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It Follows – Von wegen lustfeindliche Moral … großer Horror ist das!

10 Jul

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It Follows

Kinostart: 9. Juli 2015

Horror // Nein, wirklich nicht! Die mancherorts, auch bei „Die Nacht der lebenden Texte“-Gastautor Simon zu beobachtende Haltung, „It Follows“ aufgrund seiner Prämisse auf Lustfeindlichkeit zu reduzieren und als bieder oder gar prüde abzustempeln, trifft es ganz und gar nicht. Als Warnung vor unzüchtigem Verhalten kann man es nur vordergründig interpretieren. Aber da begibt sich der Film doch zu keinem Zeitpunkt hin?! Nun gut, hier führt Sex dazu, von einem Dämon verfolgt zu werden. Aber es ist nicht einmal Sperma oder eine andere Körperflüssigkeit, die den bösen Geist von einem Körper zum anderen wandern lässt, somit hinkt auch der Vergleich mit einer Geschlechtskrankheit – die vom Fluch Befallenen sind keine Besessenen oder Infizierten, sondern Verfolgte.

Die stille Post von der dämonischen Heimsuchung

Jays (Maika Monroe) Sexpartner Hugh (Jake Weary) ist keineswegs ein Leichtfuß, der ihr einfach mal einen Dämon weitergibt. Ein feiner Zug ist das zwar nicht, keine Frage, aber er ist verzweifelt, erklärt sein Handeln, rät ihr, was zu tun ist. An dieser Stelle hakt der Film etwas: Hugh weiß, dass er so lange sicher ist, wie Jay lebt. Hat der Dämon sie getötet, wäre wieder er an der Reihe, verfolgt zu werden, danach die Frau, von der er selbst den Fluch übertragen bekommen hat, usw. Dieses Wissen muss quasi stille-Post-mäßig, aber ohne Informationsverzerrung von einem Sexpartner zum nächsten übertragen worden sein – das ist unbefriedigend. Andererseits hören wir nichts weiter als die Erklärung einer Filmfigur, die diese sich zurechtgelegt haben mag. Ob sie stimmt, müsste eine Fortsetzung zeigen – aber hoffentlich kommt keine. Nicht alles muss zu Ende erzählt und erläutert werden.

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Nach dem Sex findet sich Jay …

Drückt man ob dieses etwas krummen Details ein Auge zu, entfaltet sich ein überaus atmosphärisches und formal wie narrativ eigenständiges Horror-Gemälde, das mit vielen statischen und durchkomponierten Einstellungen seinen ganz besonderen Reiz hat. Musikalische Begleitung unterbleibt bisweilen völlig, dann wiederum setzen elektronische Tonfolgen punktuelle Akzente, die an die Klangzaubereien eines John Carpenter erinnern. Klasse!

Von unerbittlicher Zielstrebigkeit

Das kleine Ensemble von Jay und ihren Freunden besteht aus echten Menschen, keinen Abziehbildern der Opfer herkömmlicher Slasherfilme, in denen tatsächlich eine recht prüde Moral herrscht – außerehelicher Sex junger Leute führt dort zuverlässig zur Ermordung. Nun ist „It Follows“ zwar kein Slasherfilm, enthält aber doch mit den vom Dämon besessenen Menschen durchaus ein Slasherelement – die Besessenen gehen langsam, bewegen sich aber mit unerbittlicher Zielstrebigkeit auf ihr Opfer zu, in diesem Fall meist Jay. Sie kann fliehen und so Zeit gewinnen, denn die Verfolger sind langsam. Aber irgendwann, ob Stunden oder Tage später, taucht wieder ein Mensch auf, der seltsam starr und wie fremdgesteuert auf Jay zugeht.

Dämon oder nicht Dämon – das ist hier die Frage

Ist’s überhaupt ein Dämon, der da wirkt? So richtig lässt sich Regisseur und Drehbuchautor David Robert Mitchell nicht in die Karten schauen, eine Erklärung liefern weder der Film noch Mitchell im Interview. „It Follows“ eben, frei übersetzt „Es folgt dir“ oder „Es verfolgt dich“, einfach so, vielleicht aus reiner Bösartigkeit in ihrer Essenz, unerklärbar wie Michael Myers in „Halloween – Die Nacht des Grauens“. Auf einen Dämon aus der Hölle der Katholiken deutet jedenfalls wenig.

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… plötzlich gefesselt wieder

Immerhin hat sich Mitchell zum Thema Sex als Übertragung des Fluchs geäußert. Ganz fern liegt der Gedanke ja nicht, das kann ich nicht abstreiten, auch wenn ich bei der Sichtung zu keinem Zeitpunkt den Eindruck hatte, es könne sich beim Fluch um eine Metapher auf AIDS, Tripper, ungewollte Schwangerschaften oder vorzeitigen Samenerguss handeln. Mitchell sagt dazu, der Sex funktioniere bei ihm eher als Kette zwischen dem Überträger und dem nächsten Opfer, als emotionales und körperliches Bindeglied. Er sei sich sogar darüber im Klaren gewesen, dass es zu solchen Interpretationen kommen könne. Es sei eben eine mögliche Sichtweise, wenn auch nicht seine favorisierte. Anderswo hat Mitchell sogar geäußert, er hasse diesen puritanischen Blickwinkel auf seinen Film.

Ihr dürft es ruhig weiter treiben!

Sex und sexuelles Verlangen sind in „It Follows“ viel zu wenig gegenwärtig, als dass dem Film Lustfeindlichkeit attestiert werden könnte. Der Beischlaf ist eben das Instrument, dessen Einsatz dazu führt, die nicht fassbare Wesenheit von einem Opfer zum anderen zu bewegen, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Außerhalb der dämonischen Übertragungskette dürfte nach Herzenslust gepimpert werden, ohne in Lebensgefahr zu geraten, es geschieht aber nicht, weil sich der Film nicht um Sex dreht.

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Was ist da im Pool?

Ist „It Follows“ die Rettung des Horrorfilms? Das ist hoch gegriffen. Ein einzelner Film kann das kaum leisten. Richtig ist, dass ein Genre wie Horror, das verlässlich wie am Fließband B- und C-Ware voller Macken auswirft, immer wieder herausragende Werke braucht. Horror-Verächter wundern sich ohnehin, weshalb Machwerke wie „Strange Blood“, „The Redwood Massacre“ und „You Are Not Alone – Jemand ist hier“ oder Trashfilme wie „Robocroc“ und „Sharktopus“ Fans finden können. Da ist es gut, wenn das Genre ab und zu mit Perlen wie „Late Phases“, „The Lords of Salem“ und „The Innkeepers – Hotel des Schreckens“ punkten kann – auch wenn selbst herausragende Filme die zaghaften Filmfans nicht zum Horror führen werden. „It Follows“ gehört jedenfalls zu den Werken, die das Genre voranbringen.

Zu Simons Rezension geht’s auch hier.

Länge: 100 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: It Follows
USA 2014
Regie: David Robert Mitchell
Drehbuch: David Robert Mitchell
Besetzung: Maika Monroe, Keir Gilchrist, Olivia Luccardi, Jake Weary, Carollette Phillips, Lili Sepe, Daniel Zovatto, Debbie Williams, Ruby Harris, Linda Boston, Leisa Pulido
Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Filmplakat & Fotos: © 2014 It Will Follow, Inc. / Weltkino Filmverleih GmbH

 
Ein Kommentar

Verfasst von - 2015/07/10 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “It Follows – Von wegen lustfeindliche Moral … großer Horror ist das!

  1. scathach25

    2015/11/18 at 14:40

    Beide Rezensionen klingen interessant, obwohl sie nicht nur positiv sind. Aber neugierig macht es auf jeden Fall. 🙂

     

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