RSS

Duell – Enemy at the Gates: Der Held von Stalingrad

09 Feb

Duell_Enemy_at_the_Gates-Cover

Enemy at the Gates

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Der russische Scharfschütze Vassili Zaitsev (1915–1991) erschoss Ende 1942 während der Schlacht von Stalingrad angeblich 225 deutsche Soldaten, darunter etliche Offiziere. Dafür feierte ihn die sowjetische Propaganda. Zaitsev erhielt etliche Orden und wurde zum „Helden der Sowjetunion“ ernannt.

Duell_Enemy_at_the_Gates-2

Duell: Vassili bekommt es …

Jean-Jacques Annauds („Der Name der Rose“) freie Verfilmung von Zaitsevs Erlebnissen in Stalingrad hat große Qualitäten als packende Kriegs-Action, ist aber schon bei ihrer Premiere als Eröffnungsfilm der Berlinale 2001 wegen zu viel Heldenpathos scharf kritisiert worden und bis heute bei uns nicht auf Blu-ray erschienen. Das verwundert etwas, hat doch der in Deutschland gedrehte Film einige deutsche Schauspieler in der Besetzung, darunter Eva Mattes und Matthias Habich.

Im Fahrwasser von „Der Soldat James Ryan“

Drei Jahre nach Steven Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ entstanden, der dem Kriegsfilmgenre einen Aufwind brachte, orientiert sich der Film bei der Eingangssequenz eindeutig an der von Spielbergs Invasionsdrama: Wenn Vassili (Jude Law) mit vielen anderen jungen Rekruten die Wolga überquert, um in den Kampf um Stalingrad einzugreifen, und ihre Boote von deutschen Sturzkampfbombern angegriffen werden, ist der Blutzoll enorm, viele Soldaten werden von deutschen Kugeln durchsiebt, andere, die in Panik in die Wolga springen, von Politkommissaren der Roten Armee erschossen. Das ist nicht ganz so intensiv wie Spielbergs erste halbe Stunde am Strand der Normandie, kommt aber nah heran.

Als Vassili kurz darauf im von Trümmern übersäten Niemandsland zwischen den Linien liegenbleibt, trifft er den Politkommissar Danilov (Joseph Fiennes), der einige Feinde erschießen will, sein Gewehr aber nicht ruhig platzieren kann. Vassili, der nach dem Überqueren der Wolga keine Waffe abbekommen hatte, übernimmt Danilovs Gewehr und erschießt auf einen Schlag fünf Feinde.

Duell_Enemy_at_the_Gates-1

… mit dem Scharfschützen Major König zu tun

Später überredet Danilov den Generalleutnant Nikita Chruschtschow (Bob Hoskins), Vassilis Tat propagandistisch auszuschlachten und den Scharfschützen zum Helden hochzustilisieren. Das gelingt, und in der Folge tötet Vassili mehr und mehr deutsche Offiziere. Bald jedoch gerät er selbst ins Fadenkreuz: Der hochdekorierte deutsche Major König (Ed Harris) wird nach Stalingrad entsandt, um den sowjetischen Helden zu töten. Es beginnt ein Duell auf Augenhöhe mit offenem Ausgang. Die beiden Scharfschützen belauern einander, warten auf einen tödlichen Fehler ihres Gegenübers.

Vergleiche mit Clint Eastwoods „American Sniper“

Das historisch nicht verbürgte Aufeinandertreffen Zaitsevs mit seinem Widersacher erzeugt phasenweise Armlehnenkraller-Spannung wie selten im Kriegsfilm. Dafür ist „Duell – Enemy at the Gates“ kritisiert worden – es reduziere eine der grausamsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs auf ein Duell zweier Scharfschützen, verkläre obendrein einen davon zum Helden. Diese Kritik ist nicht von der Hand zu weisen, dennoch ist der Film weit höher einzuschätzen als Clint Eastwoods „American Sniper“, der aufgrund seiner Scharfschützenthematik und des ebenfalls realen Hintergrunds vergleichbar ist, aber seine Figur weitaus propagandistischer ausschlachtet als das bei Annaud der Fall ist.

Die Psychologie des Scharfschützen

Dafür fehlt bei Annaud ein psychologisches Moment: Was macht das Dasein als Scharfschütze mit dem Menschen Vassili? Immerhin bekommt er bei jedem Schuss unmittelbar die Wirkung mit: den Tod eines Menschen per Kopfschuss. Und das x-fach. Wühlt ihn das auf? Spielt sich in Vassilis Innern ein Konflikt ab? Legt er sich einen psychologischen Schutzmantel zu? Oder Schutzbehauptungen – etwa, dass die Deutschen alle Monster seien? Rechtfertigt er sein Tun als Verteidigung gegen einen Aggressor (was ja der Wahrheit entspricht)? Nichts dergleichen ist zu bemerken, nicht zu Beginn, nicht später, auch kein mit der Gewohnheit daherkommendes Abstumpfen. Jude Law spielt Vassili als Soldaten, der seinem tödlichen Handwerk unbeirrt nachgeht. Die Schrecken des Krieges in den Trümmern von Stalingrad lassen ihn zwar nicht kalt, aber seinen eigenen Anteil daran hinterfragt er zu keinem Zeitpunkt.

„Duell – Enemy at the Gates“ ist Spannungskino und Heldenkino, für eine Antikriegs-Botschaft demnach nicht zu gebrauchen. Auch die Kritik russischer Stalingrad-Veteranen ist ernst zu nehmen, nach der ihre Kriegswirklichkeit unsauber dargestellt worden sei. Überflüssig wirkt zudem Vassilis Liebesgeschichte mit der Soldatin Tania (Rachel Weisz).

Jude Law und Ed Harris überzeugen

Beim Schreiben unmittelbar nach meiner zweiten Sichtung des Films merke ich, wie mir immer mehr Kritikpunkte in den Sinn kommen. Das wundert mich etwas, weil er mir an sich auch beim zweiten Mal sehr gut gefallen hat. Vielleicht nur an der Oberfläche? An der Schauspielkunst der beiden Hauptdarsteller Jude Law und Ed Harris ist jedenfalls nichts auszusetzen – mit der Einschränkung bei Jude Law, was dessen fehlenden inneren Konflikt angeht (siehe oben).

Duell_Enemy_at_the_Gates-3

Für Vassilis Gefühle für Tania bleibt kaum Zeit

Die für beide Seiten entsetzlichen Ereignisse von Stalingrad hat „Duell – Enemy at the Gates“ jedenfalls nicht adäquat aufgearbeitet. Es wird wohl Zeit, mal wieder Joseph Vilsmaiers „Stalingrad“ von 1993 und Frank Wisbars „Hunde, wollt Ihr ewig leben“ von 1959 zu schauen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Ed Harris und/oder Jude Law sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 4. Februar 2010 als DVD

Länge: 126 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine Angabe
Originaltitel: Enemy at the Gates
USA/F/D/GB/IRL 2001
Regie: Jean-Jacques Annaud
Drehbuch: Jean-Jacques Annaud, Alain Godard
Besetzung: Jude Law, Ed Harris, Joseph Fiennes, Rachel Weisz, Bob Hoskins, Ron Perlman, Eva Mattes, Matthias Habich, Sophie Rois, Clemens Schick, Robert Stadlober
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Constantin Film

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2010 Constantin Film

Advertisements
 

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: