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Frisco Express – Werbefilm im Western-Gewand

15 Feb

Frisco-Express-Cover

Wells Fargo

Von Volker Schönenberger

Western // Ein Western als Werbefilm für ein Transportunternehmen (heute Finanzdienstleister) – das macht „Frisco Express“ zu einem Kuriosum des Genres. Im Original ist der Film ebenso dreist wie ehrlich gleich mit „Wells Fargo“ betitelt. Um Wells Fargo geht es auch permanent und unverblümt schon gleich zu Beginn, wenn der stürmische Ramsay MacKay (Joel McCrea) ganz offen den Angriff seines Arbeitgebers auf das staatliche Postmonopol verkündet und den Marshal recht rüde zur Seite schubst, um mit seiner Kutsche nach Buffalo aufzubrechen.

Weshalb dreht ein großes Hollywood-Studio einen PR-Film?

Im Booklet der DVD der Edition Western Legenden (deutsche Erstveröffentlichung) analysiert Hank Schraudolph das Dasein von „Frisco Express“ als Wells-Fargo-Vehikel noch ausführlicher, deshalb will ich es mit dem Hinweis darauf bewenden lassen. Offen bleibt allerdings, was Paramount Pictures bewogen haben mag, in den 1930er-Jahren einen solchen PR-Film zu drehen.

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Die Kutsche ist da!

Unterhaltsam ist der von Frank Lloyd („Meuterei auf der Bounty“, 1935) inszenierte Schwarz-Weiß-Western allemal. Der Regisseur hatte zuvor für „Die ungekrönte Königin“ („The Divine Lady“, 1929) und „Kavalkade“ („Cavalcade“, 1933) zwei Regie-Oscars gewonnen. „Frisco Express“ beginnt mit oben erwähnter Szene in den 1840er-Jahren und entfaltet seine Handlung in episodisch angelegten Sequenzen über mehrere Jahrzehnte. Früh verliebt sich Ramsay in die aparte Justine (Frances Dee), aber weil ihre Eltern gegen die Beziehung sind, werden sie erst als Eheleute vereint, nachdem Ramsay in San Francisco die Wells-Fargo-Niederlassung übernommen hat. Doch der Bürgerkrieg entzweit das Paar.

Reichlich Stoff für anderthalb Stunden

Ein Ehedrama ist also auch dabei, der Bürgerkrieg wird Thema, auch der Goldrausch in Kalifornien, die Siedlertrecks in den Westen inklusive Indianerkriege sowie der Pony-Express – einige Inhalte, die „Frisco Express“ da bearbeitet. Sie bleiben allesamt jedoch an der Oberfläche und ohne anzuecken, wie es sich für einen PR-Film gehört. Die gut anderthalb Stunden ließen ohnehin keine Zeit, bei all den Themen in die Tiefe zu gehen.

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Erfolgreicher Geschäftsmann: Ramsay McKay (3. v. l.) mit Ehefrau Justine

Das lässt bei „Frisco Express“ den Fokus vermissen (mit Ausnahme des Fokus auf ein gewisses Unternehmen), zumal die von Joel McCrea und Frances Dee verkörperten Hauptfiguren eher als Vehikel zum Sprung von Episode zu Episode dienen und etwas mehr Schärfe verdient hätten. Speziell ihr Ehedrama trägt tatsächlich sehr dramatische Züge, da Ramsay gegen Ende des Films annehmen muss, von seiner Frau an die Südstaaten verraten worden zu sein. Doch dieser Abschnitt inklusive Auflösung und Happy End gerät arg kurz.

Joel McCrea und Frances Dee – 57 Jahre verheiratet

McCrea und Dee („Ich folgte einem Zombie“, 1943) hatten einander 1933 während der Dreharbeiten zu „The Silver Chord“ kennen- und liebengelernt und im selben Jahr geheiratet. Bis zu McCreas Tod mit 84 Jahren 1990 blieben sie ein Ehepaar – wohl eine der langlebigsten Ehen im Show-Geschäft. Dee überlebte ihren Mann um nicht ganz 14 Jahre; sie starb 2004 im Alter von 94 Jahren.

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Ein Angriff der Südstaatler steht bevor

Aus Chronistenpflicht sei die Oscar-Nominierung für den Ton erwähnt, die sich für mich anhand der Originalfassung allerdings nicht bewerten lässt. Im Booklet hat sich dabei ein kleiner Fehler eingeschlichen, dort findet sich die Information, der Film habe den Oscar für den Ton sogar gewonnen. „Frisco Express“ geht nicht als Glanzstück in den Filmografien der beiden Eheleute durch, ist aber als turbulente Western-Unterhaltung gut anzuschauen. Ein etwas sonderbarer Film.

Die „Edition Western Legenden“ haben wir in unserer Rubrik Filmreihen aufgeführt. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Joel McCrea sind in der Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Veröffentlichung: 10. September 2015 als DVD

Länge: 93 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch
Untertitel: keine
Originaltitel: Wells Fargo
USA 1937
Regie: Frank Lloyd
Drehbuch: Paul Schofield, Gerald Geraghty, Frederick J. Jackson, nach einer Story von Stuart N. Lake
Besetzung: Joel McCrea, Bob Burns, Frances Dee, Lloyd Nolan, Henry O’Neill, Ralph Morgan, Mary Nash, Johnny Mack Brown, Robert Cummings, Harry Davenport
Zusatzmaterial: deutsche Kinofassung (91 Min.), Bildergalerie mit seltenem Werbematerial, achtseitiges Booklet mit einem Essay von Hank Schraudolph
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Volker Schönenberger
Szenenfotos & Packshot: © 2015 Koch Films

 

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