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’71 – Hinter feindlichen Linien: Bis zum Morgengrauen

16 Aug

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’71

Gastrezension von Andreas Eckenfels

Kriegsthriller // Der 30. Januar 1972 ging als Blutsonntag in die traurige Geschichte des Nordirlandkonflikts ein. Bei einem Protestzug gegen die britische Internment-Politik wurden in der nordirischen Stadt Derry 13 unbewaffnete Demonstranten von Soldaten erschossen. Die Eskalation der Gewalt schilderte Peter Greenaway in „Bloody Sunday“. Auf der Berlinale 2002 erhielt der Regisseur für sein halbdokumentarisches Drama den Goldenen Bären.

Ein weiterer trauriger Tag

Ein weiteres dunkles Kapitel innerhalb der auch als „The Troubles“ bekannten Auseinandersetzung zwischen unionstreuen Protestanten und irisch-nationalistischen Katholiken geschah knapp ein Jahr vor dem „Bloody Sunday“: Am 6. Februar 1971 wurde mit Robert Curtis der erste britische Soldat in dem Konflikt von einem IRA-Mitglied namens Billy Reid in Belfast erschossen. Reid kam nur drei Monate später selbst ums Leben.

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Ruhe vor dem Sturm: Gary und seine Kameraden treffen in Belfast ein

Tausende Soldaten und Zivilisten werden in den folgenden Jahren ebenfalls ihr Leben lassen müssen. Regisseur Yann Demange erzählt in „’71 – Hinter feindlichen Linien“ Curtis’ Geschichte nicht nach, wählt aber eine ähnliche Grundlage – das Geschehen hätte sich ohne Weiteres in Nordirland abspielen können. Demanges Spielfilmdebüt lief 2014 im Wettbewerb der Berlinale. Er gewann unter anderem beim Filmfest München passenderweise den „Bernhard-Wicki-Filmpreis – Die Brücke – Der Friedenspreis des Deutschen Films“ als bester Nachwuchsfilmer.

1971 erfährt die Einheit um den britischen Jungsoldaten Gary (Jack O’Connell), dass sie kurzfristig nach Belfast beordert wird, um der örtlichen Polizei bei einem Einsatz im katholischen Viertel zu helfen. Schon bei ihrer Ankunft in den von Backsteinbauten gesäumten Straßenzügen werden die Soldaten alles andere als freundlich empfangen.

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Die Bewohner des katholischen Viertels leisten lautstark Widerstand

Doch sind es zu Beginn noch Kinder, die ihnen Urinbomben und Kottüten auf die Windschutzscheibe werfen, steht den unerfahrenen Soldaten bald ein ganzer Mob gegenüber. Während die Polizei die Wohnungen nach Waffenverstecken durchsucht und die Bewohner dabei teils übelst mit Schlagstöcken malträtiert, gerät die Situation zunehmend außer Kontrolle. Ein Schuss fällt. Garys Kamerad stirbt in seinen Armen – plötzlich ist er von seiner Einheit getrennt. Er ist allein hinter feindlichen Linien – und die IRA ist ihm dicht auf den Fersen.

Hass und Angst

Vor dem Hintergrund des Nordirlandkonflikts wählt Demange ein bekanntes Motiv des Kriegsfilms: der Soldat, der in feindlichem Territorium auf sich allein gestellt nach Hause finden muss. Rasend schnell wie die Einheit wird auch der Zuschauer unvermittelt in das Krisengebiet gepeitscht. Die Fronten sind fix geklärt: Egal, ob von Männern, Frauen oder Kindern, der Hass, den Gary und seinen Kameraden entgegengeschmettert wird, ist jederzeit spürbar. Ebenso die Angst, die den von der Situation überforderten jungen Soldaten in den Gliedern steckt.

Ähnlich wie Greenaway setzt auch Demange auf den halbdokumentarischen Stil, um diesen Albtraum einzufangen. Der Fokus wird stets nachjustiert, der Blick ist getrübt. Schnelle Schnitte bringen ordentlich Tempo und lassen seine Herkunft als Musikvideo- und Werbespot-Regisseur erahnen.

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Bei der Verfolgung eines jungen Waffendiebes wird Gary von seiner Einheit getrennt

Auch der Widerstand der katholischen Bevölkerung wird für den Zuschauer verständlich. Mit Schaufeln, Steinen und Molotow-Cocktails setzt die aufgebrachte Meute sich gegen die bewaffneten Soldaten zur Wehr, als die Polizei immer brutaler gegen die verdächtigen Hausbewohner vorgeht – bis die Lage eskaliert.

Auf der Flucht

Im zweiten Akt wird aus dem Kriegsdrama ein packender Hochgeschwindigkeits-Thriller, bei dem der Nordirlandkonflikt etwas in den Hintergrund gerät. Der schwer verletzte Gary ist ständig auf der Flucht durch die engen Gassen Belfasts. Er erhält Hilfe von einigen Einwohnern, die damit ebenfalls ein großes Risiko eingehen, von den IRA-Mitgliedern als Verräter bestraft zu werden. Doch welche Absichten verfolgen sie wirklich?

Hauptdarsteller Jack O’Donnell kann nach dem Knast-Drama „Mauern der Gewalt“ erneut überzeugen. Der Brite scheint mit seinem jugendlichen, aber dennoch markigen Gesicht auf die Figur des jungen Soldaten gebucht. Zuletzt spielte er den legendären Louis Zamperini in Angelina Jolies „Unbroken“. Garys Überlebenskampf wird bis zum Morgengrauen andauern – bis zum Ende wird auch der Zuschauer voller Spannung mit ihm mitfiebern.

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Auf Belfasts Straßen regiert das Chaos

Veröffentlichung: 18. August 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 100 Min. (Blu-ray), 96 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: ’71
GB 2014
Regie: Yann Demange
Drehbuch: Gregory Burke
Besetzung: Jack O’Connell, Sam Reid, Sean Harris, Jack Lowden, Joshua Hill, Jonah Russell, Sam Hazeldine
Zusatzmaterial: Interviews, B-Rolll, Originaltrailer, Trailershow, Wendecover
Vertrieb: Ascot Elite Home Entertainment

Copyright 2015 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshots & Trailer: © 2015 Ascot Elite Home Entertainment

 

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