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Love & Mercy – Geplagt und ganz bei sich: Popgenie Brian Wilson

14 Okt

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Love & Mercy

Gastrezension von Dirk Ottelübbert

Drama // „Love & Mercy“, ein Song von Brian Wilson. „Love & Mercy“, ein Biopic über Brian Wilson, den heute 73-jährigen Mastermind der Beach Boys, das gequälte Popgenie und dessen Ringen um das Opus Magnus „Pet Sounds“ von 1966. Und darüber, wie Wilson in seiner dunkelsten Zeit während der 80er-Jahre den Kampf gegen seine Dämonen gewinnt. Durch Liebe und vielleicht auch Gnade.

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Die Beach Boys posieren für ihr Debütalbum „Surfin’ Safari“

Eigentlich wollte ich diesen Film gar nicht sehen. Obwohl ich Fan bin. Weil ich Fan bin. Wer einen verehrten Star porträtiert oder einen Film über ihn rezensiert, spricht fast automatisch auch von sich selbst: Wie wurde ich zum Fan? Der Prominente und ich. Brian und ich in diesem Fall. Darf ich also erst einmal abschweifen?

Mit „Surfin’ USA“ ging es los

Erste Begegnung mit den Beach Boys: Frühe 80er, mit 17, bei einer Maiwanderung mit Schulkumpels und Bollerwagen. Mario, der ansonsten Boston und Ted Nugent hörte und AC/DC natürlich, legte eine Kassette mit Songs der Beach Boys in den Rekorder. Mit „Surfin’ USA“ ging es los, es klang ein bisschen arg fröhlich und nett, Mike Loves weiche Leadstimme, Brian Wilsons dynamisches Falsett bei der Zeile „… Everybody’s Got Surfin ..!“ Wir Angetrunkenen krähten mit. Ein paar andere frühe Hits waren noch dabei, „Help Me Rhonda“, „Fun, Fun, Fun“ und so weiter. Von „Good Vibrations“ blieben die ausgefeilten Arrangements durchaus hängen bei mir, ansonsten war das für uns so etwas wie gut gemachtes und schön gesungenes Easy Listening – den Begriff gab es natürlich noch nicht.

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Unter der Sonne der 60er-Jahre: Brian Wilson

Bis mir „Pet Sounds“ zu Ohren kam, vergingen fast zehn Jahre. Mein alter Freund und wichtigster musikalischer Geschmacksausbilder Kai überließ mir seine Vinylversion des Albums. Er hatte mich ab Mitte der 80er mit Punk, mit Indierock und Indiepop infiziert, mit den Wipers, Dinosaur Jr., den Go-Betweens und Millionen obskurerer toller Bands. Ich dachte: Beach Boys, echt jetzt? Aber ich war schnell absorbiert von so viel Schönheit und Pop-Perfektion, die so unmittelbar ins Herz fuhr, von „Wouldn’t It Be Nice“ über „You Still Believe In Me“ oder „Caroline No“ bis zu – natürlich – „God Only Knows“.

Intensive Beschäftigung mit den Beach Boys erst spät

In Hamburg, wo ich seit dem Jahr 2000 lebe, kaufte ich mir dann nach und nach alle Beach-Boys-Alben zusammen und lernte auch die sehr frühen und späten Schaffensjahre Brian Wilsons schätzen. Und ich las. Eine Menge. Da er zu der Zeit mit „Pet Sounds“ auch auf Tournee ging, wimmelte es in den Zeitungen und Zeitschriften von klugen Artikeln und Ehrerbietungen. Musiker und Kritiker schwärmten vom Jahrhundertalbum, allerorten verbreitete man sich über das Leben des Meisters: Brian Wilson, der mit seinen Brüdern Carl und Dennis, Cousin Mike Love und Schulfreund Al Jardine die Beach Boys gründet. Vom tyrannischen Vater Murry buchstäblich zum Erfolg geprügelt, schreibt er übers Surfen, über Mädchen, flotte Autos und die goldene Sonne Kaliforniens. Er selbst hat aber Angst vor dem Wasser, sitzt lieber in der Stube und komponiert. Das klappt auch prächtig, ein Hit jagt den nächsten.

Wilson, der Dukatenesel. Wilson, von Flugangst und beginnenden Neurosen geplagt, verweigert die Tourneen. Er feilt lieber an seiner großen musikalischen Vision, den „Pet Sounds“, muss das Album aber gegen den Widerstand seiner Band durchsetzen. Nach dem Monsterhit „Good Vibrations“ im Oktober 1966 dann der Weg in Sucht und Psychosen. Wilson lässt sich im Wohnzimmer Strandsand unters Piano schippen, zwecks Inspiration. Es scheitern alle Anläufe, sein nächstes Meisterwerk in spe, das „Smile“-Album, fertigzustellen. Angebliche drei Jahre verbringt er im Bett, umgibt sich mit falschen Freunden und Helfern, unter ihnen Therapeut Eugene Landy, der den mit paranoider Schizophrenie diagnostizierten Musiker gängelt und mit Medikamenten vollpumpt.

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Das Genie bei der Arbeit: Brian mischt „Pet Sounds“ ab

Ich wusste also nicht alles, aber für meine Begriffe genug über die Beach Boys und ihren Mastermind, als ich Ende Januar 2002 glücklich im Brian-Wilson-Konzert im CCH saß. Mein Redakteurs-Kollege Uwe hatte mich gefragt, ob ich da nicht mitkommen wolle. Die guten Tickets weiter vorn sollten 150 Mark kosten. Es wurde mein bis dato teuerstes Konzert und ganz sicher das unvergesslichste. Ever. Wilson und seine etwa zehnköpfige junge Band spielten eine Stunde lang Hits quer durch die frühen und späten 60er. Nach einem schlicht atemberaubenden „Surf’s Up“ war Pause. Danach führten sie Song für Song die kompletten „Pet Sounds“ auf. Und nach diversen Zugaben wurden wir schließlich in die Nacht entlassen mit – ja: „Love & Mercy“. Welch eine Nacht!

Warum ein Film über Brian Wilson?

In der Hoffnung, dass diese Ergüsse nicht zu ausschweifend waren, setze ich im Hier und Jetzt wieder an, bei „Love & Mercy“, dem Film. Vielleicht ist ja ein bisschen deutlich geworden, warum ich keinen Bock auf ihn hatte. Ein Biopic über Brian Wilson, was soll mir das, dachte ich. „Mein“ Brian, das Bild, das sich geformt hatte von ihm, von seiner Band und seiner Welt, sollte überpinselt werden von Schauspielern, von Kulissen und Bildern, die die 60er-Jahre nachstellen? Hm.

Das „Nachgedrehte“ eines biografischen Spielfilms offenbart sich besonders eklatant, wenn der Porträtierte im Zeitalter der Massenmedien lebte oder lebt. Schon in den 50er-Jahren wälzte das Fernsehen die Welt um, aber die große Maschine lief in den 60ern so richtig heiß, der Hunger nach Bildern erlangte neue Dimensionen, von den Popstars dieser Zeit sind Berge von Fotos, Clips, von Konzertmitschnitten, Dokus und Boulevard-Storys nachgeblieben. Die Leben waren öffentlich und durchbebildert.

Unwirsch schob ich den Film also beiseite. Nun hab ich ihn aber doch geschaut. Ein gern geschehener Freundschaftsdienst. Und ich habe es keineswegs bereut.

Regisseur Bill Pohlad nähert sich dem großen Innovator behutsam, facettenreich und unsentimental. So gar nicht Hollywood-like. Der Einstieg gerät nostalgisch getönt und, ja, eher konventionell mit den in so vielen Genres beliebten gefakten Doku-Bildern in 8mm: Meer und Strand, wir hören „Surfin’ USA“, die noch sehr jungenhaften Beach Boys posieren für Coverfotos ihrer ersten Alben. In der Folge etablieren die Macher zwei Handlungsstränge, die einander in zwei Stunden Filmlaufzeit immer wieder elegant ablösen und dabei die collagenhafte Inszenierung erden und auf solide Füße stellen.

Paul Dano als junger, John Cusack als älterer Brian

Wilson wird dabei von zwei Darstellern verkörpert: Im ersten Handlungsfaden erleben wir den jungen Brian (erstklassig: Paul Dano). Angespornt vom Ende 1965 erschienenen Beatles-Meisterwerk „Rubber Soul“, stemmt der Songschreiber seine große musikalische „labour of love“, das „Pet Sounds“-Album. Der zweite Strang setzt 1986 ein: Der 44-jährige Wilson (John Cusack), labil und aufgeschwemmt, begegnet beim Kauf eines Autos der schönen und herzensguten Melinda Ledbetter (Elizabeth Banks). Sie wird die Liebe seines Lebens und befreit ihn schließlich aus den Fängen des dubiosen Psychotherapeuten Dr. Eugene Landy (Paul Giamatti), welcher Wilson an die Leine gelegt hat, ihn wie ein störrisches Kind behandelt und sein Genie beinahe zum Verlöschen bringt.

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Sphärische Klänge: Brian (2. v. l.) und die Beach Boys am Mikro

Von schöner Strahlkraft sind die Studiosequenzen – großteils tatsächlich im echten Studio der Beach Boys gefilmt. Wunderbar und fast tröstlich mit anzusehen, wie Brian ganz bei sich ist, sobald es an das Umsetzen seiner musikalischen Vision geht: Wie ein Lehrer an seine Schüler verteilt der mondgesichtige 24-Jährige lässig Notenblätter an die gestandenen Studio-Cracks, macht im Vorbeigehen einer Musikerin noch Komplimente. Er liegt bäuchlings im aufgeklappten Flügel, drapiert Haarnadeln auf die Saiten für den Echoeffekt beim Intro von „You Still Believe in Me“. In solchen Momenten ist das frustrierte Kind verschwunden, das von Vater Murry kurz zuvor für den angeblich depressiven Text von „God Only Knows“ gerügt wurde.

Auch das Gemecker von Bandkollege Mike Love perlt einfach an ihm ab: „Hang on to Your Ego“, ob das ein Drogensong sei, poltert Mike, vor allem sauer, weil Brian ihn und die anderen Jungs „nur“ zum Singen ins Studio holt. Und: „Sogar die fröhlichen Songs sind traurig!“ Brian bleibt unbeirrbar. Monate später, bei den Sessions zu „Good Vibrations“, lässt er die Cellisten über 30 Mal ihr kurzes Stakkato spielen, bis das endlich so klingt wie ein Flugzeugpropeller.

Stimmen im Kopf und andere Dämonen

Aber da ist nicht nur die Musik in seinem Kopf, die herausdrängt, da sind auch die seltsamen Stimmen, „seit 1963“, wie Brian einmal sagt, Jahre, nachdem ihm sein Vater einen so heftigen Schlag ins Gesicht verpasste, dass er auf einem Ohr fast völlig ertaubte. Die Dämonen – sein Dad, seine Angst vor dem Fliegen und dem Wasser, die Stimmen, sein „Mentor“ Landy – ringen ihn fast nieder, 20 Jahre nach dem Album-Meilenstein scheint der Begabte seiner Kunst völlig entfremdet. Bis er eben Melinda trifft. Als sie zum ersten Mal sein Haus betritt, setzt er sich ans Klavier und spielt – die Akkorde, aus denen später „Love & Mercy“ werden wird. Sie inspiriert ihn, sie ist der rettende Engel, während Landy der Teufel ist. Hier gerät die eine oder andere Szene etwas plakativ, zumal John Cusacks Darstellung des älteren Brian manchmal haarscharf am Manierismus vorbeischrammt.

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Misstrauisch beäugt Eugene Landy (l.) die aufkeimende Liebe zwischen Brian und Melinda

„Letztlich war die Musik der Schlüssel zu seinem Charakter, nicht so sehr, sie zu hören, sondern zu lernen, sie zu singen und zu spielen. Brian lebt in seiner Musik. Wenn man ihn finden will, dann dort“, sagt Paul Dano. Der Schauspieler und sein Regisseur kommen diesem „dort“ sehr nahe, der Musik, der Lebenswahrheit des Genies Brian Wilson. Ein Film für Kopf, Herz und Ohr, leidenschaftlich und dann wieder fast nüchtern, ohne Kitsch und fade Spekulation.

Mal wieder die „Pet Sounds“ hervorgeholt

Und er macht Lust auf die Musik, na klar. In den vergangenen Jahren habe ich fast nur die späteren, weniger üppig klingenden Beach Boys-Alben gehört, Platten wie „Friends“ und „20/20“, „Sunflower“ und „Surf’s Up“. Das oft, sehr oft gehörte und mittlerweile auch fast zu Tode gelobte „Pet Sounds“ stand im Regal. Nach „Love & Mercy“ habe ich das mal wieder aufgelegt. Ist ja doch eine ganz gute Platte … Add Some Music To Your Day!

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Wouldn’t it be nice? Brian und Melinda (Elizabeth Banks) finden endgültig zueinander

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit John Cusack, Paul Dano und/oder Paul Giamatti sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 15. Oktober 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Love & Mercy
USA 2014
Regie: Bill Pohlad
Drehbuch: Oren Moverman, Michael A. Lerner
Besetzung: Paul Dano, John Cusack, Elizabeth Banks, Paul Giamatti, Jake Abel, Kenny Wormald, Graham Rogers, Joanna Going, Erin Darke, Brett Davern, Max Schneider
Zusatzmaterial: Geschnittene Szenen; Audiokommentar von Regisseur Bill Pohland und Co-Autor Owen Moverman; Making of; Der Look von Love & Mercy; Promo Making of; Trailer
Vertrieb: Studiocanal Home Entertainment

Copyright 2015 by Dirk Ottelübbert

Fotos, Packshots & Trailer: © 2015 Studiocanal Home Entertainment

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