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Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade – Peitsche vor Kultur

11 Jul

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De Sade

Von Volker Schönenberger

Historiendrama // Donatien Alphonse François de Sade galt zu seiner Zeit als schlimmer Finger. Der Freigeist frönte sexuellen Ausschweifungen in höherem Maße, als es in den französischen Adelskreisen toleriert wurde. Er verbrachte deshalb viele Jahre im Gefängnis bzw. in geschlossenen Einrichtungen für Geisteskranke, wo er als Schriftsteller unter anderem „Die 120 Tage von Sodom“ verfasste.

Mit holder deutscher Weiblichkeit

Die 1969er-Verfilmung von de Sades Leben versammelt dank der Mitwirkung von Artur Brauner als Executive Producer einige namhafte deutsche Schauspielerinnen in der Besetzung: Senta Berger, Lilli Palmer, Sonja Ziemann und Christiane Krüger. Gedreht wurde dann auch in Deutschland. Regisseur Cyril Endfield erkrankte während der Dreharbeiten an Grippe, sodass ihn phasenweise der ursprünglich vorgesehene Roger Corman auf dem Regiestuhl ersetzte.

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Trotz der erzwungenen Ehe mit Renée (l.) …

Als Klammer des Films dient eine Rahmenhandlung, in der der gealterte Marquis auf der Flucht vor der Ordnungsmacht in seinem dem Verfall geweihten Schloss ankommt. Dort inszeniert ihm sein Onkel (Regisseurs-Legende John Huston, „Der Schatz der Sierra Madre“, „African Queen“) sein Leben als Theaterstück – die Bühnenszenen gehen dabei in Erinnerungen de Sades über. Das verleiht dem opulent ausgestatteten Historiendrama eine surreale Wirkung, die dadurch verstärkt wird, dass Szenen sexueller Eskapaden mit einem roten Filter verfremdet sind. Auf diese Weise laviert „Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade“ auf verwirrende, aber faszinierende Weise zwischen Arthaus und Exploitation. Zur lüsternen Fleischbeschau eignet sich der Film trotz diverser Nacktszenen nicht, insofern kann von Sexploitation keine Rede sein. Aber zuletzt hat „Fifty Shades of Grey – Geheimes Verlangen“ die Messlatte der Peitschen-Erotik ja auch nicht gerade hoch gehängt.

Arrangierte Ehe, Leidenschaft für die Schwägerin

Einige biografische Eckpunkte des echten de Sade scheinen korrekt eingebaut zu sein, darunter die arrangierte Ehe mit Renée Pélagie de Montreuil (Anna Massey), wo er doch in Leidenschaft zu deren Schwester Anne-Prospère (Senta Berger) entflammt war. Auch de Sades unerbittlicher Verfolger Inspector Marais (Heinz Spitzner) entstammt der Realität.

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… frönt der Marquis weiterhin seinen ganz eigenen Vorstellungen von Lust

Den kulturhistorischen Einfluss des Marquis de Sade klammert die Verfilmung seines Lebens völlig aus. Vielmehr wird sein Hang zu gewalttätigem Verhalten bei Orgien simpel damit erklärt, dass er selbst als Kind von seinem Onkel mit der Gerte gezüchtigt worden ist. Das ist zwar unbefriedigend, an der Leistung von Keir Dullea gibt es dennoch nichts zu mäkeln. Der schon in den 60er-Jahren gut beschäftigte Schauspieler hatte kurz zuvor in Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ auf sich aufmerksam gemacht. Er ist bis heute aktiv, allerdings vornehmlich fürs Fernsehen und in unspektakulären Produktionen.

Filmprogramm als Booklet der deutschen DVD-Erstveröffentlichung

Pidax Film hat der deutschen DVD-Erstveröffentlichung als Booklet einen Nachdruck des deutschen Filmprogramms von 1970 spendiert. Der Film selbst liegt in durchschnittlich-historischer Qualität vor, wobei die deutsche Synchronisation leider unvollständig ist – über die gesamte Dauer des Films wechselt die Sprachfassung für kurze Sequenzen ins Englische, immerhin untertitelt.

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Ein Popo wird signiert

Ein buntes Spektakel, das in keiner DVD-Sammlung fehlen darf! So steht’s im Pressetext zu „Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade“ geschrieben. Den ersten Teil des Satzes kann ich unterschreiben. Dass der Film in jede Sammlung gehört, darf hingegen bezweifelt werden, dazu fehlt ihm bei aller Finesse doch die Meisterschaft. Aber er ist unterhaltsam genug, um ihn allein schon aus filmhistorischem Interesse zu sichten.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Roger Corman, Cy Endfield und Gordon Hessler haben wir in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Juli 2015 als DVD

Länge: 102 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: De Sade
BRD/USA 1969
Regie: Cy Endfield, Roger Corman, Gordon Hessler
Drehbuch: Richard Matheson
Besetzung: Keir Dullea, Senta Berger, Lilli Palmer, Anna Massey, Sonja Ziemann, Christiane Krüger, Uta Levka, Barbara Stanek, Susanne von Almassy, Friedrich Schoenfelder, Heinz Spitzner, John Huston
Zusatzmaterial: Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment / Pidax Film

 

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