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Der gläserne Schlüssel – Dashiell Hammett im Remake-Irrgarten

10 Mai

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The Glass Key

Von Ansgar Skulme

Krimidrama // Ed Beaumont (Alan Ladd) verdient sich sein Geld als wichtigster Handlanger des korrupten Politikers Paul Madvig (Brian Donlevy). Madvig ist äußerlich zwar ein netter Kerl, kokettiert aber mit Gangstern wie Nick Varna (Joseph Calleia). Als Madvig um seiner Liebe willen dem Gangsterboss Varna plötzlich die Zusammenarbeit kündigt und wenig später der Liebhaber von Madvigs Schwester tot aufgefunden wird, landet der Strahlemann am Pranger. Ed Beaumont pocht auf Schadensbegrenzung, doch er hat die Unerbittlichkeit Nick Varnas unterschätzt. Und welche Rolle spielt Janet Henry (Veronica Lake), die Frau, für die Paul Madvig sich aufs dünne Eis wagte und die auch Beaumont schöne Augen macht?

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Größer als das Rätsel um den gläsernen Schlüssel ist nur das Selbstvertrauen der Hauptfigur

Als „Der gläserne Schlüssel“ erschien, stand Alan Ladd in Hollywood bereits seit zehn Jahren vor der Kamera. Das Jahr 1942 jedoch sollte für ihn den Durchbruch markieren. Mit den Filmen „Die Narbenhand“ und „Gangsterfalle“ – manchen vielleicht besser bekannt unter den prägnanten Originaltiteln „This Gun for Hire“ und „Lucky Jordan“ – und dem vorliegenden Streifen katapultierte sich Ladd in die Erste Liga. Fortan war er ein Mann für Hauptrollen, wie etwa in „Die blaue Dahlie“ (1946), den Koch Media einst als ersten Teil der Noir Collection veröffentlicht hat. Auch in „Der gläserne Schlüssel“ ist Alan Ladd bereits der eigentliche Protagonist, obwohl Brian Donlevy an erster Stelle des Vorspanns genannt wird. Und Ladd, der in Filmen der 50er-Jahre oftmals ein wenig abwesend und gelangweilt erscheint, sprüht hier geradezu vor Spielfreude. Die Rolle scheint ihm sichtlich Spaß gemacht zu haben. „Die Narbenhand“ und der nicht ganz ernst zu nehmende „Gangsterfalle“, der in der Internet Movie Database auch mit dem Etikett „Comedy“ markiert ist, wurden in Deutschland bisher leider noch nicht auf DVD herausgebracht, aber nach dieser brandneuen Veröffentlichung bleibt zu hoffen, dass die beiden Filme ebenfalls wiederentdeckt werden.

Überraschend schnelles Remake

Die Anzahl der Romane des Autors Dashiell Hammett ist recht überschaubar, was eine Erklärung dafür sein könnte, warum man „The Maltese Falcon“ 1941 mit Humphrey Bogart – in Deutschland besser bekannt als „Die Spur des Falken“ – bereits seine dritte Version, nach einem gleich betitelten Film mit Ricardo Cortez von 1931 und dem mit abgewandelten Rollennamen hantierenden „Der Satan und die Lady“ (1936), mit Warren William in der späteren Bogart-Rolle, spendierte. Umso überraschender ist es, dass erst die dritte Tonfilm-Version dieses Stoffs binnen zehn Jahren die größte Popularität erlangte. In Ausgabe #16 von 35 Millimeter – Das Retro-Filmmagazin werde ich diese drei Filme in der Rubrik „Original/Remake“ ausführlich vorstellen.

Auch „Der gläserne Schlüssel“ mit Alan Ladd und Veronica Lake ist ein Remake, in dem Falle eines 1935 vom selben Studio, Paramount Pictures, veröffentlichten Films, der im Original ebenfalls „The Glass Key“ heißt. Hier spielte der aus vielen Gangsterfilmen wie „Scarface“ (1932) bekannte George Raft die Rolle des Beaumont, der im Gegensatz zu Ladd dafür auch Platz 1 in den Vorspann-Credits erhielt, war er doch damals schon ein großer Name und nicht erst im Durchbruch begriffen. In der Rolle von Brian Donlevy sehen wir Edward Arnold, außerdem ist beispielsweise Ray Milland in einer frühen Rolle als Liebhaber von Madvigs Schwester dabei. Die Originale und Remakes von „The Maltese Falcon“ und „The Glass Key“ waren neben der „Dünner Mann“-Reihe (1934–1947) die einzigen Romane von Dashiell Hammett, die im Classical Hollywood verfilmt wurden. Darüber hinaus setzte man lediglich noch ein paar wenige nicht in Romanform erschienene Geschichten aus der Feder von Hammett in Filme um und adaptierte zuweilen von ihm ersonnene Charaktere. Zweimal verfasste Hammett auch selbst ein Drehbuch, ein adaptiertes für „Die Wacht am Rhein“ (1943), das ihm eine Oscar-Nominierung einbrachte, und ein sogenanntes Original-Drehbuch für Rouben Mamoulians Polizeifilm „Straßen der Großstadt“ (1931).

Tuttle und Ladd auf zweigleisigem Terrain

Ein Kuriosum der beiden Verfilmungen von 1935 und 1942 ist, dass Frank Tuttle bei der ersten Version Regie führte und Alan Ladd in der zweiten Version die Hauptrolle spielte. Frank Tuttle nämlich hatte auch bei den anderen beiden besagten Paramount-Erfolgen, die Alan Ladd 1942 feierte – „Die Narbenhand“ und „Gangsterfalle“ – die Regie inne und womöglich hätte man ihm auch bei „Der gläserne Schlüssel“ die Verantwortung übertragen, hätte er nicht schon die Version von 1935 inszeniert. Dumm gelaufen, möchte man denken. So kam Stuart Heisler ins Spiel, der bis Mitte der 50er-Jahre noch einige weitere gute Noirs und Beiträge zu anderen Genres realisierte und sich 1962 mit „Hitler“, dem ersten Biopic Hollywoods über Adolf Hitler, nach einigen Jahren Spielfilm-Abstinenz schließlich mit einem großen Knall endgültig von der großen Leinwand verabschiedete.

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Was wird es brauchen, Ed Beaumont (r.) die Coolness aus dem Gesicht zu treiben?

Frank Tuttle und Alan Ladd trafen sich erst 1954 noch einmal für eine Episode der Serie „General Electric Theater“ wieder und ließen 1955 den im sehr breiten 2,55:1-Format und Farbe gedrehten Noir „Blutige Straße“ (1955) mit Edward G. Robinson als Co-Star folgen. Tuttles und Heislers Versionen von „Der gläserne Schlüssel“ nehmen sich qualitativ nicht viel. Die Stärke des Remakes ist seine in puncto Brutalitätsdarstellung und Grenzwertigkeiten etwas kompromissfreiere Gangart. So gehen in der Version von 1935 ein Selbstmord und ein zuvor offen gezeigter Ehebruch unter Beteiligung des Helden unter, eine gerade für die 40er-Jahre, als die Zensur in Hollywood bereits völlig etabliert war, allerdings durchaus deftige Szene – bemerkenswert, dass sie in der Version von 1942 in dieser Form enthalten ist. Auch sieht George Raft nach einem brutalen Übergriff durch die Schergen des Gangsterbosses bei weitem weniger demoliert aus als Alan Ladd in der Heisler-Version. Andererseits ist Edward Arnold als Politiker-Bonze eine ziemlich geniale Besetzung, gegen die Brian Donlevy – der in der ersten Hälfte der 40er-Jahre ein paar wirkliche, an erster Stelle genannte „Starrollen“ innehatte, danach aber vermehrt Schurken- und Nebenrollen spielte und den Sprung in die Erste Liga nicht dauerhaft schaffte – trotz annehmbarer Leistung nur schwer bestehen kann.

Zwei Höllenhunde auf dem Weg zum Himmel

Etwas ärgerlich ist in diesem Zusammenhang vor allen Dingen, dass man in der vorliegenden Version von 1942 manchmal den Eindruck gewinnt, dass sich die Macher nicht so recht entscheiden konnten, ob sie Madvig und Beaumont nun als Sympathieträger oder korrupte Blender mit fragwürdigen Fähigkeiten zeigen wollen. Der Film enthält einige ziemlich verharmlosende Szenen, obwohl beide Figuren gleichzeitig recht deutlich mit Zügen von Gangster- und Mafiafilmen ausgestattet werden. Im Grunde sind Madvig und Beaumont beide nicht sympathisch, was für einen Film noir alles andere als schlimm ist, finden sich aber auch in Szenen wieder, die man in dieser Form auch in einer Buddy-Komödie oder einem Lustspiel hätte unterbringen können, was vor allem gegen Ende ziemlich scheinheilig übertrieben wirkt.

Madvig kommt phasenweise sogar recht grobschlächtig daher, wie ein reaktionärer, kurzsichtiger Schläger, der auf Provokation auch mal einfach unmittelbar mit geballter Faust reagiert und beruhigt werden muss, da er gerade kurzzeitig nicht ganz bei sich war und deswegen direkt beinahe Mist gebaut hätte, dann aber ebenso schnell wieder herunterfährt, als hätte man einem Hund „Aus!“ zugerufen. Einfach mal spontan zuhauen wollen, aber dann feststellen, dass eigentlich gar nichts war, was die Aktion wert gewesen wäre. Und das soll ein Politiker sein, der gleichzeitig clever die Fäden von Bestechung spinnt? In diesen Momenten kann man sich Edward Arnold als Madvig, der in der Rolle 1935 wesentlich gestandener erschien, so ganz und gar nicht mehr vorstellen. Ein wenig albern, wenn auch zugegebenermaßen recht amüsant, ist das alles ab und an schon, der Film von 1942 nicht durchweg überzeugend und für einen wirkIich guten Noir einfach zu inkonsequent. In der Version von 1935 ist das Gesamtbild in jedem Falle stimmiger, da die Charaktere weder an der einen Stelle zu düster noch an anderer Stelle zu beschaulich oder ungelenk in Szene gesetzt werden.

Veronica Lake rettet das Noir-Gefühl

Ein besonders auffälliger Unterschied zwischen beiden Filmen ist ferner, dass die Figur der Janet Henry in der Version von 1942 wesentlich eingängiger inszeniert wurde, was offenkundig dem Zweck diente, den Film zu einem Star-Vehikel für Veronica Lake und Alan Ladd zu machen, die zuvor bereits in „Die Narbenhand“ gemeinsam zu sehen waren und später auch noch einmal in „Die blaue Dahlie“ und dem exotischen Noir „Schmuggler von Saigon“ (1948) – einem weiteren Kandidaten für eine zukünftige Noir-Veröffentlichung – aufeinandertrafen. Veronica Lake glückte in „Der gläserne Schlüssel“ eine der frühesten Performances mit Anklängen einer Femme fatale im Film noir. Sie hat zwar nicht allzu viele Szenen, wenn sie jedoch auftaucht, gelingt es ihr hervorragend, in ihre Präsenz eine vereinnahmende Mischung aus überragender Schönheit und undurchschaubarer Verschlagenheit zu legen. Selbst wenn sie stumm bleibt, ruhen die Augen schnell auf ihr, da sie mit Blicken lockt. Letztlich ist es vor allem Veronica Lake zu danken, dass der Film, der in einer Phase entstand, die rückwirkend zur Frühphase des Film noirs bestimmt wurde, wirklich schon als Noir durchgeht und nicht nur als einfacher Kriminal- oder Gangsterfilm, denn auch in puncto Lichtsetzung ist die Inszenierung nicht wesentlich mehr „noir“ als bei einem Crime-Film aus dem Hollywood der 30er-Jahre.

DVD mit kleinen Mängeln

Die DVD-Veröffentlichung von Koch Films ist im Großen und Ganzen lobenswert. Das Bild wirkt manchmal etwas grobkörnig, so als hätte man die Schärfe an einem Röhrenfernseher ohne Not bis zum Anschlag aufgedreht, was allerdings allemal besser als zu verwaschenes oder nicht remastertes Bild ist und sich auch nicht durchweg als auffällig erweist. Was den Bonus anbelangt, hätte man sich allerdings wirklich etwas Besseres einfallen lassen können als zwei weniger als drei Minuten lange Clips mit dem Film-noir-Experten Eddie Muller, der zum Thema bereits mehrere Bücher veröffentlicht hat, zu zwei separat auswählbaren Menüpunkten zu machen. Hinzu kommt ein gleichsam kurzer Clip, der in die US-amerikanische Vorlage der Noir Collection einführt. Somit wirkt das „Extras“-Menü auf den ersten Blick zwar als sei die DVD randvoll mit Featurettes, jedoch staunt man dann nicht schlecht, wenn man den Bonus einschließlich Originaltrailer und Bildergalerie nach etwa zehn Minuten komplett gesichtet hat.

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Ist Janet Henry die Unschuld in Person oder doch eine schwarze Witwe?

Das Booklet ist so gesehen sicherlich der ergiebigste Bestandteil des Zusatzmaterials. Bei der im Auftrag der ARD in München erstellten Synchronisation von 1977 handelt es sich um die einzig existente zu diesem Film und atmosphärisch ist sie leider nicht besonders gelungen, was unter anderem an der nachträglich eingefügten Musik und den holzhammerartigen Geräuschen sowie dem zum Alter des Films nicht passenden Tonformat, weitab des knackigen Monos der 40er-Jahre, liegt – aber da kann Koch Films nichts dafür. Zumindest die schauspielerischen Leistungen der Sprecher sind annehmbar. Zudem gibt es nur englische Untertitel, die man der Vorlage aus den USA entlehnen konnte, aber keine eigens in Auftrag gegebenen, kostspieligeren deutschen Untertitel. Den Zuschauern empfehle ich – obgleich großer Freund deutscher Synchronisationen – in diesem Fall den Originalton. Und möglicherweise denken sich diejenigen, die es zunächst mit der deutschen Fassung probieren, ja spätestens beim ersten Erklingen der neuen Musik dann doch: „Vielleicht ist heute ja genau der richtige Tag, um endlich einmal anzufangen, Englisch zu lernen?!“

Die Film Noir Collection von Koch Media:

01. Die blaue Dahlie (The Blue Dahlia, 1946)
02. Spiel mit dem Tode (The Big Clock, 1948)
03. Schwarzer Engel (Black Angel, 1946)
04. Desert Fury – Liebe gewinnt (Desert Fury, 1947)
05. Der schwarze Spiegel (The Dark Mirror, 1946)
06. Du und ich (You and Me, 1938)
07. Der General starb im Morgengrauen (The General Died at Dawn, 1936)
08. Der Mann mit der Narbe (Hollow Triumph, 1947)
09. Ausgestoßen (Odd Man Out, 1947)
10. Briefe aus dem Jenseits (The Lost Moment, 1947)
11. Chicago Joe und das Showgirl (Chicago Joe and the Showgirl, 1990)
12. Schritte in der Nacht (He Walked by Night, 1948)
13. Detour – Umleitung (Detour, 1945)
14. Das schwarze Buch (Reign of Terror aka The Black Book, 1949)
15. Zeuge gesucht (Phantom Lady, 1944)
16. Unter Verdacht (The Suspect, 1944)
17. Der unheimliche Gast (The Uninvited, 1944)
18. Ministerium der Angst (Ministry of Fear, 1944)
19. Die Killer (The Killers, 1946)
20. Opfer der Unterwelt (D.O.A., 1950)
21. Die Nacht hat tausend Augen (Night Has a Thousand Eyes, 1948)
22. Der gläserne Schlüssel (The Glass Key, 1942)
23. Casbah – Verbotene Gassen (Casbah, 1948)
24. Die Narbenhand (This Gun for Hire, 1942)
25. Die rote Schlinge (The Big Steal, 1949)

Veröffentlichung: 12. Mai 2016 als Blu-ray, 28. April 2016 als DVD

Länge: 85 Min. (Blu-ray), 82 Min. (DVD)
Altersfreigabe: FSK 12
Sprachfassungen: Deutsch & Englisch
Untertitel: Englisch
Originaltitel: The Glass Key
USA 1942
Regie: Stuart Heisler
Drehbuch: Jonathan Latimer, nach einem Roman von Dashiell Hammett
Besetzung: Brian Donlevy, Veronica Lake, Alan Ladd, Bonita Granville, Richard Denning, Joseph Calleia, William Bendix, Frances Gifford, Donald MacBride
Zusatzmaterial: Original-Kinotrailer, zwei kurze Clips mit Eddie Muller über den Film und das Duo Lake/Ladd, moderierte Einführung in die US-Noir-Collection, Bildergalerie, Booklet
Vertrieb: Koch Films

Copyright 2016 by Ansgar Skulme
Fotos & Packshot: © 2016 Koch Films

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