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Archiv für den Monat Oktober 2015

John Carpenter (IX): Halloween III – Die Nacht der Entscheidung: Besser als sein Ruf

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Halloween III – Season of the Witch

Horror // An sich keine schlechte Idee, die John Carpenter nach „Halloween 2 – Das Grauen kehrt zurück“ hatte: jedes Jahr zum Tag vor Allerheiligen einen neuen Horrorfilm mit einer neuen Halloween-Geschichte zu produzieren. Dumm nur, dass die Zuschauer nach Carpenters Slasher-Meisterstück von 1978 und dem auch noch anständigen Erfolg der ersten Fortsetzung von 1981 mit Halloween mittlerweile nur noch Michael Myers verbanden. Mit dem Wüterich hatte die Geschichte des zweiten Sequels gar nichts mehr zu tun (er taucht nur kurz in einem Trailer auf, der in einem Fernseher einer Kneipe zu sehen ist). So lief „Halloween III – Die Nacht der Entscheidung“ an den Kinokassen im Vergleich zu den Vorgängern eher mickrig, bei vielen Michael-Myers-Fans ist Teil 3 dann auch nicht unbedingt wohlgelitten.

80er-Horror – gar nicht so schlecht

Das ist bedauerlich, denn wenn man sich mit dem Fehlen von Michael Myers abfindet, entfaltet „Halloween III – Die Nacht der Entscheidung“ von Anfang an eine schauerliche und bedrohliche Atmosphäre, auch wenn der Film visuell sehr in den 80er-Jahren verhaftet ist. Schlechter als „Halloween 4“ und die weiteren Sequels ist das ganz sicher nicht. Carpenter selbst agierte mit seiner bewährten Partnerin Debra Hill als Produzent und übte großen Einfluss aufs Drehbuch aus. Als Regisseur engagierte er den Debütanten Tommy Lee Wallace, der 1990 immerhin den gelungenen Zweiteiler „Stephen Kings Es“ inszenierte, weitere Highlights aber nicht zu Buche stehen hat.

Die Masken des Grauens

Die Handlung setzt acht Tage vor Halloween ein: Am 23. Oktober wird ein Mann spätabends gejagt. Auf einer Baustelle wird er von einem Mann im Anzug zum ersten Mal gestellt, aber noch kann er entkommen. Ein Tankwart bringt ihn ins Krankenhaus, doch dort ist Schluss mit lustig: Einer seiner Jäger dringt in die Klinik ein und tötet den Mann auf grausamste Weise. Danach setzt sich der Täter regungslos ins Auto, übergießt sich mit Benzin und zündet sich vor den Augen des diensthabenden Arztes Dr. Dan Challis (Tom Atkins) an. In Begleitung von Ellie Grimbridge (Stacey Nelkin), der Tochter des Ermordeten, versucht Challis das Geheimnis der Bluttat zu lüften. Das Opfer hatte eine Jack-O’Lantern-Maske bei sich, produziert von Silver Shamrock Novelties, einem Spielzeughersteller, der gerade mit einer landesweiten Marketing-Kampagne Horrormasken zu Halloween unter die Leute bringt.

Wussten wir’s doch: Anzugträger sind gefährlich

Die gefühllos agierenden Anzugträger vom Beginn des Films spielen auch weiterhin eine prägende, Furcht einflößende Rolle. Auch die ominösen Masken und ihr Zweck inklusive des rabenschwarzen Finales sind angetan, Erschrecken zu verbreiten, auch wenn die dahintersteckende Verschwörung arg selbstzweckhaft wirkt. Der passende Elektro-Score von John Carpenter und Alan Howarth unterstreicht das gut. Der schreckliche Halloween-Werbe-Jingle von Silver Shamrock Novelties nervt zwar gewaltig, aber er gehört ja nun mal zur Handlung. Da kann man nichts machen.

Erst auf dem Index, dann FSK 16

Ein Vierteljahrhundert befand sich „Halloween III – Die Nacht der Entscheidung“ auf dem Index. Nach der 2012 erfolgten Listenstreichung ergab die Neuprüfung der ungeschnittenen Fassung durch die FSK zwei Jahre später eine Altersfreigabe ab 16 Jahren. Die 2014er-Neuauflage von Tiberius Film liegt mir allerdings weder auf DVD noch auf Blu-ray vor, sodass ich keine Angaben über die Bildqualität machen kann. Testet es einfach selbst aus – wann ist dazu schon die beste Gelegenheit, wenn nicht zu Halloween?

John Carpenter bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Assault – Anschlag bei Nacht (1976)
Halloween – Die Nacht des Grauens (1978)
The Fog – Nebel des Grauens (1980)
Die Klapperschlange (1981)
Halloween 2 – Das Grauen kehrt zurück (1981, nur Drehbuch)
Das Ding aus einer anderen Welt (1982)
Halloween III – Die Nacht der Entscheidung (1982, nur Drehbuch ohne Credits & Produktion)
Christine (1983)
Das Philadelphia Experiment (1984, nur Produktion)
Black Moon (1986, nur Drehbuch)
Big Trouble in Little China (1986, geplant)
Die Fürsten der Dunkelheit (1987)
Sie leben (1988)
Die Mächte des Wahnsinns (1994)
John Carpenters Vampire (1998, geplant)

Veröffentlichung: 2. Oktober 2014 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Halloween III – Season of the Witch
USA 1982
Regie: Tommy Lee Wallace
Drehbuch: Tommy Lee Wallace
Besetzung: Tom Atkins, Stacey Nelkin, Dan O’Herlihy, Michael Currie, Ralph Strait
Zusatzmaterial: Audiokommentare, Making-of, Featurette, Bildergalerie, Trailer, TV Spots
Vertrieb: Tiberius Film

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Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Packshots: © 2014 Tiberius Film

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Verfasst von - 2015/10/31 in Blu-ray/DVD, Film

 

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Der Horroctober: Horror zu Halloween – Simon empfiehlt

Gastbeitrag von Simon Kyprianou

Horror // Der Horroroctober stand an, langsam beginnt die kalte Jahreszeit, die Tage werden kürzer und kälter, bis der Monat an seinem letzten Tag mit Halloween endet, werden die Nächte stetig dunkler. Das habe ich mir zum Anlass genommen, auch selbst wieder mal etwas mit dem Horrorgenre zu beschäftigen, einem der wunderbarsten und wichtigsten Genres überhaupt. Einige Neusichtungen und auch einige Wiederansichten sind dabei, Gutes und Interessantes. Teilweise alte Filme, teilweise brandneue Werke, mal bekannte Filme, mal vergessene Schätze. Zum Zwecke von Anregungen und Tipps für die Leser habe ich zu jedem der Filme ein paar Worte notiert.

1) Das letzte Haus links (The Last House on the Left, USA 1972): Am Anfang konnte sich die dörfliche Idylle vom urbanen Chaos noch klar abgrenzen, am Ende ist sie dahin. Auch im vermeintlichen Idyll hat die Gewalt längst unter der Oberfläche gebrodelt. Auswege oder Räume, in denen sich Jugendliche überhaupt sorgenfrei entfalten könnten, gibt es anscheinend keine.

2) Misery (USA 1990): Der obsessive Fan, der „number one Fan“ ist für Rob Reiner und Stephen King das Ende für die Freiheit der Kunst und der Kreativität. Unter dem Joch eines solchen Fans können diese Kunst und Kreativität nur limitiert ausgelebt werden. Und wer kennt sie nicht, die Fans, die ihre Lieblingskunstwerke, seien es Bücher oder Filme, vor etwas abseitigen oder vielleicht auch nur nicht ganz gängigen Interpretationsansätzen geradezu fanatisch beschützen wollen. Natürlich fantastisch: James Caan und die zu Recht Oscar-gekrönte Kathy Bates.

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© Twentieth Century Fox Home Entertainment

3) Blair Witch Project (The Blair Witch Project, USA 1999): Daniel Myrick und Eduardo Sánchez sind gegenüber ihrem Found-Footage-Ansatz absolut konsequent. Der Wald, in dem beinahe der komplette Film spielt, dient dabei nicht nur als schaurige Kulisse, der Wald mit seinem immergleichen Wirrwarr aus Ästen, Blättern, Bächen und Bäumen wird zum Abbild der diffusen inneren Ängste der Figuren. Den Schrecken lässt „Blair Witch Project“ dabei nur erahnen, denn bei dem subjektiven Found-Footage-Ansatz kann der Horror ja gar nicht sichtbar werden, weil wir nur durch die Augen der Figuren sehen, die den Schrecken nur fühlen, wie wir ihn auch fühlen können.

4) Landhaus der toten Seelen (Burnt Offerings, USA/IT 1976): Der Film schafft Verbindungen innerhalb des Horrorkinos. Die Spiele mit Farben, die wüsten, aufgeladenen Farbräusche, die mehr oder weniger lebende Großmutter, die bedrohlich unter dem Dach haust, und die Familie die im Spukhaus, dem „Hounted House“ langsam zerbricht. Eine Inszenierung von unendlicher Sinnlichkeit veredelt „Landhaus der toten Seelen“ zu einem der großartigsten Horrorfilme überhaupt.

5) Knock Knock (USA/CHL 2015): Allumfassende Menschenfeindlichkeit wird in blutigen Exzessen zelebriert, wie so oft bei Eli Roth, der mit „Cabin Fever“ (2002) und „Hostel 2“ (2007) aber zwei gute Horrorfilme inszeniert hat. „Knock Knock“ ist leider dümmlich. Wo in „Hostel“ und jetzt auch in „Green Inferno“ ignorante Amerikaner mit dem Fremden konfrontiert werden, ist „Knock Knock“ eine unverhohlen sadistische Gewaltfantasie mit gefährlicher Moral. Zum Kinostart im Dezember werde ich den Film hier ausführlich vorstellen.

6) The Others (USA/SP/F/IT 2001): Wunderbar klassizistischer, feinfühliger Hounted-House-Film – punktgenau inszeniert und wirklich schaurig. Das twistige Ende hätte es gar nicht mehr gebraucht. Schönster Moment: die Begegnung im Nebel.

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© Universum Film

7) Der Babadook (The Babadook, AUS/KAN 2014): Der am spannendsten gescheiterte Film des Jahres, auf den William Friedkin großes Lob angestimmt hat. Elegant gefilmt, inhaltlich hochinteressant, aber doch zu nah an den Vorbildern und zu unentschlossen, um wirklich das Fürchten zu verbreiten. Am Ende leider auch eine unnötige Auffahrt an Krawall, die dem sonst so geerdeten Film nicht wirklich steht. Dennoch: Regisseurin Jennifer Kent sollte man unbedingt im Auge behalten.

8) Mary Reilly (USA/GB 1996): Kaum ein Bild in „Mary Reilly“ ist hell, meist sind die wunderschön schaurigen Kulissen des alten Englands in Schatten und Nebel gehüllt, die Welt wird schier von der Dunkelheit verschluckt. Das Schlachthaus und die Leichenhalle dieser dunklen, kalten Stadt liegen praktischerweise direkt nebeneinander. In dieser herrlich klassischen anmutenden Gruselwelt erzählt Stephen Frears mit betörender Zärtlichkeit von Mary Reilly (Julia Roberts) und ihrem Zusammentreffen mit Dr. Jekyll/Mr. Hyde (John Malkovich). Der Film ist strukturiert als eine Aneinanderreihung von kurzen Begegnungen, und bei jeder Begegnung lässt der Schrecken ganz behutsam ein wenig mehr von sich erahnen. Die schönste Entdeckung des Oktobers, mit Abstand.

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© Sony Pictures Home Entertainment

9) Das Stendhal Syndrom (La sindrome di Stendhal, IT 1996): Eine Frau wird vergewaltigt, will Rache an der Männerwelt üben und wird dabei zum Mann. Hitchcocks „Vertigo“ radikal weiter gedacht, auf gewisse Weise jedenfalls. Ein berauschendes visuelles Fest, ein wüster, wilder, bizarrer Film, der sich nie in die Karten schauen lässt. Der letzte große Film von Dario Argento.

10) Alexandre Ajas Maniac (Maniac, 2012): Nichts an „Maniac“ ist subtil, mit wenigen Ausnahmen bindet uns Regisseur Franck Khalfoun an die Perspektive des titelgebenden Wahnsinnigen (daher kaum im Bild: Elijah Wood). Spätestens seit „Augen der Angst“ („Peeping Tom“, 1960) ist die subjektive Kamera ja fester Bestandteil des Horrorfilms; in „Maniac“ wird sie so konsequent beibehalten wie selten zuvor. An einem Psychogramm oder einer Reflexion der Figur hat der Regisseur kein Interesse, dafür wäre eine Außensicht vonnöten gewesen. Khalfoun will den Zuschauer einfach einsperren in die psychischen und traumatischen Gefängnisse im Kopf des Maniacs, er macht das Publikum wie selbstverständlich zu Handlangern und Komplizen der bestialischen Gewalttaten. Die betörend schöne, sinnliche, in urbanes Neonlicht getauchte Inszenierung – man fühlt sich an Walter Hill und Nicolas Winding Refn erinnert – ist problematisch, bindet sie die Gräultaten doch in eine berauschende Ästhetik ein. Doch macht diese Ambivalenz das Remake von William Lustigs „Maniac“ (1980) nur noch schwerer ertragbar. Ein radikales Film-Ungeheuer, in der ungekürzten Fassung der „Cinema Extreme“-Edition bei uns allerdings beschlagnahmt.

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

 

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Formicula – Wie nach der Atombombe alles noch viel schlimmer wurde

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Them!

Gastrezension von Ansgar Skulme

SF-Horror // Police Sergeant Ben Peterson (James Whitmore) und seinem Partner Ed Blackburn (Chris Drake) bietet sich ein Bild der Verwüstung: Tod, zerstörte Häuser, mysteriöse Spuren. Sie tappen zunächst im Dunkeln, doch mit Hilfe des renommierten Wissenschaftlers Dr. Harold Medford (Edmund Gwenn) und dessen Tochter (Joan Weldon) lösen sie schließlich das Geheimnis um die Ursache des Grauens. Doch wie kämpft man gegen gigantische Ameisen und wie stoppt man deren Verbreitung?

Bestrafung für kriegerischen Leichtsinn

Im Horror und in der Science-Fiction gibt es eine ganze Menge an Filmen, die die Bezeichnung bodenloser Trash verdienen. Das muss nicht unbedingt heißen, dass diese Filme ungenießbar sind, ihr Kultstatus speist sich zum Teil sogar unmittelbar aus ihrer schlechten Qualität. Jedoch verbindet diese Filme, dass ihre Handlung sowohl hinsichtlich der Beweggründe als auch der Ausführung meist völlig hanebüchen ist. Etwas anderes ist es dann schon, wenn man sich eine reale Situation – in diesem Fall den Bau, das Testen und den Einsatz von Atomwaffen – zum Anlass nimmt, um daraus eine fiktive Story zu spinnen. Hier macht Science-Fiction durchaus recht komplexen Sinn. „Formicula“ ist ein ansprechend kritischer Film – aus US-Sicht sogar selbstkritisch –, der engagiert vor den unkontrollierbaren Folgen atomarer Tests und Kriege warnt und die reale Bedrohung mittels infolge der Waffentests gigantisch herangewachsener Ameisen unterhaltsam zuspitzt. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Wer mit Gewalt experimentiert, vermag ungeahntes Unheil zu schaffen, wie auch immer es nun geartet sei. Klare Botschaften, verständlich und nicht von der Hand zu weisen.

Terror, Horror, Excitement, Mystery = Them!

Freilich wird der Originaltitel „Them!“ im Trailer aus den Schlagworten „Terror, Horror, Excitement, Mystery“ zusammengesetzt, aber so reißerisch ist der Film gar nicht einmal. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis man die ersten riesigen Ameisen zu Gesicht bekommt und prinzipiell wird mit Szenen in denen die Ameisen attackieren sehr sparsam umgegangen. So behält sich der Film bis zum Schluss ein hohes Maß an Spannung vor. Selbst auf ein Happy End wurde verzichtet und gen Ende zeigt sich auch, warum anstelle eines einzelnen strahlenden Helden mit James Whitmore und James Arness (als FBI-Agent) zwei Schauspieler gleichzeitig als Protagonisten aufgebaut wurden. Man kann durchaus davon sprechen, dass dieser Film im Finale mit Hollywood-Erzählkonventionen der damaligen Zeit bricht – zugunsten einer weiteren, tragischen Pointe.

Schlagartig Kult

„Formicula“ hatte einen derart revolutionären Einfluss auf das Science-Fiction-Genre, dass er schon im Folgejahr bemerkenswert schnell und auffällig von Universal adaptiert wurde. Der Dreh zu „Tarantula“ startete ziemlich genau ein Jahr nach dem Kinostart von „Formicula“. Binnen weniger Monate war also die Idee einer eigenen Version konkretisiert und in ein Drehbuch umgesetzt worden. In „Tarantula“ wurden aus Ameisen nun Spinnen und leichtfertige Labor-Experimente anstelle von Atom-Tests zur Wurzel allen Übels, aber das störte ganz und gar nicht: Das Konzept war nach wie vor zu gut und ambitioniert, um „Tarantula“ als plumpen Abklatsch abzutun. Auch dieser Universal-Film war international erfolgreich, und da er in Deutschland vor dem eigenen Vorbild aus dem Hause Warner Bros. ins Kino kam, orientierte man sich hierzulande wiederum bei der Titelvergabe für „Formicula“ an der Universal-Produktion. Dies beweist wohl auch die ursprüngliche Skepsis dahingehend, einen solchen Reißer bei uns überhaupt zu zeigen, doch den Zeichen der Zeit konnte man sich nicht lange entgegenstellen.

Hallo, hier spricht Gordon Douglas!

Der Regisseur von „Tarantula“ Jack Arnold gilt mit Filmen wie „Gefahr aus dem Weltall“, „Die Rache des Ungeheuers“ und „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ aus heutiger Sicht als recht großer Name des Horror- und Science-Fiction-Kinos im 50er-Hollywood. Gordon Douglas hingegen gehört eher zu der Kategorie Regisseur, die einige durchaus bekannte und viele wirklich gute Filme gedreht haben, ohne dass ihre Anteile daran angemessen besprochen und gewürdigt werden. Douglas legte in diversen Genres Werke ausgesprochen guter Qualität vor, „Formicula“ war unter all diesen Filmen womöglich der einflussreichste. Nicht nur, weil der Streifen 1954 die kommerziell erfolgreichste Produktion der Warner Brothers wurde – und das obwohl entgegen ursprünglicher Pläne nicht nur auf 3D verzichtet wurde, sondern auch auf Farbfotografie. Lediglich der Titel des Films wurde in Farbe belassen. Ein interessanter Effekt allerdings, die filmische Überschrift somit besonders deutlich auf schwarz-weißem Grund hervorzuheben, der hier gewissermaßen erfunden worden zu sein scheint. Ähnliche Variationen findet man später beispielsweise in den deutschen Edgar-Wallace-Filmen, wo die Schrift, die parallel zum Ausspruch „Hallo, hier spricht Edgar Wallace!“ zu sehen ist, stets farbig war, auch wenn die Filme ansonsten in Schwarz/Weiß gedreht wurden, was in „Der unheimliche Mönch“ (1965) schließlich sogar zu einer komplett farbigen Titelsequenz inmitten eines ansonsten schwarz-weißen Films führte.

Auf zu neuen Ufern

Neben einem kleinen Auftritt des späteren Mr. Spock, Leonard Nimoy, ist bemerkenswert, dass dieser Film auch die Ursache war, dass Fess Parker seine populäre Rolle als Davy Crockett bei Walt Disney erhielt. Disney liebäugelte eigentlich mit James Arness und sichtete den Film unter diesem Aspekt, stieß so aber auf Parker, der einen Piloten spielt, welcher aufgrund vermeintlich wirrer Berichte über einen Angriff von UFOs in Ameisengestalt in der Psychiatrie landet. Für ihn bedeutete „Formicula“ somit den Durchbruch. Arness hingegen dürfte es kaum gestört haben, er wechselte ein Jahr später ins Fernsehen und wurde zum Star von „Rauchende Colts“, der neben „Law & Order“ bis heute langlebigsten US-Fernsehserie überhaupt (ausgenommen Soaps). Beide Serien brachten es auf stattliche 20 Staffeln, wobei „Rauchende Colts“ wesentlich mehr Episoden zählt, deren Laufzeit bis 1961 allerdings auch kürzer war. Für Edmund Gwenn war „Formicula“ einer der letzten großen Hits, während James Whitmore noch über Jahrzehnte durch hervorragende Leistungen in Nebenrollen auf sich aufmerksam machte, hier aber mit einer seiner seltenen Hauptrollen glänzte.

Fusion von Science-Fiction und Horror

Dass die Spezial-Effekte bahnbrechend waren und demzufolge für den Oscar nominiert wurden, bedarf kaum weiterer Worte. „Formicula“ ist der Film, der Tierhorror, wie es ihn vorher beispielsweise schon in „Der Wolfsmensch“ (1941) und den King-Kong-Filmen gab, nachhaltig mit Science-Fiction zusammenführte und die Kreaturen zudem erstmals in unüberschaubaren regelrechten Heerscharen angreifen ließ. Der Film definierte mitsamt seiner Effekte somit ein ganzes Subgenre. Überdimensionale Tiere sind aus heutiger Sicht ein Markenzeichen von Science-Fiction und Horror und aus diesen Genres nicht mehr wegzudenken. „Formicula“ begründete die dafür nötigen Superlative: Größer, gefährlicher, mörderischer, mehr. Them! Höchste Zeit für eine anständige Wiederveröffentlichung bei uns.

Mehr zum klassischen Science-Fiction-Film

Angst vor dem Atomkrieg, Kalter-Krieg-Metaphorik, riesige Kreaturen – nur einige Facetten, die der klassische Science-Fiction-Film zu bieten hat. All jenen, die tiefer in die Materie einsteigen wollen, sei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ ans Herz gelegt: Ausgabe #11 der Zeitschrift widmet sich dem Science-Fiction-Film mit einer Titelgeschichte. Ich habe dazu einen Beitrag mit dem Titel „ALIENS! ROBOTER! KREATUREN! – Die Invasoren-Filme der 50er“ beigesteuert. Eine Ausgabe später wird es übrigens um Horror gehen.

Veröffentlichung: 16. Januar 2003 als DVD

Länge: 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch (beide auch für Hörgeschädigte) u. a.
Originaltitel: Them!
USA 1954
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: Ted Sherdeman
Besetzung: James Whitmore, Edmund Gwenn, Joan Weldon, James Arness, Onslow Stevens, Sean McClory, Fess Parker, Willis Bouchey, Lawrence Dobkin, Leonard Nimoy
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Behind-the-Scenes-Filmmaterial von den Riesen-Ameisen, Bildergalerie
Vertrieb: Warner Bros.

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshot: © Warner Bros.

 
 

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