RSS

Amy – A Very Old Soul in a Very Young Body

14 Jul

Amy-Plakat

Amy

Kinostart: 16. Juli 2015

Gastrezension von Miriam Dames

Musik-Doku // Jeder kennt die Bilder, wie sie volltrunken, orientierungslos und kaum noch fähig zu sprechen auf der Bühne steht oder völlig high und vom Blitzlichtgewitter der Paparazzi verfolgt die Camdener Pubs verlässt: Amy Winehouse, dieser zerbrechliche Körper mit seiner jungen aber doch gewaltigen Stimme, welche eine Tiefe besaß, die man sonst nur bei alten Diven des Souls und des Jazz à la Aretha Franklin oder Ella Fitzgerald findet.

Millionenverkäufe, Geld und Grammys

Ihren ersten Plattenvertrag unterschreibt sie bei Island Records, veröffentlicht dort 2003 das Album „Frank“. Ihr damaliger Produzent ist Salaam Remi. Ihr zweites und gleichzeitig letztes Album „Back to Black“ erscheint 2006, produziert von Mark Ronson. Sie gewinnt bei dem MTV Europe Music Awards 2006 und wird fünffach ausgezeichnet bei den Grammy Awards 2008. Bereits im Alter von 24 Jahren rangiert sie in den Top 100 der reichsten britischen Musiker unter 30. Ihr Album „Back to Black“ ist mittlerweile, posthum, das meistverkaufte britische Album dieses Jahrhunderts.

Amy-1

You should be stronger than me, but instead you’re longer than frozen turkey. Why’d you always put me in control? All I need is for my man to live up to his role („Stronger Than Me“ vom Album „Frank“)

Das alles ist nichts Neues, aber Asif Kapadias Dokumentation gelingt es dennoch, uns eine völlig andere, unbekannte Seite der Person Amy Winehouse zu zeigen. Amy, das Mädchen aus dem Norden von London, das schon im zarten Alter von neun Jahren mit Essstörungen und Depressionen zu kämpfen hat, einen durchaus rotzigen, respektlosen Humor besitzt und sich beschämt in ihr Kissen drückt, wenn sie beim Aufwachen auf dem Rücksitz eines Autos gefilmt wird.

Drogen, Männer, Selbstzerstörung

Es geht in dieser Dokumentation weniger um die musikalischen Meilensteine ihrer Karriere, sondern um die Person Amy Winehouse und ihr emotionales Auf und Ab unter dem Einfluss von Erfolg, (unfreiwilliger) Popularität und ihrer selbstzerstörerischen Beziehung zu Drogen und Männern. Dabei wird schnell klar, dass wir hier keinesfalls eine schwache Person vor uns haben, aber es zeigt vielleicht einmal mehr, dass großer Erfolg und mediale Aufmerksamkeit oft auf den Trümmern der eigenen Persönlichkeit stehen, besonders dann, wenn die Beziehung zu einer wichtigen Bezugsperson keinerlei stabilisierenden Einfluss hat – in diesem Fall ihre Ehe mit Blake Fielder-Civil.

Amy-3

I cheated myself, Like I knew I would, I told you I was trouble, You know that I’m no good („You Know I’m No Good“ vom Album „Back to Black“)

Amy sah sich immer als Jazzsängerin, war aber zu keinem Zeitpunkt ihrer Karriere restlos überzeugt von ihrem Talent. So bedarf es des mehrmaligen Zuspruchs Tony Benetts, ihre Selbstzweifel zu überwinden und das Duett mit ihm zu Ende zu singen. In dieser Sequenz des Filmes wird deutlich, dass Amy ihr eigener Erfolg nicht in dem Maße beeindrucken konnte, wie es ihre Idole aus dem Jazz tun. Und es wird klar, dass dieses Duett sicher mehr Bedeutung für sie hatte als all die Millionen ihrer verkauften Alben. So sagte sie auch selber über sich: I’m not a singer, i’m a jazzsinger.

Tiefe Liebe zur Musik

Ihre tiefe Verbundenheit zur Musik wird in vielen Aufnahmen und vor allem in den Interviews ihrer Wegbegleiter deutlich. Als Star beliebt und bekannt sein war ihr nicht wichtig, sondern nur, dass ihre Musik geschätzt wird.

Her dream was to do this sort of show, to play in jazz clubs to small audiences. She had one of the most pure relationships to music. Such an emotional relationship to music […] She needed music as if it was a person. And she would die for it. (Pianist Sam Beste über Amy Winehouse)

Facetten einer zerbrechenden Frau

Die große Zahl an bislang ungesehenen privaten Videoaufnahmen aus dem Leben Amys zeigen Facetten jenseits des zerbrechlich wirkenden, drogenabhängigen Mädchens, das mehr torkelt als läuft und mehr lallt als singt. Die Aufnahmen und Interviews sind mehr oder weniger chronologisch aneinandermontiert. So werden auch die Veränderungen deutlich, die Amy Winehouse durchmacht, vor allem ab 2006/2007 bis zu ihrem Tod. Der Film kommt dabei völlig ohne Erzähler und Off-Kommentare aus, zu sehen sind lediglich Aufnahmen aus diversen Quellen, Mitschnitte der Interviews und Standbildsequenzen privater Fotoaufnahmen.

Viele der Aufnahmen haben eine grobe Auflösung. Dies stört allerdings die Intensität des Films nicht, sondern macht ihn im Gegenteil eher noch persönlicher und emotionaler. Es entsteht so fast das Gefühl, selbst auf diese Ansammlung unveröffentlichter Filmaufnahmen gestoßen zu sein und in die privaten Aufnahmen Amys, deren engster Freunde und Familie Einblick zu nehmen.

Songtexte aus dem Leben

Es wird offenbar, wie nah ihre Songtexte an der Realität sind, wie im Falle des Liedes „Rehab“. Dieses ist nahezu erschreckend stimmig mit den Geschehnissen, die Nick Shymanski schildert, ihr Manager in den Jahren 1999 bis 2006.

They tried to make me go to rehab
But I said no, no, no
Yes I’ve been black but when I come back
You’ll know, know, know
I ain’t got the time
And if my daddy thinks I’m fine
Just try to make me go to rehab
But I won’t go, go, go

(„Rehab“ vom Album „Back to Black“)

Amys Großmutter ist ein der wichtigsten Personen in ihrem Leben. Die Mutter ist eher schwach, der Vater dafür sehr dominant. In den frühen Jahren ist er nicht für sie da. Später, als der große Erfolg kommt, ist er zwar an ihrer Seite, hat aber selten einen guten Einfluss und scheint ihre Situation zu verkennen, ja geradewegs zu bagatellisieren.

Amy-2

We only said goodbye with words, I died a hundred times, You go back to her, And I go back to … („Back to Black“ vom Album „Back to Black“)

Verluste

Die Großmutter stirbt im Jahr 2007. Ihr Verlust und die Trennung von Blake bringen Amys psychische Stabilität offensichtlich endgültig ins Wanken. We were like twins, sagt sie selbst über ihre Beziehung zu Blake. Dieses Scheitern und der permanente Druck durch die mediale Öffentlichkeit bringen sie letztendlich an einen Punkt, an dem sie sich und ihre Karriere selbst sabotiert. Geradezu absichtlich scheint es, betrachtet man die Aufnahmen des Konzerts in Belgrad, das nach kurzer Zeit abgebrochen wird, da Amy weder fähig noch willens ist zu singen.

Neue Erkenntnisse hinsichtlich ihrer musikalischen Laufbahn bietet der Film nicht. Produzenten und Mitmusiker kommen lediglich als Wegbegleiter Amys in Interviews zu Wort, nicht aber mit ihrem musikalischen Beitrag zum „Produkt“ Winehouse.

Die Doku ist emotional sehr stark und vermittelt ein überaus persönliches Charakterbild von Amy Winehouse. Das wird an vielen Besuchern des Films sicher nicht spurlos vorübergehen, an mir zumindest tat es das nicht. Klare Empfehlung, nicht nur für Amy-Winehouse-Fans!

Länge: 127 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Originaltitel: Amy
GB 2015
Regie: Asif Kapadia
Verleih: Prokino Filmverleih GmbH

Copyright 2015 by Miriam Dames
Filmplakat & Fotos: © 2015 Prokino Filmverleih GmbH

 

Schlagwörter: , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

 
%d Bloggern gefällt das: