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Der Meister und Margarita – Satan lässt die Köpfe rollen

16 Okt

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Il maestro e Margherita

Gastrezension von Ansgar Skulme

Fantasydrama // Nikolai Maksudow (Ugo Tognazzi), genannt „der Meister“, hat ein Theaterstück geschrieben, das der Obrigkeit in der Sowjetunion unter Stalin so gar nicht in den Kram passt. Im hart umkämpften Feld der Dramatiker und anderer Schreiber, zwischen Regisseur, Intendanz und Kritik, ist für Maksudows politisch brisanten Stoff um Pontius Pilatus kein Platz. Sogar nach Jalta will man ihn schicken, um gefälligst wieder zur Besinnung zu kommen und sich ins politische Raster zu fügen, statt zu rebellieren. Maksudow stellt sich weiter quer und riskiert Kopf und Kragen, als ihm der Teufel höchstpersönlich, in Gestalt eines gewissen Professor Woland (Alain Cuny), gegenwärtig wird und mit Hilfe zweier Schergen beginnt, Maksudows Gegner aus dem Wege zu räumen. Kraft und Inspiration findet Nikolai derweil in der schönen Margarita (Mimsy Farmer).

Moskau, made in Belgrad

Michail Bulgakow – geboren in Kiew, gestorben in Moskau – war ein großer Satiriker der russischen Literatur. Als er 1940 starb, hatte er seiner Frau gerade erst die finale Version von „Der Meister und Margarita“ diktiert. Die Arbeit daran hatte er bereits 1928 begonnen. Parallelen zu Goethes „Faust“ sind kein Zufall und wurden von Bulgakow selbst im Buch thematisiert.

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Die schöne Margarita und der Teufel höchstpersönlich

Wahrscheinlich war der Roman zu Zeiten der Sowjetunion, auch lange nach Stalins Tod, noch zu anstößig, sodass sich schließlich ein in Paris geborener jugoslawischer Regisseur namens Aleksandar Petrovic daran machte, mit Hauptdarstellern aus Italien, den USA und Frankreich die erste Filmversion des Stoffs in Belgrad zu drehen. Dabei holte man politisch sogar so weit aus, auch das aktuelle Jugoslawien zu kritisieren – die Folge: ein Verbot des Films für etwa 20 Jahre.

Musikalisch untermalt von Ennio Morricone

Dass er trotz seines internationalen Hintergrunds ästhetisch, visuell und akustisch letztlich wie eine typische Produktion des italienischen Genrekinos der 70er erscheint, ist den Tatsachen geschuldet, dass Roberto Gerardi die Kamera führte und Ennio Morricone für die Musik zuständig war. Oft reduziert man die stilistische Wirkung eines Films auf die Arbeit des Regisseurs – bei diesem Film zeigt sich deutlich, wie einflussreich auch andere Beteiligte jenseits der Kamera sind. Überraschend ist, dass die deutsche Version, trotz Morricone-Vorlage, mit Musik aufwartet, die zum Teil in der italienischen Fassung nicht identisch zu finden ist. Diese Klänge hört man auf der DVD bereits im Hintergrund, sobald sich das Menü öffnet. Allerdings passt das gesungene Lied tatsächlich besser zur Szene als die für die italienische Fassung gewählte Musik, die zu hören ist, als Margarita das erste Mal auftaucht.

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Maksudow versteht die Welt nicht mehr

Wer angesichts der Anleihen bei Goethe nun Angst hat, dass der Film mit einer zu theaterhaften Inszenierung langweilen könnte, kann sich entspannt zurücklehnen. Mit charismatischen Darstellern und einer ausreichend lebendigen Inszenierung sowie intensiver Musik ist es gelungen, eine Verbindung aus stark politischer Gesellschaftskritik und theatralischer Charakter-Show zu kreieren. „Der Meister und Margarita“ ist in einem angenehm geerdeten Ausmaß abstrakt, Fantasy ohne Schnickschnack, Horror ohne großes Tamtam, messerscharfe Dialoge mit Verstand anstelle geschwollenen Geredes.

Der Satan stiehlt den Film

Mit Alain Cuny, der knapp 20 Jahre später 83-jährig mit „L’annonce faite à Marie“ seine einzige Regiearbeit vorlegte, wurde glücklicherweise der richtige Darsteller für den Teufel gefunden. Einer, der die Rolle souverän und kompromisslos, ohne Entäußerung, aber mit präziser Direktheit verkörpert. Als er Berlioz (Fabijan Sovagovic), dem Vorsitzenden der Moskauer Literaturvereinigung, dessen Tod prophezeit – der Roman wartet schon eingangs mit einer derartigen Szene auf, im Film reiht sie sich erst nach einer Weile ins Geschehen –, redet er sich kräftigen Wortes in Rage, seine Augen funkeln und haben ihr Ziel fest im Visier, doch körperlich bleibt er ausgesprochen beherrscht: ein Teufel in Menschengestalt, der von zwei weitaus extrovertierteren Figuren, Korowjew (Velimir „Bata“ Zivojinovic) und Azazelo (Pavle Vuisic), flankiert wird.

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Mephisto in der sowjetischen Version, gespielt von einem Franzosen in Jugoslawien

Mit der Zeit nimmt Woland eine recht vordergründige Rolle im Geschehen ein. Die Inszenierung der Margarita hingegen ist etwas sonderbar: Sie tritt nur in recht wenigen Szenen auf und ihr Erscheinen gleicht meist dem eines Engels. Man ist sich nie so recht sicher, ob sie wirklich da oder nur ein Wunschtraum ist. So gelingt dem Film aber auch eine außergewöhnliche Darstellung ihrer Anmut und Schönheit. Ohne Vorkenntnisse des Romans jedoch ist diese Figur nur schwer zu verstehen. So recht ergibt der Titel in Bezug auf den Film am Ende keinen Sinn mehr.

Blu-ray-Weltpremiere

Koch Media hat das kleine Meisterwerk in der „Masterpieces of Cinema“-Edition weltweit zum ersten Mal auf Blu-ray veröffentlicht. In Deutschland ist zudem auch die DVD eine Premiere. Diese Nummer 20 der „Masterpieces“-Reihe ist die erste, die nicht mehr im Mediabook-Format erschienen ist. Ein Booklet gibt es aber trotzdem. Ästhetisch ähnlich geartete Kost aus dem italienischen Kino, die noch auf Veröffentlichung wartet, findet sich zuhauf. Man kann nur hoffen, dass viele Filme davon ihren Weg auf DVD und Blu-ray finden werden. Wiederentdeckungen wie „Der Meister und Margarita“ machen Mut.

Die Filme der Koch-Media-Reihe „Masterpieces of Cinema“:

01. Die Nacht des Jägers (The Night of the Hunter, 1955)
02. Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave, 1962)
03. Der große Treck (The Big Trail, 1930)
04. Das grüne Zimmer (La chambre verte, 1978)
05. Leben und Sterben des Colonel Blimp (The Life and Death of Colonel Blimp, 1943)
06. Rumble Fish (Rumble Fish, 1983)
07. Fahrenheit 451 (Fahrenheit 451, 1966)
08. Ostia (Ostia, 1970)
09. Außergewöhnliche Geschichten (Histoires extraordinaires, 1968)
10. Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil, 1958)
11. Duell in den Wolken (The Tarnished Angels, 1957)
12. Ein Engel an meiner Tafel (An Angel at My Table, 1990)
13. Die Glenn-Miller-Story (The Glenn Miller Story, 1954)
14. Wenn die Ketten brechen (Captaion Lightfoot, 1955)
15. Wie herrlich, eine Frau zu sein (La fortuna di essere donna, 1956)
16. Blackout – Anatomie einer Leidenschaft (Bad Timing, 1980)
17. Stromboli (Stromboli, terra di Dio, 1950)
18. Der Trost von Fremden (The Comfort of Strangers, 1990)
19. Wem die Stunde schlägt (For Whom the Bell Tolls, 1943)
20. Der Meister und Margarita (Il maestro e Margherita, 1972)
21. Die Stimme des Mondes (La voce della luna, 1990)

Veröffentlichung: 10. September 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 98 Min. (Blu-ray), 94 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Il maestro e Margherita
IT/JUG 1972
Regie: Aleksandar Petrovic
Drehbuch: Barbara Alberti, Amedeo Pagani, Aleksandar Petrovic, Romain Weingarten, nach dem Roman von Michail Afanassjewitsch Bulgakow
Besetzung: Ugo Tognazzi, Mimsy Farmer, Alain Cuny, Velimir „Bata“ Zivojinovic, Pavle Vuisic, Fabijan Sovagovic, Janez Vrhovec
Zusatzmaterial: Booklet, Trailer, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshots: © 2015 Koch Media

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