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El Clan – Verbrechen ist Familiensache: Die Kidnapper von nebenan

02 Mrz

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El Clan

Kinostart: 3. März 2016

Von Volker Schönenberger

Krimidrama // Er hilft seinen Kindern bei den Schulaufgaben, massiert seiner verspannten Frau den Nacken – Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) ist ein fürsorglicher Vater und Ehemann. Die in einem Vorort von Buenos Aires lebenden Puccios gelten als ehrbare Familie. Doch der Schein trügt: Arquímedes organisiert Entführungen, um Lösegeld zu erpressen, spannt dazu rücksichtslos seine Angehörigen ein. Die Militärdiktatur im Argentinien der frühen 80er-Jahre wankt zwar, doch noch kann sich Arquímedes der Unterstützer in Regierungskreisen sicher sein, die seine Taten decken und Ermittlungen behindern.

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Beim Abendgebet: Familie Puccio …

Seinen erwachsenen Sohn verwendet Arquímedes sogar als Köder. Alejandro (Peter Lanzani) ist ein populärer Rugbyspieler. Als er seinen Mannschaftskameraden Ricardo (Francisco Donovan) im Auto mitnimmt, rast das Familienoberhaupt der Puccios mit zwei Spießgesellen heran, bremst den Wagen aus und zwingt Ricardo in den Kofferraum. Alejandro bekommt zum Schein wie Ricardo einen Sack über den Kopf gezogen. Als das Entführungsopfer bald darauf hingerichtet aufgefunden wird, regen sich bei Alejandro Skrupel. Doch auch als er sich in die junge Mónica (Stefanía Koessl) verliebt, gelingt es ihm nicht, sich von den Machenschaften seines Vaters fernzuhalten.

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… genießt in der Gesellschaft hohes Ansehen

Manche Geschichten kann man sich schwer ausdenken, dann müssen sie wohl wahr sein. Dass aus dem Keller der Puccios die Verzweiflungsschreie der Entführungsopfer durchs Haus schallen, während die Familie friedlich am Esstisch sitzt, lässt frösteln. Der Fall Puccio hat seinerzeit in Argentinien offenbar große Aufmerksamkeit und Entsetzen ausgelöst – mir war er vor Sichtung des Films unbekannt. „El Clan“ war laut Presseheft zum Film in seinem Heimatland ein Riesenerfolg und hat dort mit 2,6 Millionen argentinischen Kinozuschauern sämtliche Rekorde gesprengt.

Einer der spektakulärsten Kriminalfälle Argentiniens

Ebenfalls im Presseheft berichtet Regisseur Pablo Trapero („Löwenkäfig“, „Carancho“), dass die argentinischen Zeitungen seinerzeit voll davon waren, als er 13 oder 14 Jahre alt war. „Das ganze Land sprach darüber. Es ist eine Geschichte, die sich damals in die Psyche einbrannte, weil sie so unglaublich war und weil ein populärer Spieler des Rugby-Nationalteams involviert war. Als ich vor ein paar Jahren mit der Arbeit an dem Film begann, war sie aber doch weitestgehend in Vergessenheit geraten.“

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Vater und Sohn nach der Tat

Früh im Film wird das Haus der Puccios gestürmt, mithin eine Szene, die das Ende der kriminellen Machenschaften einläutet. Man weiß als Zuschauer somit früh Bescheid, bevor es einen Zeitsprung zurück gibt und das kriminelle Treiben gezeigt wird. Diese Erzählweise resultiert Trapero zufolge aus seiner eigenen Herangehensweise an die Recherche: „Ich habe die Geschichte Moment für Moment zusammensetzen müssen. Das passierte nicht linear. Deshalb ist der Film auch nicht linear erzählt, sondern springt in den Zeitebenen. Ich wollte mit dem Publikum meine eigene Vorgehensweise und Erfahrung im Umgang mit dem Fall teilen.“

Silberner Löwe für Regisseur Pablo Trapero

Trapero erhielt 2015 für sein Krimi- und Gesellschaftsdrama in Venedig den Regiepreis Silberner Löwe, dazu beim Filmfestival von Toronto den „Platform Prize – Honorable Mention“ sowie einen spanischen Filmpreis Goya als bester iberoamerikanischer Film. Vieles wirkt authentisch, was auch daran gelegen haben mag, dass zwei Angehörige von Opfern der Puccio-Familie beratend am Dreh beteiligt waren. Die ersten beiden Entführungen im Film beispielsweise sind streng nach Beschreibungen nachgestellt worden.

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Familienoberhaupt Arquimedes Puccio …

„Mir schwebte das filmische Porträt einer ganz normalen Familie vor, einer nachvollziehbaren Familie, in der man sich wiedererkennt“, so Trapero. Das ist vorzüglich gelungen, auch wenn speziell der das Familienoberhaupt Arquímedes Puccio spielende Guillermo Francella mit seiner an Udo Kier erinnernden Augenpartie einen bizarren Eindruck hinterlässt. Er hatte von Trapero die Regieanweisung bekommen, beim Dreh Augenzwinkern zu vermeiden.

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… zieht die Fäden

„El Clan – Verbrechen ist Familiensache“ ist kein leichter Film, den man zwischendurch mal gucken kann. Er erfordert Aufmerksamkeit, zieht seine Zuschauer dann aber voll in seinen Bann. Ein großartiger Mix aus Krimi, Familiendrama und zeitgeschichtlichem Porträt einer schwierigen Zeit, speziell für Argentinier womöglich auch schmerzhaft anzuschauen – aber es lohnt sich.

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Alejandro will seinen Vater nicht enttäuschen

Im Rahmen einer konzertierten Aktion unter Bloggern hatte ich die Möglichkeit, Regisseur Pablo Trapero anlässlich des Kinostarts von „El Clan“ zwei Fragen zu stellen. Hier sind sie samt seiner Antworten (meine Übersetzung darunter):

Die Nacht der lebenden Texte: Probably there are some scenes you could create close to the real facts, others you had to create to your own beliefs. How did you proceed?

Pablo Trapero: The reconstruction of the story was made by following the historical facts and the case file. At the same time I decided to put the focus on the intimacy of the family. I met with a lot of people and gathered the testimonies of several friends how it had been in the house, and they shared with me their experience inside the Puccio’s home.

Die Nacht der lebenden Texte: Much of your movie feels very authentic. Although at the beginning of your work there didn’t exist any books or something else about the Puccios. How did you gather all the historical facts?

Pablo Trapero: In the research process I met with Piotti and Servini de Cubria, who were the judges of the Puccio trial and the responsibles of the investigation. I also met with several experts who had worked on gathering all the evidence of the Puccio House, lawyers and prosecutors and relatives of the victims. It was there that I began to see many things I did not remember by following the story on the media. At the time the story became known and published in the magazines, we were still very incredulous. Many, including neighbors, believed Puccio had been incriminated, this could not be, they were victims. All these elements, with which we tried to be as literal as possible in the film, are fascinating.

Die Nacht der lebenden Texte: Einige Sequenzen konnten Sie sicher nah an den tatsächlichen Ereignissen erzählen, anderes musste frei von Vorgaben inszeniert werden. Wie sind Sie da vorgegangen?

Pablo Trapero: Wir rekonstruierten die Geschichte anhand der historischen Fakten und der Gerichtsakte. Gleichzeitig entschied ich mich dazu, den Fokus auf die Intimität der Familie zu legen. Ich traf viele Zeitzeugen und trug Aussagen diverser Freunde darüber zusammen, wie es im Haus der Puccios gewesen war – sie teilten ihre Erfahrung mit mir.

Die Nacht der lebenden Texte: Vieles wirkt authentisch, obwohl zu Beginn Ihres Filmprojekts keine Bücher oder dergleichen über die Puccios existierten. Wie lief es ab, all die Informationen zusammenzutragen?

Pablo Trapero: Während meiner Recherchen traf ich mich mit Piotti und Servini de Cubria, den Richtern des Puccio-Prozesses und Verantwortlichen der Untersuchung. Ich unterhielt mich zudem mit einigen Experten, die damals daran gearbeitet hatten, die Beweise im Puccio-Haus zusammenzutragen, sowie mit Anwälten, Anklägern und Verwandten der Opfer. Dadurch erfuhr ich viele Dinge, an die ich mich nicht erinnerte, sie beim Verfolgen des Falls in den Medien erfahren zu haben. Als die Geschichte damals bekannt und in Zeitschriften veröffentlicht wurde, waren wir sehr ungläubig. Viele Menschen, auch Nachbarn der Puccios, glaubten, die Familie sei dieser Taten fälschlicherweise bezichtigt worden. Das konnte doch gar nicht wahr sein – sie seien selbst Opfer. All diese Elemente sind faszinierend – wir haben versucht, das im Film so buchstabengetreu wie möglich festzuhalten.

Hier geht’s zu den Texten und Fragen der übrigen Blogger: Tobi von „Kino 7“ war dabei, dazu Chris von „We Want Media“, auch Markus von „Mind Your Own F*** Business“ sowie last not least Malte von „filmosophie“.

Länge: 110 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: El Clan
ARG/SP 2015
Regie: Pablo Trapero
Drehbuch: Pablo Trapero
Besetzung: Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich, Gastón Cocchiarale, Giselle Motta, Franco Masini, Antonia Bengoechea, Stefanía Koessl
Verleih: Prokino Filmverleih GmbH

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2015 Prokino Filmverleih GmbH

 

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