 als Blu-ray und DVD

Länge: 109 Min. (Blu-ray), 104 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch, Französisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Japanisch, Koreanisch, Schwedisch, Dänisch, Finnisch, Niederländisch, Norwegisch, Polnisch, Mandarin
Originaltitel: The Thing
USA 1982
Regie: John Carpenter
Drehbuch: Bill Lancaster, nach der Kurzgeschichte „Who Goes There?“ von John W. Campbell, jr.
Besetzung: Kurt Russell, Wilford Brimley, Keith David. T. K. Carter, David Clennon, Richard Dysart, Peter Maloney
Zusatzmaterial: Audiokommentar mit Regisseur John Carpenter und Kurt Russell, „Der Terror nimmt Gestalt an“, Produktionshintergrund, Besetzung, Produktion, Fotogalerie, Storyboards, Drehort-Design, Produktionsarchive, Die Untertasse, Das Blair-Monster, verpatzte Szenen, Post-Produktion, Original Kinotrailer
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2015 by Dirk Ottelübbert

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2 Antworten zu “John Carpenter (VII): Das Ding aus einer anderen Welt – Das Grauen im ewigen Eis

  1. otto

    2015/11/06 at 12:10

    Kleiner Fun Fact am Rande: Es ist Tradition unter den Bewohnern der Antarktis Forschungsstation, dass an dem Tag, an dem das letzte Versorgungsflugzeug abgeflogen ist und während der Wintermonate wegen der Witterung auch keins mehr kommen kann, beide „Das Ding“-Filme gemeinsam geguckt werden …

    http://www.antarctic-adventures.de/2007/spole07.html

    http://www.antarctic-adventures.de/2007/pix/miscfeb/images/image_misc-feb-025–18-02-07.jpg.html

     
  2. Kay Sokolowsky

    2015/05/30 at 17:12

    Eine sehr gelungene Hymne auf diesen phantastischen Film – merci dafür, Dirk! Nur zweierlei fehlt mir: eine Würdigung der großartigen Dialoge mit ihrem staubtrockenen Witz – und Kurt Russells, der nie wieder so arschcool die Szene beherrschte wie in diesem Film.

     

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