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Bedlam – Finstere Zustände in der geschlossenen Einrichtung

26 Jan

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Bedlam

Von Volker Schönenberger

Horrordrama // Das bis ins Jahr 1247 zurückzuverfolgende Bethlem Royal Hospital in London ist unter der Kurzform „Bedlam“ zum Synonym für menschenunwürdige Unterbringung psychisch Kranker geworden. Ab dem 14. Jahrhundert als Verwahranstalt für Geisteskranke genutzt, kam es erst ab 1815 nach und nach zu Reformen, die die Zustände in Einrichtungen wie dem „Bedlam“ in Großbritannien langsam verbesserten. Als South London and Maudsley NHS Foundation Trust existiert die Institution noch heute.

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A Rake’s Progress (William Hogarth): Druck der achten Platte des Kupferstichs

Boris Karloff als hartherziger Anstaltsleiter

Mark Robsons „Bedlam“ ist im London des Jahrs 1761 angesiedelt und verfolgt die Bemühungen der jungen Nell Bowen (Anna Lee), die Zustände im St. Mary’s of Bethlehem Asylum zu verbessern, wo Anstaltsleiter George Sims (Boris Karloff) mit harter Hand und ohne Mitgefühl herrscht. Eine Intrige von Sims bringt Nell vor einen Ausschuss, der ihr prompt Geisteskrankheit bescheinigt – die junge Frau wird selbst Insassin von „Bedlam“.

Humanitäre Botschaft

Der über weite Strecken recht dialoglastige Film entfaltet seinen Horror erst von dem Moment an, wenn Nell Bowen als Geisteskranke in die Institution eingewiesen wird und somit in die Fänge ihres Widersachers Sims gerät. Nells Ausweglosigkeit lässt frösteln, dennoch verliert sie nie die Hoffnung und bewahrt sich ihren Humanismus. Nach heutigen Maßstäben ist das ohnehin milder Horror, zumal Regisseur Mark Robson darauf verzichtet hat, die Insassen von „Bedlam“ exploitativ zur Schau zu stellen. Das kommt der humanitären Botschaft des Films zugute, der eher als Drama und bedingt als milder Grusler anzusehen ist.

Inspiriert von William Hogarth

„Bedlam” ist laut Vorspann inspiriert von der achten Platte von William Hogarths Gemälde- und Kupferstichserie „A Rake’s Progress“ („Werdegang eines Wüstlings“), die Aufstieg und Fall eines reichen Erben thematisiert, der am Ende in „Bedlam“ landet. Der für seine Sozialkritik bekannte englische Maler (1697–1764) schuf „A Rake’s Progress“ in den Jahren 1733 bis 1735.

Letzte Zusammenarbeit von Mark Robson mit Boris Karloff und Val Lewton

Nach „Der Leichendieb“ („The Body Snatcher“) und „Isle of the Dead“ (beide 1945) markiert „Bedlam“ den dritten und letzten Film, den Boris Karloff unter Produzent Val Lewton gedreht hat. Es ist obendrein die fünfte und letzte Zusammenarbeit von Regisseur Mark Robson mit Lewton nach „The Seventh Victim“, „The Ghost Ship“ (beide 1943), „Youth Runs Wild“ (1944) und „Isle of the Dead“ (1945). Robson wurde später für seine Regiearbeiten „Glut unter der Asche“ (1957) mit Lana Turner und Arthur Kennedy sowie „Die Herberge zur sechsten Glückseligkeit“ (1958) mit Ingrid Bergman und Curd Jürgens Oscar-nominiert. Sein bekanntestes Werk ist der stargespickte Katastrophen-Actionfilm „Erdbeben“ (1974). Der 1913 in Kanada geborene Robson starb 1978.

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A Rake’s Progress (William Hogarth): das achte Gemälde

The Val Lewton Horror Collection

Da die Kollaboration zwischen Mark Robson und Val Lewton hierzulande sträflich vernachlässigt worden ist, erlaube ich mir, auf die 5-DVD-Box „The Val Lewton Horror Collection“ hinzuweisen, die 2005 in den USA erschienen ist. Sie enthält neun Filme aus der überschaubaren Produzenten-Filmografie Lewtons, darunter vier Regiearbeiten Robsons – es fehlt „Youth Runs Wild“, der ja kein Horrorfilm ist. Leider ist die Box vergriffen und im Gebrauchthandel mittlerweile recht teuer. Auch nach den Einzel-DVDs mit jeweils zwei Filmen kann man Ausschau halten. Sie enthalten allerdings keine deutsche Tonspur und sind nur in Playern abspielbar, die den nordamerikanischen Regionalcode akzeptieren.

Produzent Val Lewton

Über Val Lewton habe ich auch in gedruckter Form geschrieben: In Ausgabe #12 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ mit dem Titelschwerpunkt Horror findet sich ein von mir verfasster Beitrag über die Produzentenlegende. Das Heft kann hier bestellt werden.

Boris Karloff bei „Die Nacht der lebenden Texte“:

Das alte finstere Haus (1932)
Isle of the Dead (1945)
Der Leichendieb (1945)
Bedlam (1946)
Die, Monster, Die! Das Grauen auf Schloss Witley (1965)

Veröffentlichung (USA): 4. Oktober 2005 als Bestandteil der 5-DVD-Box „The Val Lewton Collection“ mit neun Spielfilmen und einer Doku

Länge: 79 Min.
Altersfreigabe: ungeprüft
Sprachfassungen: Englisch
Untertitel: Englisch, Spanisch, Französisch
Originaltitel: Bedlam
USA 1946
Regie: Mark Robson
Drehbuch: Val Lewton (unter Synonym Carlos Keith), Mark Robson
Besetzung: Boris Karloff, Anna Lee, Billy House, Leyland Hodgson, Ian Wolfe, Richard Fraser, Glen Vernon, Jason Robards Sr., Joan Newton, Elizabeth Russell
Zusatzmaterial: Audiokommentar von Filmhistoriker Tom Weaver
Vertrieb: Turner Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Abbildungen „A Rake’s Progress“: gemeinfrei, entnommen bei Wikipedia

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