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Dawn of the Dead – So müssen Remakes sein!

10 Aug

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Dawn of the Dead

Von Volker Schönenberger

Horror-Action // Dass ihr Patient wegen einer vermeintlich leichten Bisswunde in der Hand auf die Intensivstation verlegt werden musste, lässt Krankenschwester Ana (Sarah Polley) am Ende einer überlangen Schicht nur kurz aufmerken. Beunruhigende Meldungen in Radio und Fernsehen blendet sie völlig aus. Das Grauen bricht morgens um 6.37 Uhr über sie und Ehemann Luis herein: Ein Nachbarsmädchen ist ins Haus eingedrungen und beißt Luis in den Hals. Er stirbt, kehrt unmittelbar darauf als rasender Wüterich ins Dasein zurück und attackiert Ana. Mit Müh und Not rettet sie sich aus dem Haus und fährt durch ihren bereits verwüsteten Vorort einer ungewissen Zukunft entgegen.

The Man Comes Around

Mit diesem flirrenden Prolog geht Zack Snyders Remake von George A. Romeros notorischem Klassiker „Zombie“ gleich in die Vollen. Im folgenden Vorspann erfahren wir zu den passenden Klängen von Johnny Cashs „The Man Comes Around“ mehr über die Seuche, die unmittelbar nach ihrem Ausbruch schon nicht mehr zu kontrollieren ist. Auf ihrer Flucht begegnet Ana dem Cop Kenneth (Ving Rhames). Mit ein paar anderen Überlebenden retten sich die beiden in ein – richtig – Einkaufszentrum.

Guter Tipp von Tom Savini

Achtet nach 25 Minuten auf die Fernseh-Übertragung, in der ein Sheriff namens Cahill verrät, wie die Kreaturen endgültig zu erledigen sind! Just shoot ’em in the head. Ein schönes Cameo von Splatter-Guru Tom Savini, der im Original den Machete schwingenden Rocker gab. Auch Ken Foree und Scott Reiniger aus dem Original haben Gastauftritte – Foree als Fernsehprediger, der den legendären Satz zitiert: When there is no more room in hell, the dead will walk the earth.

In meiner DVD-Hülle steckt noch die Rezension, die Gastautor Dirk Ottelübbert seinerzeit für die TV-Zeitschrift geschrieben hat, in der wir beide Redakteur waren. Pflichtfilm für Fans des harten Horrors und blutiges, rasantes und schnörkelloses Angstkino lautete damals sein Urteil – auch drastischer, entsetzlich guter Zombie-Reißer mit Hitpotenzial. In den mehr als zehn Jahren seit seiner Entstehung hat sich viel getan im Horrorgenre. Vor allem die Gewaltspirale hat sich nach oben gedreht, heute kommt Härteres ins Kino. Die atemraubenden Actionsequenzen von „Dawn of the Dead“ jedoch wirken nach wie vor auf der Höhe der Zeit.

Vision der Apokalypse

Die blutigen Details mögen angesichts späterer Exzesse wie der Torture-Porn-Reihen „Saw“ und „Hostel“ heute vergleichsweise harmlos erscheinen, tun aber ihren Dienst. Obligatorische Gruppenkonflikte unter den ums Überleben Kämpfenden treiben die Handlung voran, das ist nicht neu, aber anständig inszeniert. Das schon mit Prolog und Vorspann entworfene apokalyptische Szenario steht dem anderer Endzeit-Visionen im Horrorgenre auch heute in nichts nach.

Will man das Remake unbedingt mit dem Original vergleichen, ist zu konstatieren, dass es der Neuverfilmung zwangsläufig an Originalität mangelt – aber das ist ja ein grundsätzliches Problem von Remakes, wenn man es denn zum Problem machen will. Romeros zeitgenössischer Subtext ist natürlich vollständig weggewischt, aber auch das ließ sich ein Vierteljahrhundert später nun mal nicht vermeiden.

Snyder wollte kein politisches Statement abgeben, sondern beste Horror-Unterhaltung abliefern. Das ist ihm überaus stylish gelungen. Man muss Snyders Optik nicht mögen, seine künstliche Ästhetik missfällt vielen. Dass er Schein über Sein stellt, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber egal – wenn die untoten Horden heranrasen, sind schweißnasse Hände garantiert.

In Leichenstarre erlahmt oder als rasender Wüterich – Geschmackssache

Der augenfälligste Unterschied ist die Geschwindigkeit der Untoten: Bei Romero schlurfen die verwesenden Untoten, bei Snyder rennen sie in Raserei. Der Regisseur wollte auf diese Weise vermeiden, dass seine Kreaturen unfreiwillig komisch wirken. Ob lahm oder rasend, ist Geschmackssache. Als langjähriger Anhänger der Romero-Schule bevorzuge ich grundsätzlich zwar die langsamen Gesellen, die nur mühsam ihre Leichenstarre überwinden. Wenn die schnellen Wüteriche aber so virtuos in Szene gesetzt werden wie im Remake und auch bei Danny Boyles zwei Jahre zuvor entstandenen „28 Days Later“, soll es mir mehr als recht sein.

Speerspitze der Horror-Remakes

Für mich ist Romeros „Dawn of the Dead“-Original der ultimative Zombiefilm, was auch mit meiner Horrorfilm-Sozialisation zu tun hat (siehe hier). Snyders Neufassung aber hat als pure Horror-Action große Qualität und ist auf einer Rangliste von Horror-Remakes ganz weit vorn anzusiedeln, ebenso wie „The Crazies“ übrigens – noch so ein Romero-Remake.

Im optionalen Intro verrät Regisseur Zack Snyder über sein Spielfilm-Debüt, was ohnehin jeder weiß: Fürs Kino musste der Film etwas entschärft werden, in der „unrated“ Fassung darf mehr gesplattert werden. Auch ein paar Charakterszenen sind im Director’s Cut hinzugekommen. Insgesamt schlägt die Langfassung mit neun Minuten mehr zu Buche und ist vorzuziehen. Beschaffungsprobleme gibt es glücklicherweise nicht, die harten Szenen haben seinerzeit die FSK problemlos genommen.

Blut kaschiert nackte Brüste

Da ich gerade beim Thema Zensur bin, sei ein Kuriosum erwähnt: Zu Beginn des Director’s Cuts sieht Ana durch die Windschutzscheibe ihres Autos eine nackte Frau umherirren. In den USA ist diese Szene entschärft worden, indem man auf die Windschutzscheibe einfach mehr Blut retuschierte, um die Brüste der Frau zu bedecken. Die deutsche DVD kommt ohne diese Prüderie aus, auf der deutschen Blu-ray allerdings sind die Brüste nicht zu sehen – High Definition mal anders.

Das Zusatzmaterial bietet einiges: „Das verlorene Band: Der Horror von Andys letzten Tagen“ zeigt eine viertelstündige Aufnahme des Waffenhändlers Andy (Bruce Bohne), der sich in Found-Footage-Manier selbst gefilmt hat. Sein Waffengeschäft liegt gegenüber vom Einkaufszentrum, in dem sich die anderen Überlebenden verschanzt haben. Ein 21-minütiger „Spezial-Report“ zeigt eine TV-Reportage über die Epidemie.

Der Kopfschuss als Königsdisziplin des Zombiefilms

Einige entfernte Szenen enthalten elf Minuten lang mehr Untoten-Action. Hinzu kommt ein knapp achtminütiges Featurette über Masken und Make-up der Zombies. Die Ausstaffierung der Statisten war angesichts der großen Zahl an Zombies ein hoher logistischer Aufwand. In „Zerreißende Kopfschmerzen: Anatomie explodierender Schädel“ geht es fünf Minuten lang um die Erstellung der Kopfschuss-Sequenzen. Insgesamt ein feines Bonuspaket, das den Hauptfilm prima ergänzt.

Es gibt sie ja, die Filmfans, die ausnahmslos keine Remakes schauen. Euch entgeht mit Zack Snyders „Dawn of the Dead“ einiges – selbst Schuld.

Gastautor Simon teilt meine positive Haltung zu diesem speziellen Remake allerdings nicht, weshalb wir uns für eine Doppelbetrachtung des Films entschieden haben. Zu Simons Rezension geht’s hier. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Zack Snyder sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet.

Veröffentlichung: 7. Oktober 2010 als Blu-ray, 19. August 2004 als DVD

Länge: 110 Min. (Blu-ray), 105 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch (Blu-ray weitere)
Untertitel: Deutsch, Englisch (Blu-ray weitere)
Originaltitel: Dawn of the Dead
USA/KAN/JAP/F 2004
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: James Gunn, nach dem Original-Drehbuch von George A. Romero
Besetzung: Sarah Polley, Ving Rhames, Mekhi Phifer, Jake Weber, Ty Burrell, Michael Kelly, Kevin Zegers, Matt Frewer, Lindy Booth, Jayne Eastwood
Zusatzmaterial: Intro von Regisseur Zack Snyder, Das verlorene Band: Der Horror von Andys letzten Tagen, Spezial-Report, „Untoten-Szenen“ mit optionalem Audiokommentar des Regisseurs, Die Toten erwecken, Angriff der lebenden Toten, Zerreißende Kopfschmerzen: Anatomie explodierender Schädel, Audiokommentar von Zack Snyder und Produzent Eric Newman, Trailer „Shaun of the Dead“
Vertrieb: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2015 by Volker Schönenberger

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Eine Antwort zu “Dawn of the Dead – So müssen Remakes sein!

  1. Thomas Hortian

    2017/06/09 at 07:51

    Ouh, da liegen wir mit den Meinungen weit auseinander. „Dawn of the Dead“ 2004 ist für mich ein mit hektischer Action durchsetzter Horrorflick, optisch ansprechend, aber von lebensunfähigen Unsympathen bevölkert, bei denen man sich manchmal fragt, wie sie überhaupt vor der Apokalypse zurecht gekommen sind (Ving Rhames Charakter des Cops sei hier ausgenommen). Dazu gesellen sich einige bescheuerte Ideen, die die gesamte Atmosphäre (ja, ganz am Anfang des Films war ich noch guter Dinge, das sah vielversprechend aus) zunichte machen. Der Höhepunkt unfreiwilligen Humors ist unzweifelhaft das Zombie-Baby, von da an kann ich den Film einfach nicht mehr ernst nehmen. Dafür musste ich kurz vorm Ende zumindest noch einmal gut kichern, ich sage nur Kettensäge bei holpriger Fahrt. Und das Ende selber, hüllen wir hier mal lieber in den Mantel des Schweigens, ich will ja auch nichts spoilern.
    Im Endeffekt funktioniert Snyders Film weder als fast-paced Horror-Action noch als erheiternde Trash-Granate, zu stark schwankt der Film qualitativ. Ernst nehmen kann ich dieses Machwerk jedenfalls in keinster Weise und so ist es auch für mich, ohne ihn nur mit dem Original vergleichen zu müssen, als Unterhaltungsfilm schlichtweg gescheitert.

     

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