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Die Stimme des Mondes – Fellinis letztes Statement

19 Okt

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La voce della luna

Gastrezension von Ansgar Skulme

Tragikomödie // Ivo Salvini (Roberto Benigni) wurde gerade erst aus einer Nervenklinik entlassen. Aber trotzdem hört er Stimmen und gerät zudem an recht sonderbare Zeitgenossen, wie etwa den früheren Präfekten Gonella (Paolo Villaggio), der eine Verschwörung wittert, oder einen Mann, der auf dem Friedhof zwischen Urnen übernachtet, und zwei Brüder, die den Mond vom Himmel holen.

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Die Richtung ist klar: Ivo (r.) staunt, Gonella hat den Durchblick

Sie alle sind Teile einer sparsamen Handlung, die in einer kleinen Stadt auf dem Lande und in der umliegenden Natur spielt. Es geht um Lautstärke und Stille, Hektik und Ruhe, Gesellschaft und Individuum, Vorhandensein und Einbildung, Poesie und Realität, Introversion und Extraversion. Viel passiert an sich nicht – auch nicht in dem Roman, auf dem der Film basiert. Der Worte mögen viele fallen, doch ist die Story überschaubar. Mal ist Fellinis „Die Stimme des Mondes“ chaotisch, voll von Eindrücken und Geschnatter, sprunghaft erzählt, dann schwelgt das Werk wieder in kräftigen Bildern, die aus sich selbst sprechen. Mit poetischem Gestus und philosophisch-psychologischen Ansätzen widmet sich Fellini der Schnelllebigkeit der Gesellschaft, sucht nach dem Wesen des Menschen im Zwiespalt zwischen der Schönheit der Natur und dem, was der Alltag im Hier und Jetzt daraus macht. Man bezeichnet den Erzählstil dieser Produktion heute auch gern als filmischen Essay.

Ende einer Ära

„Die Stimme des Mondes“ ist Federico Fellinis (1920–1993) letzter Spielfilm, 40 Jahre nachdem er erstmals als hauptverantwortlicher Regisseur einer Produktion genannt worden war sowie fast 50 Jahre nach seinem ersten Drehbuch. Ein wenig scheint dieses Werk den Charakter einer finalen filmischen Reflexion über Leben und Sein zu haben. Satirische Überzeichnungen haben hier ebenso ihren Platz wie melancholisches Beobachten und belehrende Gesellschaftskritik – aus der Feder eines damals fast 70-jährigen Mannes, der so einiges im Leben gesehen und mit einflussreichen neorealistischen Produktionen im Zuge des Zweiten Weltkrieges, gerade durch seinen geschärften Blick auf die Wahrheit, Bekanntheit erlangt hatte.

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Das Leben ist schön – da kann man schon einmal ins Schwärmen geraten

Mit der Zeit war Fellini mehr und mehr Künstler geworden, setzte sich selbst in Szene – sein Name wurde Teil seiner Filmtitel und sogar die verwendete Schriftart, auf Plakaten und innerhalb der Filme, zum Charakteristikum seines Schaffens. Zu verkünstelt war Fellini jedoch allenfalls selten – und das unterscheidet ihn von vielen anderen sogenannten Autorenfilmern, die also Drehbuch und Regie auf sich vereinen. Er traf den urigen Ton der Straße ebenso wie er natürliche Schönheit und ästhetisierte Eleganz mit einem einzelnen Bild auszudrücken vermochte, verliert sich nicht in redundanter Zurschaustellung seiner selbst geschaffenen Stilmittel. „Seht her, ein jump cut! Siehe da, ich kann eine Kamera ohne Stativ bedienen lassen! Gebt acht, ich breche Erzählkonventionen! Und nun wieder von vorn.“ Nein, solcherlei filmische Selbstdarstellung, wie es sie schon in den 1960er-Jahren zur Genüge gab, erspart uns Fellini. Zum Glück.

Ein Herz für die Spinnerten dieser Welt

Seine Filme sind teils schräg und artifiziell, aber deswegen nicht abgehoben. Sie erfordern einen wachen Zuschauer, nähern sich aber nicht nur der cineastischen Elite, sondern auch dem kleinen Mann. Sie haben Interesse am normalen Bürger, an den angeblichen Spinnern und den Positiv-Verrückten, an den Ärmsten und an den Gescholtenen, an schrägen Vögeln und umherirrenden Irren. „Die Stimme des Mondes“ sollte man als Filmfan in jedem Fall einmal gesehen haben. Es ist ein Schlussplädoyer, ein letztes Statement eines großen Regisseurs, eine letzte Aussage in seinem Metier.

Filme haben wie jede Kunst die Eigenheit, dass man sie wegen Äußerlichkeiten aber auch Inhalten bestaunen und sammeln kann. Der eine stellt sich diesen Film nur ins Regal, weil Fellini nun einmal ein Name ist, den man als Cineast zu kennen hat – weil irgendwer das einst so festgelegt hat und es zum Großteil bis heute eher nachgebetet als verstanden wird. Manch einer ist noch heute der Meinung, dass man über Filme nur dann reden kann, wenn man Eisenstein, Truffaut, Godard, Bresson, Welles, Rossellini, Antonioni, Pasolini und Fellini liebt. Manch einer versteht aber auch die Botschaft hinter einem solchen Film und gewinnt einen Mehrwert durch die Geschichte, losgelöst vom Kontext jeglichen cineastischen, pseudo-filmwissenschaftlichen Hypes.

„Masterpieces“ in neuem Look

Mit der Verpackung ist es ähnlich: Mag es für den einen ein Grund sein, sich keine Exemplare der „Masterpieces of Cinema“-Reihe von Koch Media mehr zu kaufen, weil „Wem die Stunde schlägt“ das letzte Mediabook der Reihe war, wird dem anderen bewusst bleiben, dass es am Inhalt des Films nichts ändert, ob er im schlichten Keep Case oder im aufwändigen Mediabook daherkommt. Im Booklet wird diesmal zwar auf bereits bekannten Content – eine Untersuchung des Films durch Georg Seeßlen – zurückgegriffen, aber auch das macht den Text schließlich nicht schlechter als bei seiner Erstveröffentlichung.

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Mag die Gesellschaft laut, chaotisch und oberflächlich sein: Vorzüge sind nicht zu leugnen

Die Filme der Koch-Media-Reihe „Masterpieces of Cinema“:

01. Die Nacht des Jägers (The Night of the Hunter, 1955)
02. Einsam sind die Tapferen (Lonely Are the Brave, 1962)
03. Der große Treck (The Big Trail, 1930)
04. Das grüne Zimmer (La chambre verte, 1978)
05. Leben und Sterben des Colonel Blimp (The Life and Death of Colonel Blimp, 1943)
06. Rumble Fish (Rumble Fish, 1983)
07. Fahrenheit 451 (Fahrenheit 451, 1966)
08. Ostia (Ostia, 1970)
09. Außergewöhnliche Geschichten (Histoires extraordinaires, 1968)
10. Im Zeichen des Bösen (Touch of Evil, 1958)
11. Duell in den Wolken (The Tarnished Angels, 1957)
12. Ein Engel an meiner Tafel (An Angel at My Table, 1990)
13. Die Glenn-Miller-Story (The Glenn Miller Story, 1954)
14. Wenn die Ketten brechen (Captaion Lightfoot, 1955)
15. Wie herrlich, eine Frau zu sein (La fortuna di essere donna, 1956)
16. Blackout – Anatomie einer Leidenschaft (Bad Timing, 1980)
17. Stromboli (Stromboli, terra di Dio, 1950)
18. Der Trost von Fremden (The Comfort of Strangers, 1990)
19. Wem die Stunde schlägt (For Whom the Bell Tolls, 1943)
20. Der Meister und Margarita (Il maestro e Margherita, 1972)
21. Die Stimme des Mondes (La voce della luna, 1990)

Veröffentlichung: 10. September 2015 als Blu-ray und DVD

Länge: 121 Min. (Blu-ray), 116 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: La voce della luna
IT/F 1990
Regie: Federico Fellini
Drehbuch: Ermanno Cavazzoni, nach seinem eigenen Roman
Besetzung: Roberto Benigni, Paolo Villaggio, Nadia Ottaviani, Marisa Tomasi, Angelo Orlando
Zusatzmaterial: Booklet, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial
Vertrieb: Koch Media

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshots: © 2015 Koch Media

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