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Blacktape – 30 Jahre Hip-Hop in Deutschland

03 Dez

Blacktape-Poster

Blacktape

Kinostart: 3. Dezember 2015

Gastrezension von Anja Rohde

Musik-Doku-Experiment // Mockumentary à la „Fraktus“ oder „This is Spinal Tap“, Scripted Reality wie im Nachmittagsprogramm der Privatsender oder seriöse Musikdoku? Keins von all dem und trotzdem alles auf einmal, das liefert „Blacktape“, der Debütfilm von Sékou Neblett, ehemaliger „Freundeskreis“-Rapper und damit Mitbegründer der deutschsprachigen Hip-Hop-Szene.

Mit Tigon fing alles an

Zeitgemäß und einfallsreich handelt die Doku davon, dass Sékou Neblett beim Dreh seiner Doku auf Hinweise stößt, dass es einen nahezu magischen Startschuss für deutschen Hip-Hop gegeben hat: Der Hip-Hopper Tigon soll bei einer Veranstaltung in einer Heidelberger US-Kaserne die Bühne geentert und skandalöserweise und zum ersten Mal auf Deutsch gerappt haben. Danach sei Tigon nie wieder auf- oder sonstwie in Erscheinung getreten.

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Falk (l.), Staiger (vo.) und Sékou auf der Suche nach Tigon

Zusammen mit dem manischen Marcus Staiger (ehemaliger Battlerap-Veranstalter, Labelbesitzer, Journalist) und dem strukturierten Falk Schacht (Musikjournalist, Hip-Hop-Connaisseur, Moderator), die sich quasi selbst spielen, folgen wir dieser Spur. Filmmacher Neblett ist dabei, die Grenzen zwischen vor und hinter der Kamera lösen sich auf. Gleichzeitig verschwimmen auch Realität und Fiktion. Was ist echt? Was ist inszeniert?

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Max Herre, ehemals „Freundeskreis“

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Thomas D, „Die Fantastischen Vier“

Auch wenn zahlreiche Interviewschnipsel mit deutschen Hip-Hop-Stars wie Max Herre, Thomas D, Samy Deluxe, Joy Denalane, Marteria, Afrob, Azad, Megaloh, Fünf Sterne Deluxe und den Stieber Twins unser Wissen über deutschen Hip-Hop aufpolieren, steht die Suche nach Tigon im Vordergrund – ein Roadmovie mit schwierigen Charakteren, die sich aufreiben, streiten, gegenseitig das Leben schwer machen, die aber auch zusammen lachen und einen Haufen Blödsinn veranstalten können.

Ein Film wie ein Song

Ganz sicher hat es dafür kein exaktes Drehbuch gegeben. Die Gespräche sind improvisiert, die Drehorte ergeben sich aus der Geschichte (Hotelzimmer, private Wohnungen, Straßen, die „Campbell Barracks“). Die Protagonisten gehen einem von Zeit zu Zeit tierisch auf die Nerven, gleichzeitig halten sie einen ständig bei der Stange – man würde selbst am liebsten mitfahren und mitrecherchieren. Der Film ist – oder wirkt? – dann auch manchmal unrund, hier etwas zu lang, dort etwas zu kryptisch. Ob „Blacktape“ absichtlich oder versehentlich nicht perfekt ist, lässt sich schwer sagen – auch wenn man schlussendlich vermutet, dass genau dieser Eindruck erwünscht war. Trotzdem oder gerade deswegen entsteht ein Flow, dem man sich nicht entziehen kann.

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Hier könnte ein Tag von Tigon stehen

Kann man das nicht sogar mit deutschsprachigem Hip-Hop vergleichen? Ich tu’s einfach mal: Die sperrige Sprache, schwierige Reime, holpernde oder verschobene Satzmelodien – und trotzdem funktioniert’s, sowohl in der Musik als auch in diesem filmischen Kleinod. Es macht einfach Spaß, mehr über die Ursprünge des Hip-Hops in diesem Land zu erfahren, und es macht Spaß, mit den schwierigen Jungs mit den kruden Lebensläufen unterwegs zu sein, sich in ewigen Hip-Hop-Diskussionen über Underground vs. Kommerz und die allgemeine „Realness“ eines Künstlers zu ergehen und ein Phantom zu jagen.

Blacktape-01

Drehpause oder Filmszene? Man weiß es nicht

Länge: 86 Min.
Altersfreigabe: FSK 6
Originaltitel: Blacktape
D 2015
Regie: Sékou Neblett
Besetzung: Marcus Staiger, Falk Schacht, Sékou Neblett, Max Herre, Thomas D.
Verleih: Camino Filmverleih GmbH

Copyright 2015 by Anja Rohde

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2015 Gifted Films / Camino Filmverleih

 

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