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Der Hexentöter von Blackmoor – Christopher Lee als Frauenfeind

29 Jan

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Il trono di fuoco

Von Volker Schönenberger

Historien-Horror // Nicht wenige Jess-Franco-Fans behaupten, man benötige die Sichtung von zehn oder mehr Filmen, bis sich einem das Genie des spanischen Vielfilmers erschließe. Mittlerweile habe ich einige seiner Werke hinter mir, aber so recht kommt der Gute nicht an mich heran. „Jack the Ripper – Der Dirnenmörder von London“ mit Klaus Kinski in der Titelrolle ging ja noch, beutet aber sein historisches Thema doch nur auf billige Weise aus. Weitere Sexploitationfilme wie „Frauen für Zellenblock 9“, „Das Frauenhaus“ und auch „Downtown – Die nackten Puppen der Unterwelt“ mit seinen Film-noir-Elementen haben zwar in einzelnen Sequenzen durchaus Stil, sind aber letztlich doch krude und unbeholfen. Das kann man ja mögen, keine Frage. Allerdings ist es bislang noch keinem Jess-Franco-Verteidiger gelungen, mir zu erklären, worin die besondere Qualität dessen Œuvres besteht. Auch sein Zombiefilm „Oase der Zombies“ geht nur als Totalausfall ins Ziel.

Immerhin mit Maria Schell und Christopher Lee

Dennoch wage ich einen weiteren Versuch: „Der Hexentöter von Blackmoor“ hat sogar zwei richtig große Namen in der Besetzung: Da ist zum einen keine Geringere als Maria Schell, die als blinde Wahrsagerin Mutter Rosa zu sehen ist. Zum anderen haben wir in der Titelrolle Christopher Lee, 1970 schon lange ein gefragter Mann (lange vor Saruman und Count Dooku, liebe junge Filmfans). Er spielt im England des Jahrs 1685 den obersten Richter Lord George Jeffreys – den hat es tatsächlich gegeben, seine Geschichte hat Jess Franco allerdings denkbar frei adaptiert.

Richter Gnadenlos

Lord Jeffreys kennt auf dem Gerichtsstuhl keine Gnade. Er überantwortet junge Frauen seinen Folterknechten und bald darauf als Hexen den Flammen – vor allem, wenn sie seine sexuellen Avancen zurückgewiesen haben. Gnadenlos verfolgt er Rebellen, um nach dem Tod König Karls II. die Herrschaft des neuen Regenten König Jakob II. zu sichern. Nachdem die junge Mary Gray (Maria Rohm) die Hinrichtung ihrer Schwester Alicia mit ansehen musste, schließt sie sich dem jungen Adligen Harry Sefton (Hans Hass) an, einem erbitterten Gegner des Richters.

Immerhin merkt man „Der Hexentöter von Blackmoor“ an, dass Franco diesmal etwas mehr Budget zur Verfügung stand als gewöhnlich. Der Film ist nett ausgestattet, die Kostüme wirken jedenfalls nicht stümperhaft zusammengeschneidert. Die Story ist natürlich keine Geschichtsstunde, sondern dient lediglich als Aufhänger für einige Folterszenen, auch sexuelle Gewalt kommt nicht zu kurz, nach heutigen Maßstäben ist das aber vergleichsweise harmlos.

Hinter dem Rücken von Christopher Lee

Wie Christopher Lee später erklärte, war ihm offenbar nicht recht bewusst, auf was er sich da eingelassen hatte. Dass Regisseur Franco ohne Lees Wissen Folter- und Nacktszenen einfügte, sei ihm erst später berichtet worden – er selbst habe den fertigen Film nie gesehen. Auch wenn das Franco-Fans nicht hören oder lesen mögen: Viel verpasst hat Christopher Lee nicht. Man kann heute mit einem Achselzucken zur Kenntnis nehmen, dass sich 1970 manche Leute über den Film aufgeregt haben.

Zur Sichtung lag mir eine ungekürzte DVD von XT Video Entertainment vor, in großer Hartbox, limitiert auf 333 Exemplare. Die Bildqualität ist überraschend gut, nur selten sind Unschärfen wahrzunehmen. Etliche Szenen, die niemals ins Deutsche synchronisiert worden sind, sind im englischen Original mit deutschen Untertiteln eingefügt worden.

Noch mehr Jess Franco?

Auch „Der Hexentöter von Blackmoor“ hat mich nicht zum Franco-Jünger mutieren lassen. Einige seiner Filme passen nicht schlecht zum Portfolio von „Die Nacht der lebenden Texte“, deshalb will ich gar nicht ausschließen, dass ich weitere hier rezensiere. Aber welche sollten das sein? Vielleicht „Nachts, wenn Dracula erwacht“? Immerhin mit Christopher Lee, Klaus Kinski und Herbert Lom. Mal schauen, jedenfalls nicht in allernächster Zeit.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Jess Franco sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, die mit Christopher Lee in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 17. Mai 2006 als DVD (verschiedene Hartbox-Fassungen, teils auf 333 Exemplare limitiert)

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 18
Sprachfassungen: Deutsch
Untertitel: keine (nicht synchronisierte Szenen deutsch untertitelt)
Originaltitel: Il trono di fuoco
Internationale Titel: The Bloody Judge / Night of the Blood Monster / Throne of the Blood Monster / Trial of the Witches / Witch Killer of Broadmoor / Witches’ Trial
LIE/IT/SP/BRD 1970
Regie: Jesús Franco (als J. Frank Manera)
Drehbuch: Enrico Colombo, Jesús Franco, Michael Haller, Harry Alan Towers (Story, als Peter Welbeck), Anthony Scott Veitch
Besetzung: Christopher Lee, Maria Schell, Leo Genn, Maria Rohm, Margaret Lee, Hans Hass, Pietro Martellanza (als Peter Martell), Howard Vernon, Milo Quesada
Zusatzmaterial: Trailer, TV-Spot, Artworkgalerie, Bildergalerie
Vertrieb: XT Video Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

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Eine Antwort zu “Der Hexentöter von Blackmoor – Christopher Lee als Frauenfeind

  1. Oliver

    2016/01/30 at 07:34

    Die besondere Qualität von Jess Franco besteht darin, dass keiner solche Filme gedreht hat wie er.

    Dass er schon Jahrzehnte vor dem Marvel Cinematic Universe Filme gedreht hat, die miteinander kommunizieren, auch ohne hirnrissige Storybögen, nervige Easter Eggs und überkandidelte FX.

    Darin, dass er Genrefilme gemacht hat, die daraus bestehen, dass Leute Treppen hochsteigen, durch Flure gehen oder Smalltalk halten.

    Darin, dass bei ihm das vollkommen Beknackte gleichberechtigt neben dem atemberaubend Schönen steht.

    Darin, dass man nie weiß, was man von ihm bekommt.

    Darin, dass er sich nie von der „Machbarkeit“ hat abschrecken lassen.

    Darin, dass er auf Sachen kam, die kein anderer Filmemacher jemals auch nur so gedacht hätte: Etwa Kannibalen-Fressszenen in Zeitlupe zu drehen und mit Hall zu unterlegen. Oder einen botanischen Garten einen Urwald spielen zu lassen.

    Was man nicht von ihm erwarten sollte: „Spannende“ Genrefilme und „funktionierende“ Dramaturgien. Das hat ihn absolut gar nicht interessiert. Und man muss natürlich wissen, dass er bei im Schnitt vier Filmen pro Jahr manchen krass unterfinanzierten Quatsch gedreht hat. Wenn man sich davon freimachen kann, klappt’s irgendwann. Freimachen muss man sich auch von konventionellen Vorstellungen der Wohlgefoormtheit. Franco war Jazzer, der hat gefilmt, um Regeln umzuschmeißen. Versuch es mal mit seinem Edgar-Wallace-Film DER TODESRÄCHER VON SOHO: Der ist sehr gut, wenn man verstehen will, wie Franco Genreformeln für totale Avantgarde benutzt hat. Oder mit dem fantastischen DIE JUNGFRAU UND DIE PEITSCHE, der einen Eindruck davon vermittelt, wozu Franco als Filmemacher tatsächlich in der Lage war. Oder mit dem großartigen Frühwerk THE DIABOLICAL DR. Z. ODer oder oder.

    Ich habe ca. 30 Filme von ihm gesehen. Ich fand manchen toll und manchen beknackt, missen möchte ich keinen.

     

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