RSS

Kurt Cobain – Tod einer Ikone: Selbstbeweihräucherung eines Privatdetektivs

11 Jun

Kurt_Cobain-Cover-BR

Soaked in Bleach

Gastrezension von Anja Rohde

Doku-Drama // Ich mag Verschwörungstheorien. Waren vielleicht doch noch nie Menschen auf dem Mond? Ist das Augen-Bildelement auf der Dollarnote ein Zeichen für eine weltweite Illuminatenverschwörung? Werden Beweise für die Existenz von Aliens absichtlich von Geheimdiensten zurückgehalten? Wurden Lady Di und Dodi ermordert? Und Kurt Cobain ebenfalls? Auch wenn es hier um durchaus weltbewegende Themen geht, mag ich vor allem die Kreativität und Absurdität, die hinter vielen solcher Geschichten steckt.

Dies ist keine Verschwörungstheorie!

Privatdetektiv Tom Grant mag den Begriff „Verschwörungstheorie“ nicht, wenn es um den Fall Cobain geht, das erklärt er zu Beginn des Films. Er sammle schließlich nur Fakten und Wahrheiten und stelle diese der Öffentlichkeit nun in diesem Doku-Drama zur Verfügung.

Kurt_Cobain-5

Love empfängt Ermittler Grant und seinen Angestellten

Nirvana-Frontmann Kurt Cobain wurde im Jahr 1994 mit einer Überdosis Heroin und einem Kopfschuss aufgefunden. Die Polizei konstatierte von Anfang an Selbstmord, der Fall wurde nicht näher untersucht, die Leiche bald eingeäschert. Tom Grant hat zahlreiche Belege zusammengesammelt, die aufzeigen sollen, dass eine weitere Untersuchung des Falls womöglich vonnöten gewesen wäre: Zu viele Ungereimtheiten weisen darauf hin, dass es sich durchaus auch um Mord gehandelt haben könne. Und es gibt sogar Indizien für eine Verwicklung von Cobains Witwe Courtney Love in diesen Fall.

Ein Vater beschuldigt seine Tochter

Das alles wird bereits im Film „Kurt and Courtney“ thematisiert, ebenfalls in zahlreichen Artikeln, Büchern und auf Websites. Loves Vater Hank Harrison wird nicht müde zu betonen, er sei sich sicher, seine Tochter habe mit dem Tod Cobains zu tun. Nun also eine weitere Publikation, die in diese Kerbe schlägt.

Kurt_Cobain-6

Drogen spielen eine große Rolle in Loves Leben

Aufgemacht ist der Film als eine Zusammenstellung von Original-Tonaufnahmen, Originalfotos, aktuellen Interviews mit Experten und Freunden Cobains und gespielten Dramaszenen. Filmisch ist das teilweise ganz gut gemacht, wenn zum Beispiel die Schauspieler die Szene weiterspielen, dazu aber der Originalmitschnitt mit den echten Stimmen eingeblendet wird; dennoch fühlt man sich in vielen Momenten ein bisschen ans Nachmittagsprivatfernsehen erinnert, wo angebliche Ermittler angebliche Verbrechen aufklären.

Tom Grant – eine ehrliche Haut

Besonders ärgerlich an der ganzen Chose ist der Initiator Tom Grant, in Interviews persönlich zu sehen, in Spielszenen dargestellt von Daniel Roebuck. Zum Einstieg erfahren wir, was für ein toller, ehrlicher Mensch er ist. Er erzählt uns das höchstselbst, sogar Beweise dafür werden gezeigt. Warum sollte es aber für die Ermittlung von Kurt Cobains Todesfall wichtig sein, dass Grants Vater nie gelogen und sein Sohn ihn sehr bewundert hat? Warum sehen wir Fotos von Grants glücklicher Oma, als der junge Tom mit der Polizeiausbildung fertig ist? In seiner langatmigen Selbstbeweihräucherung spricht Grant auch davon, er gehe unvoreingenommen an Fälle heran, sammle immer nur Fakten und sei stets ehrlich mit seinen Auftraggebern.

Da mag jemand Courtney Love nicht

Direkt danach berichtet er von seiner ersten Begegnung mit Courtney Love (Sarah Scott), die ihn angeheuert hatte, ihren verschollenen Mann zu finden. Und von der ersten Sekunde an macht Grant klar, dass er von dieser Frau nichts hält: Er degoutiert ihr Auftreten, ihre Klamotten, ihre Art zu leben. Und der Film macht gnadenlos mit, bleibt auf Grants Seite, stellt Courtney als verlotterte, drogensüchtige und verlogene Person dar.

Leider geht es mir als Zuseherin ganz ähnlich: Ich kann Tom Grant nicht unvoreingenommen begegnen. Man hat keine Lust auf diesen Wichtigmacher. Wie er da sitzt und den guten Amerikaner gibt, voller Selbstgefälligkeit, Intoleranz und Unwissenheit gegenüber der nächsten Generation (er weiß anfangs weder, wer Courtney Love noch wer ihr Ehemann ist) – von so einem will man sich doch nicht die Welt erklären lassen!

Kurt_Cobain-3

Cobain bekommt in der Entzugsklinik Besuch von seiner Tochter

Bei mir führt das dazu, dass ich sogar klare Beweise, die Grant vorlegt, mit einem Schulterzucken abtue. Es gibt neben der Schwarz-Weiß-Darstellung, die der Film fährt, nämlich wirklich Ungereimtheiten in diesem Fall, und wahrscheinlich wäre es durchaus spannend, ihn wieder aufzurollen.

Natürlich sagt Grant nie direkt, dass er Courtney verdächtigt – die Verleumdungsklage wäre wahrscheinlich teurer gekommen als das, was der Streifen einspielt. Der Film stellt Love aber als dazu fähig dar, obendrein benennt Grant keine weiteren potenziellen Täter. Zu sehr ist er damit beschäftigt, Cobains Frau schlecht aussehen zu lassen.

Leichenfledderei?

Das Wort „Leichenfledderei“ ist vielleicht etwas stark. Andererseits werden mit „Kurt Cobain – Tod einer Ikone“ bekannte Theorien ein weiteres Mal – sehr einseitig – in die Öffentlichkeit getragen und damit ein paar Dollar verdient, und das unter dem Deckmantel der Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit, da drängt sich der Begriff schon auf.

Da Nirvana-Songs in diesem Werk selbstredend nicht verwendet werden konnten, gibt es im Hintergrund nur fremdes Gitarrengeschraddel. Statt sinnlosem Heimkino mit „Soaked in Bleach“ (warum eigentlich nicht gleich „No I Don’t Have a Gun“?) empfehle ich also, einfach mal wieder „Nevermind“ aufzulegen.

Kurt_Cobain-1

Wohin fährt Kurt Cobain?

Veröffentlichung: 9. Juni 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 90 Min. (Blu-ray), 86 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Soaked in Bleach
USA 2015
Regie: Benjamin Statler
Drehbuch: Donnie Eichar, Richard Middleton, Benjamin Statler
Besetzung: Daniel Roebuck, Sarah Scott, August Emerson, Kurt Loder, Kale Clauson, Julie Lancaster, Tyler Bryan, Tor Brown, Sophia Markov, David Daskal, Jerry Hauck, Christian J. Meoli, Jeff Denton
Zusatzmaterial: Deutscher Trailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2015 by Anja Rohde

Fotos, Packshot & Trailer: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment

 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Kurt Cobain – Tod einer Ikone: Selbstbeweihräucherung eines Privatdetektivs

  1. Da Wolf

    2015/11/14 at 00:26

    Ja, noch eine „Doku!“ die zum 100000. Mal irgendwelche völlig erfundene Fakten zusammenklaubt. Diese zu einer neuen nicht nachvollziehbaren- und unüberprüfbaren Theorie zusammenstoppelt und das ganze Werk auf die Menscheit loslässt.

    Tipp: Nicht anschauen – schade um die Augen und die Hirnzellen!

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: