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Taxi Teheran – Im Iran brodelt es

29 Jan

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Taxi

Von Andreas Eckenfels

Tragikomödie // Es war der rührendste Moment auf der letztjährigen Berlinale: Hana Saeidi nimmt den Goldenen Bären für ihren Onkel Jafar Panahi entgegen. Festivalchef Dieter Kosslick überreicht dem Mädchen den Preis, Jurychef Darren Aronofsky und Moderatorin Anke Engelke gratulieren, dann streckt Hana die Trophäe in die Höhe. Stehende Ovationen im Berlinale-Palast. Am Rednerpult kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie bringt nur einen Satz heraus: „Ich bin nicht in der Lage etwas zu sagen, ich bin so ergriffen.“

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Regisseur Jafar Panahi fährt mit einem Taxi Passanten durch Teherans Straßen

Wem der Name Jafar Panahi nichts sagen sollte: Der iranische Filmemacher gewann unter anderem für „Der weiße Ballon“ (1995) die Goldene Kamera von Cannes und mit „Offside“ (2006) den Silbernen Bären der Berlinale. 2010 wurde Panahi wegen „Propaganda gegen das System“ zu sechs Jahren Haft verurteilt, obendrein bekam er ein 20-jähriges-Berufs- und Reiseverbot aufgebrummt. Doch wie schon zuvor mit „Dies ist kein Film“ (2011) und „Pardé – Closed Curtains“ (2013) lässt sich der Regisseur nicht unterkriegen. Panahi schmuggelte auch den heimlich gedrehten „Taxi Teheran“ über die Grenze und beweist damit erneut, dass kein Verbot seine Lust am filmischen Erzählen aufhalten kann – auch wenn er damit ein großes Risiko eingeht.

Todesstrafe, Glaube, Hollywood

In einem Taxi hat Jafar Panahi drei von außen nicht sichtbare Digitalkameras installiert. Mit dem Wagen fährt Panahi durch Teheran. Seine zunächst unwissenden Fahrgäste stören sich meist mehr über seine mangelnden Straßenkenntnisse als daran, dass sie aufgenommen werden. Eine Volksschullehrerin streitet mit einem jungen Mann über die Todesstrafe.

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Zwei Frauen wollen mit einem Goldfisch ein abergläubisches Ritual vollziehen

Ein kleinwüchsiger Mitfahrer erkennt den bekannten Regisseur sofort – Panahi hat angeblich schon mal schwarzgebrannte Hollywood-Filme bei ihm gekauft. Der Passagier will zu einem Kunden, der keine Lust auf die neue „Walking Dead“-Staffel hat und sich stattdessen einige Klassiker-Empfehlungen von Panahi abholt. Zwei Frauen mit einem Goldfischglas in der Hand wollen schnell an ihr Ziel, um rechtzeitig ein abergläubisches Ritual vollziehen zu können. Ein Unfallopfer muss schwer blutend in ein Krankenhaus gebracht werden, seine Frau ist an seiner Seite. Mit einer der Kameras lässt der Mann vorsorglich sein Testament aufzeichnen.

Schauspieler oder nicht?

Im Mikrokosmos des Taxis kommen Panahis unterschiedliche Fahrgäste ins Erzählen und Diskutieren. Es entspinnen sich alltägliche Geschichten, man erfährt viel vom gesellschaftlichen Leben im Iran. Die meisten Situationen enden mit einer Pointe oder einer ironischen Spitze. Doch ob es sich bei den Mitfahrern um Schauspieler handelt, die nach einem halbwegs festen Drehbuch agieren, oder um gewöhnliche Menschen, die zufällig in Panahis Film gelandet sind, bleibt offen. Um die Darsteller zu schützen, hat Panahi auf einen Abspann verzichtet.

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Die Rechtsanwältin Nasrin Sotudeh musste wegen ihres Einsatzes für die Menschenrechte im Iran ebenfalls schon eine Haftstrafe verbüßen

Nur zwei Fahrgäste geben sich offen zu erkennen: Es handelt sich um die Menschenrechtsaktivistin Nasrin Sotoudeh und eben um Panahis Nichte Hana. Das Mädchen bringt mit ihrem vorlauten Mundwerk ihren Onkel ordentlich ins Schwitzen – auch ein Grund dafür, dass Hana bei der Preisverleihung so gefeiert wurde. Sie soll einen Film über das wirkliche Leben für die Schule drehen – doch die Regeln ihrer Lehrerin sind ihr einfach zu hoch: Die Protagonisten dürfen nur islamische Kleidung tragen, Berührungen zwischen Mann und Frau sind verboten, zudem sind Gewaltdarstellungen und „Schwarzmalerei“ in der Geschichte untersagt. Wie soll man unter solchen Voraussetzungen nur einen Film drehen?

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Hana zwischen ihrem Onkel Jafar Panahi und Nasrin Sotudeh

Durch Hana reflektiert Panahi clever über seine eigene Situation und damit auch über die Zensur und den Umgang mit Kunstschaffenden in seinem Heimatland. Für uns wirken die von der Lehrerin auferlegten Regeln lächerlich, für ihn ist das traurige Realität. Man merkt, wenn man „Taxi Teheran“ sieht: Nach außen ist Panahi entspannt, doch innerlich brodelt es in ihm.

Schön, dass der Blu-ray als auch der DVD-Special-Edition dieses wichtigen und mutigen Films als Bonus Panahis „Dies ist kein Film“ beiliegt.

Veröffentlichung: 29. Januar 2016 als Blu-ray, 2-DVD Special Edition, DVD und VoD

Länge: 82 Min. (Blu-ray), 79 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Farsi
Untertitel: Deutsch
Originaltitel: Taxi
IR 2015
Regie: Jafar Panahi
Drehbuch: Jafar Panahi
Besetzung: Jafar Panahi, Hana Saeidi, Nasrin Sotoudeh
Zusatzmaterial: Entstehung des Artworks, Trailer, Trailershow, Wendecover, nur Blu-ray und 2-DVD Special Edition: Bonusfilm „Dies ist kein Film“ (IR 2011)
Vertrieb: Universum Film

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Fotos, Packshot & Trailer: © 2016 Universum Film / Weltkino

 

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