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Bulli Love – Kann man ein Auto lieben? (Buchrezension)

21 Nov

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Bulli Love

Kraftfahrzeuge // Der Käfer, der Mini, die Ente – sogenannte Kultautos, zu denen ihre Besitzer eine persönliche Beziehung aufbauten, ihnen bisweilen sogar Namen gaben. Ein solches ist zweifellos auch der VW-Transporter oder VW-Bus, ein Volkswagen, der seit langer Zeit nur als „Bulli“ bekannt ist. In sechs Modellvarianten seit 1950 in Serie gefertigt, sind die Serien T1 (1950–1967) und T2 (1967–1979), diejenigen, die den Ruf des Bulli begründet haben: charmante Familiengefährte für den Campingurlaub, die auch von Hippies entdeckt und zum Aufbruch in die Freiheit genutzt worden sind – oder zum Aufbruch dorthin, wo sie die Freiheit vermutet haben. Zwei Hamburger Fans des FC St. Pauli sind 2010 vom Stadion am Millerntor mit ihrem Bulli T3 zur Fußball-WM nach Südafrika gefahren – die Doku „Vom Kiez zum Kap“ habe ich Ende 2013 hier vorgestellt. Bis 1956 wurden die Bullis im VW-Stammwerk in Wolfsburg hergestellt, seitdem werden sie im damals eröffneten Werk in Hannover produziert.

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Bücher über den Bulli gibt’s einige, ein besonders schönes hat kürzlich der Motor-Journalist Edwin Baaske herausgegeben: betitelt schlicht „Bulli Love“. Kurz zu den messbaren Fakten: 182 Farbfotos auf 200 Seiten im Format 29,5 x 30 Zentimeter mit einem Gewicht von 1,85 Kilogramm – durchaus ein Brocken. 2013 hatte Baaske bereits das vergleichbare Werk „911 Love“ über den berühmten Porsche herausgegeben.

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Bulli-Liebhaber gibt es auf der ganzen Welt. „Bulli Love“ porträtiert 31 von ihnen, in Neuseeland und Nordindien, in Alaska und Kalifornien, in China und Deutschland, in den Niederlanden und Südafrika, in Österreich und anderswo. Da ist Andreas Lidl aus Kamp-Lindfort im Ruhrgebiet, der allein mit seinem T3 Syncro in Riadgelb (nie gehört, den Farbton) die Welt bereist hat. In der libyschen Sahara überschlug sich das Fahrzeug auf einer Düne. Eines Tages wurde das Fahrzeug geklaut, doch das hielt Lidl nicht auf: Er kaufte einen T3 Syncro in Timorbeige (hä?), mit dem er 2009 Russland, Sibirien und die Wüste Gobi durchquerte und über Kasachstan die Mongolei erreichte.

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Rennsportfreunden wird der Name Jacky Ickx ein Begriff sein. Der vielseitige belgische Ex-Rennfahrer hat sich einen T5 California zugelegt und tourt damit gern in Begleitung seiner Ehefrau durch den Norden und Westen Afrikas: Marokko, Mauretanien, Mali, Senegal.

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„Bullis bringen Freude“ nennt sich eine Initiative von Bulli-Fans, die seit 1992 mit Bulli-Konvois Hilfstransporte in notleidende Gebiete organisiert. Waren es beim ersten Mal tatsächlich sechs T1-Oldtimer, die von Deutschland aus in Richtung Rumänien aufbrachen, sind es heute Modelle der Baureihen T3 bis T5, wie Michael Steinke berichtet, der stellvertretend für seine Mitstreiter als einer der Organisatoren porträtiert wird. Respektabler Einsatz! Steinke war lange Zeit Vorsitzender der „BulliKartei“, einer Vereinigung von Bulli-Fahrern, besitzt eine der umfangreichsten Sammlungen von Broschüren, Prospekten und sonstigen Unterlagen über den T1 und T2 und hat selbst mehrfach über das Fahrzeug publiziert. Ein wahrer Fan also.

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Auch echte Hippie-Bullis werden selbstverständlich in all ihrer Pracht gezeigt – mit Blumen, Regenbogen und Friedenssymbol, ganz wie man sich das vorstellt. Der 1966 vom Band gelaufene T1 Samba von Andreas und Barbara Dünkel hat auch noch Jimi Hendrix auf der Seite. Der Samba – das ist dieses wunderbare Modell mit den vielen Fenstern und dem Faltschiebedach. Das Fahrzeug im Hippie-Airbrush ist einer von zwei Sambas der Dünkels. Ein klassisches Modell im Originalzustand besaß das Paar bereits, es sollte nicht umlackiert werden. So suchte Andreas einen zweiten und fand ihn in den USA. Im heimischen Baden-Württemberg restaurierten die Dünkels den Bulli aufwändig – mit Ersatzteilen, die ebenfalls erst gesucht werden mussten: Ein Ersatzmotor kam aus der Schweiz, das Getriebe aus Mexiko. Eine Virtuosin an der Airbrush-Pistole fand sich in der Nähe von Stuttgart, und so fährt nun ein Hippie-Bus mit Schriftzügen wie „All You Need Is Love“, „Flower Power“ und „Legalize Cannabis“ durch Süddeutschland.

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Nur ein paar Beispiele der 31 porträtierten Bulli-Liebhaber. Es sind durchweg liebenswerte Gestalten mit einer speziellen Leidenschaft, die beim Lesen verständlich wird. Zwischendurch gibt’s auf zehn Seiten unter dem Hashtag #bullilove 20 Fotos mit „Liebeserklärungen in 140 Zeichen mitten ins Herz“, womöglich Teil einer Social-Media-Kampagne vor Drucklegung des Buchs – auch sehr nett. Unmittelbar im Anschluss daran der einzige Wermutstropfen des Buchs: eine achtseitige Foto- und Textstrecke zum im Juni dieses Jahres vorgestellten neuen Modell, dem T6. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, Fotos und Text sind aber PR in Reinkultur. Dass Volkswagen an der Produktion des Buches seinen Anteil hat, ist nicht weiter wild, aber in der Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns – oder wo auch immer der Beitrag ins Buch kam – hätte man sich etwas mehr Mühe geben sollen, diese Seiten gehaltvoller zu gestalten. So wirkt es wie gelackte Werbung, die ins Buch geschmuggelt worden ist. Schade drum.

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Wirklich entwerten tut dieser Kritikpunkt „Bulli Love“ aber nicht. Das bewirken allein schon die großartigen Fotos, die jedes Porträt der Bullis und ihrer Besitzer illustrieren. Wenn man noch kein Bulli-Fan ist, kann man es mit „Bulli Love“ jedenfalls werden. Und Bulli-Fans werden das Buch spätestens unter dem Weihnachtsbaum liegen sehen wollen, sofern sie es sich nicht bei Erscheinen sogleich gekauft haben. Kann man ein Auto lieben? Offenbar schon.

Herausgeber: Edwin Baaske
Originaltitel: Bulli Love
Deutsche Erstveröffentlichung: 6. Juli 2015 (auch in englischer Sprache lieferbar)
200 Seiten
Verlag: Delius Klasing
Preis: 49,90 Euro

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Cover & Fotos: © 2015 Delius Klasing

 

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