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Irrational Man – Empfiehlt Woody Allen etwa Mord als Antidepressivum?

11 Nov

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Irrational Man

Kinostart: 12. November 2015

Gastrezension von Simon Kyprianou

Drama // Der bekannte Philosophieprofessor Abe Lucas (Joaquin Phoenix) steckt in einer tiefen Krise, findet keinen Sinn, keine Freude mehr am Leben: Er hat keinen Sex mehr, kann keine Beziehungen mehr führen, seine Kreativität leidet. Ein Tapetenwechsel soll ihm helfen, so zieht der Depressive nach Newport, um dort an der Uni zu unterrichten. Die Studentin Jill (Emma Stone) fühlt sich von dem wesentlich älteren Professor und seiner Tristesse sofort angezogen und freundet sich mit ihm an. Sie will mehr, er jedoch sieht in Beziehungen keinen Sinn mehr.

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Professor Lucas steckt in einer Sinnkrise

Eines Tages bekommt Abe in einem Diner durch Zufall ein Gespräch am Nachbartisch mit, in dem es um eine Mutter geht, die durch die unfaire Entscheidung eines Richters großen Schaden davontragen könnte. Er beschließt, den Richter für die Abe völlig unbekannte Frau umzubringen, um damit die Welt zu verbessern. Von diesem Zeitpunkt sieht er wieder einen Sinn im Leben und blüht auf. Aber der Mord bleibt nicht ohne Folgen.

Erinnerung an „Match Point“

In den vergangenen Jahren musste man schon Woody-Allen-Apologet sein um seine Filme noch wirklich schätzen zu können. An die Qualität älterer Arbeiten reichen seine jüngsten Werke keinesfalls heran, sind oftmals nur vereinfachte Versatzstücke seiner früheren Werke – vielleicht mit Ausnahme von „Blue Jasmine“, der allerorten gepriesen wurde und Cate Blanchett ihren zweiten Oscar einbrachte, mir allerdings überhaupt nicht gefallen hat. „Irrational Man“ hingegen erinnert an ein früheres Allen-Werk: „Match Point“ (2005), mit dem Allens europäische Phase begann und den ich zu seinen besten Filmen zähle.

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Bis er beim Essen zufällig ein Gespräch belauscht

Denkt man an Woody Allen, denkt man an Komödien wie „Manhattan“ und „Der Stadtneurotiker“, oft vergisst man seine wunderbarste und radikalste Komödie „Harry außer sich“. Aber er war oft auch gerade dann hervorragend, wenn er ernste Stoffe bediente, so wie in „Innenleben“ – seiner endgültigen Verbeugung vor Ingmar Bergman – oder eben auch „Match Point“. Anders als dieses offenkundige geistige Vorbild ist „Irrational Man“ allerdings eine Komödie, die den Zuschauer durch seine auf den ersten Blick leichte und frivole Oberfläche ganz subtil zum Komplizen eines Mörders macht, der von der Gerechtigkeit seines Mordes felsenfest überzeugt ist – auch damit lädt uns Allen zur geistigen Mittäterschaft ein.

Gibt es den gerechten Mord?

Natürlich zelebriert Allen keine unreflektierte Faszination für „gerechten Mord“ – die vornehmlich egoistischen Gründe für die Tat blitzen deutlich hervor –, aber er verweigert eine eindeutige Haltung gegenüber der Figur Abe Lucas, diese Aufgabe überlässt er geflissentlich dem Zuschauer. Innerhalb dieser doch morbiden Geschichte entspannt sich zudem eine Rom-Com, die ironischerweise erst durch den Mord richtig in Schwung kommt. „Irrational Man“ ist ein schön schelmischer Film, der zwar nicht an die großen Werke von Woody Allen herankommt, aber vielleicht sollte man sich von dieser Hoffnung auch einfach freimachen. Jene abgenutzte Floskel der Woody-Allen-Apologeten, auf die sie in den letzten Jahren oft zurückgreifen mussten, die da lautet (der Wortlaut variiert freilich): „Seien wir doch froh, dass der Mann überhaupt noch Filme macht“ – man braucht sie im Fall von „Irrational Man“ aber sicher nicht zu bemühen. Der Film ist uneingeschränkt sehenswert.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Woody Allen sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Joaquin Phoenix in der Rubrik Schauspieler.

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Nach dem Mord geht’s ihm besser – und mit der viel jüngeren Jill läuft’s auch glatt

Länge: 95 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Irrational Man
USA 2015
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Besetzung: Joaquin Phoenix, Emma Stone, Parker Posey, Joe Stapleton, Betsy Aidem, Ethan Phillips, Jamie Blackley
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2015 Warner Bros. Ent. (Fotos: Sabrina Lantos)

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2015/11/11 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Irrational Man – Empfiehlt Woody Allen etwa Mord als Antidepressivum?

  1. Stepnwolf

    2015/11/11 at 09:56

    Hmmm, wenn er in der Tradition von „Matchpoint“ steht, sollte ich ihn vielleicht doch anschauen. Den halte ich von seinem Spätwerk her nämlich ebenfalls für einen der besten Filme.

     

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