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Lost River – Regiedebüt zwischen Godard und Lynch

06 Okt

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Lost River

Gastrezension von Simon Kyprianou

Mysterydrama // „Lost River“ ist eine Stadt im Verfall. Konzerne reißen die Häuser en masse ab, die Bewohner flüchten reihenweise, wenige bleiben zurück – eine vor sich hin siechende Geisterstadt. Darin kämpft die Mutter Billy (Christina Hendricks) mit ihren zwei Söhnen Bones (Ian De Caestecker) und Franky (Landyn Stewart) ums Überleben. Ein Kredit treibt sie in die Abhängigkeit von Bankier Dave (Ben Mendelsohn, „Slow West“). Der schickt sie zum Abarbeiten ihrer Schulden in einen wunderlichen Club, wo Frauen auf der Bühne in grotesken Theater-Zeremonien getötet werden – wenn auch nur zum Schein. Das Ganze wird von einer johlenden Menge bejubelt.

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Musizieren gegen die Verzweiflung

Billys Sohn Bones hat andere Probleme: Er verdient sein Geld damit, die Kupferrohre zu verkaufen, die er aus den Wänden alter Häuser rausreißt, und tritt damit einem gefährlichen Kleingangster auf die Füße. Außerdem versucht er mit seiner Nachbarin Rat (Saoirse Ronan), in die er verliebt ist, einen Fluch zu brechen und ein Monster zu suchen. Ursprünglich sollte der Film ja auch „How to Catch a Monster“ heißen.

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Bones auf einem Kupferdraht-Streifzug

Wenig Liebe schlägt Ryan Goslings Regiedebüt von der internationalen Filmkritik entgegen, viel Häme gab es auch bei der Premiere beim Cannes Filmfestival, wo er von einigen Zuschauern ausgebuht wurde. Dabei hat der Film eine solche Reaktion wahrlich nicht verdient, die Filmkritik war ungewöhnlich ungnädig mit Gosling Debütfilm.

Vorbild David Lynch

Kaum eine Rezension nennt nicht David Lynch als großes Vorbild – um seine Nennung kommt man aber auch kaum herum. Weitere Vorbilder dürften die Enfant Terribles Gaspar Noé, Kenneth Anger und Nicolas Winding Refn gewesen sein. Dabei verfolgt Ryan Gosling, ganz wie seine Vorbilder einen formalistischen Ansatz. Die Form ist auch tatsächlich betörend, Kameramann Benoit Debie kreiert Bilderwelten, die auf diffuse Weise Schönheit und Schrecken vereinen. Betörende Spiele mit Farbe und Licht verfremden die Realität und schaffen eine wunderliche Zwischenwelt. Gosling versucht Form und Inhalt stimmig zu einer Einheit zu führen, manchmal erinnert das gar an Godards „Alphaville“. Der prägant-hypnotische Soundtrack schwebt beinahe durchgehend durch die Bilder und verleiht ihnen noch mehr Anmut und Schrecken.

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Gangster haben was gegen Bones’ Kupfer-Business

Genau wie bei Lynch bedient sich Gosling des Surrealismus, um damit in sehr reale Abgründe zu schauen: Das verfallende, vor sich hin modernde, sterbende „Lost River“, das seine Bewohner langsam zermürbt und abarbeitet und das wie ein filmischer Albtraum wirkt – in Detroit, wo „Lost River gedreht wurde, ist es bittere Realität. Dass irrsinnige Kredite die Menschen aus ihren Häusern treiben, ist auch bittere Realität, dass eben diese Menschen sich dann ausbeuten lassen müssen, um zu überleben, ist es ebenfalls. All diese sehr realen Dinge hüllt Gosling in seine abstrakten Bilder, Realität und Illusion bilden eine erschreckende Einheit.

Weshalb Buh-Rufe?

Überfrachtet und ausufernd sei der Film, konnte man oft hören. Ganz von der Hand weisen ist das nicht. An der Harmonie der verschiedenen inszenatorischen Argumente mangelt es noch ein wenig, nichtsdestotrotz ist Gosling Debüt gelungen, interessant und betörend. Buh-Rufe hat er jedenfalls nicht verdient.

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Im Lost River Club werden erstklassige Shows geboten

Die exklusiv bei Media Markt und Saturn erhältliche Limited Edition kommt mit einer um etwa zehn Minuten längeren Langfassung daher. Zum Inhalt können wir mangels Sichtungsmöglichkeit bislang nichts schreiben. Eine etwas unschöne Veröffentlichungspolitik.

Bleibt abschließend die Frage: Welcher ist euer Lieblingsfilm mit Ryan Gosling? Falls Ihr noch keinen gesehen habt: Welcher reizt euch am meisten?

Veröffentlichung: 8. Oktober 2015 als Limited Collector’s Edition (Mediabook mit Blu-ray und DVD sowie Booklet und Poster, exklusiv bei Amazon), Limited Edition 2-Blu-ray (Kinofassung & Extended Cut, exklusiv bei Media Markt und Saturn), Blu-ray 3D (inkl. 2D-Fassung), Blu-ray und DVD, Limited Ryan Gosling Fan Edition (4 Blu-rays, inkl. „Drive“, „Only God Forgives“ und einer Bonus-Doku über die Entstehung von „Only God Forgies“, exklusiv bei Amazon)

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Das Feuer beschleunigt den Verfall

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von oder mit Ryan Gosling sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 105 min. (Blu-ray, Extended Cut), 95 Min. (Blu-ray, Kinofassung), 91 Min. (DVD, Kinofassung)
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Lost River
USA 2015
Regie: Ryan Gosling
Drehbuch: Ryan Gosling
Besetzung: Christina Hendricks, Iain De Caestecker, Matt Smith, Saoirse Ronan, Ben Mendelsohn, Eva Mendes, Barbara Steele, Rob Zabrecky, Torrey Wigfield
Zusatzmaterial: Trailer,
Vertrieb: Tiberius Film

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots: © 2015 Tiberius Film

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51 Antworten zu “Lost River – Regiedebüt zwischen Godard und Lynch

  1. Lisa

    2015/10/25 at 14:52

    Drive

     

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