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Terry Gilliam (II): Brazil – Die wahnwitzige Dystopie

14 Nov

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Brazil

Gastrezension von Simon Kyprianou

Science-Fiction // „Brazil“ ist ein Film der Gegensätze, die Terry Gilliam in seiner furiosen Regie aber virtuos zusammenführen kann: Zum einen sind äußerst präzise gesellschaftliche und politische Beobachtungen und kluge Ideologiekritik zu bemerken – Kritik, die selbst schon sehr gegensätzlich zum Tragen kommt: mal subtil, mal überdeutlich. Die Restaurantszene beispielsweise vereint diese Gegensätze. Auf der anderen Seite ist „Brazil“ aber auch unheimlich verspieltes, hyperaktiv-treibendes Kino, mit irrsinnigen Action-Momenten und Slapstick, ein wildes Genrekonglomerat, ein irrer Kinorausch, der niemals stillsteht.

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Rädchen im Getriebe: Sam Lowry

Big Brother is watching you!

George Orwells Roman „1984“ lässt grüßen: Ähnlich Jack Lemmon in Billy Wilders „Das Apartment“ ist Sam Lowry (Jonathan Pryce) nur ein kleiner Teil einer großen und unüberschaubaren Bürowelt. Er lebt in einem irrsinnigen Überwachungsstaat, einem in den Exzess geführten Abziehbild des Neoliberalismus. Doch Sam hat Träume und Hoffnungen, darüber hinaus verliebt er sich auch noch – in Jill (Kim Greist), deren Ziele und Motivationen unklar sind. Mithilfe des Underground-Klempners Harry Tuttle (Robert De Niro) und besagter Dame zieht er in die Schlacht gegen das System.

Im Kern ist „Brazil“ ein zärtlicher Liebesfilm. Liebe und Glück aber gibt es für Gilliam nur in den Träumen, nur in der Fantasie. So sehr Sam Lowry seinen Träumen auch nachjagt, er kann sie niemals erreichen, er scheitert an den Hürden des kafkaesken Systems, an den Hürden der Realität. Diese Realität selbst inszeniert Gilliam wie ein aus den Fugen geratenes Irrenhaus, ein verrücktes Karussell der Dekadenz und Ignoranz. Aus dieser kalten Welt fliehen die Menschen verzweifelt in alte Kinofilme.

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Subversiver Klempner: Harry Tuttle

Obacht: Spoiler!

Darum ist das Ende auch nur konsequent in seinem Pessimismus und seiner Traurigkeit, es ist Gilliams endgültige Absage an die Realität. Der Protagonist flüchtet sich endgültig in die Welt der Träume, die selbstverständlich stellvertretend für die Welt des Kinos stehen kann. Das legt der Film auch ziemlich nahe, wenn Lowry in seinen Träumen mit Engelsflügeln durch den Himmel gleitet und gegen Monster kämpft, um seine große Liebe zu retten.

Das Schlussbild mit dem lächelnden Gesicht des in seinen Träumen verlorenen, besinnungslos gefolterten Jonathan Pryce ist deshalb auch wieder ein Gegensatz: auf der einen Seite tragisch, auf der anderen Seite unheimlich befreiend.

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Realität oder Traum?

Zwist um das Finale

Sid Sheinberg, damaliger Chef der Universal Studios, mochte das Ende nicht. Es war ihm zu düster und traurig, er verkannte die brillante Konsequenz von Gilliams Version und weigerte sich, den Film in die Kinos zu bringen. Daraufhin zeigte Gilliam „Brazil“ auf eigene Faust vor Studenten. Der Streit gipfelte in einer ganzseitigen Anzeige in der Zeitschrift Variety, in der Gilliam eine Anfrage an Sheinberg richtete, wann er denn endlich seinen Film „Brazil“ veröffentlichen wolle.

Vom Studioboss verschnitten

Zu guter Letzt kam „Brazil“ in unterschiedlichen Schnittfassungen in die Kinos, in Europa länger als in den USA. Immerhin gelang es Gilliam, auch für die Vereinigten Staaten eine von ihm gewünschte Version durchzusetzen. Dies lag daran, dass einige Filmkritiker aus Los Angeles bei den studentischen Vorführungen zugegen waren, was „Brazil“ die Los Angeles Film Critics Association Awards als bester Film sowie für Regie und Drehbuch einbrachte.

Sheinbergs Rache folgte in Form der übel verstümmelten „Love Conquers All“-Version fürs US-Fernsehen: Schlappe 94 Minuten lang, ist Sam Lowrys finale Wahnvorstellung darin gar kein Traum, sondern ein Happy End. Wie kann jemand an die Spitze eines großen Hollywood-Filmstudios gelangen und dann so etwas verzapfen? Schämen Sie sich, Herr Sheinberg!

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Englisches Steelbook vorn

Der „Brazil“-Konflikt war nur der Anfang von Gilliam langem Kampf gegen die Studios, die ihn viel später als Harry-Potter-Regisseur ablehnten, obwohl dies von Joanne K. Rowling gewünscht war. Das hätte ich gern sehen, aber „Brazil“ ist und bleibt in der von Gilliam favorisierten Fassung ein Meisterwerk.

Anhang von Volker Schönenberger: Editionen

In Deutschland gibt es „Brazil“ seit Mitte 2013 auf DVD und Blu-ray in vermutlich sehr guter Qualität, mangels Sichtung für mich aber nicht zu bewerten. Ich habe mir das in England erhältliche Steelbook gegönnt (siehe Fotos), das den Film auf Blu-ray in 143 Minuten langer Schnittfassung in sehr guter Bildqualität enthält. Dabei dürfte es sich um Gilliams „Final Cut“ und insofern die ultimative Schnittfassung handeln. Sowohl diese als auch die erwähnten deutschen Editionen enthalten im Bonusmaterial das halbstündige Featurette „What Is Brazil?“.

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Englisches Steelbook hinten

Schönes Steelbook hin oder her, die Referenz-Edition kommt aus den USA und stammt – natürlich – von „The Criterion Collection“. Auf zwei Blu-rays bzw. drei DVDs nebst Booklet sind enthalten: Gilliams „Final Cut“ nebst Audiokommentar des Regisseurs und die „What Is Brazil?“-Doku, darüber hinaus auch die „Love Conquers All“-Fassung mit einem Audiokommentar des Gilliam-Experten David Morgan, der über die Unterschiede zur Alternativfassung referiert. Obendrauf gibt’s die 56-minütige Doku „The Battle of Brazil: A Video History“ von Jack Mathews, der kenntnisreich den Zwist zwischen Gilliam und dem Studio beleuchtet.

Wer sich Filmfan nennt und Science-Fiction, Dystopien und anderen fantastischen Filmen etwas abgewinnen kann, sollte eine dieser Editionen im Regal stehen haben.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Terry Gilliam sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Robert De Niro in der Rubrik Schauspieler.
Veröffentlichung: 14. Juni 2013 als Blu-ray und DVD

Länge: 143 Min. (Blu-ray), 136 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte u. a.
Originaltitel: Brazil
GB 1985
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam, Tom Stoppard, Charles McKeown
Besetzung: Jonathan Pryce, Kim Greist, Robert De Niro, Katherine Helmond, Ian Holm, Bob Hoskins, Michael Palin, Ian Richardson, Peter Vaughan, Jim Broadbent
Zusatzmaterial: Featurette „What Is Brazil?“, Original Kinotrailer
Vertrieb: Twentieth Century Fox Home Entertainment

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Dreifach-DVD von Criterion

Copyright 2015 by Simon Kyprianou
Fotos & Packshots der deutschen Editionen: © 2013 Twentieth Century Fox Home Entertainment

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