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Virgin Mountain – Wunderbares Charakterkino aus Island

12 Nov

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Fúsi

Kinostart: 12. November 2015

Gastrezension von Anja Rohde

Drama // Die Einordnung in ein Genre ist schwierig. Eine Komödie ist es nicht, obwohl der Film Lacher an den richtigen Stellen hat. Kann man einen Film „Coming-of-Age-Drama“ nennen, wenn die Hauptfigur über 40 Jahre alt ist? Dieses isländische Kleinod ist genau das. Wir begleiten Fúsi (Gunnar Jónsson), einen übergewichtigen Einzelgänger, eine Zeitlang auf seinem Weg durchs Leben – genau in der Zeit, in der sich Veränderungen den Weg bahnen. Sanfte Veränderungen, kleine Schritte, die für Fúsi aber bahnbrechend sind.

Milch statt Tee, Spielzeug statt Dates

Fúsi arbeitet beim Ground Service auf dem Flughafen, fährt und schleppt Gepäckstücke. Von den Kollegen wird er aufgrund seiner Körperfülle aufgezogen, und natürlich auch, weil er noch bei seiner Mutter wohnt und offensichtlich noch nie etwas mit Frauen hatte. Aber Fúsis Welt ist nun mal anders. Er trinkt lieber Milch als Kaffee oder Tee, er spielt mit ferngesteuerten Autos und stellt auf einer großen Sperrholzplatte Kriegsszenen mit Spielzeugsoldaten und -panzern nach. In diesem Hobby hat er sogar einen Kompagnon: seinen Freund Mörður (Sigurjón Kjartansson), mit dem er sich regelmäßig zum Spielen trifft. Ebenso regelmäßig geht er ins asiatische Restaurant, um dort immer dasselbe zu bestellen – weil es ihm eben schmeckt. Und manchmal ruft er bei einem Radiosender an, um sich ein Heavy-Metal-Stück zu wünschen.

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Fúsi zeigt der Nachbarstochter sein Spielzeug

Zum Geburtstag bekommt er von seiner Mutter und deren Freund einen Line-Dance-Tanzkurs geschenkt. Die beiden meinen, er müsse mal raus. Beim Tanzkurs lernt Fúsi eine Frau kennen – Sjöfn (Ilmur Kristjánsdóttir). Aber eine klassische Boy-Meets-Girl-Story wird das trotzdem nicht …

Leise Töne, große Wirkung

Dagur Kári Pétursson hat das Drehbuch explizit für Gunnar Jónsson geschrieben. Letztgenannter ist in Island durch sein Mitwirken in zahlreichen Fernsehserien und Comedy-Shows bekannt, und Dagur wollte ihn gern in einer dramatischen Hauptrolle sehen. Eine erstklassige Wahl – Gunnars Leinwandpräsenz ist einzigartig. In einer wunderbar ruhigen Inszenierung mit der Musik von Slowblow, Dagur Káris Band, brilliert Gunnar Jónsson als kindlicher Erwachsener, der aus den altbekannten Strukturen ausbricht und seinen Weg geht. Mit großer Zurückhaltung agiert Gunnar, vorsichtig, mit kleinen Gesten. Wenn er im Film einmal lächelt, geht einem das Herz auf.

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Line-Dance wird wohl nicht zu Fúsis großen Hobby werden

Regisseur Dagur Kári verwehrt sich im Interview gegen den Begriff „Außenseiter“. Er verwendet lieber „interessante Figur“, über die er gern in seinen Filmen („Nói albinói“, 2003, „Ein gutes Herz“, 2009) erzählt, weil „Menschen, die ein bisschen neben der Spur oder fehl am Platz sind, einfach spannendere Situationen nach sich ziehen als solche, die sich überall anpassen können“. Wirkt Fúsi am Anfang des Film eher einfach gestrickt oder gar naiv, stellt sich bald heraus, dass er ein Herz aus Gold und eine innere Stärke hat, die ihn in schwierigen Situationen stützt. Wenn ihm Tragisches widerfährt, reagiert er stoisch und gelassen, sogar gütig.

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Fúsi fährt Sjöfn nach Hause

Viele einzigartige kleine Momente und Details machen den Film zu einem Kunstwerk. Wie Fúsi die Frühstücks-Cerealien mit dem Löffel zurechtklopft. Wie er mit dem ferngesteuerten Jeep durch den Schnee rast. Und wie er sich voller Herz und Seele um Sjöfn kümmert, als es ihr nicht gut geht.

Einziger Wermutstropfen: der deutsche Titel. Einen Film über einen großen, dicken Mann (Mountain), der noch Jungfrau (Virgin) ist, „Virgin Mountain“ zu nennen, ist nicht witzig und wird dem Film nicht gerecht. Das tut dem Kinoerlebnis aber natürlich keinen Abbruch.

Nationale und internationale Anerkennung

„Der Film ist schön, stilistisch rein und voller allegorischer Ideen. Er handelt von der Wichtigkeit, seine Güte und Unschuld in einer unnachgiebigen Welt zu behalten. Fúsi von Dagur Kári ist ein ergreifender und kunstvoll aufgebauter Film, der ein glaubhaftes Bild vom freundlichen Riesen und prägnante Beschreibungen der Frauen, die ihm am nächsten stehen, zeichnet“, heißt es in der Begründung für den Filmpreis der nordischen Länder, den „Fúsi“ am 27.10. in Reykjavik verliehen bekam. Vorher hatte er schon beim Tribeca Filmfestival in New York Preise für den besten Spielfilm, für die beste männliche Hauptrolle und für das beste Drehbuch abgeräumt. Zu Recht. Ein zauberhafter, liebevoller, aber doch realistischer und manchmal gnadenloser Film, uneingeschränkt zu empfehlen!

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Bedingungslose Liebe

Länge: 94 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Fúsi
ISL/DK 2015
Regie und Drehbuch: Dagur Kári Pétursson
Besetzung: Gunnar Jónsson, Ilmur Kristjánsdóttir, Sigurjón Kjartansson, Franziska Una Dagsdóttir, Margrét Helga Jóhannsdóttir, Arnar Jónsson
Verleih: Alamode Film / Filmagentinnen

Copyright 2015 by Anja Rohde

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2015 Alamode Film / Filmagentinnen

 

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