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Joe R. Lansdale: Akt der Liebe – Metzelei aus Mitgefühl (Buchrezension)

25 Jun
Landsdale-Akt_der_Liebe-Cover

Die Hardcover-Ausgabe aus dem MAAS Verlag

Act of Love

Von Volker Schönenberger

Er blieb auf ihrem Körper liegen, völlig ekstatisch leckte er mit einer rasenden Zunge das Blut von dem Stumpf ihres Halses.

Horror // Krimi, Thriller, Horror, Science-Fiction, gern auch eine Vermengung dieser Gattungen – der Texaner Joe R. Lansdale tobt sich im Bereich der Genreliteratur gern vielseitig aus. Mit „Akt der Liebe“ hat er 1981 seinen ersten Roman vorgelegt, einen Thriller um die Jagd eines Cops auf einen Serienkiller, dessen Brutalität das Buch durchaus in die Nähe des Horrors bringt.

Der erste Mord – nur Auftakt einer ebenso schwarzen wie blutigen Serie

Hauptfigur ist Lieutenant Marvin Hanson, Ermittler im Morddezernat von Houston, schwarz wie eine Kohlengrube und hässlich wie ein Affe. Hanson entstammt dem Fifth Ward, dem Ghetto der texanischen Metropole. Er und sein Partner Joe Clark bekommen die Ermittlungen in einem bestialischen Mord übertragen – einem Mord in eben diesem Fifth Ward, einem Mord, den wir im Prolog des Romans hautnah miterlebt haben. Auch den Täter und seine Gedanken haben wir dort kennengelernt, wenn auch nicht seine Identität, einen Blick in seine tiefschwarze Seele haben wir geworfen – und sind erschreckt zurückgewichen. Der Leser weiß sogleich: Es wird nicht der einzige Mord bleiben. Hanson ahnt das ebenfalls schnell.

Lansdale-Act_of_Love-Cover

Von Cemetery Dance

In einem 1989 vom – ebenfalls sehr empfehlenswerten – Schriftsteller Robert R. McCammon geführten Interview sagte Lansdale, „Akt der Liebe“ sei vor der Zeit von Splatterpunk und Clive Barker entstanden, damals habe er etwas Kraftvolles schreiben wollen, das an die Eingeweide geht. Das ist ihm zweifellos gelungen – der Roman hat Tempo, die Explosionen der Gewalt sind nicht ausufernd lang, aber dafür exzessiv.

Lansdale weckt Mitgefühl für die Opfer

Als Begründung für die überaus explizite Beschreibung der Mordszenen führte Lansdale an, er sei ärgerlich gewesen, wie viel Aufmerksamkeit die Psychopathen und Mörder bekämen, wie wenig die Opfer. Mit den Metzelszenen habe er Mitgefühl mit den Opfern aufbauen wollen. Ein interessanter Gedanke, den seinerzeit auch der Regisseur Paul Verhoeven als Begründung für die drastische Gewaltdarstellung bei der Erschießung des Polizisten Murphy in „RoboCop“ geäußert hat – Identifikation mit erst kurz zuvor in die Handlung eingeführten Figuren sei nur so möglich.

So lesenswert „Akt der Liebe“ als harter Cop-gegen-Serienkiller-Roman auch ist, so ist er doch nicht frei von Kritik. Im letzten Drittel legt Lansdale eine Fährte auf einen Verdächtigen, bei der dem Leser recht schnell der Gedanke kommt, dass es sich um eine falsche handelt – was sich als korrekter Gedanke herausstellt. Gleichzeitig rückt diese falsche Fährte ungewollt eine andere Figur in den Fokus der Identifizierung des Serienkillers – auch das stellt sich am Ende als korrekt heraus (und ich bin ganz sicher kein Leser, der überraschende Wendungen schnell voraussieht). Das ist schade, zusätzlich zu dieser Vorhersehbarkeit wirkt die Figur des Täters am Ende auch nicht ganz schlüssig. Etwas aus der hohlen Hand kommt obendrein ein Abschnitt, in dem der Gerichtsmediziner Warren über die Psychologie des Serienkillers spekuliert. Zwar räumt Warren ein, darüber nur laienhaftes Wissen zu haben, es ist dennoch etwas unbefriedigend.

Selbstkritik beim Autor

Lansdale hat in dem erwähnten Interview eingeräumt, er wünsche, er könne zurückgehen und ein paar Sachen überarbeiten, die er geschrieben habe. Er hat allerdings meine Frage verneint, ob er damit die obigen Kritikpunkte gemeint habe – ich hatte ihn kürzlich deswegen kontaktiert. Es seien vielmehr stilistische Dinge, die ihn an einigen seiner Frühwerke heute stören würden. Löblich, wenn ein Autor in der Lage ist, selbstkritisch auf seine Arbeit zu blicken, und dies auch gegenüber Lesern äußert. Es ändert allerdings nichts daran, dass ich bis heute keinen schlechten Lansdale gelesen habe – und das schließt trotz der Kritikpunkte auch „Akt der Liebe“ ein.

Lansdale-Act_of_Love-Signatur

Das Signature Sheet der Cemetery-Dance-Edition

Der US-Verlag Cemetery Dance hat 1994 eine auf 750 Exemplare limitierte und von Lansdale signierte Edition des Romans veröffentlicht – sie ist mittlerweile „out of print“ und gesucht. Eine schöne kleine Hardcover-Edition aus dem MAAS Verlag von 1999 ist ebenfalls vergriffen, aber immerhin hat Heyne „Akt der Liebe“ 2010 bei uns wiederveröffentlicht.

Er weiß, wovon er schreibt

Im Vorwort der 1999er-Ausgabe des Romans schreibt Lansdales Schriftsteller-Kollege Andrew Vachss, man spüre, wenn eine Jungfrau eine Sexszene beschreibt. Man erkennt die kinetische Unmöglichkeit der Gewalt, wenn ein Autor noch nie in einen Fight verwickelt war. So etwas werden Sie in Joes Arbeit nicht finden – es existiert nicht. Er weiß, dass hart nicht dasselbe ist wie herzlos. Lesen sie Joe Lansdale, und erkennen Sie die Begabung eines echten Autors … Er hat gefühlt, und er wird sie mitfühlen lassen. Diese Einschätzung teile ich. Man verzeihe mir, dass ich es mir an dieser Stelle leicht mache, aber wenn ein anderer bereits die richtigen Worte gefunden hat, zitiere ich gern einmal.

Es ist sicher nicht Lansdales bester Roman, wie auch Vachss einräumt. Was wäre aus ihm auch für ein Autor geworden, wenn er nicht in der Lage gewesen wäre, sein Debüt zu übertreffen? Aber es ist ein ehrlicher Roman, geschrieben ohne Lug und Trug und mit Gefühl fürs Milieu – als Einstieg in Joe R. Lansdales Werk vorzüglich geeignet und allemal fesselnde Unterhaltung bietend. Ich kenne zwar einige seiner späteren, womöglich reiferen Romane, aber auch „Akt der Liebe“ hat Lust auf mehr gemacht. Zum Glück harren daheim weitere Lansdales auf dem Ungelesen-Stapel aus (der leider viel zu hoch ist). Wer harte Cop-Thriller mag und bei ein paar derben Gewaltspitzen nicht gleich das Weite sucht, möge bei „Akt der Liebe“ zuschlagen und sich im Anschluss ins weitere Œuvre des Texaners vortasten – zum Beispiel zu „Gluthitze“, der im Partnerblog vnicornis rezensiert worden ist.

Autor: Joe R. Lansdale
Originaltitel (1981): Act of Love
Deutsche Erstveröffentlichung: 1999 als Hardcover und Taschenbuch in der Reihe „Pulp Master“ im MAAS Verlag Berlin
Deutsche Zweitveröffentlichung: 9. August 2010 als Taschenbuch und eBook in der Reihe „Heyne Hardcore“ im Heyne Verlag
245 Seiten (MAAS), 288 Seiten (Heyne)
Preis (Heyne): 8,95 Euro

Landsdale-Akt_der_Liebe-Cover-Heyne

© Heyne Verlag

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2015/06/25 in Literatur, Rezensionen

 

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2 Antworten zu “Joe R. Lansdale: Akt der Liebe – Metzelei aus Mitgefühl (Buchrezension)

  1. Christian Weis

    2015/06/27 at 18:35

    Volle Zustimmung von einem zugegebenermaßen nicht unparteiischen Lansdale-Fan. Lansdales Sachen sind das Lesen eigentlich immer wert. Richtig enttäuscht wurde ich von ihm noch nie – das kann ich von keinem anderen Autor sagen, von dem ich annähernd gleich viel gelesen habe wie von ihm.

     
  2. Kay Sokolowsky

    2015/06/25 at 21:04

    Das rauhe Genie Joe Lansdale kann man eigentlich immer loben, auch wenn er mal schlampt. Daher Dank für Deine ausbalancierte Rezension und die mehr als deutliche Kaufempfehlung! Die sehr Guten – es gibt nicht so viele von ihnen – muß man nämlich fördern, wo man kann.

     

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