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Freaks – Wer sind die wahren Monster?

18 Jan

Freaks-Cover

Freaks

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Mit „Dracula“ und Bela Lugosi in der Titelrolle hatte die Karriere von Regisseur Tod Browning 1931 einen Höhepunkt erreicht – so konnte es an sich weitergehen. Doch dann kam „Freaks“. Heute zwar als Meisterwerk des frühen Horrorkinos kanonisiert, war diese Ansammlung missgebildeter und kleinwüchsiger Gestalten für die Filmwelt der frühen 30er-Jahre offenbar zu viel des Guten. Verstörte Zuschauer und Verbote machten dem Werk und Brownings Karriere den Garaus.

Die Schöne ist das Biest

Die Haupthandlung wird von einer Klammer umrahmt, in der zu Beginn ein Jahrmarktschreier seine Attraktion anpreist – eine missgebildete Kreatur, die einstmals eine gefeierte Trapezartistin gewesen sei. Noch bekommt der Zuschauer sie nicht zu sehen. Stattdessen führt ein Schnitt in die Haupthandlung und zu besagter Trapezartistin – der Jahrmarktschreier erzählt von ihrem Schicksal: Cleopatra (Olga Baclanova) ist eine schöne, wohlgeformte Blondine, eine der Attraktionen des Zirkus, in dem sich auch zahlreiche missgebildete Menschen tummeln – die Freaks, die der Zurschaustellung dienen. Da ist die bärtige Frau (Jane Barnell), da ist der Mensch, der linksseitig Frau und rechtsseitig Mann ist, da ist der Mann ohne Unterleib.

Wir bekommen andere Missbildungen zu sehen, etwa die Frau ohne Arme (Frances Belle O’Connor), die siamesischen Zwillinge (Daisy und Violet Hilton) – und das kleinwüchsige Liebespaar Hans (Harry Earles) und Frieda (Daisy Earles). Obwohl die beiden einander sehr lieb haben, hat Hans doch große Augen für Cleopatra. Ihren Spott ignoriert er. Wie zum Hohn geht die Trapezkünstlerin auf seine Avancen ein, doch Hans nimmt das für bare Münze, obwohl Cleopatras Techtelmechtel mit dem Kraftkünstler Hercules (Henry Victor) ihm an sich nicht entgehen dürfte. Frieda hingegen nimmt die Bosheit der Nebenbuhlerin sehr wohl wahr, doch sie ist außerstande, etwas dagegen zu unternehmen. Dann begeht die Unglückliche den Fehler, Cleopatra darüber zu informieren, dass Hans ein reicher Mann ist.

Die Freaks – sie leben und sie lieben

Nicht nur, aber besonders in der Szene, in der das Wochenbett der bärtigen Frau von den Freaks umringt ist und sich alle über die Geburt ihrer Tochter freuen, wird deutlich: All diese Freaks, als Monstrositäten in der Sideshow begafft, sind Menschen mit Gefühlen und viel Liebe im Herzen. Das wirklich Monströse, es verbirgt sich hinter der Fassade der Schönheit.

Die humanistische Botschaft von „Freaks“ kann wohl niemand anzweifeln. Wohl aber ist Kritik an der Umsetzung denkbar, denn letztlich hat Tod Browning seine missgebildeten Schauspieler auch als Effekt genutzt, und das ausgiebig, denn der Horror ist vorhanden, besonders zum Finale im Regen. Es fällt nicht leicht, sich dem zu nähern. Will man die Inszenierung als effekthascherisch brandmarken und damit „Freaks“ letztlich abwerten? Oder bestreitet man das und begreift den Einsatz missgebildeter Darsteller nicht als Selbstzweck, sondern als legitimes Mittel zum Zweck? Der Grat ist schmal. Ich neige dazu, die zutiefst humanistische Aussage des Films über die eine oder andere etwas überzogene Szene zu stellen. Der Erfolg des Horrors in diesen Szenen ist für mich eher positiv zu werten. Dass die „Freaks“ am Ende recht grausam Rache üben, darf dabei natürlich nicht unerwähnt bleiben.

Kontroverse um „Freaks“

Man kann es also so oder so sehen, daher bin ich so frei, zwei ganz unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen zu lassen. Da ist zum einen Jörg Mathieu, Chefredakteur von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“, für den „Freaks“ ein Meisterwerk darstellt. Dass Tod Browning missgebildete Menschen als Darsteller einsetzte, erläutert Jörg wie folgt: Für mich ist Browning einer der größten Humanisten der Stummfilmzeit. Ich stelle ihn sogar fast auf eine Stufe mit Murnau. Das liegt nicht allein an „Freaks“. Der Deckmantel des Horrorfilms war sicherlich nicht sein vordergründiges Ansinnen. Wenn man bei Filmen wie „The Unknown“ (1927), „The Unholy Three“ (1925) und „Outside the Law“ (1920) in die Tiefe geht, zeigt sich das eigentliche Genie Brownings in der Darstellung menschlicher Abgründe. Er hat dafür immer wieder auf „Behinderte“ zurückgegriffen, nicht nur in „Freaks“. Wie anders hätte er das Leben der „Freaks“ darstellen sollen, als durch echte „Freaks“, die damals in jeder Sideshow zu sehen waren. Er war der erste und damals einzige, der den Mut aufbrachte, diese Außenseiter der Gesellschaft aus dem Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft auf die große Leinwand zu holen. Und dies nicht zum Selbstzweck oder um sie vorzuführen, sondern um zu zeigen, dass sie die gleichen menschlichen Züge und Probleme haben wie alle anderen auch. Er mischt sogar die „Normalen“ mit den „Freaks“ so gekonnt, dass man sich oft selbst dabei ertappt, wie man anfängt zu zweifeln. Wer sind hier eigentlich die wahren Freaks? „We accept you, one of us!“ Eine umgedrehte Inklusion also. Einfach genial dargestellt.

Warnung: In diesem Absatz Spoiler

Jörg weiter: Hans verliebt sich in die schöne Cleopatra (der Name ist bewusst gewählt, da sie für die Verführung und das Verderben aller Männer steht). Sie plant die Vergiftung von Hans und führt sie aus, benutzt dazu auch ihren Kumpan Hercules. Die wahren Monster sind hier also auf menschlicher Ebene die vermeintlich Gesunden. Die „Freaks“ nehmen die „Normalen“ erst dann in ihre Gesellschaft auf, wenn diese selbst durch Entstellung zu „Freaks“ werden. Ich kenne bis heute keinen Film, der das in dieser Form dargestellt hat.

Für mich ein sehr bewegendes und eindringliches Meisterwerk. Wie anders hätte Browning das mit „gesunden“ Schauspielern darstellen sollen? Ja, er hat sie direkt aus den Sideshows vor die Kamera gezogen, alle waren echt und keine Schauspieler. Umso realistischer ist jedoch die Wirkung. Also nicht zu vergleichen mit einer Leni Riefenstahl oder anderen Nazi-Regisseuren, die ihre Komparsen in den KZs suchten, nach dem Motto „Ich will aber echte Zigeuner!“

Kritische Töne zum Einsatz Missgebildeter

Soweit Jörg Mathieu. Ansgar Skulme, sein Stellvertreter in der Chefredaktion der „35 Millimeter“, sieht das etwas anders: „Freaks“ ist an sich absolut überzeugend und auch gruselig. Zudem ist es natürlich so, dass er mit der Zurschaustellung der Behinderten ein reales Vorgehen aufgegriffen hat, denn solche Zirkusse und Jahrmärkte gab es ja wirklich – mehr als genug. Was mich an dem Film stört, ist, dass er seine Effekte auf Kosten der Behinderten erzielt. Ich halte den Film für brachiale Effekthascherei. Gekonnt gemacht, aber moralisch ausgesprochen fragwürdig. Wären gut gemachte Filme automatisch gute Filme, wäre auch „Jud Süß“ von Veit Harlan ein guter Film.

Warnung: In diesem Absatz Spoiler

Ansgar weiter: Ich werde dieses Bild nicht los, wie die Behinderten gegen Ende des Films durch den Schlamm krabbeln und einer der Pinheads ein Messer in der Hand hat. Das ist dermaßen lächerlich und zurechtinszeniert – es soll einfach so böse wie möglich aussehen. Einen Pinhead eine solche Rambo-Pose einnehmen zu lassen, ist absolut abwegig – der käme von selbst nie auf die Idee. Aber es soll halt böse und gefährlich wirken. Gerade in dieser Szene verliert der Film absolut seinen Respekt vor den Behinderten und stellt sie eigentlich nur noch creepy und blutdürstig dar. Mit plakativen Bildern, die ihresgleichen suchen.

Das also meint Ansgar Skulme. Folgt Ihr Jörg oder Ansgar? Wer recht hat, lässt sich meiner Ansicht nach nicht beantworten. Ich bewerte die von Ansgar kritisierten Szenen nicht ganz so kritisch wie er, kann seine Haltung aber nachvollziehen. So oder so ist „Freaks“ filmhistorisch ein wichtiges Werk, für mich sogar mehr Drama, das Horrorelemente einsetzt, und das sehr gekonnt. Pflichtprogramm für am klassischen Film Interessierte, ohne jeden Zweifel. Schade nur, dass die ursprüngliche 90-Minuten-Fassung nicht mehr erhalten ist, sondern lediglich die um ein Drittel kürzere.

Lektüretipp

Wer sich für die Frühzeit des Horrorfilms interessiert, kommt an „Freaks“ nicht vorbei. All jenen lege ich auch Ausgabe #12 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ mit dem Titelschwerpunkt Horror ans Herz. Unter anderem findet sich darin ein von mir verfasster Beitrag über die Produzentenlegende Val Lewton, der ich mich bei „Die Nacht der lebenden Texte“ zusätzlich mit einigen Rezensionen widme, darunter jüngst „The Leopard Man“ (1943) sowie vor längerer Zeit bereits „Ich folgte einem Zombie“ (1943) und „Katzenmenschen“ (1942). Das Heft kann hier bestellt werden.

Veröffentlichung: 29. Oktober 2004 als DVD

Länge: 60 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch, Türkisch, Griechisch
Originaltitel: Freaks
USA 1932
Regie: Tod Browning
Drehbuch: Clarence Aaron „Tod“ Robbins
Besetzung: Wallace Ford, Leila Hyams, Olga Baclanova, Roscoe Ates, Henry Victor, Harry Earles, Daisy Earles, Josephine Joseph, Schlitze, Johnny Eck, Frances O’Connor
Zusatzmaterial: Commentary by David J. Skal, „Freaks: Sideshow Cinema“ (63 Min.), Special Message Prologue (2:34), 3 alternate endings (5:57)
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Eine Antwort zu “Freaks – Wer sind die wahren Monster?

  1. Kay Sokolowsky

    2016/01/20 at 18:07

    Lieber Volker, vielen Dank für Deine Rezension und den Einblick in die Debatte über „Freaks“!
    Diesen Film mit „Jud Süß“ zu vergleichen, halte ich, vornehm gesagt, für eine Dummheit. Brownings Film verliert, das stimmt, im Finale sämtliche Sensibilität und Menschlichkeit.
    Ich frage mich allerdings, ob Browning hier nicht entfesselt, was uns Nicht-Verkrüppelten durch die Birne rauscht, wenn wir Menschen mit Handicaps sehen – ein Grauen, daß uns nicht zuletzt die makellose Hollywood-Ästhetik aufgeprägt hat. Oder, kürzer: Der Horror der letzten Filmminuten würde nicht funktionieren, wäre er nicht in uns angelegt, in unseren Klischees und Vorurteilen. Wir erschauern vor den Freaks und, Adorno hätte seine Freude dran, indem wir vor uns selbst erschauern.
    Und das macht „Freaks“ – den ich mit acht (!) Jahren erstmals sah (die Eltern waren außer Haus) und nie vergessen habe – zu einem der ganz großen Klassiker des Genres; Vergleiche mit Murnau oder James Whale sind hier in jedem Fall berechtigt. (Und beim nächsten Mal reden wir vielleicht mal über das grundsätzlich Exploitative, ethisch Dubiose der Kunstgattung Horror. OHNE „Jud Süß“-Vergleiche aber, wenn ich bitten darf!)

     

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