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Billy Wilder (I): Stalag 17 – In den Fängen der Deutschen

05 Mrz

Stalag 17

Dieser Mann hat eine Reihe ganz wunderbarer Filme gedreht, eine kleine Werkschau ist da nur recht und billig. Wie bei den bisherigen Reihen bei „Die Nacht der lebenden Texte“ gilt auch in diesem Fall: Mit den Filmen von Billy Wilder wird es unregelmäßig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit der Filmografie vorangehen.

Von Volker Schönenberger

Kriegsdrama // Bei Billy Wilder (1906–2002) denken weniger erfahrene Filmgucker hierzulande vermutlich in erster Linie an die begnadeten Komödien des US-Regisseurs. „Manche mögen’s heiß“ (1959), „Das Appartement“ (1960), „Eins, zwei, drei“ (1961), „Der Glückspilz“ (1966) – das sind aber auch Höhepunkte des komischen Sektors, immer wieder großartig anzuschauen. Nicht minder virtuos beherrschte der in Österreich-Ungarn geborene Filmemacher aber das dramatische Fach, wie beispielsweise sein Trinkerdrama „Das verlorene Wochenende“ (1945), der Hollywood-Abgesang „Boulevard der Dämmerung“ (1950) und die bissige Journalismus-Kritik „Reporter des Satans“ (1951) beweisen.

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Zu weit weg von den gefangenen Russinnen

In den letzten Jahren der Weimarer Republik lebte Wilder in Berlin. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler 1933 emigrierte er nach Paris, ein Jahr später ging er in die USA, wo er ab 1936 für Paramount Pictures als Drehbuchautor tätig war, ab 1942 („Der Major und das Mädchen“) auch als Regisseur. Wer sich für Filmschaffende im Exil interessiert: Ausgabe #13 von „35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin“ widmet sich diesem Thema mit einer Titelgeschichte, in einem Beitrag auch speziell Billy Wilder.

Hollywood wusste Wilders Vielseitigkeit zu würdigen: Die Academy verlieh ihm Oscars für „Das verlorene Wochenende“ (Drehbuch und Regie), „Boulevard der Dämmerung“ (Drehbuch) und „Das Appartement“ (Drehbuch und Regie sowie für den besten Film) sowie 1988 den Irving G. Thalberg Memorial Award für sein langjähriges Schaffen auf hohem Niveau. Insgesamt 21 Oscar-Nominierungen stehen zu Buche – das haben nur wenige Filmschaffende erreicht.

Einmal vor „Verdammt in alle Ewigkeit“

Eine dieser Nominierungen erhielt Wilder 1954 auch für die Regie von „Stalag 17“. Den Academy Award erhielt jedoch der Regisseur eines anderen Kriegsdramas: Fred Zinnemann für „Verdammt in alle Ewigkeit“, mit acht Oscars ohnehin der große Gewinner 1954. Ganz leer aus ging „Stalag 17“ aber auch nicht: William Holden stach die „Verdammt in alle Ewigkeit“-Hauptdarsteller Burt Lancaster und Montgomery Clift aus – im Gegenzug gab die Academy allerdings deren Filmpartner Frank Sinatra bei den Nebendarstellern den Vorzug vor „Stalag 17“-Nebendarsteller Robert Strauss. Holden äußerte später sogar, Clift und Lancaster beide für preiswürdiger zu halten als sich selbst.

William Holden spielt den US-Soldaten Sefton, der Ende 1944 mit anderen GIs im ausbruchssicheren deutschen Kriegsgefangenenlager Stalag 17 untergebracht ist. Seinen Barackengenossen nimmt er mit dubiosen Geschäften gern die Leitwährung Zigaretten ab: So veranstaltet er Mäuserennen und lässt die anderen für eine Zigarette pro 20 Sekunden durch sein Fernglas in Richtung der Entlausungshütte der Russinnen starren, die in einem anderen Bereich des Lagers untergebracht sind.

Wer ist der Verräter?

Sefton macht auch mit dem deutschen Wachpersonal Geschäfte, was ihn unter seinen Leidensgenossen zum Verdächtigen Nr. 1 macht: Anscheinend befindet sich ein Verräter in der Baracke, der die Deutschen mit Informationen versorgt. Ein Ausbruchsversuch zweier Gefangener endete tödlich, weil ein MG-Schütze auf der Lauer lag.

Jahre vor den beiden großen Kriegsgefangenen-Meisterwerken „Die Brücke am Kwai“ (1957) von David Lean und „Gesprengte Ketten“ (1963) von John Sturges war „Stalag 17“ der erste Hollywood-Film zum Thema nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Seine Herkunft vom Theater sieht man der Adaption eines Broadway-Stücks aufgrund der wenigen Settings an: Die Handlung beschränkt sich zum einen auf die Baracke der Männer um Sefton, zum anderen auf das Außengelände des Lagers.

Feldwebel Schulz passt auf

Wilder seziert gekonnt das Beziehungsgeflecht der Barackeninsassen samt ihres Aufsehers Feldwebel Schulz (Sig Ruman), der gelegentlich für Erheiterung sorgt. Das sich auf Sefton konzentrierende Misstrauen der Männer bringt Atmosphäre, die Suche nach dem Verräter Spannung – auch wenn der Zuschauer den wahren Schuldigen eher kennt als die Kriegsgefangenen.

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Bereit zur Flucht

Sein Faible fürs Komische kann Wilder auch im bitteren Thema Kriegsgefangenschaft nicht verleugnen. Ein paar Figuren sind für befreiende Komik zuständig, das verschlammte Gelände des Lagers verursacht gar einige Slapstick-Momente. Das funktioniert zwar einerseits im Film sehr gut, nimmt ihm aber andererseits das psychologische Moment der Bedrückheit, einem übel gesinnten Feind ausgeliefert zu sein – erst recht, wenn man weiß, wie die Deutschen im Zweiten Weltkrieg speziell mit den russischen Kriegsgefangenen umgesprungen waren.

Das verhindert meine Einstufung des Films als Meisterwerk, nimmt ihm aber nichts von seiner inszenatorischen Finesse. „Stalag 17“ bleibt ein toller Ensemblefilm, gleichermaßen Psychodrama und Spannungskino vor dem Hintergrund des Krieges.

Das Schwarz-Weiß-Bild ist anständig, könnte aber eine Aufpolierung vertragen. Bei uns bislang nur als DVD erhältlich, ist „Stalag 17“ mittlerweile in ein paar Ländern auch auf Blu-ray erschienen. Die beste Version ist vermutlich die Blu-ray der „Masters of Cinema“-Reihe des englischen Labels Eureka. Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Billy Wilder sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit William Holden in der Rubrik Schauspieler.

Veröffentlichung: 3. März 2003 als DVD

Länge: 115 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch
Untertitel: Deutsch, Englisch, Englisch für Hörgeschädigte, Französisch, Italienisch, Spanisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch, Finnisch, Türkisch, Polnisch, Portugiesisch u. a.
Originaltitel: Stalag 17
USA 1953
Regie: Billy Wilder
Drehbuch: Billy Wilder, Edwin Blum, nach einem Theaterstück von Donald Bevan und Edmund Trzcinski
Besetzung: William Holden, Don Taylor, Otto Preminger, Robert Strauss, Harvey Lembeck, Sig Ruman, Richard Erdman, Peter Graves, Neville Brand, Gil Stratton
Zusatzmaterial: keins
Vertrieb: Paramount Home Entertainment

Copyright 2016 by Volker Schönenberger

Stalag-17-Cover-DVD

Fotos & Packshot: © Paramount Home Entertainment

 

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