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Archiv für den Monat Juni 2015

Possession – Bizarres Ende einer Ehe

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Possession

Gastrezension von Andreas Eckenfels

Psychohorror // Was zur Hölle habe ich mich mir da gerade angesehen? Diese Frage ging mir zumindest durch den Kopf, als ich „Possession“ dank der deutschen DVD aus der „Drop Out“-Reihe vom kleinen Label Bildstörung das erste Mal sah. Das bizarre Meisterwerk des polnischen Regisseurs Andrzej Zulawski entwickelt mit seiner entfesselnden Kamera einen verstörenden Rausch, dem man sich nur schwer entziehen kann. Der Zuschauer wird regelrecht in die fragmentarisch erzählte Geschichte hineingezogen, die grob gesagt vom Ende einer Ehe handelt.

Monströse Entdeckung

Als Mark (Sam Neill) nach einer Geschäftsreise zu seiner Frau Anna (Isabelle Adjani) und seinem Sohn Bob (Michael Hogben) nach West-Berlin zurückkehrt, merkt er schnell, dass etwas nicht stimmt. Anna gesteht ihre außereheliche Affäre. Er schmeißt sie raus und macht sich auf die Suche nach Heinrich (Heinz Bennent), ihrem angeblichen Geliebten. Doch auch Heinrich hat Veränderungen an Anna bemerkt – sie sei schon lange nicht mehr bei ihm gewesen. Daraufhin beauftragt Mark einen Detektiv, um den neuen Liebhaber zu finden. Bald macht er eine monströse Entdeckung.

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Die Ehe von Anna und Mark liegt in Trümmern

In der ersten Hälfte von „Possession“ gibt es keine Zeit für eine Atempause. Unaufhörlich dreht sich die Kamera um die beiden Protagonisten. Eine Gewitterwolke aus Wahnsinn, Eifersucht und Depression entlädt sich über den Zuschauer. Anna scheint wie auf Drogen, kann ohne ihren neuen Liebhaber nicht mehr leben. Mark ist rasend vor Wut, will die Tatsache nicht wahrhaben, dass Anna ihn für einen anderen verlassen hat. Es wird geflucht, gebrüllt und geschlagen. Ein elektrisches Brotmesser wird sogar zur Selbstverstümmelung genutzt. Es herrscht ständige Unruhe. Ein Gefühl der Ohnmacht macht sich breit.

Wie besessen

Anna und Mark werden durch ein fast menschenleeres Berlin der 80er-Jahre gehetzt. Die kargen, verrotteten Bauten, die verwahrlosten Altbauwohnungen mit zerrissenen Tapeten – alles Anzeichen darauf, dass auch ihre Gefühle füreinander emotional erkaltet sind. Schließlich endet der Sturm in einer quälend langen Sequenz, in der Anna in einer Unterführung wie von einem Dämon besessen scheint. Dann ist erstmal Ruhe, zumindest kurzzeitig.

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Mark will den neuen Liebhaber seiner Frau finden

Die Phasen der Erkenntnis über das Ende der Beziehung von Anna und Mark sind noch einigermaßen nachzuvollziehen. Doch wenn zu Beginn noch grob ein narrativer Faden zu entdecken ist, wird die zweite Hälfte zunehmend abstrus, aber faszinierend zugleich. Bobs Lehrerin entpuppt sich bis auf die grünen Augen als Doppelgängerin von Anna – und dann wäre da noch der neue Mann in ihrem Leben, über den man nicht zu viel verraten sollte. Nur so viel: Neben Adjanis „Besessenheitsszene“ wird der Zuschauer auch eine außergewöhnliche Liebesszene nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Andrzej Zulawski verarbeitete mit „Possession“ nicht nur seine eigene zerbrochene Ehe mit der Schauspielerin Malgorzata Braunek, sondern auch die Vertreibung aus seinem Heimatland. Nachdem die polnische Regierung seinen Science-Fiction-Film „Der silberne Planet“ wegen politisch subversiver Botschaften stoppte, verließ er Polen, um ohne Einschränkungen arbeiten zu können. So bekommen auch die Grenzposten an der Berliner Mauer eine besonders bedrohliche Dimension, wenn sie mit ihren Ferngläsern in Marks Wohnung blicken.

An der Grenze des Zumutbaren

Isabella Adjani und Sam Neill gehen mit ihren Darstellungen wahrlich an die Grenzen des Zumutbaren. Adjani sagte in einem Interview, sie habe zwei Jahre gebraucht, um sich von der Rolle zu erholen. Die damals 26-jährige Französin durfte für ihre Leistung in Cannes den Preis als beste Darstellerin und einen César in Empfang nehmen. Obwohl „Possession“ mit deutschem Geld finanziert wurde und in Berlin spielt, kam er hierzulande erst 2009 mit der DVD von Bildstörung auf den Markt. Es existiert keine Synchronisation. In Großbritannien war der Film verboten, in den USA wurde nur eine verstümmelte Fassung gezeigt.

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Anna ist besessen

Jetzt hat Bildstörung dieses Filmjuwel in bestechender Qualität auch auf Blu-ray veröffentlicht. Wer die Special Edition DVD von 2009 schon sein eigen nennt, kann sich statt der auf 1.000 Stück limitierten Special Edition Blu-ray die günstigere Amaray-Variante holen. Booklet und Extras sind identisch. So braucht man nur die DVD des Hauptfilms durch die Blu-ray auszutauschen.

„Possession“ ist eine bizarre Mischung aus Horrorfilm und Arthaus-Kino in unterkühlten Bilder, angefüllt mit vielen Allegorien. Bei der zweiten Sichtung haben sich schon mehr mögliche Erkentnisse über die Handlung und Zulawskis Ideen ergeben. Das unheimliche Gefühl bleibt wie beim ersten Mal. Es ist so, wie es auf dem Cover steht: Man kann ihn nicht beschreiben. Man muss ihn erleben!

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Ist es Liebe?

Veröffentlichung: 22. Mai 2015 als Blu-ray, 6. November 2009 als DVD

Länge: 124 Min. (Blu-ray), 119 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Possession
F/D 1981
Regie: Andrzej Zulawski
Drehbuch: Andrzej Zulawski, Frederic Tuten
Besetzung: Isabelle Adjani, Sam Neill, Heinz Bennent, Carl Düring, Michael Hogben, Johanna Hofer, Margit Carstensen
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Dokumentation „Die andere Seite der Mauer“, Bildergalerie, Booklet, Wendecover
Vertrieb: Bildstörung/Alive

Copyright 2015 by Andreas Eckenfels
Fotos: © 1981 Oliane Productions / Packshot: © 2009 Bildstörung

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Rodencia und der Zahn der Prinzessin – Kleine Maus wird großer Held

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Rodencia y el Diente de la Princesa

Computertrick-Fantasy // Als Heimstatt hochkarätiger Animationsfilme ist Südamerika bislang weniger in Erscheinung getreten. Schauen wir uns also einmal wohlwollend an, was diese peruanisch-argentinische Produktion zu bieten hat.

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Zauberer Blue (r.) und sein Schüler Edam

Dem verborgenen Mäuse-Königreich Rodencia droht Ungemach: Rattenkönig Rotex hat seine Heerscharen ausgesandt, es zu erobern, um Finsternis über das so heitere Land zu bringen. Nur ein magischer Stein kann Rodencia noch retten. Der alte Zauberer Blue erkennt, dass sein Schüler Edam der Auserwählte ist, der den Stein finden und das Königreich retten kann. Edam allerdings ist etwas unbeholfen und so gar nicht von seinen Fähigkeiten überzeugt. Zum Glück begleiten ihn seine Mäusefreundin Brie und die beiden tapferen Krieger Gruyere und Roquefort.

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Brie (l.) hilft Edam

Liebenswerte Geschichte für die kleinen Zuschauer .. Die wahre Magie ist in deinem Herzen! So steht’s im Pressetext von „Rodencia und der Zahn der Prinzessin“, und das kann man auch so stehen lassen. Ausgesprochen beeindruckt haben sich meine Töchter allerdings nicht gezeigt, eben von einem netten Fantasy-Abenteuer angenehm unterhalten, mehr nicht.

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Naiv, aber tapfer: Gruyere und Roquefort

Die Gut-gegen-Böse-Konfrontation ist bekannt, ein kleiner Held, der zu Großem berufen ist, ist ebenfalls nicht der Gipfel der Originalität. Visuell stehen auf der Habenseite farbenprächtige Bilder mit ein paar südamerikanischen Motiven, die insgesamt aber zu wenig detailliert ausgefallen sind – da fehlte wohl etwas Budget.

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Böse: Rattenkönig Rotex und seine Schlange

Immerhin durfte Regisseur David Bisbano anscheinend mit „A Mouse Tale“ ein US-Remake seines eigenen Films inszenieren. Irgendjemandem hat „Rodencia und der Zahn der Prinzessin“ also deutlich besser gefallen als mir und meinen Kleinen. Ich hab’ meine Zweifel, ob die beiden den Mäuse-Animationsfilm noch einmal aus dem Regal ziehen, wenn ich sie aussuchen lasse. Dann lieber „Bernard und Bianca – Die Mäusepolizei“, „Feivel, der Mauswanderer“ oder den zauberhaften „Ernest & Célestine“.

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Freundschaft: Edam und Brie

Veröffentlichung: 23. Juni 2015 als Blu-ray 3D (inkl. 2D-Version), Blu-ray und DVD

Länge: 92 Min. (Blu-ray), 88 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 6
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Rodencia y el Diente de la Princesa
PER/ARG 2012
Regie: David Bisbano
Drehbuch: David Bisbano, Raquel Faraoni
Zusatzmaterial: Deutscher, englischer und spanischer Trailer, Trailershow, Wendecover, Erstauflage: Schuber, Aufkleber
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

Szenenbilder, Packshots & Trailer: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment

 

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Wenn du krepierst – lebe ich: Auf dem Highway ist die Hölle los

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Autostopp Rosso Sangue

Gastrezension von Andreas Eckenfels

Psychothriller // „Ein geschmackloses Machwerk voller Perversitäten“, sagt die Cinema. „Ein allein auf Sex und Gewalt ausgerichtetes schäbiges Spekulationsprodukt, das wahllos gesellschaftliche Randgruppen denunziert“, schrieb das Zweitausendeins Filmlexikon. Eine schöne Idee von OFDb Filmworks, einige Zitate aus Filmrezensionen zu dem Franco-Nero-Thriller in ihrem schicken Digipack zu „Wenn du krepierst – lebe ich“ abzudrucken. Zusätzlich verspricht natürlich auch der sleazige deutsche Verleihtitel einen kleinen Drecksfilm – und dann ist auch noch David Hess, der Psycho aus Wes Cravens „The Last House on the Left“, erneut als irrer Sadist besetzt.

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Walter auf der Jagd

Die ersten Minuten bestätigen dann auch die dunklen Vorahnungen: Franco Nero gurgelt als italienischer Journalist Walter Mancini den Whiskey, bevor er ihn literweise in sich hineinschüttet. Auf der Jagd nimmt er seine Frau Eve (Corinne Cléry, „Geschichte der O“) ins Fadenkreuz – und erschießt dann doch einen Hirsch. Dies habe er allerdings nur getan, weil er mit Eve wenigstens noch rumvögeln könne. Das habe sie dem Hirsch voraus, wie Walter ihr mitteilt – was er dann auch gleich in die Tat umsetzt. Sie gibt sich dem Säufer wie schon viele Male zuvor widerstrebend hin.

Psycho im Auto

Als die beiden wenig später auf ihrer Reise durch den amerikanischen Westen mit ihrem Wohnwagen auf einem Campingplatz halten und ein junges Paar beim Sex beobachten, sagt er lapidar: „Sie tun dasselbe wie wir gerade“, worauf sie erwidert: „Die machen Liebe, wir haben gefickt“. Es wird klar: Walter ist ein echtes Ekel – ein obszöner, triebgesteuerter Säufer. Eve ist diesem Tier hilflos ausgeliefert. Doch sobald Anhalter Adam (David Hess) mit einem Koffer voll Geld bei dem krisengeschüttelten Paar ins Auto steigt und sie zwingt, ihn über die mexikanische Grenze zu bringen, ändert sich das „geschmacklose Machwerk“ zu einem natürlich reißerischen, aber dennoch packenden Thriller.

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Walter und Eve sollen Bankräuber Adam über die mexikanische Grenze bringen

Dies liegt vor allem daran, dass sich die Geschlechterrollen ändern: Eve ist nicht das wehrlose Opfer. Wie sich herausstellt, ist Walter ein armer Tropf, der die Tochter seines Chefs geheiratet hat. Eve ist es, die das Geld in die Ehe gebracht hat und versucht, die Beziehung mit der Reise in die USA zu retten. Weil der ebenfalls vulgäre Adam sich schnell an die hübsche Eve ranmacht, fühlt sich Walter in seiner Männlichkeit verletzt. Nur durch seine Pistole bleibt der psychopathische Bankräuber Adam in der Vormachtsstellung. Vorläufig zumindest. Denn Eve hat mit ihrem Körper eine eigene Waffe zu bieten, die sie auch einsetzt, als sie merkt, dass sich Walter niemals gegen den jüngeren Adam durchsetzen wird.

Widerlich und quälend

Der Sündenfall – nicht umsonst heißen die Figuren Adam und Eve –, der zu dem miesen Ruf von „Wenn du krepierst – lebe ich“ beigetragen hat, manifestiert sich schließlich durch die harte Vergewaltigungsszene. Adam vergeht sich an Eve und zwingt den gefesselten Walter, dabei hilflos zuzusehen. Sadistischer geht es nicht. Allerdings gebe ich hier dem Booklet-Text von Christian Kaiser recht: Regisseur Pasquale Festa Campanile inszeniert die Szene vor Lagerfeuer zwar wie in einem Softerotik-Filmchen inklusive zarter Musik von Ennio Morricone – Corinne Cléry zeigt sich komplett nackt und David Hess darf ähnlich wie in Cravens Schocker an ihr herumschlecken, dass es eine widerliche Qual ist; dennoch ist die gesamte Szene, wie der gesamte Film, hervorragend gespielt. Im letzten Drittel bekommt die Geschichte dann noch einen interessanten Dreh, mit dem man so nicht unbedingt rechnen konnte.

Ein Kind der Siebziger

„Wenn du krepierst – lebe ich“, auch unter dem Titel „Der Todes-Trip“ bekannt, ist also kein reines Psychoduell im Sinne von anderen „Anhalter“-Filmen wie „Hitcher – Der Highwaykiller“. Der Film ist mehr Beziehungsdrama angereichert mit einigen Härten, rasant inszeniert und mit großartiger Besetzung. Ein Kind der Siebziger, der heute natürlich nicht mehr so schockiert wie früher. Dennoch muss man aufgrund der Abgebrühtheit einiger Szenen ab und an kräftig schlucken.

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Walter versucht erfolglos, sich zur Wehr zu setzen

Toll, dass OFDb Filmworks den dreckigen Geschlechterkrieg in einer hervorragenden Edition aus dem Hut gezaubert hat. Vorher gab es nur eine geschnittene VHS-Kassette. Neben der extrem limitierten und schon ausverkauften Hartbox gibt es eine auf 2.000 Stück beschränkte, inhaltsgleiche Fassung im Digipack. Außer DVD und Blu-ray mit deutscher, englischer und italienischer Sprachfassung sind Booklet, ein Audiokommentar von Marcus Stiglegger und auf einer zweiten DVD ein rund 80-minütiger Rückblick auf die Entstehungsgeschichte enthalten, bei der alle damaligen Protagonisten zu Wort kommen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Franco Nero sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 5. Juni 2015 als limitierter Digipack (Blu-ray + DVD + Bonus-DVD)

Länge: 104 Min. (Blu-ray), 100 Min. (DVD)
Altersfreigabe: Ungeprüft
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Autostop Rosso Sangue
Internationaler Titel: Hitch-Hike
Alter deutscher Verleihtitel: Der Todes-Trip
IT 1977
Regie: Pasquale Festa Campanile
Drehbuch: Pasquale Festa Campanile, Aldo Crudo, Ottavio Jemma nach einem Roman von Peter Kane
Besetzung: Franco Nero, David Hess, Corinne Cléry
Zusatzmaterial: Audiokommentar, Dokumentation „Road to Ruin“, Bildergalerie
Vertrieb: OFDb Filmworks

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Adam macht sich an Eve ran

Copyright 2015 by Andreas Eckenfels
Fotos & Packshot: © 2015 OFDb Filmworks

 

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