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Filmgenres – Kriegsfilm: Überblick oder Kanon? (Buchrezension)

05 Aug

Filmgenres Kriegsfilm

Filmgenres – Kriegsfilm

Film // Wir Filmgucker wollen ja gern wissen, woran wir sind. Dafür brauchen wir Schubladen, aus cineastischer Sicht: Genres. Reclams „Filmgenres“-Reihe stellt einige davon vor. Da mich die Gattung des Kriegsfilms seit jeher interessiert hat, habe ich mir eben jenes Reclam-Buch vorgenommen.

Was ist ein Kriegsfilm?

Eine 20-seitige Einleitung der drei Herausgeber Thomas Klein, Marcus Stiglegger und Bodo Traber eröffnet das im typischen Reclam-Gelb gehaltene handliche Taschenbuch – die drei stellen später auch selbst ein paar Filme vor. Diese Einleitung ist sehr aufschlussreich und hätte durchaus etwas länger ausfallen dürfen, vielleicht aufgeteilt auf mehrere Texte. Zu mehreren erwähnten Aspekten würde ich gern mehr erfahren. Das beginnt schon bei der Definition des Terminus „Kriegsfilm“, den Autoren zufolge eine filmische Reflexion technisierter moderner Kriege seit dem Ersten Weltkrieg. Ich kann der Argumentation folgen, obwohl ich sie mir etwa in meiner eigenen Rubrik „Krieg“ nicht zu eigen mache – dort nehme ich ganz bewusst auch Filme wie „Der Löwe von Sparta“, „Die Normannen kommen“ und „300 – Rise of an Empire“ auf. Kurioserweise zweifle ich bei diesen Filmen tatsächlich, ob ich sie als Kriegsfilme deklarieren kann. Da wäre mir etwas mehr inhaltliches Futter hilfreich gewesen.

Was ist ein Antikriegsfilm?

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die in der Einleitung aufgestellte These, der Erste Weltkrieg habe deshalb so viele als „Antikriegsfilme“ bezeichnete Werke hervorgebracht, weil dessen spezifische Struktur sich für die Darstellung der Sinnlosigkeit des Krieges besonders gut eigne: das vergebliche Sturmlaufen der Infanteristen aus den Schützengräben, die dabei massenweise niedergemäht werden. Davon ausgehend, hätte man trefflich über die Definition von „Antikriegsfilm“ reflektieren können, eine schwierige Frage, die mich seit längerer Zeit umtreibt. Das kommt leider zu kurz, wäre eine längere Abhandlung wert.

Die Neubelebung des Genres durch die Auswirkungen des „New Hollywood“ und des modernen Blockbuster-Kinos wird thematisiert, die Autoren beleuchten eine Kontinuität, die von „Die durch die Hölle gehen“ bis hin zu „Der schmale Grat“ reicht. Auch darüber hätte ich gern ausführlicher gelesen, aber das kann eine Einleitung natürlich nicht liefern, insofern werde ich das im Anschluss folgende Literaturverzeichnis zu Rate ziehen.

65 Filme von 1916 bis 2004

Verteilt auf 34 Autoren, stellt das Buch 65 Filme in chronologischer Folge ausführlich vor, beginnend mit dem britischen „The Battle of the Somme“ (1916) von Geoffrey H. Malins und Charles Urban, endend mit „Brotherhood“ (2004) von Kang Je-gyu, der wie so viele südkoreanische Filme die schmerzhafte und opferreiche Teilung Koreas thematisiert. Dazwischen finden sich natürlich Abhandlungen über die Filme, die einem bei der Nennung des Genres Kriegsfilm automatisch in den Sinn kommen: Das geht von Lewis Milestones „Im Westen nichts Neues“ („All Quiet on the Western Front“, 1930), David Leans „Die Brücke am Kwai“ („The Bridge on the River Kwai“, 1957), „Wege zum Ruhm“ („Paths of Glory“, 1957) von Stanley Kubrick und „Die Brücke“ (1959) von Bernhard Wicki über „Der längste Tag“ („The Longest Day“, 1962, diverse Regisseure), Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ („The Deer Hunter“, 1978), „Apocalypse Now“ (1979) von Francis Ford Coppola, Wolfgang Petersens „Das Boot“ (1981), Oliver Stones „Platoon“ (1986) und „Full Metal Jacket“ (1987) – erneut von Kubrick – bis hin zu Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ („Saving Private Ryan“, 1998) und Terrence Malicks „Der schmale Grat“ („The Thin Red Line“, 1998).

Kompakter Überblick

Es handelt sich ausnahmslos um ambitionierte bis große Werke, insofern kann durchaus von einem Kanon gesprochen werden, auch wenn die Herausgeber diesen pathetischen Begriff vermeiden. Das hat Vorteile. So bietet das Buch anhand der herausragenden Beiträge einen kompakten Überblick über die verschiedenen Epochen des Kriegsfilmgenres.

Wo sind die Schmuddelfilme?

Nachteil: Die schmuddeligen Streifen fehlen vollständig, etwa die billigen Italo-Radaufilme der 80er-Jahre. Ohnehin kann man sich die Frage stellen: Sind herausragende Filme überhaupt typisch für ein Genre? Sie heben sich ja gerade aus der Masse heraus. Andererseits: Sie haben das Genre geprägt.

Deutlich wird diese Lücke beispielsweise im Beitrag über Ridley Scotts „Black Hawk Down“, der 2001 von Bombast-Experte Jerry Bruckheimer produziert worden ist: Autor Vinzenz Hediger schlägt in seinem Text eine Brücke von John Fords Western „Der schwarze Falke“ („The Searchers“, 1956) zu Kriegsfilmen wie „Der Soldat James Ryan“ und eben „Black Hawk Down“: Das Motiv der Rettung Verschleppter sei in den 90er-Jahren im Kriegsfilmgenre zurückgekehrt, es habe sich geradezu als Subgenre entwickelt. Hediger verkennt dabei, dass etwa Chuck Norris schon 1984 in „Missing in Action“ Kriegsgefangene im Dschungel aus den Fängen des Vietcong befreit hat, Sylvester Stallone ein Jahr später in „Rambo II – Der Auftrag („Rambo – First Blood Part II“) ebenfalls. Nur sind das eben künstlerisch wenig anspruchsvolle, gar reaktionäre Radaufilme, die da unter den Radar fallen.

Nicht nur die üblichen Verdächtigen

Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn an der Qualität der Autoren ist nichts auszusetzen. Bei nahezu jedem Text sind mir Erkenntnisse vermittelt worden, die ich über den betreffenden Film noch nicht hatte. Und obwohl es doch in hohem Maße die üblichen Verdächtigen sind, die „Filmgenres – Kriegsfilm“ vorstellt, sind doch ausreichend Anregungen für Filme vorhanden, die einem zur Sichtung nicht ganz so schnell in den Sinn kommen wie „Apocalypse Now“, „Platoon“ und dergleichen.

Michael Verhoevens in bayerischer Mundart gehaltene deutsche Vietnam-Reflexion „o. k.“ mit Eva Mattes, Friedrich Thun und Gustl Bayrhammer sei als Beispiel genannt, die 1970 die Berlinale aufmischte. Auch „Johnny zieht in den Krieg“ („Johnny Got His Gun“, 1971) von Dalton Trumbo ist ein eher ungewöhnlicher Kandidat, weit mehr Psychodrama als Kriegsfilm und doch auf erschütternde Weise schreckliche Folgen des Krieges abbildend.

Auch die „08/15“-Trilogie ist Thema

Besonders löblich ist es, dass auch die drei Filme der erfolgreichen „08/15“-Reihe von Paul May aus den Jahren 1954 und 1955 vorkommen, jene deutschen Militär-Abenteuer nach der Vorlage von Hans-Hellmut Kirst. In diesen Filmen mit Joachim Fuchsberger sind so viele Aspekte des Zweiten Weltkriegs außen vor gelassen worden, dass sie maßgeblich dazu beitrugen, wie über Jahrzehnte das Bild vom braven deutschen Landser und der unbefleckten Wehrmacht in der bundesdeutschen Öffentlichkeit geprägt worden ist. Autor Knut Hickethier stellt das auf sechs Seiten anschaulich dar.

„Filmgenres – Kriegsfilm“ erfüllt nicht ganz meine Erwartungen, aber das liegt in erster Linie an eben diesen Erwartungen und nicht am Buch. Es liefert einen ausführlichen Überblick über prägende, wahlweise herausragende Beiträge zum Genre. Als Nachschlagewerk über die enthaltenen Filme kann es ebenso dienen wie zur Lektüre am Stück, um sich dem Kriegsfilm zu nähern. Trotz des wissenschaftlichen Duktus ist es verständlich geschrieben. Kennern wie Nichtkennern der Materie sei es empfohlen.

Autoren: diverse
Herausgeber: Thomas Klein, Marcus Stiglegger, Bodo Traber
Herausgeber der Reihe „Filmgenres“: Thomas Koebner
Deutsche Erstveröffentlichung: 2006
379 Seiten, 20 Abbildungen
Verlag: Philipp Reclam jun., Stuttgart
Preis: 9 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

 
 

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Eine Antwort zu “Filmgenres – Kriegsfilm: Überblick oder Kanon? (Buchrezension)

  1. Barbara

    2015/08/05 at 21:33

    Oh je… Kriegsfilm ist eins der wenigen Genres, mit denen ich fast gar nichts anfangen kann – viele Filme habe ich allerdings auch tatsächlich nicht gesehen. Gerade das Thema Antikriegsfilm finde ich da auch eher schwierig…

     

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