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10 Cloverfield Lane – Vom Monster-Spektakel zum Bunker-Kammerspiel

30 Mrz

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10 Cloverfield Lane

Kinostart: 31. März 2016

Von Andreas Eckenfels

Psychothriller // Ausschnitte aus einem Handy-Video: eine Party, mehrere Explosionen in New York, panische Schreie und der Kopf der Freiheitsstatue, der auf die Straße kracht. Ein Mann, der ein Bier trinkt und sich auf die „beste Nacht seines Lebens“ freut. Dann die Einblendung: „In Theaters 01-18-08“. Mithilfe solcher geheimnisvollen viralen Videos wurde 2008 der Hype rund um den Kinostart von „Cloverfield“ geschürt. Die PR-Kampagne zahlte sich aus: Das komplett im Found-Footage-Stil gedrehte Monster-Spektakel wurde mit einem weltweiten Einspielergbnis von 170 Millionen US-Dollar zum Überraschungshit und zählt für mich zu einem der besten seiner Art.

John Goodman as Howard; Mary Elizabeth Winstead as Michelle in 10 CLOVERFIELD LANE; by Paramount Pictures

Nach einem Autounfall erwacht Michelle in Howards Bunker

Knapp acht Jahre später gelang es Produzent J. J. Abrams erneut, die Arbeiten zur Fortsetzung unter dem Radar zu halten. Bis der erste Trailer zu „10 Cloverfield Lane“ im Januar 2016 veröffentlicht wurde, wussten wohl nur Insider über die Produktion Bescheid. In Zeiten, in denen sich jeder News-Schnipsel in sozialen Netzwerken sofort wie ein Lauffeuer verbreitet, ist diese Geheimhaltung bis drei Monate vor dem Kinostart eine echte Meisterleistung.

Keine Kopfschmerzen – zumindest beim Zuschauer

J. J. Abrams selbst bezeichnet „10 Cloverfield Lane“ als „Blutsverwandten“ zu „Cloverfield“. Der zweite Teil ist somit keine direkte Fortsetzung zu den vergangenen Ereignissen in New York. Das Drehbuch hörte zuvor noch auf den Namen „The Cellar“, erst später wurden darin kleine Hinweise und inhaltliche Verbindungen zu „Cloverfield“ eingebaut und der Titel wurde geändert. Somit ist „10 Cloverfield Lane“ im Grunde ein eigenständiger Spin-off-Film, der auch ohne Vorkenntnisse gesehen werden kann. Außerdem können auch Feinde der Wackelkamera-Technik einen Kinobesuch wagen: Der Found-Footage-Stil wurde für das Sequel über Bord geworfen. Kopfschmerzen ade!

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Auch Emmett hat sich vor dem Angriff unter der Erde in Sicherheit gebracht

Ordentliche Kopfschmerzen muss dagegen Michelle (Mary Elizabeth Winstead) ertragen. Nach einem Autounfall erwacht sie in einem Keller. Ihre Wunden sind versorgt, sie hängt an einem Tropf, doch ihr Bein ist an eine Wand gekettet. Kurze Zeit später öffnet Howard (John Goodman) die verschlossene Tür ihrer kargen Zelle. Er versichert Michelle, sie gerettet zu haben. Durch eine nukleare oder chemische Katastrophe sei draußen die Luft verpestet; die Menschheit habe wohl nicht überlebt. Howard äußert die Vermutung, dass vielleicht die Russen oder Marsianer einen Angriff gestartet haben. Gemeinsam mit Emmett (John Gallagher Jr.) befinden sie sich in einem Bunker tief unter der Erde. Ausreichend Lebensmittel sind vorhanden. Die drei Bewohner vertreiben sich die Zeit mit Fernseher, Brettspielen, Büchern und der Jukebox. Doch obwohl Emmett die Geschichte des Angriffs bestätigt, kommen Michelle bald Zweifel ob Howard wirklich die Wahrheit gesagt hat. Sie plant ihre Flucht aus dem Bunker …

Viele Geheimnisse

Mit seinem Langspielfilmdebüt ist Regisseur Dan Trachtenberg ein klaustrophobischer Thriller gelungen, der mit zahlreichen Wendungen zu überraschen weiß. Die Frage, ob Howard wirklich Michelles Retter oder einfach nur ein verrückter Verschwörungstheoretiker ist, wird lange im Dunkeln gehalten. Zudem gelingt es Trachtenberg, den begrenzten Raum, der ihm bei diesem Schauplatz zur Verfügung steht, größer aussehen zu lassen als er eigentlich ist. Ähnlich wie in einem Videospiel entdeckt und erforscht Michelle bestimmte Bereiche des Bunkers erst nach und nach. So entsteht eine Art Puzzle, von dem auch der Zuschauer nur peu à peu Bruchstücke von dem erhält, was eigentlich passiert ist. Immer mehr Geheimnisse kommen so ans Licht, die teilweise wieder neue Fragen aufwerfen.

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Sagt der aufbrausende Verschwörungstheoretiker Howard die Wahrheit?

Das Darsteller-Trio erweist sich als wahrer Glücksgriff. Mary Elizabeth Winsteads („Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“) Michelle ist kein wehrloses Opfer, sondern nimmt die Initiative zur Flucht mit viel Erfindungsreichtum selbst in die Hand. Viele Dialoge gibt es in dem ruhigen „10 Cloverfield Lane“ nicht, dennoch weiß man durch Winsteads starker Darbietung immer, was Michelle gerade denkt oder fühlt. Der wie immer großartige John Goodman changiert als Howard gekonnt zwischen unberechenbarem Fiesling und dem väterlichen Kumpel zum Knuddeln, wie man den Schauspieler aus vielen Rollen kennt. Dazwischen steht John Gallagher Jr.: Als Emmett unterstützt er zwar das Vorhaben von Michelle, aber kann sie ihm wirklich trauen?

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Michelle plant ihre Flucht aus dem Bunker

Wer also auf eine monstermäßige Zerstörungsorgie wie im Vorgänger hofft, wird enttäuscht. Die ständige Ungewissheit, was eigentlich vorgeht, der Look des Films und die stets angespannte Atmosphäre erinnern dennoch an „Cloverfield“ – nur eben ohne Wackelkamera. Trachtenberg ist auf jeden Fall ein ungewöhnliches und hochspannendes Kammerspiel mit tollen Darstellern gelungen. Nur über das Finale werden die Meinungen der Zuschauer wahrscheinlich auseinandergehen.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme mit Bradley Cooper und/oder John Goodman sind in unserer Rubrik Schauspieler aufgelistet.

Länge: 103 Min.
Altersfreigabe: FSK 16
Originaltitel: 10 Cloverfield Lane
USA 2016
Regie: Dan Trachtenberg
Drehbuch: Josh Campbell, Matthew Stuecken, Damien Chazelle
Besetzung: John Goodman, Mary Elizabeth Winstead, John Gallagher Jr., Douglas M. Griffin, Suzanne Cryer, Bradley Cooper (Stimme)
Verleih: Paramount Pictures Germany GmbH

Copyright 2016 by Andreas Eckenfels

Filmplakat, Fotos & Trailer: © 2016 Paramount Pictures Germany GmbH

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Ein Kommentar

Verfasst von - 2016/03/30 in Film, Kino, Rezensionen

 

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Eine Antwort zu “10 Cloverfield Lane – Vom Monster-Spektakel zum Bunker-Kammerspiel

  1. celluloidbuff

    2016/04/05 at 06:53

    Ich mochte Cloverfield und fand vor allem spannend, wie unkonventionell man an diese Fortsetzung herangegangen ist. Die Wackelkamera war in Teil 1 Mittel zum Zweck (fand ich auch gut), kommt aber nicht auf Biegen und Brechen auch in 10 Cloverfield Lane zum Einsatz – sehr gut, immerhin soll ja die Geschichte im Vordergrund stehen!

    Als Fan von Kammerspielen fand ich es lange sehr spannend, so im Ungewissen gelassen zu werden. Man weiß nie so recht, was eigentlich los ist, bis Trachtenberg eben das Geheimnis lüftet. Leider ist es ausgerechnet die Auflösung des Ganzen, die mir sauer aufstößt. Während das Rätselraten während der ersten Stunde des Films noch Spaß macht und einen richtig mitnimmt, fand ich die Antwort auf die alles entscheidende Frage leider bedingt zufriedenstellend. An dieser Stelle ist es schwer, nicht zu viel zu verraten. Aber, so viel dazu: Den Zuseher in die Irre zu führen, funktioniert meiner Meinung nach nur, wenn das Szenario auch im Nachhinein noch Sinn macht. Im Fall von 10 Cloverfield Lane fand ich das Ganze einfach nur erzwungen, sodass ich mir im Nachhinein weniger gekonnt in die Irre geführt als veräppelt vorkam.

    Schade, aber nach einer starken Hälfte versagt der Film für mich da, worauf es ankommt.

     

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