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Andrea Micus: Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht (Buchrezension)

13 Jun

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Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht

Familie // Dieses Buch behandelt das Schicksal und den Schmerz von Vätern, die nach der Trennung von der Mutter ihres Nachwuchses unfreiwillig den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben – umgehend oder im Lauf der Zeit. Nun mag manch Leser versucht sein, dies für eine verfehlte Perspektive zu halten; sind doch die Leidtragenden einer Trennung immer und ausnahmslos die Kinder, ihnen habe der Fokus zu gelten.

Ist nicht das Kindeswohl der entscheidende Faktor?

Das stimmt zwar, dennoch muss auch dieser Aspekt bei Trennungsfamilien betrachtet werden, und das geschieht in der breiten Öffentlichkeit viel zu selten. In Jugendämtern und an Familiengerichten trifft man oft noch die Haltung an, entscheidend für das Kindeswohl sei, dass es der Kindsmutter gut gehe. Nur recht und billig, auch dem Befinden des männlichen Elternteils Rechnung zu tragen.

Die Journalistin und Buchautorin Andrea Micus räumt gleich zu Beginn ihres Buches ein, selbst Mutter eines 16-Jährigen zu sein, der seinen Vater in den vergangenen drei Jahren gerade mal drei Stunden gesehen habe. Womöglich hat das sie motiviert, „Väter ohne Kinder“ zu schreiben.

Weshalb verlieren Väter den Kontakt zu ihrem Nachwuchs?

Warum Scheidungs- und Trennungsväter keinen Kontakt mehr zu ihren Kindern haben. So betitelt die Autorin ihr erstes Kapitel, in dem sie die vielfältigen Ursachen beleuchtet. Da seien zum einen die nach wie vor typischen traditionellen Lebensmuster, nach denen die Väter erwerbstätig sind, die Mütter zu Hause bleiben. Bei einer Trennung blieben dann die Kinder nahezu zwangsläufig bei der Mutter. Folge: Mütter, die vorher vehement die Mithilfe in Sachen Kindererziehung eingefordert haben, kommen jetzt prima allein mit den Kindern zurecht, und häufig ist auch schnell ein anderer Mann da, der Papa-Ersatz spielen kann. Die Väter sind raus …

Hinzu komme mangelnde Kooperation der Mutter bis hin zum Umgangsboykott, ob bewusst oder unbewusst. Das Ende einer Trennung bringt Verletzungen, Wut, Kränkungen und Trauer mit sich. Vielleicht liebt die Mutter den Vater noch, vielleicht hasst sie ihn auch. So oder so scheue sie dann jede Begegnung mit dem Ex-Partner. Aber meistens sind es gar nicht diese dramatischen Gefühle, die entscheiden. Oft ist es nur der Eindruck, dass der Ex nicht mehr in den neuen Alltag passt. Auch die Gegenwehr von Vätern thematisiert Micus, oft im Bereich der Finanzen ausgetragen. Die Konflikte peitschen sich hoch.

Loyalitätskonflikt

Die Kinder geraten in einen Loyalitätskonflikt: Mama will nicht, dass ich Papa lieb habe! Und was tun sie dann? Sie wählen den Weg des geringsten Widerstandes, richten sich nach der Mama, weil sie bei ihr leben. Das wiederum bestärkt die Mutter, den „blöden Kerl“ aktiv fernzuhalten.

Micus verschweigt allerdings eins bzw. sie lässt es unerwähnt (denn bewusstes Verschweigen unterstelle ich ihr keineswegs): Egal, wie geduldig man manchen Müttern den Loyalitätskonflikt erklärt, einige wollen es partout nicht begreifen, in welcher Zwangslage sich ihre Kinder befinden, oder wenn sie es begreifen, so ignorieren sie es. Sind sie es doch, die Mütter, die einzig wissen, was für ihre Kinder das Beste ist. Der Vater? Hat sowieso keine Ahnung! Die als Sozialpädagogin eingesetzte Mediatorin? Kennt die Kinder doch gar nicht! Der Richter? Wer ist das denn? Diesen Aspekt hätte Micus etwas stärker herausarbeiten können.

Das Cochemer Modell

Es gibt Modelle, mit denen solche Entwicklungen im Trennungskonflikt aufgehalten werden können. Micus erwähnt das Cochemer Modell des Familienrichters Jürgen Rudolph, dem es dank intensiver Bemühungen gelang, alle an familienrechtlichen Verfahren Beteiligten zur Zusammenarbeit zu bewegen: Richterkollegen, Anwälte, Jugendamt, Eltern. Auf diese Weise konnte Rudolph einen Zwang zur Mediation und zur Einigung durchsetzen – mit dem Ziel, dass kein Kind ein Elternteil verliert. Micus lässt allerdings auch Kritiker am Cochemer Modell zu Wort kommen.

Am Ende des Kapitels richtet die Autorin das Wort an die neuen Partner von Trennungsmüttern, die sich oft vorbildlich um ihre mitgeheirateten Kinder kümmern würden. Ihnen gilt Micus’ Hinweis: Sie können die nächsten sein. Ich hab’ allerdings den begründeten Verdacht, dass manch ein solcher Ersatzvater darüber überhaupt nicht nachgedacht hat. Einen solchen, dem es erging wie seinem Vorgänger, lernen wir etwas später kennen.

Sechs Väter erzählen

Ging es auf den ersten 43 Seiten eher theoretisch zu, so geht es in der Folge ans Eingemachte: Sechs Väter berichten von ihrem Schicksal, Andrea Micus lässt sie in Ich-Form zu Wort kommen und macht so ihren Schmerz direkt spürbar. Es beginnt der 46-jährige Markus, der seine 16-jährige Tochter Lisa seit 13 Jahren nicht gesehen hat. Kurz vor dem dritten Geburtstag seiner Tochter hat ihn seine Frau verlassen. Später erfährt er, dass sie schon seit einem Jahr Trennungsgedanken gehabt hat. Es scheint kein untypisches Phänomen zu sein: Der Kerl merkt nichts, die Frau sagt nichts. Aber das nur am Rande.

Im Trennungsstress begeht Markus einen fatalen Fehler. Danach sieht er seine Tochter noch ein einziges, kurzes Mal in Gegenwart einer Jugendamts-Mitarbeiterin. Er hofft heute noch, dass sie bald vor seiner Tür steht.

Das Angstszenario

Frank ist 48 Jahre alt und hat eine elfjährige Tochter. Er hat Mia seit fast zwei Jahren nicht gesehen. Frank ist der erwähnte Vater, dessen Freundin zwei Söhne in die Beziehung mitbringt. Beide haben keinen Kontakt zu ihrem Vater – angeblich sei er gefühlskalt und habe kein Interesse an seinen Kindern. Frank glaubt seiner Freundin. Er heiratet sie, Mia kommt zur Welt, irgendwann ziehen die Söhne aus.

Doch seine Frau ist krankhaft eifersüchtig und verlässt ihn eines Tages, weil sie fälschlicherweise glaubt, er habe eine andere. Seine Umgangsbemühungen sabotiert sie. Jugendamt und Familiengericht ändern daran wenig. Die Entfremdung gelingt, bald will Mia ihren Vater nicht mehr sehen. Seine Frau hat erfolgreich ein Angstszenario aufgebaut, dem sich das Mädchen nicht entziehen konnte. Auch das scheint kein Einzelphänomen zu sein. Er schreibt seiner Tochter einen Brief – nicht den ersten. Zu gern wüsste ich, ob Mia den Brief bekommt.

Unglücklich bis ans Lebensende

Der nächste zu Wort kommende Vater ist Thomas, 60 Jahre alt. Beinahe hätte er seine beiden Kinder aus erster Ehe verloren, und um seine Tochter aus der Beziehung zu einer 20 Jahre Jüngeren muss er kämpfen, wie man nur kämpfen kann. Aber ihm gelingt es immerhin. Es folgt der 68-jährige Hendrik aus Hannover, der sich vor mehr als 20 Jahren wegen einer Jüngeren von seiner Ehefrau getrennt hat. Das hat ihn bis heute den Kontakt zu seinen Kindern gekostet. Aus seinen Zeilen liest man deutlich heraus: Er ist daran zerbrochen. Glücklich ist er seit dem Verlust nicht mehr, er wird es nie mehr werden.

Fabian, 38 Jahre, hatte eine sechs Monate andauernde Affäre mit einer verheirateten Frau. Daraus entstand seine Tochter Patti, von der ihm die Mutter erst berichtet, als sie zwei Jahre alt war. Er erkennt die Vaterschaft an, baut eine Beziehung zu Patti auf. Doch als die Mutter wieder eine Beziehung beginnt, bröckelt der Umgang. Schließlich degradiert ihn eine schlimme Anschuldigung zum Zahlvater. Fabians Fazit: Um so etwas nicht erleben zu müssen, gebe es nur einen Schutz: Man darf nicht Vater werden.

Trennung von der Frau = Trennung von den Kindern?

Letzter im Bunde ist der 53-jährige Dietrich, dessen schlimme Geschichte er selbst so zusammenfasst: Ich wollte mich von meiner Frau trennen. Ich hatte keine Ahnung, dass das auch die Trennung von meinen Kindern bedeutet. Zu Sohn Fabian, Tochter Annika und Sohn Jahn hat er keinen Kontakt mehr.

Das Wechselmodell

Es sind sechs traurige und überaus schmerzhafte Geschichten, die Andrea Micus uns vorsetzt; so entsetzlich, dass sie ihr Buch nicht auf eine solche Weise ausklingen lassen will. Daher skizziert sie im letzten Kapitel Möglichkeiten und Modelle, die zum Erfolg führen können: beiden Elternteilen die Kinder zu erhalten, Kindern beide Elternteile zu erhalten. Die Juristin mit Lehrstuhl in Nürnberg Prof. Hildegund Sünderhauf-Kravets etwa propagiert einen 50:50-Umgang, das sogenannte paritätische Doppelresidenzmodell oder Wechselmodell. Frau Sünderhauf hat 2013 mit „Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis“ ein Standardwerk vorgelegt, das die aktuelle Rechtslage und Rechtsprechung in Deutschland ebenso dokumentiert wie internationale psychologische Forschung zum Thema Wechselmodell – deutsche Studien darüber gibt es noch nicht allzu viele.

Andrea Micus’ endet mit ein paar Modellen und Beispielen von Familien, in denen der Umgang der Kinder zu beiden Elternteilen nach der Trennung klappt.

Schmerzhafte Lektüre

Von den sechs Vätern, deren Leid der Leser hautnah erfährt, kennen wir natürlich nur ihre Sicht der Dinge, nur ihre Wahrheit. Ob sie ihre eigene Rolle im Trennungs- und Umgangskonflikt womöglich etwas geschönt haben, können wir nicht beurteilen. Es ist aber auch nicht entscheidend. So oder so ist ihr Schmerz immens, und das wollte Andrea Micus herausarbeiten. Es ist ihr gelungen, die Lektüre war sehr bewegend.

Autorin Andrea Micus

Die sechs Fälle sind beispielhaft, sie decken keineswegs das vielfältige Spektrum von Umgangskonflikten ab, die zum Verlust der Kinder führen können. Dennoch werden sich betroffene Väter in etlichen Details wiederfinden.

Unerwähnt: die Neue als Konkurrentin

Ein Aspekt fehlte mir noch. Micus hätte ihn im ersten Kapitel unterbringen können, meiner Ansicht nach sogar müssen. Ich meine den Fall, dass Umgangsvereitelung durch die Mutter ihre Ursache darin haben kann, dass der Vater eine neue Beziehung hat und die neue Freundin zum Nachwuchs ein wunderbares Verhältnis aufbaut. Ganz gefährliches Terrain! Auch, wenn nicht sogar besonders in Fällen, bei denen die Frau den Mann verlassen hat. Man hüte sich als Vater davor, sich jemals in Sicherheit zu wiegen. Der Vater kann seiner Ex noch so sehr vermittelt haben, wie wichtig sie als Mutter seiner Kinder sei, sie wird die Neue an seiner Seite als Konkurrenz um die Gunst der Kinder empfinden. Das mag nicht auf jede Mutter zutreffen, aber es dürfte eine verbreitete Furcht sein.

Lektüreempfehlung

Wer soll das Buch lesen? Am besten alle beteiligten Parteien: Väter, Mütter, Ersatzväter, Ersatzmütter, Jugendamtler, Familienrechtler usw. Viel zu oft wird das Fehlverhalten umgangsvereitelnder Mütter von Jugendämtern und Familiengerichten hingenommen. Es gibt Gerichtsbeschlüsse, in denen die Richter sogar eingeräumt haben, dass die Mutter den Abbruch des Kontakts zwischen Vater und Kind zu verantworten hat – und dennoch wurde der Umgang ausgesetzt. Die Mutter wird kritisiert, gleichzeitig gibt man ihr mit dem Ergebnis zu verstehen, dass sie alles richtig gemacht hat. Das glaubt Ihr nicht, liebe Leser? Unsere höchsten Richter denken so.

Die Mutter hat den Willen des Kindes so sehr verkorkst, dass dem Kind der Umgang mit dem Vater nicht mehr zumutbar sei. Druck auf die Mutter würde das Kind als Druck auf sich selbst empfinden. Woher die Richter die Erkenntnis haben, dass man das Kind nicht behutsam wieder an den Vater heranführen kann und man deshalb eine renitente Mutter nicht in die Schranken weisen darf, bleibt ihr Geheimnis. Auch solche Richter sollten Andrea Micus’ Buch lesen.

Die Ignoranz mancher Mutter

Sollen vom Verlust der Kinder betroffene Väter zu „Väter ohne Kinder“ greifen? Manchmal hilft es zu wissen, dass man mit seinem Schicksal nicht allein ist, sogar alles andere als allein. Aber es tut weh und rückt einem den eigenen Schmerz überdeutlich ins Bewusstsein. Umgangsvereitelnde Mütter werden sich von der Lektüre vermutlich kaum eines Besseren belehren lassen. Geht ihnen Empathie nicht völlig ab, werden sie wissen, was sie den Vätern ihrer Kinder antun – es ist vielen dieser Frauen vermutlich egal.

Schön wäre es, wenn auch nicht unmittelbar Betroffene oder Beteiligte nachempfinden können, wie es manchen Vätern in unserer Gesellschaft nach der Trennung ergeht. Es muss ein breites Bewusstsein entstehen, wie wichtig es ist, dass Väter im Leben ihrer Kinder präsent bleiben.

Auch Müttern kann das widerfahren

Abschließend ein Wort zur Güte über Mütter, denen von Vätern der Kontakt zu ihren Kindern verwehrt worden ist und die hier nicht vorkommen: Ich bin sicher, Andrea Micus weiß, dass es sie gibt. Das Schicksal dieser Mütter und letztlich auch ihrer Kinder ist ebenso bitter wie das Schicksal von Markus, Frank und der vier anderen im Buch vorgestellten Väter. Auch wenn die Zahl entsorgter Väter um ein Vielfaches höher sein wird als die Zahl aus dem Leben ihrer Kinder verbannter Mütter, sollten doch auch sie Beachtung finden, denn jeder einzelne Fall ist schlimm.

Andrea Micus hat mit „Väter ohne Kinder“ ein vernachlässigtes Feld bestellt. Bleibt für Väter und ihre Kinder zu hoffen, dass das Buch gelesen und verstanden wird.

Autorin: Andrea Micus
Deutsche Erstveröffentlichung: 2. März 2015
192 Seiten, Klappenbroschur
Verlag: Kösel-Verlag (Verlagsgruppe Random House)
Preis: 15,99 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Foto der Autorin: © Jörg Ladwig

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Eine Antwort zu “Andrea Micus: Väter ohne Kinder – Was für Männer nach einer Trennung auf dem Spiel steht (Buchrezension)

  1. Fatherleft

    2015/11/29 at 17:36

    Hat dies auf lutz bierends Fatherleft rebloggt.

     

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