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Danny Boyle (I): Steve Jobs – Ehrlich und damit wenig versöhnlich

19 Nov

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Steve Jobs

Kinostart: 12. November 2015

Mit dieser Rezension beginnen wir eine Werkschau über den englischen Regisseur Danny Boyle, wie gehabt in unregelmäßigen Abständen und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Gastrezension von Simon Kyprianou

Ich bin wie ein Anwalt, der einen Klienten verteidigt, von dem er weiß, dass er schuldig ist. Jeder verdient einen fairen Prozess. (Drehbuchautor Aaron Sorkin)

Drama // „Steve Jobs“ ist zum Glück kein versöhnlicher Film geworden, kein Film, der seine Hauptfigur, den Apple-CEO Steve Jobs, auf Händen trägt oder wie einen Heiligen preist und dabei dessen Schattenseiten und Abgründe verdrängt, wie Abertausende seiner Verehrer es tun. Nein, Aaron Sorkins Drehbuch geht nicht gerade glimpflich mit der im Oktober 2011 verstorbenen vermeintlichen Lichtgestalt Steve Jobs um. Sorkin war auch schon für das bissige Drehbuch zu David Finchers klugem Biopic „The Social Network“ verantwortlich. „Steve Jobs“ schlägt glücklicherweise in eine ganz ähnliche Kerbe.

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Der geniale Vordenker Steve Jobs …

Die Herangehensweise von Sorkin und Regisseur Danny Boyle ist bemerkenswert, sie teilen den Film in drei Teile auf, die jeweils eine bedeutende Produktpräsentation in Steve Jobs’ (Michael Fassbender) Karriere zeigen. Die erste Teil des Films zeigt die Präsentation des Macintosh 1984, ist gefilmt in 16mm, der zweite Teil zeigt die Präsentation des NeXT im Jahr 1988, gefilmt in 35mm, und der letzte Teil zeigt die Präsentation des iMac 1999, digital gefilmt.

Verzicht auf Rückblenden

Rückblenden gibt es kaum. „Steve Jobs“ spielt dadurch nur an bizarren Nichtorten, auf Bühnen, in Büros, in Gängen. Boyle erschafft eine klaustrophobische Künstlichkeit, die er als nie stillstehenden Rauschzustand inszeniert. Das Tempo ist atemberaubend hoch. Boyle sperrt Jobs konsequent in diesen künstlichen, unpersönlichen Welten ein. Durch Boyles und Sorkins Ansatz verschmilzt Steve Jobs untrennbar mit seiner Arbeit, mit seinen Visionen und Produkten. Er wird zu einer theaterhaften Figur, die nur auf der Bühne im gleißenden Scheinwerferlicht aufgeht, sobald die Scheinwerfer aber aus sind von seinen menschlichen Makeln überschattet und erdrückt wird.

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… ist als Vater kein leuchtendes Vorbild

Boyle hebt Jobs wirkungsvoll von dem Thron, auf den ihn die Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch er sich selbst gesetzt hat, zeigt ihn als Ekel, dem die Gefühle seiner Mitmenschen meistens gleichgültig sind, sofern er sie überhaupt begreift. Die rauschenden 16- und 35-mm-Bilder werden im letzten Teil dann auch abgelöst durch digitale Oberflächlichkeit, wenn Steve Jobs mit dem iMac endlich den lang ersehnten Durchbruch feiern kann und damit zu einem bedeutenden Teil der digitalen Revolution wird.

Wegbegleiter als Randfiguren

Wegbegleiter wie Apple-Mitarbeiter und -Mitgründer Steve Wozniak (Seth Rogen) und Jobs’ Tochter Lisa (5 Jahre alt: Makenzie Moss, 9 Jahre: Ripley Sobo, 19 Jahre: Perla Haney-Jardine), zu der Jobs ein sehr schwieriges Verhältnis hatte, tauchen immer wieder kurz auf, auch der wichtige Apple-Mitarbeiter John Sculley (Jeff Daniels). Sie sind immer nur Randnotizen, denen er sich im Rausch der Produktpräsentationen kurz widmen kann, die aber nie elementarer Teil seines Lebens oder Denkens sind. Lediglich zu Joanna Hoffman (Kate Winslet) kann er ein wirkliches Verhältnis aufbauen.

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Weggefährten: Steve Wozniak …

Am Ende verspricht er seiner Tochter ein Gerät, auf dem man 1.000 Songs in der Tasche herumtragen könne, in der von einigen kurzen Rückblenden abgesehen einzigen Szene, die unter freiem Himmel spielt, und wenn man „Steve Jobs“ etwas vorwerfen kann, dann ist es dieses Ende, das etwas zu versöhnlich mit der Figur umgeht, die zuvor so ehrlich beleuchtet wurde. Dennoch ist Danny Boyles „Steve Jobs“ mit Abstand die gelungenste Film-Biografie des Apple-CEOs, weit besser als „Jobs“ mit Ashton Kutcher.

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… Joanna Hoffman …

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Danny Boyle sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit Michael Fassbender in der Rubrik Schauspieler.

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… und John Sculley

Länge: 122 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Steve Jobs
USA 2015
Regie: Danny Boyle
Drehbuch: Aaron Sorkin, nach einer Vorlage von Walter Isaacson
Besetzung: Michael Fassbender, Kate Winslet, Seth Rogen, Jeff Daniels, Michael Stuhlbarg, Katherine Waterston, Perla Haney-Jardine, Ripley Sobo, Makenzie Moss, John Steen
Verleih: Universal Pictures Germany GmbH

Copyright 2015 by Simon Kyprianou

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2015 Universal Pictures Germany GmbH

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2015/11/19 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “Danny Boyle (I): Steve Jobs – Ehrlich und damit wenig versöhnlich

  1. franziska-t

    2015/11/19 at 12:12

    Ich hatte ja eigentlich mit einer Glorifizierung des Apple-Gründers gerechnet, aber es kam dann doch erfrischend anders. Den Begriff „Biopic“ halte ich in diesem Zusammenhang schwierig, da hier zwar die Geschichte auf realen Personen und echten Ereignissen passiert, das gezeigte Geschehen selbst aber so nie passiert ist. Dennoch liefert Michael Fassbender mal wieder eine großartige Leistung ab. Man wird sehen, ob es für eine Oscarnominierung reicht.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2015/11/16/steve-jobs-2015/

     

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