RSS

Don Siegel (III): Telefon – Terrorwelle im Kalten Krieg

30 Jan

Telefon-Plakat

Telefon

Von Volker Schönenberger

The woods are lovely, dark and deep,
But I have promises to keep,
And miles to go before I sleep,
And miles to go before I sleep.

(Robert Frost, letzte Strophe seines Gedichts „Stopping by Woods on a Snowy Evening

Actionthriller // Wir schreiben die 70er-Jahre. In der Sowjetunion tobt eine tödliche Säuberungswelle gegen Stalinisten, die der beginnenden Entspannungspolitik im Wege stehen. Nur knapp entkommt ihr der Nachrichtenoffizier Nicolai Dalchimsky (Donald Pleasence). Er flieht heimlich in die USA und beginnt mit der Ausführung eines mörderischen Plans: Dalchimsky sucht sogenannte Schläfer auf – Menschen, die verstreut in den Vereinigten Staaten leben, ohne zu ahnen, dass man sie mittels einiger Gedichtzeilen zwingen kann, zur Sabotage Terroranschläge auszuführen. Die Sowjetunion hatte die Schläfer in der Hochzeit des Kalten Kriegs für den Fall eines Kriegs mittels eines unter Hynose eingepflanzten Befehls produziert.

Kfz-Mechaniker verübt Terroranschlag

Ein Kfz-Mechaniker wird der erste Täter und gleichzeitig das erste Opfer: Er dringt mit seinem Auto in eine Militärbasis ein und sprengt ein Gebäude und sich selbst in die Luft. Ein Helikopterpilot versucht eine ähnliche Tat, wird aber abgeschossen. Der KGB schickt Major Grigori Borzov (Charles Bronson) in die USA, um Dalchimskys tödliches Tun zu stoppen. Als Kontaktfrau und Begleiterin wird ihm die Doppelagentin Barbara (Lee Remick) an die Seite gestellt. Derweil untersucht beim CIA die Analystin Dorothy Putterman (Tyne Daly) die Vorfälle.

Glaubwürdigkeit ist zweitrangig

Schön, diese cineastischen Thriller-Zeitreisen in den Kalten Krieg. Die Welt ist seitdem nicht einfacher geworden. Die Möglichkeiten von Hypnose und Gehirnwäsche sind bekannt. Ob „Telefon“ ein realistisches Szenario zeichnet, kann dahingestellt bleiben. Das sah Vincent Canby, der Rezensent der New York Times, 1977 allerdings anders: Der Sabotageplan sei so unglaubwürdig, dass die Akteure, wenn sie ihn den Zuschauern im Verlauf des Films erklären, regelrecht beschämt wirken würden.

Starke Frauen

Auch sonst ließ der New-York-Times-Schreiber kaum ein gutes Haar an „Telefon“. Das war für seine Leser bedauerlich, denn Action-Spezialist Don Siegel zieht alle Register und lässt mit Charles Bronson und Lee Remick ein Duo den Film tragen, das seine Chemie aus einer kühlen Spannung zieht. Dabei überrascht gerade die Rolle von Lee Remick als auf Augenhöhe agierende Frau in einem Thriller des „Männerfilmers“ Don Siegel. Auch die Figur der aus „Cagney & Lacey“ bekannten Tyne Daly ist weit mehr als Staffage.

Es menschelt bei Don Siegel

Trotz der Kalter-Krieg-Thematik ist „Telefon“ kein Politthriller. Das Geschehen spielt sich auf der menschlichen Ebene ab: Vermeintliche Normalbürger sprengen sich auf unerbittliche Weise gezwungenermaßen selbst aus ihrem Leben oder schlucken nach Ausführung ihres Sabotageakts eine Giftpille. Das ungleiche Duo Borzov und Barbara kommt sich im Verlauf näher, auch wenn die Agentin den klaren Auftrag hat, den KGB-Mann nach Ende seiner Mission zu eliminieren.

Des Waldes Dunkel

Als Auslöser der tödlichen Sabotageakte der Schläfer dient Dalchimsky die letzte Strophe eines Gedichts von Robert Frost (siehe oben), die er den Unglücklichen am Telefon vorträgt. In der deutschen Synchronfassung lauten die Gedichtzeilen:

Des Waldes Dunkel zieht mich an,
doch muss zu meinem Wort ich stehn
und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann,
und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann.

Meine erste Sichtung von „Telefon“ muss irgendwann in den 80er-Jahren gewesen sein. Sehr bedauerlich, dass der Film bei uns nie auf DVD erschienen ist. Man muss auf eine niederländische oder eine italienische DVD zurückgreifen. Höchste Zeit, dass sich das hier ändert – „Telefon“ ist als knackiger Actionthriller die Sichtung wert und in der Filmografie von Don Siegel zwar nicht ganz vorn, aber auch nicht allzu weit von dessen Glanztaten entfernt.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Don Siegel sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, solche mit Charles Bronson in der Rubrik Schauspieler.

Länge: 102 Min. (Kino)
Altersfreigabe: FSK ungeprüft
Originaltitel: Telefon
USA 1977
Regie: Don Siegel
Drehbuch: Peter Hyams, Stirling Silliphant, nach einem Roman von Walter Wager
Besetzung: Charles Bronson, Lee Remick, Donald Pleasence, Tyne Daly, Patrick Magee, Sheree North, Jacqueline Scott, Roy Jenson, Michael Byrne

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Advertisements
 
 

Schlagwörter: , , , , , , , , ,

Eine Antwort zu “Don Siegel (III): Telefon – Terrorwelle im Kalten Krieg

  1. Marc

    2016/01/30 at 10:09

    Don Siegel hats halt einfach drauf 😉

     

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: