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2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen: Fortführung eines Meisterwerks

01 Mai

2010-Packshot

2010

Von Sven Wedekin

Science-Fiction // Würde sich jemals ein Filmemacher trauen, eine Fortsetzung von „Citizen Kane“ zu drehen? Oder von „Vom Winde verweht“, „Casablanca“ oder „Vertigo“? Wahrscheinlich nicht, denn diese Klassiker der Filmgeschichte stehen in dem Ruf, einzigartige Kunstwerke zu sein, bei denen es nichts mehr hinzuzufügen gibt und an deren Einzigartigkeit niemand rütteln möchte.

Doch ausgerechnet bei einem der einflussreichsten Werke des Science-Fiction-Genres, das vermutlich mehr Regisseure dazu inspiriert hat ihren Beruf zu ergreifen als kaum ein anderer Film, wurde das Unmögliche versucht: Im Jahr 1984 wagte es Regisseur Peter Hyams, eine Fortsetzung jenes Films zu realisieren, der die öffentliche Wahrnehmung des Genres für immer verändert und eine ganz neue Form des filmischen Erzählens etabliert hat, indem er Bild und Musik zu einem Gesamtkunstwerk vereinte: Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ von 1968.

Respekt für Peter Hyams

Man muss Hyams eigentlich Respekt zollen für seinen Mut, dieses Projekt in Angriff genommen zu haben, vor allem wenn man bedenkt, dass „2001 – Odyssee im Weltraum“ bewusst viele Fragen aufwarf, ohne sie auch nur im Ansatz zu beantworten. Millionen von Zuschauern haben sich über die Symbolik und das rätselhafte Ende des Films den Kopf zerbrochen und jeweils ihre eigenen Interpretationen des Inhalts entwickelt, ganz wie Kubrick es vorgesehen hatte.

Nun ging Hyams das Wagnis ein, mit „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ Antworten auf diese Fragen zu liefern; Antworten, die die Fantasie des Publikums beschnitten und damit Kubricks Geniestreich womöglich schaden würden, denn gerade weil der Vorläufer einen Großteil seiner Faszination aus seiner Rätselhaftigkeit bezieht, konnte eine Fortsetzung diese zerstören, indem sie das Mysterium entzauberte.

Alte Bekannte und neue Konflikte

Um es gleich direkt zu sagen: Diese Befürchtung ist nur zum Teil gerechtfertigt. „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ hält nicht, was der Titel verspricht. Es gibt ein Wiedersehen mit dem Astronauten David Bowman und dem Supercomputer HAL-9000. Die Hauptfigur des Films, der wieder auf einem Roman des großen Arthur C. Clarke basiert, ist jedoch diesmal der ebenfalls aus „2001 Odyssee im Weltraum“ bekannte Dr. Haywood Floyd. Gespielt wird er nicht mehr von William Sylvester, sondern von Roy Scheider („Der weiße Hai“), der eine ebenso souveräne Darstellung abliefert wie der Rest der Crew, die sich unter anderem aus Helen Mirren und John Lithgow zusammensetzt.

Bei dieser Besetzung kann man sich schon denken, dass die Schauspieler und die von ihnen dargestellten Figuren wesentlicher stärker im Fokus der Handlung stehen als beim Original. Während die beiden Astronauten Bowman und Poole nur Archetypen waren, die keine besonderen Eigenschaften aufwiesen, mit denen sich das Publikum hätte identifizieren können, sind die Charaktere in Hyams Film echte Individuen, deren Auseinandersetzungen untereinander der Handlung etwas geben, was „2001 – Odyssee im Weltraum“ praktisch komplett fehlte: Emotionen.

Suche nach der „Discovery“

Neun Jahre nach den Ereignissen im ersten Film bricht eine russisch-amerikanische Expedition mit dem Raumschiff „Leonow“ auf, um die verschollene „Discovery“ und deren Crew zu finden. Unterwegs kommt es zu politisch motivierten Reibereien zwischen dem Amerikaner Floyd und der russischen Besatzung. Als man die „Discovery“ schließlich im Orbit um den Planeten Jupiter entdeckt, stellt sich heraus, das HAL eine Art Nervenzusammenbruch erlitt, der ihn dazu veranlasste, die Besatzung des Raumschiffs zu töten – mit Ausnahme von David Bowman, der durch den Monolithen verschwand und in eine andere Daseinsebene aufstieg. Bowman erscheint Dr. Floyd und drängt ihn dazu, das Jupitersystem zu verlassen, da in 48 Stunden etwas passieren werde – etwas Wundervolles, wie Bowman es ausdrückt.

Nach einigen Diskussionen stimmt die russischen Kommandantin der „Leonow“ dem zu. Kurz darauf bilden sich in der Atmosphäre des Jupiter plötzlich Tausende weitere Monolithen, die den Planeten auf eine Art und Weise verändern, die das gesamte Sonnensystem und sogar die Geschichte der Menschheit für immer verändert …

Unterhaltung mit Mehrwert

Anders als Kubrick hatte Peter Hyams nicht die Absicht, ein Kunstwerk zu erschaffen, das den Zuschauer auf einer unterbewussten Ebene erreicht. Er wollte einfach nur einen soliden Science-Fiction-Film drehen, und genau das ist „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ auch geworden: eine typische Genreproduktion der 80er-Jahre mit guten schauspielerischen Leistungen, einer durchaus intelligenten Story, sehenswerten Effekten und einem hervorragenden Soundtrack, der sich diesmal sowohl aus klassischen Werken als auch aus einem eigens komponierten Score zusammensetzt.

Leider ist „2010“ über weite Strecken recht spannungsarm und langatmig geraten. Das war bei „2001“ zwar auch der Fall, aber dort hat es besser funktioniert, da der Film einen ganz anderen Ansatz verfolgte als sein Nachfolger, der sich an ein möglichst großes Massenpublikum richtet und der letztlich nicht mehr sein will als Entertainment.

Und als solches funktioniert er auch ganz gut. Er lässt dem Zuschauer ebenfalls Raum für eigene Interpretationen, vor allem durch sein offenes Ende, welches jedoch nicht annährend so kryptisch ist wie bei „2001“. Gleichzeitig besitzt der Film eine politische Dimension, da er den Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion thematisiert und teilweise in den Weltraum verlegt.

Von wegen Kontaktaufnahme

Der im deutschen Titelzusatz versprochene erste Kontakt mit den Mächten, die hinter dem Monolithen stehen, bleibt hingegen aus. Es war die richtige Entscheidung von Hyams, nichts über deren Identität und Motive preiszugeben, denn dadurch vermied er es, seinen Vorgänger zu schädigen. Stattdessen verbeugt er sich auf kluge Weise vor ihm, indem er offene Handlungsstränge aufgreift und sie mit den Ansprüchen des Blockbusterkinos verwebt.

Auf einer niedrigeren Ebene als Kubricks Werk fordert der Film den Intellekt des Zuschauers heraus und spielt dadurch in derselben Liga von modernen Science-Fiction-Produktionen wie Robert Zemeckis‘ „Contact“ und Christopher Nolans „Interstellar“. Damit ist „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ die ideale Alternative für alle, die einerseits genug von den seelenlosen Materialschlachten der „Transformers“ Filme oder der unzähligen Comicverfilmungen haben, denen anderseits aber „2001 – Odyssee im Weltraum“ zu kopflastig und abstrakt ist.

Alle bei „Die Nacht der lebenden Texte“ berücksichtigten Filme von Peter Hyams sind in unserer Rubrik Regisseure aufgelistet, Filme mit John Lithgow unter Schauspieler.

Veröffentlichung: 16. April 2009 als Blu-ray, 26. Januar 2000 als DVD

Länge: 116 Min. (Blu-ray), 111 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch, Englisch u. a.
Untertitel: Deutsch, Englisch u. a.
Originaltitel: 2010
USA 1984
Regie: Peter Hyams
Drehbuch: Peter Hyams, nach einem Roman von Arthur C. Clarke
Besetzung: Roy Scheider, Helen Mirren, John Lithgow, Keir Dullea, Bob Balaban, Dana Elcar, Mary Jo Deschanel, Taliesin Jaffe, Madolyn Smith Osborne
Zusatzmaterial: keine Angabe
Vertrieb: Warner Home Video

Copyright 2016 by Sven Wedekin
Packshot: © 2009 Warner Home Video

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Eine Antwort zu “2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen: Fortführung eines Meisterwerks

  1. Mic

    2016/05/01 at 12:29

    Soweit alles richtig, aber ich würde mir wünschen, dass im Text deutlicher darauf hingewiesen wird, dass die Vorlage für den Film von 2001-Autor Arthur C. Clarke selber stammte, der danach ja auch noch die Romane 2061 und 3001 folgen ließ. Insofern kann man Hyams nur begrenzt für den Inhalt des Films verantwortlich machen.

     

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