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Paul Temple – Wer ist Rex? All die vielen Detektive …

28 Dez

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Calling Paul Temple

Von Ansgar Skulme

Krimi // Dieses Bild kennen wir: Ein Schaffner findet in einem Zug beim Kontrollieren der Fahrscheine eine Leiche. Noch dazu die Leiche einer Frau! Wie schrecklich, wie feige … und die Frage, wer der Täter ist, wird binnen Sekunden beantwortet – ein Blick auf die Wand des Abteils verrät den Namen: Rex! Doch wer ist dieser Rex und warum hat er der schönen Frau für immer das Lächeln genommen? Hier kommt Paul Temple (John Bentley) ins Spiel – frisch vermählt mit seiner großen Liebe Steve (Dinah Sheridan). Kriminalautor, Hobby-Detektiv, ein großer Denker. Gemeinsam mit seiner Gattin und Scotland Yard jagt Temple den Mörder und gerät dabei an eine ganze Reihe von Verdächtigen.

Der verlorene Detektiv

Paul Temple war eine in Großbritannien durchaus populäre Figur des britischen Autors Francis Durbridge. Obwohl Durbridge in den 60er-Jahren auch als Vorlagengeber für diverse deutsche TV-Krimis – darunter „Das Halstuch“ – diente, wurde allerdings niemals ein deutscher Film über Paul Temple realisiert. Überhaupt beschränkt sich Temples Präsenz vor der Kamera auf lediglich vier Spielfilme, die von 1946 bis 1952 erschienen sind, sowie eine Fernsehserie, die von 1969 bis 1971 erstmals ausgestrahlt wurde. Für diese von der BBC produzierte TV-Serie fungierte das ZDF beim Großteil der Folgen als Ko-Produzent. Es war die erste Serie überhaupt, die die BBC als internationale Ko-Produktion realisierte. Stand heute gilt diese Serie zumindest in der Originalfassung zum überwiegenden Teil als verschollen. Mit der Veröffentlichung der vier Paul-Temple-Spielfilme hat Pidax Film also vorerst alles ausgeschöpft, was man Komplettisten in Bezug auf Paul Temple in Film und Fernsehen formschön aufbereiten kann.

Hervorragende Ausstattung

Alle vier DVDs sind mit jeweils einem Audiokommentar von Dr. Georg Pagitz ausgestattet, der zudem maßgeblich an allen vier Booklets mitwirkte. Wer sämtliche DVDs besitzt, wird somit umfassend mit Textmaterial rund um Paul Temple sowie einem mehrteiligen, alle DVDs umfassenden Interview mit Francis Durbridges Sohn Nicholas unter dem Titel „Ein Mann namens Francis Durbridge“ versorgt. Ergänzend dazu gibt es weiteres dokumentarisches Material und Trailer. Der Bezeichnung „Collector’s Edition“ machen diese Veröffentlichungen also wirklich alle Ehre.

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Calling Paul Temple: Anruf genügt!

Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass die extra für die DVDs erstellten Neusynchronisationen der Filme als absolut gelungen bewertet werden können. Heutzutage geraten leider immer wieder sehr billig produzierte Neusynchronisationen alter Filme auf den DVD-Markt, aber die Paul-Temple-Filme sind hiervon ausdrücklich auszunehmen und können sich mit TV-Synchronisationen der 70er- und 80er-Jahre anderer klassischer Krimireihen der 30er und 40er absolut messen. Die Hintergrunddoku zur Synchronisation ist zwar auf drei der vier Temple-DVDs identisch enthalten, dies mindert allerdings nicht den Informationsgehalt: Die Dokumentation macht glaubhaft, dass die Macher der deutschen Fassung mit Spaß und Liebe zum Detail bei der Sache waren. Unter anderem wurde besonderer Wert auf dem Alter des Films entsprechende Klangqualität und Wortwahl gelegt. Als einziger der vier Filme liegt Teil 3, „Jagd auf Z‘“ (1950), in einer originalen deutschen Kinosynchronisation vor – die anderen Filme wurden neu synchronisiert. Zudem gibt es natürlich den Originalton, der bei Pidax nicht immer eine Selbstverständlichkeit war, aber insbesondere bei solch einer Sammler-Edition einfach nicht fehlen darf.

In guter Tradition, aber …

„Wer ist Rex?“ knüpft von allen vier Filmen wahrscheinlich am gekonntesten an die US-Vorbilder der vorausgegangenen Jahre an. Schon bei der einführenden Szene im Zug fühlt man sich an den Sherlock-Holmes-Film „Juwelenraub“ (1946) mit Basil Rathbone erinnert; als es Temple bei seinen Ermittlungen ins Showbusiness verschlägt, werden Erinnerungen an Produktionen wie „Charlie Chan am Broadway“ (1937) wach: Musik, Gesang, Tanz, schicke Kostüme und viele charismatische Charaktere kommen zusammen. Später ermittelt Temple in einem Hotel: Hinter jeder Tür könnte der Mörder wohnen und das Personal ist auch verdächtig – mit solchen Fällen bekam es über die Jahre doch so mancher Detektiv zu tun.

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Temple in Aktion: Nichts ist so wie es scheint

Auch ästhetisch ist Maclean Rogers eine Handschrift gelungen, mit der man sich als Fan von zeitgenössischen US-Detektivfilmen durchaus heimisch fühlt. Leider schöpft der Film das Potenzial der diversen verdächtigen Charaktere nicht aus, sondern verliert sich vor allem im Mittelteil manchmal zu sehr in ehelichem Geplänkel zwischen Temple und seiner Frau. Daran mögen die Vorlage oder das Drehbuch schuld sein. Mit 89 Minuten ist der Film für einen Detektiv-Stoff der 40er relativ lang, er hätte aber auch locker 10 bis 15 Minuten gekürzt werden können.

Was für ein Durcheinander

Maclean Rogers war nicht das einzige neue Gesicht bei diesem zweiten Film der Temple-Reihe. Auch vor der Kamera tat sich so einiges: Bis auf Jack Raine in der Rolle des Scotland-Yard-Chefs Sir Graham ist hier kein Schauspieler aus dem ersten Teil erneut vertreten. Sowohl Paul als auch Steve Temple sowie deren Diener Rikki wurden umbesetzt. Im nachfolgenden dritten Film wechselte dann wiederum der Darsteller des Sir Graham, dafür aber blieben nun gerade die anderen drei Rollen gleich besetzt. Im letzten Teil schließlich bekam Sir Graham noch ein drittes Gesicht, ebenso Temples Gattin, während der Diener Rikki nun von seinem filmischen Bruder Sakki vertreten wurde. Unter dem Strich sehen wir in vier Filmen also zwei verschiedene Paul Temples sowie drei verschiedene Steve Temples, drei verschiedene Sir Grahams und drei verschiedene Diener der Familie Temple. Ein Gefühl einer Reihe will daher nur schwerlich aufkommen, jedoch stellen die Filme 2 bis 4 durch die Regie von Rogers und John Bentley als Hauptdarsteller immerhin zwei wichtige Konstanten her.

Für den Einstieg gut geeignet

Wer überlegt, ob er sich wirklich alle vier Paul-Temple-Filme zulegen möchte, dem kann dieser Film als Einstieg empfohlen werden, da er als erster Fall von John Bentley in der Rolle des Detektivs und als erster der drei Filme von Maclean Rogers im Grunde den Auftakt zur eigentlichen Reihe bildet. Teil 1 „Der grüne Finger“ (1946), in dem Temple einen Fall löst und währenddessen erst seine zukünftige Ehefrau und Ermittlungspartnerin Steve kennenlernt, ist eher eine Art Prequel, weshalb die abweichenden Darsteller in den zentralen Rollen auch einigermaßen zu verschmerzen sind. Der vierte Film „Paul Temple und der Fall Marquis (1952) ist demgegenüber recht enttäuschend und zu Recht rund 20 Minuten kürzer als „Wer ist Rex?“ – lohnt allerdings wegen Christopher Lee in einer relativ großen Nebenrolle. Etwas ausführlicher – wenn auch weniger ausführlich als dieser Text – rezensiere ich die drei übrigen Filme in den Ausgaben 12 und 13 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“. Heft 12 mit meinem Text zu „Der grüne Finger“ kann bereits bestellt werden.

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Ein Ehepaar als Ermittler-Duo: Ob das wohl gut geht?

Warum nach „Paul Temple und der Fall Marquis“ bis heute kein weiterer Kinofilm mit dem Detektiv erschienen ist, kann wohl nur mit Spekulationen beantwortet werden. Den Hauptdarsteller John Bentley jedenfalls verschlug es nach Afrika, wo er ab 1954 in mehreren vor Ort in Kenia gedrehten britischen Produktionen als Hauptdarsteller zu sehen war, darunter sogar einer TV-Serie namens „African Patrol“ (1958/59) – in gewisser Hinsicht leistete er dort Pionierarbeit. Bentley war der wahrscheinlich erste Filmstar, der sich in Afrika ansiedelte, um dort für britische Filmfirmen als Hauptdarsteller zu arbeiten. In Großbritannien oder den USA findet sich kein seinerzeit vergleichbarer Fall. Berühmt jedoch machte ihn Paul Temple, denn „Wer ist Rex?“ war erst sein zweiter Kinofilm überhaupt. Ein Jahr zuvor gab er sein Debüt in „The Hills of Donegal“, Hauptrolle dort: Dinah Sheridan, die als Steve Temple in „Wer ist Rex?“ und „Jagd auf ‚Z‘“ schließlich seine Frau werden sollte.

Weitere verschollene Spürhunde

Der in den Paul-Temple-DVDs steckende Aufwand zeigt, dass auch für den deutschen Markt, und sei es mit Hilfe neuer Synchronisationen, durchaus Überraschendes an Schätzen des klassischen Detektivfilms gehoben werden kann. So warten nach wie vor die zahlreichen Bulldog-Drummond-Filme (1929–1952) auf eine Veröffentlichung – von diesen gibt es teils sogar deutsche Fassungen –, ebenso lohnen die in den USA bereits ansprechend erschienenen Filme um Perry Mason (1934–1937) sowie um Philo Vance (1929–1947) und die Mr.-Wong-Reihe mit Boris Karloff und Keye Luke (1938–1940), ferner zwei Nero-Wolfe-Filme aus den 30er-Jahren und diverse gute Sherlock-Holmes-Filme, die seit Einführung des Tonfilms bereits vor der berühmten und bereits von Koch Media auf DVD veröffentlichten Reihe mit Basil Rathbone entstanden sind, darunter etwa mehrere mit Arthur Wontner als Holmes. Wichtig ist zu bemerken, dass im Detektivfilm durchaus nicht immer Detektive, sondern beispielsweise auch Anwälte Fälle lösen. Die Ästhetiken eines Perry-Mason-Films und eines Paul-Temple- oder Charlie-Chan-Films sind jedoch sehr ähnlich und sollten daher unter einem gemeinsamen Oberbegriff gesammelt werden. Wir dürfen also gespannt bleiben, was Pidax Film oder andere da noch entdecken möchten, denn der Optionen gibt es viele!

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Dr. Kohima gibt Paul Temple Rätsel auf

Veröffentlichung: 04. Dezember 2015 als DVD

Länge: 89 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Calling Paul Temple
GB 1948
Regie: Maclean Rogers
Drehbuch: Kathleen Butler & A.R. Rawlinson, nach einer Geschichte von Francis Durbridge
Besetzung: John Bentley, Dinah Sheridan, Margaretta Scott, Abraham Sofaer, Celia Lipton, Jack Raine, Ian McLean
Zusatzmaterial: ausführliches Booklet (inkl. bisher unveröffentlichter Kurzgeschichte, Nachdruck der Illustrierten Film-Bühne und Text von Dr. Georg Pagitz), Begrüßung & Einführung mit Nicholas Durbridge, Audiokommentar mit Dr. Georg Pagitz, „Ein Mann namens Francis Durbridge“ (Interview – Teil 4), „Hinter den Kulissen: Die Paul-Temple-Synchronisation (Kurzdoku), „Durbridge – Ich trage einen großen Namen“ (TV-Beitrag), Trailer zu den Paul-Temple-Filmen
Vertrieb: Al!ve AG

Copyright 2015 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2015 Al!ve AG / Pidax Film

 

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