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Es ist schwer, ein Gott zu sein … und dabei zuzusehen

06 Sep

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Trudno byt bogom

Kinostart: 3. September 2015 (in ausgewählten Programmkinos, Termine und Orte auf der Website des Verleihs)

Gastrezension von Kay Sokolowsky

Science-Fiction // Die Gebrüder Arkadi und Boris Strugatzki zählen mit gutem Grund zu den bedeutendsten Autoren der SF-Literatur, ihre Erzählungen werden als moderne Klassiker des Genres gefeiert. Mehrere davon wurden für das Kino adaptiert. So machte Andrej Tarkowski 1979 aus „Picknick am Wegesrand“ seinen bekanntesten Film, den düster-mystischen „Stalker“. Und 1989 versuchte sich der deutsche Regisseur Peter Fleischmann am Roman „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“. Die äußerst bunte Produktionsgeschichte dieses Spielfilms, der sich zu einem der kostspieligsten Debakel des deutschen Nachkriegskinos auswuchs, hätte dem russischen Avantgarde-Regisseur Aleksei German eine Warnung sein sollen. Es gibt nämlich Bücher, mit denen sich Filmemacher besser nicht anlegen sollten. Dass German es trotzdem gewagt hat, spricht für seine Unerschrockenheit. Dass er noch vor dem finalen Schnitt starb, spricht wiederum für die Widerspenstigkeit der Vorlage.

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Unfröhliches Treiben in Don Rumatas Burg

Auf den ersten Blick wirkt die Story von der fehlenden Leichtigkeit des Gottseins gar nicht so kompliziert: Irdische Wissenschaftler beobachten heimlich die Eingeborenen eines fremden Planeten. Die Zivilisation dieser humanoiden Aliens hat frappierende Ähnlichkeit mit dem Mittelalter der Menschheit. Religiöser Wahn, Kastenwesen, Willkür, entsetzliche Armut und Grausamkeit – es fehlt nichts, was zu einer anständigen Ära der Finsternis gehört. Den terranischen Gelehrten ist allerdings strikt untersagt, sich den Ureinwohnern zu offenbaren, ihnen auch bloß die geringste Hilfestellung zu leisten. Jegliche Einmischung könnte die wissenschaftlichen Erkenntnisse verderben und außerdem für das Forschungsobjekt unabsehbare Folgen haben. (Diese Regel haben sich die „Star Trek“-Autoren übrigens für die „Oberste Direktive“ ausgeliehen.)

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„Gott“ in perfekter Schmutztarnung: Anton/Rumata

Im Königreich Arkanar spielt der Erdling Anton (Leonid Yarmolnik) bereits seit mehreren Jahren die Rolle des Fürsten Rumata. Als sich jedoch Don Reba (Aleksandr Tschutko), der königliche Sicherheitsminister, mit Hilfe des „Heiligen Ordens“ an die Macht putscht und einen faschistischen Gottesstaat errichtet, in dem Künstler, Intellektuelle und Wissenschaftler erbarmungslos verfolgt werden, gerät Anton/Rumata in einen schweren Gewissenskonflikt: Darf er abseits stehen, wenn die Wesen, die er kennen- und lieben gelernt hat, gefoltert und abgeschlachtet werden, obwohl ihm technische Mittel zur Verfügung stehen, diesen Teufelsspuk zu beenden?

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Immerhin – in der Folterkammer fällt kein Regen

Aleksei German beschränkt sich in seinem Dreistundenfilm auf die Schilderung des Pfaffen-Coups; und sogar davon zeigt er wenig. Die Handlung ist kaum zu begreifen, kennt man den Strugatzki-Roman nicht. Eine sonore russische Erzählerstimme (der Film läuft auch bei uns nur in der Originalfassung) streut zwar aus dem Off Häppchen von Informationen ein. Die sorgen aber eher für Verwirrung als Erklärung. Was German zweifellos beabsichtigte. Sein letztes Werk ist konzipiert wie eine Zentrifuge, die dem Zuschauer das Hirn zermalmen soll, ein Mahlstrom aus Morast und Mist. Germans Kamerablick ist von einer Impertinenz, ja, Geilheit, die sich kein Dschungelcamp traut. Die Linse nähert sich vor allem Anton/Rumata so nah wie technisch möglich, sie kriecht ihm über und beinahe unter die Haut.

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Mut zur Hässlichkeit: Leonid Yarmolnik als Anton/Rumata

Überhaupt ist der Regisseur besessen von Haut, zumal der nicht so schön glatten. Immer wieder zeigt er uns Vernarbte, Verbrannte, Verstümmelte – in einem hässlichen Staat ist offenbar kein Gesicht frei von Makeln. Nicht mal das des verborgenen Gottes Anton/Rumata, den Leonid Yarmolnik mit mindestens so viel Charisma wie Selbstverleugnung spielt. In Germans Bildern schaut nämlich niemand gut aus, und Yarmolnik ist fast immer zu sehen. Selten tut er dabei appetitliche Dinge. Er riecht an Leichen, schmeißt mit Fäkalien, reibt in offenen Wunden, sabbert beim Saufen, schnuppert an Schaben, et cetera. Es ist spätestens nach 30 Minuten dieser mit der Handkamera montierten, unruhig über die Visagen, die Wunden und die Lumpen fliegenden, wie im Fieber aus gewohnten Perspektiven stolpernden, um sich selbst kreisenden Aufnahmen klar, dass „Gott“ Anton/Rumata vom Wahnsinn der Welt, die er bloß erforschen wollte, angesteckt wurde. Leider folgen 147 weitere Minuten, die nichts anderes berichten.

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Nur von Schlamm und Gülle zusammengehalten: Don Rumatas Burg

Niemand läge falsch, der hier von einem „Feelbad-Movie“ spräche. „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ kann einem wahrhaftig die Laune versauen; und wenn die vorher schon mies war, sollte einem danach besser keiner in die Quere kommen. Denn neben der unablässig durch die Gegend flickernden Kamera hat der Zuschauer auch ein Schwarz-Weiß zu ertragen, in dem es Schwarz und Weiß gar nicht gibt. Dafür 50.000 Schatten aus Grau – was wiederum dazu passt, dass regelmäßig deformierte Kadaver, unsachgemäß entfernte Körperteile und die Anwendung scharfer Gegenstände auf menschliche Haut (siehe oben) veranschaulicht werden. Splatterfreunde könnten bei Germans Film Juwelen ausgraben. Sie müssten dazu jedoch durch penetranten Nieselregen, pestilenzialische Dünste und ein Nichts von Dramaturgie waten: So was kann sich hinziehen. Es ist schon schwer, ein Schrott zu sein.

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Nicht von Heidi Klum gecastet: Komparsen in „Es ist schwer, ein Gott zu sein“

Germans Film will verstören und bestimmt auch verärgern: Viele der Komparsen scheinen geistig oder körperlich beschädigt, nicht wenige Sequenzen wirken wie Hommagen an Tod Brownings Meisterwerk „Freaks“ (1932): Sie zeigen den Menschen, der von der Norm abweicht, als Abnormität. Politisch korrekt kann man das nicht nennen. Aber in all dem Modder und Mief, Gebrabbel und Geblubber der endlosen, auf ein Ende gar nicht ausgelegten Einstellungen erscheinen die wenigen ansehnlichen Figuren wie suspekte Exoten. „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ konfrontiert den Betrachter mit dessen eigenen Vorurteilen über Schönheit, Makel und Attraktion. Das tut weh; doch intelligente Menschen haben die Moral von Germans Geschicht’ nach maximal 30 Minuten (siehe oben) begriffen, alle anderen werden es eh nie kapieren. Diese anderen verlassen fluchtartig das Kino – und unsereins bleibt brav hocken, um sich noch elender zu fühlen.

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„Gib Pfötchen! – Aus! Aus!!!“

Als ich Haare auf und Flausen in meinem Kopf hatte, vor circa 30 Jahren, wäre ich vor Germans letztem Spielfilm bewundernd auf dem Boden gekrochen. Die geschlossene, stilistisch nie brechende Ästhetik, dieser depressive November in jedem Frame, diese Unbarmherzigkeit mit den Figuren und vor allem die Scheißegalheit des Regisseurs gegen sämtliche Publikumserwartungen – das alles hätte mich dazu gebracht, German zu meinem Idol zu erklären und jede erreichbare Vorstellung dieses Films zu besuchen. Eventuell habe ich seither so viel Dunkelheit, Ödnis und Leid erfahren, dass ich mir derlei im Kino nicht mehr gern antue. Vielleicht aber auch war ich damals bloß ein snobistischer Nerd.

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Ratloses Publikum verlässt das Kino von Arkanar

Oder bin ich, auf andere Weise, weiterhin zu borniert? Man gebe mir bitte weitere 30 Jahre – möglicherweise werde ich dann schlau genug für German sein. Bis dahin kann ich dieses Musterbeispiel eines filmischen Privatvergnügens, diese monströse Extravaganz, diese tragische Verranntheit eines bedeutenden Künstlers allerdings nur den Härtesten der Gesottenen empfehlen.

Länge: 177 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: Trudno byt bogom
RUS 2013
Regie: Aleksei German
Drehbuch: Leonid Yarmolnik, Aleksei German, Swetlana Karmalita, nach dem Roman von Arkadi und Boris Strugatzki
Besetzung: Gali Abaidulow, Juri Aschikhmin, Remigijus Bilinskas, Waleri Boltischew, Aleksandr Tschutko, Wasili Domratschjow, Lew Elisejew, Jewgeni Gertschakow, Valentin Golubenko, Waleri Gurjanow
Verleih: Bildstörung / Drop-Out Cinema

Copyright 2015 by Kay Sokolowsky
Filmplakat: © 2015 Bildstörung / Fotos: © 2013 Studio Sever / Russia 1 TV

 
2 Kommentare

Verfasst von - 2015/09/06 in Film, Kino, Rezensionen

 

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2 Antworten zu “Es ist schwer, ein Gott zu sein … und dabei zuzusehen

  1. Thomas

    2016/01/01 at 21:08

    Der Typ vom anderen Stern orig Name The Brother from Another Planet von 1984. Geiler Trash Film.

     

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