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Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht: Zu Gast in J. J. Abrams‘ Hobbykeller

16 Dez

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Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Kinostart: 17. Dezember 2015

Gastrezension von Kay Sokolowsky, der am Donnerstag, 17. Dezember, als Fachkraft für Science-Fiction im Allgemeinen und „Krieg der Sterne“ im Besonderen beim Radiosender NDR Info zu Gast sein wird – in der Call-in-Show „Redezeit“. Die Sendung beginnt um 21.05 Uhr.

SF-Abenteuer // „Star Wars“-Fans werden diesen Film vermutlich feiern, auf jeden Fall sehr zufrieden mit ihm sein. Leute, denen die Märchenwelt von George Lucas bislang egal war, könnten durch das Spektakel, das Jeffrey Jacob Abrams inszeniert hat, zu Addicts werden oder wenigstens eine Ahnung bekommen, warum alle Welt solch ein Bohei um „Das Erwachen der Macht“ aufführt. Den Charme und die makellose Dramaturgie des besten aller „Krieg der Sterne“-Filme, „Das Imperium schlägt zurück“, vermag Abrams nicht zu erreichen. Aber er bemüht sich gut bis hervorragend und mit intimer Kenntnis darum, Lucas‘ Fantasy-Saga fortzuschreiben. Abrams‘ Verehrung schlägt zum Glück nie ins Sklavische um. Vielmehr setzt er hie und da ironische Spitzen gegen Klischees der sechs früheren Filme, wie sie sich nur einer ausdenken kann, der die Sache liebt, die er neckt.

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They’re home: Chewbacca und Han Solo

Wer zum Beispiel in der ersten Begegnung der würdig ergrauten Helden Han und Leia bloß Anspielungen auf die „alte“ Trilogie sieht und hört, wer nicht mitkriegt, dass simultan das reife Alter der ersten Fan-Generation verhandelt wird und natürlich die Biografien der Darsteller Carrie Fisher und Harrison Ford durchschimmern –: Dem muss „Two and a Half Man“ wie eine Doku-Soap aus einem typischen New Yorker Männerhaushalt vorkommen.

Nicht zuletzt dank der klugen Balance von Spannung und Lachen, Pathos und Augenzwinkern, Nostalgie und Bilderstürmerei sind peinliche Szenen in „The Force Awakens“ rar und vielleicht niemandem außer mir peinlich. So leichtfüßig wie Abrams‘ Film sollten wohl auch die Prequel-Folgen werden; doch dafür nahm George Lucas betrüblicherweise seine Trivial-Mythologie um die Macht, die Jedi und all den Hokuspokus zu ernst. J. J. Abrams hantiert maßvoller, distanzierter mit dem mystischen Kram als dessen Erfinder. Und das kommt besonders den neuen Helden im „Star Wars“-Personal zugute.

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Fast wie neu: C-3PO und R2-D2

32 Jahre sind vergangen, seit „Die Rückkehr der Jedi-Ritter“ zum ersten Mal in die Kinos kam. Etwa genauso viel Zeit liegt zwischen den Ereignissen in „Episode VI“ und der Geschichte, die J. J. Abrams in „Das Erwachen der Macht“ erzählt. Der Regisseur und sein Drehbuch-Chefautor Lawrence Kasdan spielen so gekonnt mit dieser Spiegelung realer Zeit in der fiktiven des „Star Wars“-Universums, dass es den Kritiker juckt, ein paar besonders gelungene Beispiele zu beschreiben. Doch gerade sie würden zu viel enthüllen, und dies soll ja eine spoilerfreie Besprechung werden.

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Gruß aus alten Zeiten: imperiales Altmetall

Immerhin das hier ist längst bekannt: Obwohl das Imperium in Trümmern liegt (die man im Film überall herumliegen und verrotten sieht), hat sich eine neue Diktatur erhoben: Sie nennt sich „First Order“ und gehorcht einem mysteriösen „Supreme Leader“. Anders als das gefallene Imperium und seine lebensfeindliche Technokratie ist die neue Organisation aus Prinzip mörderisch und offen faschistisch: In einer etwas zu platten Travestie lässt Abrams die Truppen der „First Order“ antreten wie weiland Hitler seine Deutschen zum Reichsparteitag in Nürnberg.

Man darf diese Verwandlung einer bösen Diktatur in eine bösere durchaus als Reflektion auf die gewandelten Verhältnisse in der echten Welt und die Renaissance des Nazismus verstehen. Ich kann dies hier nicht weiter erläutern, ohne zu viel auszuplaudern. Aber überprüfen Sie selbst einmal, welche Analogien die „First Order“ zum „Dritten Reich“ hat. Und möglicherweise lässt sich der SA-mäßige „First Order“-Aufmarsch auch als eine leise Kritik an der berüchtigten Schlussszene von „Episode IV“ verstehen, dieser widerlichen Reminiszenz an „Triumph des Willens“. (Ach, folgendes ist schon bekannt, deshalb erwähne ich es gern: Die „Rebellion“ heißt jetzt „Résistance“.)

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Hätte Leni Riefenstahl gefallen: Parade der „First Order“-Soldaten

Um so etwas mitzukriegen, müssen Sie kurz weggucken von der fantastischen Ausstattung, den großartigen 3D-Illusionen und dem aparten, leider nur selten, doch dann umwerfend lächelnden Gesicht Daisy Ridleys. Und gerade das fällt schwer. Denn die von Ridley verkörperte Schrottsammlerin Rey gibt eine Heldin ab, wie Padmé in den Prequel-Episoden es nie sein durfte: tough, emanzipiert und schlagkräftig. Ohnehin hat sich Abrams‘ „Star Wars“-Galaxis ordentlich emanzipiert: Sogar in den Truppen der „New Order“ gibt es weibliche Offiziere. Dass Prinzessin Leia (Carrie Fisher) zur Generalin befördert wurde, wissen Sie vermutlich schon. Für wessen Armee, bleibt hier geheim.

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Der Weg zum Heldentum ist beschwerlich: Rey mit Finn

Selbstverständlich ist nicht alles Gold am neuen „Sternenkrieg“. Abrams‘ abgegriffene „Lost“-Tricksereien mit Wackelkamera und Blitz-Zoom nerven allmählich, und sie passen auch nicht so recht zu den monumentalen Szenerien. Eventuell wollte Abrams eine Duftmarke setzen; sie riecht ein bisschen aufdringlich. Auch die Filmmusik überzeugt nicht immer. Die gewaltig vibrierenden Soundeffekte sind nur zum Teil schuld, dass der Score des „Star Wars“-Hofkomponisten John Williams sich weniger vernehmbar macht als in allen anderen Episoden. Nur wenn er die berühmten Leitmotive der frühen Jahre zitiert, horcht man auf. Die Uninspiriertheit kann an Williams‘ Gesundheitszustand gelegen haben. Ich vermute einen anderen Grund.

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Reliquienverehrung mit Laserschwert

J. J. Abrams versucht nämlich in „Das Erwachen der Macht“, die ziemlich alt gewordenen, dann die vor zehn Jahren mit dem Prequel aufgewachsenen und schließlich die ganz jungen „Star Wars“-Verehrer zufriedenzustellen. Das ist, wie man weiß, eine Kunst, die keiner kann. Zwar beweisen Regisseur und Crew beträchtlichen Einfallsreichtum, um die vielen Variationen archetypischer „Star Wars“-Elemente – Dogfights, Laserschwert-Duelle, Technobombast, drollige Roboter, exotische Planeten mit entsprechenden Bewohnern – so innovativ wie möglich zu gestalten. Für Szenen dieser Art musste Williams bereits so oft dramatische Töne erfinden, dass eine gewisse Routine kaum ausbleiben kann. Übrigens scheinen mir die Anspielungen auf die Prequels etwas weniger herzwarm auszufallen als die Verweise auf die alten Filme. Oder bilde ich mir das vor lauter Nostalgie nur ein? Beim zweiten oder dritten Gucken werd‘ ich es genauer wissen.

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So sieht man sich wieder: „Millennium Falcon“ mit TIE-Fightern

Dies ist, mit 200 Millionen Dollar Produktionskosten, der teuerste und, trotz einigen Mängeln, der beste Fan-Film, der je gedreht wurde. In gewisser Weise war J. J. Abrams‘ exzellenter „Super 8“ (2011) eine Fingerübung für „The Force Awakens“. Der Regisseur bekam von Disney den herrlichsten Hobbykeller der Welt geschenkt, und er war da unten vergnügt und selig am Werk. Der Relaunch des „Star Wars“-Franchises ist mit sichtlich größerer Empathie angegangen worden als der von „Star Trek“, wo Abrams das Pimping geradezu heiliger Figuren etwas übertrieb.

Ich will nichts verraten, aber folgendes dürfen Sie heute schon wissen: Die Überraschungen im neuen „Star Wars“-Film sind nicht ganz so gewagt wie die Spekulationen im Vorfeld. Und die drei Erzählstränge, die Abrams und Kasdan in „Episode VII“ anlegen, werden gewiss zu endlosen Debatten unter uns Nerds führen. Angesichts der mindestens zwei Jahre, die bis zur Premiere der nächsten Nummer verstreichen werden, ist der finale Cliffhanger übrigens eine Zumutung. Ich hätte nicht übel Lust, ihn zu spoilern, nur damit Sie einen Eindruck bekommen, wie ich mich, mehrere Stunden nach der Pressevorführung, immer noch fühle: gepestet!

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Natural born party crashers: Sturmtruppler mit Chef

Nun … Das ist, genau besehen, keine Kritik. Sondern das hübscheste Kompliment, das einem für Abrams‘ Spielfilm einfallen kann. Und hier mein zweitschönstes: Seit „A New Hope“ gab es keine grandiosere Eröffnungsszene in einem „Krieg der Sterne“-Film; nie zuvor warf die Dunkle Seite der Macht einen ähnlich imposanten Schatten.

Kryptisch? Das will ich hoffen!

Der Krieg der Sterne bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Episode I – Die dunkle Bedrohung (The Phantom Menace, 1999)
Episode II – Angriff der Klonkrieger (Attack of the Clones, 2002)
Episode III – Die Rache der Sith (Revenge of the Sith, 2005)
Episode IV – Eine neue Hoffnung (A New Hope, 1977)
Episode V – Das Imperium schlägt zurück (The Empire Strikes Back, 1980)
Episode VI – Die Rückkehr der Jedi-Ritter (Return of the Jedi, 1983)
Episode VII – Das Erwachen der Macht (The Force Awakens, 2015)
Rogue One – A Star Wars Story (Rogue One – A Star Wars Story, 2016)
Star Wars – Die letzten Jedi (Star Wars – The Last Jedi, 2017)

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Adam Driver, Harrison Ford und/oder Oscar Isaac sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 136 Min.
Altersfreigabe: FSK 12
Originaltitel: Star Wars: Episode VII – The Force Awakens
USA 2015
Regie: J. J. Abrams
Drehbuch: Lawrence Kasdan, J. J. Abrams, Michael Arndt
Besetzung: Daisy Ridley, John Boyega, Domhnall Gleeson, Oscar Isaac, Adam Driver, Harrison Ford, Mark Hamill, Carrie Fisher, Simon Pegg, Gwendoline Christie, Peter Mayhew, Andy Serkis, Kenny Baker, Anthony Daniels, Max von Sydow, Tim Rose, Jessica Henwick
Verleih: Walt Disney Studios Motion Picture Germany

Copyright 2015 by Kay Sokolowsky
Filmplakat & Fotos: © 2015 Walt Disney Studios Motion Picture Germany & TM Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

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7 Kommentare

Verfasst von - 2015/12/16 in Film, Kino, Rezensionen

 

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7 Antworten zu “Star Wars: Episode VII – Das Erwachen der Macht: Zu Gast in J. J. Abrams‘ Hobbykeller

  1. max

    2016/01/07 at 06:48

    fand ihn auch langweilig. so viel tra ra für so einen stinknormalen blockbuster ohne viel seele… ein konstrukt, von vorn bis hinten. als hätte die story ein computerprogramm geschrieben, das alles berücksichtigen soll… hollywood ist ohnehin zombie. ob disney oder eine andere firma. so viel cash, das führt zu mutlosigkeit und künstlerischem stillstand

     
  2. belmonte

    2015/12/31 at 12:04

    Star Wars VII hat mir ganz und gar nicht gefallen. Alles altes Zeug. Alles größer und doch viel kleiner (wieder ein neuer Todesstern, wie einfallsreich). Der Film ist nur ein Abklatsch des besseren ersten Star-Trek-Filmes von J. J. Abrams. Es fehlt der ganze epische Ton der sechs Vorgängerfilme. Mehr als gute Unterhaltung ist nicht rausgekommen. Symbolisch entspricht der Film dem Ausschlachten abgestürzter Sternzerstörer. Abrams hat das wohl gewusst, als er die Raumschiffwracks in der Wüste inszeniert hat.

     
  3. Kay Sokolowsky

    2015/12/29 at 00:08

    @ Fatherleft: Nichts gegen Ihre schlechte Meinung über den neuen Film. Ich habe da auch viel zu bemängeln. Aber wenn Sie wirklich glauben, „BB-8“ wäre ein besserer Schauspieler als die Menschen im Film … Na ja, dann haben Sie einen anderen Film gesehen als ich. Und vielleicht haben Sie auch einen ganz anderen Film erwartet? Aber das sollten Sie weder Disney noch J. J. Abrams vorwerfen. Sondern sich selbst. (Ich hab das in meiner Kritik angedeutet: „Allen wohl und jedem recht getan, ist eine Kunst, die …“ usw.) – Ich war gestern abend noch mal im Spektakel und bin weiterhin GEPISST, weil ich zwei Jahre auf Luke Skywalkers erste Worte zu warten habe. Und die Dogfights über dem Fjordplaneten sind schlicht der Hammer.

     
  4. Fatherleft

    2015/12/19 at 12:10

    Ich bezweifle, dass dass das Philosophie Magazin eine Star Wars-Sonderausgabe gemacht hätte, wenn die gesamte Serie auf diesem Niveau gewesen wäre.

    Nachdem ich J.J.Adrams für den großartigern Star Trek Relaunch und seinen „Super 8“ liebe, ist seine Star Wars Fortsetzung doch eher enttäuschend.

    Episode VII ist so wie Weihnachten feiern, nur um der Geschenke willen.

    Für wen Star Wars nur eine Ansammlung von Lichtschwertern, Blastern, Raumschiffen, Hyperraumflügen und ultimative Vernichtungswaffen ist, der wird aus dem Film vollkommen zufrieden raus kommen. Untehaltsames Blockbuster-Kino halt.

    Wer in Star Wars aber etwas mehr sieht, und wer damit George Lucas‘ Universum verbindet, der wird ziemlich enttäuscht sein, auch wenn ein paar der alten Recken jetzt wieder auftreten, hätte das ganze eigentlich auch ein recht beliebiges anderes Universum in einer weit entfernten Zukunft sein können.

    Dass der BB8-Robotor mehr emotionale Tiefe hat, als 90% der übrigen Schauspieler ist schon sehr bezeichnend.

    Disney hat halt die Kontrolle übernommen und ich habe glaube ich die alten Filme zu oft gesehen, um mich von ein paar explodierenden Tie-Fightern beeindrucken zu lassen (auch wenn deren Explodieren, aufgrund der verbessertes Tricktechnik hübscher aussieht).

    Ich vermute ich war noch nie so wenig neugierig auf eine Fortsetzung wie bei Episode VIII.

     
  5. Kay Sokolowsky

    2015/12/19 at 00:43

    Du alter Charmeur! – Hier ist jedenfalls der Link zum „Redezeit“-Podcast:
    http://www.ndr.de/info/podcast4124.html

    Und hier ein Link zu einem „Abfall“-Posting mit einigen privaten Anmerkungen zu meinem Radioauftriff:
    http://www.kaysokolowsky.de/die-zukunft-war-gestern-im-radio/

     
  6. Kay Sokolowsky

    2015/12/17 at 00:30

    Eine Korrektur zum Vorspann: Die „Redezeit“ mit Kay Sokolowsky ist nicht am 16. (Mittwoch), sondern HEUTE, am 17. Dezember. Der große Rolf Giesen mischt auch mit – könnte sich für Hardcore-SF-Fans lohnen …! Um eifriges Weiterempfehlen in allen sozialen und amtlich zertifizierten asozialen Netzwerken wird gebeten. – Hier geht’s zu einem Info-LinK:
    https://www.ndr.de/info/sendungen/redezeit/Faszination-Star-Wars,sendung444252.html

    Außerdem ein Refeed unter Bloggern: Sokolowsky wirbt für sich selbst als Gastautor und damit für die reitende „Nacht“ in seinem „Abfall aus der Warenwelt“:
    http://www.kaysokolowsky.de/mit-macht-in-der-nacht/

    Möge die Nacht mit euch sein!

    Mace Soku

     
    • V. Beautifulmountain

      2015/12/17 at 06:23

      Mace Soku? So lustlos wie Samuel L. Jackson den Mace Windu verkörpert hat, hast du aber nicht geschrieben.

      Danke für die Korrektur des Radiotermins und Sorry für den Fehler, den ich sogleich ausgemerzt habe. Das gibt immerhin Gelegenheit, in den Facebook-Gruppen, in denen ich die Rezension geteilt habe, per Kommentar darauf hinzuweisen.

      Darth Schöni

       

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