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Formicula – Wie nach der Atombombe alles noch viel schlimmer wurde

30 Okt

Formicula-Cover

Them!

Gastrezension von Ansgar Skulme

SF-Horror // Police Sergeant Ben Peterson (James Whitmore) und seinem Partner Ed Blackburn (Chris Drake) bietet sich ein Bild der Verwüstung: Tod, zerstörte Häuser, mysteriöse Spuren. Sie tappen zunächst im Dunkeln, doch mit Hilfe des renommierten Wissenschaftlers Dr. Harold Medford (Edmund Gwenn) und dessen Tochter (Joan Weldon) lösen sie schließlich das Geheimnis um die Ursache des Grauens. Doch wie kämpft man gegen gigantische Ameisen und wie stoppt man deren Verbreitung?

Bestrafung für kriegerischen Leichtsinn

Im Horror und in der Science-Fiction gibt es eine ganze Menge an Filmen, die die Bezeichnung bodenloser Trash verdienen. Das muss nicht unbedingt heißen, dass diese Filme ungenießbar sind, ihr Kultstatus speist sich zum Teil sogar unmittelbar aus ihrer schlechten Qualität. Jedoch verbindet diese Filme, dass ihre Handlung sowohl hinsichtlich der Beweggründe als auch der Ausführung meist völlig hanebüchen ist. Etwas anderes ist es dann schon, wenn man sich eine reale Situation – in diesem Fall den Bau, das Testen und den Einsatz von Atomwaffen – zum Anlass nimmt, um daraus eine fiktive Story zu spinnen. Hier macht Science-Fiction durchaus recht komplexen Sinn. „Formicula“ ist ein ansprechend kritischer Film – aus US-Sicht sogar selbstkritisch –, der engagiert vor den unkontrollierbaren Folgen atomarer Tests und Kriege warnt und die reale Bedrohung mittels infolge der Waffentests gigantisch herangewachsener Ameisen unterhaltsam zuspitzt. Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Wer mit Gewalt experimentiert, vermag ungeahntes Unheil zu schaffen, wie auch immer es nun geartet sei. Klare Botschaften, verständlich und nicht von der Hand zu weisen.

Terror, Horror, Excitement, Mystery = Them!

Freilich wird der Originaltitel „Them!“ im Trailer aus den Schlagworten „Terror, Horror, Excitement, Mystery“ zusammengesetzt, aber so reißerisch ist der Film gar nicht einmal. Es dauert fast eine halbe Stunde, bis man die ersten riesigen Ameisen zu Gesicht bekommt und prinzipiell wird mit Szenen in denen die Ameisen attackieren sehr sparsam umgegangen. So behält sich der Film bis zum Schluss ein hohes Maß an Spannung vor. Selbst auf ein Happy End wurde verzichtet und gen Ende zeigt sich auch, warum anstelle eines einzelnen strahlenden Helden mit James Whitmore und James Arness (als FBI-Agent) zwei Schauspieler gleichzeitig als Protagonisten aufgebaut wurden. Man kann durchaus davon sprechen, dass dieser Film im Finale mit Hollywood-Erzählkonventionen der damaligen Zeit bricht – zugunsten einer weiteren, tragischen Pointe.

Schlagartig Kult

„Formicula“ hatte einen derart revolutionären Einfluss auf das Science-Fiction-Genre, dass er schon im Folgejahr bemerkenswert schnell und auffällig von Universal adaptiert wurde. Der Dreh zu „Tarantula“ startete ziemlich genau ein Jahr nach dem Kinostart von „Formicula“. Binnen weniger Monate war also die Idee einer eigenen Version konkretisiert und in ein Drehbuch umgesetzt worden. In „Tarantula“ wurden aus Ameisen nun Spinnen und leichtfertige Labor-Experimente anstelle von Atom-Tests zur Wurzel allen Übels, aber das störte ganz und gar nicht: Das Konzept war nach wie vor zu gut und ambitioniert, um „Tarantula“ als plumpen Abklatsch abzutun. Auch dieser Universal-Film war international erfolgreich, und da er in Deutschland vor dem eigenen Vorbild aus dem Hause Warner Bros. ins Kino kam, orientierte man sich hierzulande wiederum bei der Titelvergabe für „Formicula“ an der Universal-Produktion. Dies beweist wohl auch die ursprüngliche Skepsis dahingehend, einen solchen Reißer bei uns überhaupt zu zeigen, doch den Zeichen der Zeit konnte man sich nicht lange entgegenstellen.

Hallo, hier spricht Gordon Douglas!

Der Regisseur von „Tarantula“ Jack Arnold gilt mit Filmen wie „Gefahr aus dem Weltall“, „Die Rache des Ungeheuers“ und „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ aus heutiger Sicht als recht großer Name des Horror- und Science-Fiction-Kinos im 50er-Hollywood. Gordon Douglas hingegen gehört eher zu der Kategorie Regisseur, die einige durchaus bekannte und viele wirklich gute Filme gedreht haben, ohne dass ihre Anteile daran angemessen besprochen und gewürdigt werden. Douglas legte in diversen Genres Werke ausgesprochen guter Qualität vor, „Formicula“ war unter all diesen Filmen womöglich der einflussreichste. Nicht nur, weil der Streifen 1954 die kommerziell erfolgreichste Produktion der Warner Brothers wurde – und das obwohl entgegen ursprünglicher Pläne nicht nur auf 3D verzichtet wurde, sondern auch auf Farbfotografie. Lediglich der Titel des Films wurde in Farbe belassen. Ein interessanter Effekt allerdings, die filmische Überschrift somit besonders deutlich auf schwarz-weißem Grund hervorzuheben, der hier gewissermaßen erfunden worden zu sein scheint. Ähnliche Variationen findet man später beispielsweise in den deutschen Edgar-Wallace-Filmen, wo die Schrift, die parallel zum Ausspruch „Hallo, hier spricht Edgar Wallace!“ zu sehen ist, stets farbig war, auch wenn die Filme ansonsten in Schwarz/Weiß gedreht wurden, was in „Der unheimliche Mönch“ (1965) schließlich sogar zu einer komplett farbigen Titelsequenz inmitten eines ansonsten schwarz-weißen Films führte.

Auf zu neuen Ufern

Neben einem kleinen Auftritt des späteren Mr. Spock, Leonard Nimoy, ist bemerkenswert, dass dieser Film auch die Ursache war, dass Fess Parker seine populäre Rolle als Davy Crockett bei Walt Disney erhielt. Disney liebäugelte eigentlich mit James Arness und sichtete den Film unter diesem Aspekt, stieß so aber auf Parker, der einen Piloten spielt, welcher aufgrund vermeintlich wirrer Berichte über einen Angriff von UFOs in Ameisengestalt in der Psychiatrie landet. Für ihn bedeutete „Formicula“ somit den Durchbruch. Arness hingegen dürfte es kaum gestört haben, er wechselte ein Jahr später ins Fernsehen und wurde zum Star von „Rauchende Colts“, der neben „Law & Order“ bis heute langlebigsten US-Fernsehserie überhaupt (ausgenommen Soaps). Beide Serien brachten es auf stattliche 20 Staffeln, wobei „Rauchende Colts“ wesentlich mehr Episoden zählt, deren Laufzeit bis 1961 allerdings auch kürzer war. Für Edmund Gwenn war „Formicula“ einer der letzten großen Hits, während James Whitmore noch über Jahrzehnte durch hervorragende Leistungen in Nebenrollen auf sich aufmerksam machte, hier aber mit einer seiner seltenen Hauptrollen glänzte.

Fusion von Science-Fiction und Horror

Dass die Spezial-Effekte bahnbrechend waren und demzufolge für den Oscar nominiert wurden, bedarf kaum weiterer Worte. „Formicula“ ist der Film, der Tierhorror, wie es ihn vorher beispielsweise schon in „Der Wolfsmensch“ (1941) und den King-Kong-Filmen gab, nachhaltig mit Science-Fiction zusammenführte und die Kreaturen zudem erstmals in unüberschaubaren regelrechten Heerscharen angreifen ließ. Der Film definierte mitsamt seiner Effekte somit ein ganzes Subgenre. Überdimensionale Tiere sind aus heutiger Sicht ein Markenzeichen von Science-Fiction und Horror und aus diesen Genres nicht mehr wegzudenken. „Formicula“ begründete die dafür nötigen Superlative: Größer, gefährlicher, mörderischer, mehr. Them! Höchste Zeit für eine anständige Wiederveröffentlichung bei uns.

Mehr zum klassischen Science-Fiction-Film

Angst vor dem Atomkrieg, Kalter-Krieg-Metaphorik, riesige Kreaturen – nur einige Facetten, die der klassische Science-Fiction-Film zu bieten hat. All jenen, die tiefer in die Materie einsteigen wollen, sei „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ ans Herz gelegt: Ausgabe #11 der Zeitschrift widmet sich dem Science-Fiction-Film mit einer Titelgeschichte. Ich habe dazu einen Beitrag mit dem Titel „ALIENS! ROBOTER! KREATUREN! – Die Invasoren-Filme der 50er“ beigesteuert. Eine Ausgabe später wird es übrigens um Horror gehen.

Veröffentlichung: 16. Januar 2003 als DVD

Länge: 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch (beide auch für Hörgeschädigte) u. a.
Originaltitel: Them!
USA 1954
Regie: Gordon Douglas
Drehbuch: Ted Sherdeman
Besetzung: James Whitmore, Edmund Gwenn, Joan Weldon, James Arness, Onslow Stevens, Sean McClory, Fess Parker, Willis Bouchey, Lawrence Dobkin, Leonard Nimoy
Zusatzmaterial: Originaltrailer, Behind-the-Scenes-Filmmaterial von den Riesen-Ameisen, Bildergalerie
Vertrieb: Warner Bros.

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshot: © Warner Bros.

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Eine Antwort zu “Formicula – Wie nach der Atombombe alles noch viel schlimmer wurde

  1. Kay Sokolowsky

    2015/10/30 at 19:52

    Wie immer eine Freude, daß die großen Horrorepen meiner Kindheit hier eine Würdigung erfahren – danke! Ich habe „Formicula“ zum ersten Mal gesehen, als ich zehn war, im ARD-Samstagspätprogramm (für mich Steppke war das tiefste Nacht, um 23.00 Uhr). Und ich werde nie, nie, nie vergessen, wie ich das Atmen vor Entsetzen vergaß, als eine der Gigantameisen einen armen Polizisten mit den Zangen um seine Hüften packte und zermalmte … Man sah zwar nix Blutliges – aber der Schrei des armen Kerls! Ich habe miserabel geschlafen in den folgenden Wochen.
    Und noch eine Fußnote zur Wirkungsgeschichte: In der fabelhaften Comicserie „Planetary“ von Warren Ellis und John Cassaday absolvieren die „Them“-.Riesenameisen einen sehr eindrucksvollen Gastauftritt (die betreffende Episode ist auch sonst ein wahres Fest für alle Freunde des phantastischen US-B-Films der paranoiden 1950er).

     

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