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Invasion vom Mars (1953) – Sie kommen, uns zu holen

28 Nov

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Invaders from Mars (1953)

Gastrezension von Ansgar Skulme

SF-Horror // Als sich der Vater des kleinen David MacLean (Jimmy Hunt) plötzlich merkwürdig verhält und es auch in der Nachbarschaft zu sonderbaren Vorfällen kommt, flüchtet sich der Junge zur Polizei. Auch glaubt er gesehen zu haben, was die Ursache allen Übels ist. Doch hilft ihm das wenig, denn selbst beim Freund und Helfer zeigt sich schnell, dass man nicht mehr jedem vertrauen kann. Erst in der Ärztin Pat Blake (Helena Carter) und dem Wissenschaftler Stuart Kelston (Arthur Franz) findet David Verbündete. Man realisiert eine Bedrohung durch Lebensformen aus dem All und mobilisiert das Militär gegen die perfiden Marsianer. Um die unbekannte Lebensform zu bekämpfen, müssen zunächst aber einmal Mittel und Wege gefunden werden.

Spiel mit den Urängsten

Eine Invasion außerirdischer Wesen, plötzlich im Boden verschwindende Menschen, Identitätsverlust, Zerstörung der Seele, Furcht vor den eigenen Eltern – „Invasion vom Mars“ von 1953 spielt mit den Ängsten seines Publikums. Figuren wie Zuschauern wird gewissermaßen alles genommen, woran sie bisher geglaubt haben, und schließlich ruht ihre letzte Hoffnung in einem Kind. Das klingt recht plakativ, aber der Film scheitert nicht an diesen Extremen. Die Musik, wenn sich das Off unter den Füßen der Verschwindenden auftut, ist ebenso ungewöhnlich wie nervenzehrend und einen Marsbewohner vor sich zu sehen (gespielt von einer kleinwüchsigen Darstellerin, in einer Kulisse, die ihren Körper halb verschwinden lässt), der ohne Worte, nur mit Blicken, seine Schergen dirigiert, birgt Verstörendes in sich.

Dieser Film ikonisierte das Bild vom kleinen Marswesen, mit überdimensional großem Kopf und einem anscheinend exorbitanten, perfide Pläne spinnenden Gehirn. Von der Niedlichkeit des Galaxius aus „Familie Feuerstein“ allerdings keine Spur, eher scheint es, als habe man es mit einem sich verselbständigt habenden Gehirn, einem Böses im Schilde führenden Kopf ohne Körper zu tun. Dieses Wesen hat keine Beine, sondern muss getragen werden, und vereint doch alle Macht auf sich. Und die Farbe Grün, welche in der Filmgeschichte bei der Darstellung von Außerirdischen immer wieder eine besondere Rolle spielte, sättigt den Raum rund um diese abstoßende, befremdliche Gestalt. Grün sind auch die Schergen, die dieses Wesen umgeben. Die stetige Konfrontation mit Menschen, die nicht mehr sie selbst sind, weil die Aliens ihnen ihren Charakter genommen und sich ihrer bemächtigt haben, sowie der permanente Zweifel daran, ob jemand bereits in Besitz genommen wurde oder nicht, lassen alles Hoffen immer aussichtsloser erscheinen, ehe alles schließlich in die Konfrontation mit den Marswesen mündet.

Unfreiwillige Komik inklusive

Die einzige, allerdings immerhin recht amüsante Schwachstelle dieses überwiegend hoch atmosphärischen, spannenden, phasenweise sogar regelrecht fesselnden Films, ist die Darstellung der US-Armee. Man bangt lange Zeit mit diesem armen Jungen und durch ihn mit der gesamten Menschheit, aber bekommt als Lösung für das Problem schließlich eine umfangreiche, alles auf eine Karte setzende Mobilisierung militärischer Streitkräfte geboten. Kurzzeitig wirft das die Frage auf: Ist das jetzt wirklich euer Ernst? Die Armee als Heilsbringer, einschließlich eines Colonels (Morris Ankrum), der seine Dialoge zunehmend im Stahlhelm führt, als ob die Außerirdischen mit Gewehren und Revolvern bewaffnet seien und ein solcher Helm gegen sie irgendeinen Mehrwert hätte. Da rückt er aus, der gesamte Infanterie-Apparat, wie bei einer Modenschau für moderne Kriegsführung, unterlegt mit Militär-Musik. Einigkeit macht stark …

Irgendwie tröstlich, dass auch die Armee schließlich kein rechtes Mittel gegen die Aliens findet, am Ende aber geht sie trotzdem als gefühlter Sieger hervor. Es wirkt ein wenig, als würden erwachsene Menschen mit Außerirdischen „Cowboy & Indianer“ spielen, allerdings tut das der Wirkung der Aliens keinen Abbruch und somit bleibt der Reiz des Films erhalten.

Das Fremde, das Böse

Im Gegensatz zu nicht wenigen anderen Science-Fiction-Filmen, in denen schon damals Bedrohungen – auch Bedrohungen durch Außerirdische – letztlich in erster Linie vom Menschen selbst ausgelöst wurden, fällt „Invasion vom Mars“ eher in die Kategorie der Streifen, die generalisierend Angst vor der Eroberung durch das Fremde schüren, wobei man die Aliens durchaus als Synonym für reale politische Gegner der USA, wie etwa die Sowjetunion, sehen kann. Der Film ist sehr gut und überzeugend darin, dem Fremdartigen eine Art grundsätzlicher Bösartigkeit anzulasten. Diese Außerirdischen kommunizieren nicht, sondern landen auf der Erde und fangen einfach an, den Menschen Dinge wegzunehmen, bis hin zu ihrer Seele. Beweggründe werden nicht determiniert. Die Aliens sind einfach fremd und wollen Böses. Und sie können Dinge, die für den Menschen kaum zu verstehen oder durchschauen sind, wodurch ihr Vorgehen recht unfair anmutet. Sie zeigen den Menschen ihre Grenzen, wenn nicht gar ihre Unzulänglichkeit auf, allerdings nicht auf Basis einer fairen Auseinandersetzung. Ein Gefühl der Machtlosigkeit ist entscheidend für das Funktionieren der Spannung in diesem Film.

3D-Einstellungen ohne 3D

Dass „Invasion vom Mars“ ursprünglich in 3D veröffentlicht werden sollte, ist den Einstellungen deutlich zu entnehmen, auch wenn nicht ständig Gegenstände oder Waffen in Richtung der Kamera fliegen. Der Regisseur William Cameron Menzies („Was kommen wird“, 1936) wollte es sich offenbar nicht nehmen lassen, mit 3D zu experimentieren, auch wenn ein Dreh für eine 3D-Veröffentlichung nicht zustande kam. Die Tiefenkomposition ist teilweise extrem und bestärkt den bedrückenden Charakter der im Film geschilderten Bedrohung. In diesen Bildern wirkt der Junge, in dessen Händen die Rettung der Welt liegt, tatsächlich einsam, verloren, verlassen und hilflos, ohne einen Anker des Vertrauens, egal in welche Richtung er sich dreht. Dieser Film beweist, dass Effekte durchaus auch in 2D erzeugt werden können, die mit den Eindrücken bei Ansicht eines 3D-Films mit entsprechender Brille vergleichbar sind.

Ein Jahrzehnt als Fundament für eine Remake-Welle

Etliche Science-Fiction-Filme der 50er- und frühen 60er-Jahre waren derart richtungsweisend, dass sie später ein Remake, teils sogar mehrere, erhielten. Darunter „Das Ding aus einer anderen Welt“, „Der Tag, an dem die Erde stillstand“, „Kampf der Welten“, „Die Dämonischen“, „20.000 Meilen unter dem Meer“, „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“, „Versunkene Welt“ und „Das Dorf der Verdammten“. Manche davon waren damals selbst schon Remakes, die später ein weiteres Mal aufgelegt wurden. Auch „Invasion vom Mars“ erhielt 1986 schließlich eine neue Version, in der Jimmy Hunt einen Cameo-Auftritt als Polizeichef bekam. Es war nach über 30 Jahren Abstinenz vom Filmgeschäft die erste Filmrolle des ehemaligen Kinder-Darstellers und blieb bis heute seine letzte. Der Einfluss der „Invasion vom Mars“ aufs Science-Fiction-Genre ist bemerkenswert und wurde so auch schon in den 80er-Jahren wahrgenommen.

Warum herausragend?

Wer meine Worte hier gelesen hat, wird sich nun vielleicht die Frage stellen, warum ich diesen Film trotz der benannten Kritikpunkte in meinen „Top 5“ für klassische Science-Fiction-Filme in Ausgabe #11 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ aufgeführt habe. Daher sollte ich es erklären: Auch wenn das Verhalten der Menschen in diesem Film teils recht albern und gewaltverherrlichend ist, wobei vor allem das Militär in ausgesprochen fragwürdiger Form glorifiziert wird, und die Menschen den Angriff der Marswesen auch nicht unmittelbar verursachen, also vom Film praktisch rehabilitiert werden, so ist die Darstellung der Bedrohung unter rein inszenatorischen Gesichtspunkten am Ende doch ziemlich überzeugend. Nicht einmal nur überzeugend, sondern vor allem auch nachfühlbar. Es fällt nicht schwer, sich in die Haut der bedrohten Figuren zu versetzen. Dies hat mit der besagten Tiefenkonstruktion bei der Kameraarbeit und der schrillen Musik zu tun, aber auch mit den Schauspielern und der gekonnten, unaufgeregten Inszenierung inmitten eher weniger Studio-Kulissen. Selbst die Natur ist hier nichts Schönes mehr, sondern hat etwas Gespenstisches, Steriles.

In dem Moment, wo man als Zuschauer schließlich das federführende Marswesen sieht und dessen autoritärer Ausstrahlung gewahr wird, wird man sich schnell bewusst, dass dieser Film funktioniert und für Science-Fiction, zumindest auf den ersten Blick, auch recht glaubhaft ist – was immerhin schon einmal ein großer Fortschritt gegenüber den zahllosen durchweg unglaubwürdigen Vertretern des Genres ist, deren Abwegigkeit schnell ins Auge fällt und stört. Mögen vorher noch so viele Militär-Lieder angestimmt worden und Panzer ins Land geströmt sein, so gelingt dem Film spätestens mit dem Sichtbarwerden der Marswesen der Abschluss eines runden Erzählbogens.

Glaubhafte Darstellung des Unbekannten

Zudem ist es einer von nur wenigen Filmen, in denen Außerirdische weder zu menschlich noch zu künstlich oder zu reißerisch wirken. Es sind keine Puppen, aber sie sind trotzdem stumm, sie sehen im Ansatz menschlich aus, sind es dann aber doch wieder nicht. Es ist nicht dasselbe, ob man diese Marswesen sieht oder ob Captain Kirk in „Raumschiff Enterprise“ auf einem Planeten mit jemandem ins Gespräch kommt, der von sich behauptet, dort geboren worden zu sein; und doch sind diese Invasoren vom Mars anderseits keine possierlichen Wesen wie E.T. oder Produkte von Spezialeffekten, auch nicht gigantisch groß oder tierähnlich, sondern sie werden von Menschen verkörpert, die sich menschenähnlich verhalten, aber auch nicht mehr als das. Sie bieten dadurch eine befremdliche Alternative zum menschlichen Sein an, die etwas Verstörendes hat, keinen Ton sagend und mit seltsamen Bewegungsabläufen handelnd. Auch die Masken der Wesen, die vom Anführer kontrolliert werden, haben hierbei einen nützlichen Effekt, denn sie lassen keine Mimik zu und die riesigen Augen der Wesen scheinen gleichzeitig geschlossen zu sein. Sie sind fast Reptilien, fast Insekten, erinnern dann aber doch wieder am ehesten an Menschen.

Es ist ein ähnliches Phänomen wie man es auch in Zombies wiederfindet, allerdings handelt es sich bei diesen Marswesen um weitaus intelligentere und dadurch auch gefährlichere Kreaturen, denen man sogar abkauft, die Weltherrschaft übernehmen zu können. Dass Menschen sichtbar von Aliens in Besitz genommen und potenziell außerdem durch menschenähnliche Aliens ersetzt werden, sind zwei Faktoren, die doch subtiler Angst erzeugen als monströse Kreaturen, die die Welt nicht infiltrieren, sondern einfach nur töten und vernichten wollen. Es ist bedeutsam, dass diese Invasoren primär mit psychologischen Mitteln kämpfen, nicht mit brachialer Gewalt. Kurzum: Die Darstellung von Aliens wirkt in diesem Film allemal weitaus glaubhafter als in den meisten anderen Werken des Genres – selbst wenn man sich spätere Klassiker wie „Alien“ von Ridley Scott als Vergleich vor Augen führt, wo die Eigenschaften der Aliens primär auf ihr abscheuliches, tierähnliches Aussehen, ihre Größe und/oder ihre Brutalität abzielen.

Doppelbödige Science-Fiction

Es gibt nur sehr wenige Science-Fiction-Filme, die sowohl bei der Konstruktion der Inbesitznahme oder Bedrohung der Welt als auch beim Zeigen der dafür verantwortlichen fremdartigen Mächte atmosphärisch zu überzeugen wissen, tatsächlich den Spagat zwischen Wissenschaft und Fiktion, Alltagsrealität und überirdisch motivierten Erklärungsansätzen, vertrautem Schein und verstörender Variation schaffen und dabei sowohl visuell als auch musikalisch zudem ungewöhnliche Akzente setzen, die die Unterwanderung des Gewohnten durch das Fremde, Ungekannte innerhalb der Story umso glaubwürdiger machen. „Invasion vom Mars“ jedoch ist ein solcher Film mit doppeltem Boden.

Koch Media hat den Film im September 2014 hierzulande in einer schönen Edition im Mediabook mit 1953er-Original (auf DVD) und 1986er-Remake (auf Blu-ray) zugänglich gemacht. Andreas’ Rezension von „Invasion vom Mars“ (1986) könnt Ihr hier lesen.

Veröffentlichung: 25. September 2014 als Mediabook (inkl. Blu-ray und 2 DVDs)

Länge: 80 Min. (europäische Export-Fassung), 75 Min. (US-Fassung)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Invaders from Mars
USA 1953
Regie: William Cameron Menzies
Drehbuch: Richard Blake
Besetzung: Helena Carter, Arthur Franz, Jimmy Hunt, Leif Erickson, Hillary Brooke, Morris Ankrum, Luce Potter, Bert Freed, Walter Sande, Douglas Kennedy
Zusatzmaterial: Originaltrailer, dt. Kinotrailer, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb/Verleih: Koch Media / MGM

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Packshot: © 2014 Koch Media

 

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